Unglück in Duisburg"Auf der Loveparade wurden Warnzeichen nicht erkannt"

Viele Annahmen zum Unglück in Duisburg seien falsch, sagt Dirk Helbing im Interview. Der Forscher legt eine neue Studie vor mit einer Gefahrenskala für Massenpaniken. von  und

Blick in den Tunnel, der 2010 zum Festivalgelände der Duisburger Loveparade führte. Trauernde haben Kerzen aufgestellt.

Blick in den Tunnel, der 2010 zum Festivalgelände der Duisburger Loveparade führte. Trauernde haben Kerzen aufgestellt.  |  © Thomas Starke/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Helbing, bei der Loveparade in Duisburg kamen vor zwei Jahren 21 Menschen ums Leben, Hunderte wurden verletzt. Sie haben Dutzende YouTube-Videos der Katastrophe analysiert und legen nun eine 50-seitige Studie vor, die in Kürze veröffentlicht wird. Warum so spät?

Helbing: Es wurden zahlreiche Einzelgutachten geschrieben. Wir haben nun analysiert, wie das Zusammenwirken vieler Probleme am Ende zur großen Katastrophe führen konnte. Das ist noch immer nicht restlos aufgeklärt. Uns geht es aber nicht um die Schuldfrage, sondern um eine wissenschaftliche Aufarbeitung.

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ZEIT ONLINE: Was haben Sie Neues herausgefunden?

Helbing: Zunächst haben wir sehr genau die zeitliche Abfolge der Ereignisse rekonstruiert …

ZEIT ONLINE: Das haben doch schon die Medien gemacht, die Sie selbst fleißig zitieren.

Helbing: Nicht in dieser Ausführlichkeit. Zum Teil wurden Beobachtungen auch falsch interpretiert.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Helbing: Als die Menschen über Zäune kletterten und die Böschung hinauf rannten, hat man gesagt: Jetzt stürmt die Masse das Gelände. Tatsächlich sind das Folgen einer Situation, die sich bereits kritisch entwickelt hatte. Die Menschen haben sich Notausgänge gesucht. Außerdem wurde im Nachhinein gesagt, die Besucher hätten rücksichtslos gedrängelt. In Wirklichkeit entstehen in so einer Menge Körperkräfte, die sich aufsummieren. Das empfindet man so, als würden die anderen drücken. Und dann ist da noch die Vorstellung, die Menschen seien panisch geworden. Tatsächlich ist jedoch weniger die Psychologie entscheidend als die Physik.

Dirk Helbing
Dirk Helbing

Der studierte Physiker und Mathematiker ist einer der weltweit führenden Experten im Bereich Crowds und Crowd Disasters. Er untersuchte etwa die Massenunglücke in Mina bei Mekka, die während der Pilgerfahrten dorthin passierten. Seine Interessengebiete beinhalten auch Verkehrswissenschaften und Logistikfragen in biologischen Systemen.
 

ZEIT ONLINE: Der britische Panikforscher Keith Still hat nach der Loveparade ein Gutachten über die Katastrophe geschrieben. Demzufolge hätte der Veranstalter mit einer einfachen Abschätzung erkennen können, dass die Rampe zum Festivalgelände viel zu eng war.

Helbing: An dem Gutachten ist nichts auszusetzen. Es hebt insbesondere den Umstand hervor, dass die Rampe durch Hindernisse verengt wurde, beleuchtet aber wiederum nur ein Detail. Außerdem zeigen die Videos der Überwachungskameras, dass die vermeintliche Engstelle auf der Rampe gar nicht die Ursache für die Katastrophe war.

ZEIT ONLINE: Sondern?

Helbing: Massenveranstaltungen werden normalerweise so geplant, dass ein einzelnes Problem nicht gleich ein Desaster auslöst. Bei der Loveparade kamen jedoch viele Dinge zusammen: die verspätete Öffnung des Festivalgeländes; der Rückstau am Rampenkopf, wo die Fans nicht aufs Gelände kamen; fehlende Notausgänge, ineffektive Notfallpläne.

Leserkommentare
  1. 1. Wiso?

    "Neue Erkenntnisse über Massenpanik – man bezeichnet sie übrigens besser als Crowd Disasters – sollten dabei früher oder später in die Schulung der Sicherheitskräfte eingehen. Ich glaube, unsere Skala kann dabei helfen."

    "Crowd Disaster" ist also bewwer als "Massenpanik" - aber wiso bloss?

    Nur weils englisch ist?

