ZEIT ONLINE: Herr Helbing, bei der Loveparade in Duisburg kamen vor zwei Jahren 21 Menschen ums Leben, Hunderte wurden verletzt. Sie haben Dutzende YouTube-Videos der Katastrophe analysiert und legen nun eine 50-seitige Studie vor, die in Kürze veröffentlicht wird. Warum so spät?

Helbing: Es wurden zahlreiche Einzelgutachten geschrieben. Wir haben nun analysiert, wie das Zusammenwirken vieler Probleme am Ende zur großen Katastrophe führen konnte. Das ist noch immer nicht restlos aufgeklärt. Uns geht es aber nicht um die Schuldfrage, sondern um eine wissenschaftliche Aufarbeitung.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie Neues herausgefunden?

Helbing: Zunächst haben wir sehr genau die zeitliche Abfolge der Ereignisse rekonstruiert …

ZEIT ONLINE: Das haben doch schon die Medien gemacht, die Sie selbst fleißig zitieren.

Helbing: Nicht in dieser Ausführlichkeit. Zum Teil wurden Beobachtungen auch falsch interpretiert.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Helbing: Als die Menschen über Zäune kletterten und die Böschung hinauf rannten, hat man gesagt: Jetzt stürmt die Masse das Gelände. Tatsächlich sind das Folgen einer Situation, die sich bereits kritisch entwickelt hatte. Die Menschen haben sich Notausgänge gesucht. Außerdem wurde im Nachhinein gesagt, die Besucher hätten rücksichtslos gedrängelt. In Wirklichkeit entstehen in so einer Menge Körperkräfte, die sich aufsummieren. Das empfindet man so, als würden die anderen drücken. Und dann ist da noch die Vorstellung, die Menschen seien panisch geworden. Tatsächlich ist jedoch weniger die Psychologie entscheidend als die Physik.

ZEIT ONLINE: Der britische Panikforscher Keith Still hat nach der Loveparade ein Gutachten über die Katastrophe geschrieben. Demzufolge hätte der Veranstalter mit einer einfachen Abschätzung erkennen können, dass die Rampe zum Festivalgelände viel zu eng war.

Helbing: An dem Gutachten ist nichts auszusetzen. Es hebt insbesondere den Umstand hervor, dass die Rampe durch Hindernisse verengt wurde, beleuchtet aber wiederum nur ein Detail. Außerdem zeigen die Videos der Überwachungskameras, dass die vermeintliche Engstelle auf der Rampe gar nicht die Ursache für die Katastrophe war.

ZEIT ONLINE: Sondern?

Helbing: Massenveranstaltungen werden normalerweise so geplant, dass ein einzelnes Problem nicht gleich ein Desaster auslöst. Bei der Loveparade kamen jedoch viele Dinge zusammen: die verspätete Öffnung des Festivalgeländes; der Rückstau am Rampenkopf, wo die Fans nicht aufs Gelände kamen; fehlende Notausgänge, ineffektive Notfallpläne.