FußballstudieVerschossene Elfmeter haben negative Langzeitfolgen

Elfmeterschießen sind keine Glückssache. Wer zuletzt im Entscheidungskampf unterlag, hat geringere Chancen auf Erfolg beim nächsten Elfmeterschießen – behaupten Forscher.

Da war die Welt noch in Ordnung: Philipp Lahm vom FC Bayern trifft beim Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea im Champions League Finale 2012.

Da war die Welt noch in Ordnung: Philipp Lahm vom FC Bayern trifft beim Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea im Champions League Finale 2012.

Bastian Schweinsteiger und die deutsche Nationalmannschaft sollten es während der Europameisterschaft besser nicht auf ein Elfmeterschießen ankommen lassen – eine jüngst veröffentlichte Studie legt nahe, dass das verlorene Endspiel der Bayern gegen Chelsea in einer solchen Situation zur folgenschweren Belastung für die vorbelasteten Spieler werden könnte. Sportwissenschaftler aus Norwegen und den Niederlanden haben anhand von Welt- und Europameisterschaften untersucht, ob die Ergebnisse früherer Elfmeterschießen die Treffsicherheit von Spielern beeinflussen. Demnach schießen Spieler schlechter, wenn ihre Mannschaft beim letzten Durchgang verloren hatte – selbst wenn dies viele Jahre zurückliegt und sie selbst gar nicht dabei waren.

Ein Fußballspiel auf diese Weise zu entscheiden, gilt weithin als unbefriedigende Notlösung – ein reines Glücksspiel sei es, so unkalkulierbar, dass bestenfalls durch Zufall der Bessere gewinne. Doch tatsächlich entscheiden oft psychische Faktoren über den Ausgang des Spiels: Elfmeterschießen gewinnt man im Kopf. Und wenn im Kopf noch das letzte verlorene Elfmeterschießen stecke, sinken die Chancen deutlich, behauptet jetzt ein Team um Geir Jordet von der Norwegian School of Sport Sciences in Oslo.

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Die Forscher besorgten sich Videoaufzeichnungen von allen Elfmeterschießen bei Welt- und Europameisterschaften seit 1976, insgesamt 309 Schüsse in 31 Spielen. Dann sortierten sie alle beteiligten Mannschaften in drei Kategorien – jene, die das vorangegangene Elfmeterschießen gewonnen hatten, jene, die es verloren hatten, und Mannschaften, die zuvor noch kein Elfmeterschießen mitgemacht hatten. Außerdem bezogen sie für jeden Spieler mit ein, ob er beim vorherigen Elfmeterschießen angetreten war oder nicht und berücksichtigten anhand von Sportlerpreisen und Turniersiegen die ungefähre Spielstärke der Mannschaften.

Der Druck um das Wissen der Elfmeterhistorie ist groß

Nach den Daten der Forscher erhöhen vorhergegangene Siege die Trefferchance erheblich: In diesem Fall trafen 83 Prozent der Spieler, während nach verlorenen Elfmeterschießen nur etwa 72 Prozent der Bälle im Tor landeten. Noch deutlicher ist der Effekt bei Serien: Zwei und mehr gewonnene Elfmeterschießen hintereinander bedingten eine Trefferwahrscheinlichkeit von nahezu 90 Prozent, gegenüber 57 Prozent bei Serienverlierern.

Die Fußball-EM 2012

Die Fußball-Europameisterschaft wird vom 8. Juni bis zum 1. Juli 2012 in Polen und der Ukraine ausgespielt. 16 Mannschaften spielen um den Titel. EM-Austragungsorte sind Warschau, Danzig, Posen, Breslau, Lemberg, Donezk, Charkiw und Kiew. In der Vorrunde, die bis zum 19. Juni dauert, werden pro Tag zwei EM-Spiele ausgetragen. Anstoß ist jeweils um 18 Uhr sowie um 20.45 Uhr. Nach einem Ruhetag geht es für die Teams dann über die Viertel- und Halbfinals ins Finale. Das Endspiel findet in Kiew statt.

Die Fußball-EM auf ZEIT ONLINE

Während des Turniers wird jede EM-Mannschaft von einem ZEIT-ONLINE-EM-Paten begleitet. 16 Autoren schreiben nach den Partien ihren persönlichen Spielbericht.

In unserer täglichen Gesprächsserie "EM-Schnack" reden unterschiedliche Persönlichkeiten, wie etwa der ukrainische Stabhochspringer Sergej Bubka oder der polnisch-deutsche Boxer Darius Michalczewski, abwechselnd über ihre EM-Erlebnisse.