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    Nein, nicht weil's englisch ist, die Antwort steht doch im Text: "Und dann ist da noch die Vorstellung, die Menschen seien panisch geworden. Tatsächlich ist jedoch weniger die Psychologie entscheidend als die Physik."
    Wenn man von Massenpanik spricht, klingt das so, als ob die Menschen in Panik ausgebrochen seien und dies die Katastrophe ausgelöst hätte - was ja eben meist nicht der Fall ist! Sondern irgendwann ist einfach die Dichte der Menschen zu gross und es kommt -rein physikalisch - zu unkontrollierbaren Kräften, die im Schlimmsten Fall Menschen erdrücken und ersticken können: Ein Massen-Desaster.

    Viele wissenschaftliche Fachbegriffe verlieren in der Übersetzung schlicht und ergreifend ihre Prägnanz und dienen dann nicht mehr der ihrem eigentlichen Zweck, der präzisen Definition eines Phänomens.

    <strong>Disaster: a sudden accident or a natural catastrophe that causes great damage or loss of life.</strong>

    Warum der Begriff Panik wissenschaftlich betrachtet nicht korrekt ist, hat Herr Helbing ja bereits im Zusammenhang mit der Aufsummierung physikalischer Kräfte erklärt. "Disaster" ist da sehr viel präźiser, hat aber kein echtes Pendant in der deutschen Sprache. Davon ausgehend, daß Englisch die internationale Sprache der Fachwelt ist, verzichtet man in solchen Fällen auf schwammige Übersetzungen zugunsten der Präzision.

    Also keine Sorge, in diesem Fall ist "crowd distaster" nicht dem Anglizismuswahn anzulasten. ;)

  2. 2. Darum

    Nein, nicht weil's englisch ist, die Antwort steht doch im Text: "Und dann ist da noch die Vorstellung, die Menschen seien panisch geworden. Tatsächlich ist jedoch weniger die Psychologie entscheidend als die Physik."
    Wenn man von Massenpanik spricht, klingt das so, als ob die Menschen in Panik ausgebrochen seien und dies die Katastrophe ausgelöst hätte - was ja eben meist nicht der Fall ist! Sondern irgendwann ist einfach die Dichte der Menschen zu gross und es kommt -rein physikalisch - zu unkontrollierbaren Kräften, die im Schlimmsten Fall Menschen erdrücken und ersticken können: Ein Massen-Desaster.

    Antwort auf "Wiso?"
  3. dann soll er doch "Massen-Desaster" sagen.

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    Das deutsche Wort "Desaster" umschreibt etwas völlig anderes, als das englische Wort "disaster".

    • brazzy
    • 25. Juni 2012 12:05 Uhr

    Das drückt aber nicht aus, dass es sich um Menschenmassen handelt. Und "Menschenmassen-Desaster" oder "Menschenmengen-Desaster" sind schon ziemlich unhandliche Ausdrücke.

    Im Übrigen ist die Fachliteratur, wie auf den meisten Gebieten, wohl sowieso in Englisch, und die hin- und herübersetzerei von speziellen Fachbegriffen ist in der täglichen Arbeit ziemlich unsinnig, da gewöhnt man sich unter Kollegen einfach an, gleich die Englischen Begriffe zu verwenden.

    • Spez
    • 25. Juni 2012 11:57 Uhr

    Selbstverständlich ist es Physik. Aber die Menschen geraten auch in Panik. Deshalb ist die Bezeichnung nicht falsch. Jedoch zu glauben, weil Menschen in Panik geraten sind - ist die Katastrophe passiert - ist natürlich falsch. Noch schlimmer ist die Schuld bei denjenigen zu suchen, die panisch einen Ausweg gesucht haben und über andere geklettert und gelaufen sind. Aber das hat nichts mit dem Begriff zu tun, sondern mit fehlender Empathie und Vorstellungsvermögen.

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    ... immer mehr zusammenballt oder zusammengeballt wird, ist das Phsyik. Man kann die Wahrscheinlichkeit für eine Panik aber nicht als "Personen pro Quadratmeter" berechnen.

    In der von der Redaktion gekürzt wiedergegebenen 8-Punkte-Liste werden leider keine auf die Psyche bezogenen Indikatoren aufgeführt. Damit werden meiner Meinung nach die wichtigsten Ursachen für Massenpaniken ausgeklammert.

    Eine Massenpanik kann auch ohne vorherige Warnanzeichen entstehen. Etwa, wenn jemand "Feuer" schreit, Amok läuft, als einzelner so in Panik gerät, dass es sich auf andere überträgt.

    Das weiss eigentlich jeder, der schon eine historische Schlacht im Film gesehen hat: Trapp-Trapp-Trapp marschieren Menschenmassen aufeinander zu und wem es gelingt, den Soldaten des Gegners Angst zu machen und sie zur Flucht zu bewegen, hat meist schon gewonnen.