Während der 31 Spiele verpassen Sie in unserem Live-Ticker keine Chance, kein Tor und keine Rote Karte. Über das Eröffnungsspiel, die Partien der deutschen Mannschaft, die beiden Halbfinals und das Finale berichten wir zudem live und undistanziert in unserem Sport-Blog. Auch sonst lohnt ein Blick ins Blog: Dort finden Sie Eindrücke und Momentaufnahmen, etwa aus dem Speisesaal der Nationalelf oder der U-Bahn in Kiew.

Oliver Fritsch berichtet während der EM aus dem Teamquartier der Nationalmannschaft in Danzig. Steffen Dobbert schreibt und filmt aus Kiew. Die Erlebnisse der Reporter könne Sie auch über den Twitteraccount von @zeitonlinesport verfolgen.

Mehr Informationen über die Spielorte der EM finden Sie hier.

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Verantwortlich für den Effekt ist nach Ansicht der Forscher der psychische Druck, der durch das Wissen um die Elfmeterhistorie entsteht. Das schließen Jordet und seine Kollegen aus systematischem Vermeidungsverhalten betroffener Spieler, das Hinweise auf hohe psychische Belastung gibt und das die Forscher in den Videoaufzeichnungen ebenfalls aufspürten. So wenden ängstliche Spieler dem Torwart den Rücken zu, wenn sie ihre Position für den Anlauf einnehmen und blicken auch beim Schuss nicht auf den gegnerischen Torwart – alles Symptome, die nach vorhergegangenen Niederlagen häufiger auftraten. Jene Spieler schossen ihre Elfmeter zudem schneller, um die unangenehme Situation hinter sich zu bringen, wie frühere Studien nahelegen.

Erschienen auf spektrum.de

Erschienen auf spektrum.de

Bemerkenswert ist, dass nach den Daten der Forscher gerade die Teams mit den nominell besseren Spielern nach vorhergegangenen Niederlagen besonders unter dem Druck litten. Spieler in Top-Teams, die am zuvor verlorenen Elfmeterschießen beteiligt waren, hatten eine der schlechtesten Trefferquoten in der gesamten Studie. Auch wenn die Arbeit nicht untersucht hat, wie sich Ergebnisse auf Vereinsebene auf die Elfmeterleistung auswirken – womöglich ist Bundestrainer Jogi Löw gut beraten, vor Ende einer eventuellen Verlängerung die Bayernspieler vom Platz zu nehmen.

Erschienen auf spektrum.de

 
Leserkommentare
  1. Wozu braucht man da Forscher? Das hätte jeder, der was vom Fußball weiß, ohne weiteres denen sagen können! Als Engländer hab ich da einige unglückliche Ehrfahrungen über die letzten Jahrzehte leider gemacht, allzu oft gegen Deutschland.....

  2. Statistik ist in hohem Maße unintuitiv. Natürlich hätte man einfach Fußballer befragen können, aber letztlich ist auch deren Meinung beeinflusst, gefärbt und sie können sich irren. Hier hat man mathematische Relationen und Statistiken, die einen Trend aufweisen. Das ermöglicht eine fundiertere Aussage. Ein Beweis ist es natürlich dennoch nicht.

  3. ... ist das Forschungsergebnis doch eigentlich Allgemeinwissen ...

    Und zweitens: Wie signifikant können die Ergebnisse eigentlich sein? Kaum mehr als 300 Schüsse ... wieviele Wiederholungstäter bleiben dann übrig, bei denen man überhaupt von einer Elfmeterhistorie sprechen kann? Blieben die knapp 10% Differenz in der Trefferquote auch dann noch erhalten, wenn wir Elfmeterschießen deutscher Mannschaften aus der Statistik heruasnehmen? Fragen über Fragen ... aber gerade WEIL ich als Statistik-Trainer an meine Disziplin glaube, zweifle ich an der Studie ...

    ... auch wenn sie eher zufällig zu einem wohl richtigen Ergebnis gekommen ist :-)

  4. ZEIT, dass die Leiden unserer Kugeltretermillionäre endlich in den Fokus von Psychoklempner geraten sind. Man(n) stelle sich nur den posttraumatischen Leidensdruck im rechten oder linken Fußgelenk vor, die Kosten, die der Gesellschaft entstehen durch die Frühverrentung Gegenwartsgladiatoren. Abgründe, liebe Freunde, Abgründe öffnen sich vor uns, aus denen längst vergangene Helden rufen: Frint Walter, Helmut Rahn ... ach die Heroen einer neuen zeit.
    KH

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    FRITZ Walter und "der Gegenwartsgladiatoren"

    Wenn schon denn schon

    FRITZ Walter und "der Gegenwartsgladiatoren"

    Wenn schon denn schon

  5. FRITZ Walter und "der Gegenwartsgladiatoren"

    Wenn schon denn schon

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