    Ähnliches spielt sich ab, wenn auf Demonstrationen oder anderen Massenveranstaltungen immer mehr Menschen in Panik geraten und zu entkommen versuchen.

    Was dann passiert ist physikalisch nur das Ergebnis. Wer es verhindern will, versucht am sinnvollsten wohl, gar keine Ursachen für Beunruhigung, Angst, Panik entstehen zu lassen.

    Kai Hamann

  4. Viele wissenschaftliche Fachbegriffe verlieren in der Übersetzung schlicht und ergreifend ihre Prägnanz und dienen dann nicht mehr der ihrem eigentlichen Zweck, der präzisen Definition eines Phänomens.

    <strong>Disaster: a sudden accident or a natural catastrophe that causes great damage or loss of life.</strong>

    Warum der Begriff Panik wissenschaftlich betrachtet nicht korrekt ist, hat Herr Helbing ja bereits im Zusammenhang mit der Aufsummierung physikalischer Kräfte erklärt. "Disaster" ist da sehr viel präźiser, hat aber kein echtes Pendant in der deutschen Sprache. Davon ausgehend, daß Englisch die internationale Sprache der Fachwelt ist, verzichtet man in solchen Fällen auf schwammige Übersetzungen zugunsten der Präzision.

    Also keine Sorge, in diesem Fall ist "crowd distaster" nicht dem Anglizismuswahn anzulasten. ;)

    Antwort auf "Wiso?"
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    • Spez
    • 25. Juni 2012 17:17 Uhr

    Es gibt einen deutschen Begriff, der wahrscheinlich selbst von Dirk Helbing geprägt wurde. "Dirk Helbing nannte den Begriff Massenpanik „oft missverständlich“, eine Katastrophe passiere meist nicht, „weil Leute in einen Zustand psychologischer Panik verfallen“. Opfer sind vielmehr „das Resultat eines physikalischen, nicht eines psychologischen Effekts.“ Daher würde man in der Forschung den Begriff „crowd disaster“ oder auch Massenunglück bevorzugen."
    http://de.wikipedia.org/wiki/Massenpanik

  5. Das deutsche Wort "Desaster" umschreibt etwas völlig anderes, als das englische Wort "disaster".

    Antwort auf " ok ..."
    • brazzy
    • 25. Juni 2012 12:05 Uhr

    Das drückt aber nicht aus, dass es sich um Menschenmassen handelt. Und "Menschenmassen-Desaster" oder "Menschenmengen-Desaster" sind schon ziemlich unhandliche Ausdrücke.

    Im Übrigen ist die Fachliteratur, wie auf den meisten Gebieten, wohl sowieso in Englisch, und die hin- und herübersetzerei von speziellen Fachbegriffen ist in der täglichen Arbeit ziemlich unsinnig, da gewöhnt man sich unter Kollegen einfach an, gleich die Englischen Begriffe zu verwenden.

    Antwort auf " ok ..."
  6. Die Skala mit den Handlungsvorschriften macht auf mich - leider - den Eindruck als sei sie direkt aus den Duisburger Beobachtungen entstanden und vor allem die Handlungsvorschlaege sehen wirklich so aus, als habe man direkt das, was in Duisburg nicht geklappt hat, zur Pflicht erheben wollen.

    Kann das nicht dazu fuehren, dass der naechste unbeherrschte Menschenauflauf mit Mitteln geheilt werden soll, die dort nich helfen?

    Oder umgekehrt, wenn schon klar ist, dass dsa genau die richtigen und einzig moeglichen Handlungswege sind - das hat man dann doch sicher schon VOR Duisburg gewusst, undhaette es da anwenden koennen? Wo ist dann jetzt der Neuigkeitswert?

    Wohl nur in der uebersichtlichen Zusammenstellung im Stufenplan?

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    • TDU
    • 25. Juni 2012 15:29 Uhr

    Ich könnte mir vorstellen, dass es das Fehlen des äusseren Anlasses ist, was diese Katastrophe so untersuchenswert macht. Wäre ein Feuer ausgebrochen oder ein anderes Ereignis die Ursache, da gibts auf jedem Flughafen, Fussballstadion oder sonstigem Veranstaltunsgort Notfallpäne und Fluchttüren.

    Aber hier scheint es zu sein, wie der berühmte Stau aus dem Nichts. Erkennt man den Anfang, kann man ihn vermeiden. Es gibt auch Menschen, die bekommen Panik beim Schlange stehen an Eintrittskassen. Habe ich selbst erlebt. Überträgt sich das auf andere wirds eng. Wenn geschultes Aufsichtspersonal das erkennt und eingereifen kann um so besser.

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