VerkehrspsychologieStaus vermeiden wie die Ameisen

Nachts losfahren, Umleitungen wählen, aufs Navi hören – all das hilft nicht, wenn alle das Gleiche tun. Stauforscher lernen von Insekten, wie es besser geht. von 

Ameisen Costa Rica

Eine Ameisenstraße auf einem Ast, aufgenommen im Regenwald von Costa Rica  |  © Matt MacGillivray/Flickr/CC-BY-2.0

Es sind 25 Grad im Schatten – durch die flirrende Luft über dem heißen Asphalt der A7 verschwimmen hinter Windschutzscheiben gepresste Badehandtücher, Kühltaschen und Schwimmtiere zu einer bunten Fata Morgana. Seit Stunden stehen all die Menschen, die jetzt zum Ferienanfang in den Urlaub wollen, im Stau.

Zur gleichen Zeit auf einer Ameisenstraße: Perfekt fließendes Krabbeln, mehrspurig, in entgegengesetzte Richtungen – ohne nennenswerte Unfälle oder Verzögerungen. Was können Ameisen, was der Mensch nicht kann? Sie sind weniger egoistisch, sagen Forscher. Und das ist die beste Strategie gegen Staus.

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Denn die entstehen immer dann, wenn Autofahrer nur an sich denken, und nicht daran, ob andere ihretwegen bremsen müssen: Zu schnell über die Autobahn rasen, sich beim Spurwechsel in eine zu enge Lücke drängeln – all das sind Faktoren, die den nachfolgenden Verkehr stören.

"Ursache für den Egoismus im Straßenverkehr ist ein klassischer Ressourcenkonflikt", sagt Verkehrspsychologe Bernhard Schlag, Professor an der TU Dresden. Wenn man zusehen kann, wie immer mehr Autofahrer die Ressource Straße beanspruchen, überlegt der Mensch automatisch, wie er dennoch möglichst viel davon für sich nutzen kann. "Es ist in solchen Situationen schwierig, von einem Menschen zu fordern, das Wohl der Gesamtheit der Autofahrer über sein eigenes zu stellen", sagt Schlag.

Unterwegs mit 100 Ameisen pro Minute

Auf der Ameisenstraße herrschen andere Gesetze. Die Insekten agieren nicht eigennützig, sondern leben eine Art Volksegoismus, der sie kooperativ handeln lässt : Jede einzelne Ameise steigert die Überlebenschancen der ganzen Kolonie, wenn sie zum Beispiel eine Futterquelle ausfindig macht.

Noch dazu sind Ameisen flinke Arbeiter: Die Autobahnen der Roten Waldameisen , der Blattschneiderameisen und der Wanderameisen haben einen Durchsatz von mehr als 100 Ameisen pro Minute.

Stauforschung

Stauforschung beruht auf Daten, die von stationären Detektoren und inzwischen auch verstärkt durch vom Fahrzeug gesendete Informationen basieren. "Auf dieser Grundlage wird die Verkehrslage sowie die Dynamik der Staus geschätzt", sagt der Verkehrsdymaniker Martin Treiber. Das geschieht anhand von Verkehrsflussmodellen, für die es zwei unterschiedliche Philosophien gibt: Makroskopische Modelle beschreiben den Verkehrsfluss als "Fluss" mit Variablen wie Verkehrsdichte und Verkehrsstärke. "Mikroskopische" Modelle hingegen beschreiben die Bewegungen und das Verhalten der einzelnen Fahrer.

Ursachen von Stau

Laut Martin Treiber sind drei "Zutaten" für einen Stau erforderlich:

1. Ein hohes Verkehrsaufkommen auf der Straße
2. Eine Engstelle oder Störstelle auf der Straße. Das kann eine Baustelle, ein Unfall – auch auf der Gegenfahrbahn, Autobahnkreuze, Kurven, Steigungen oder etwa eine verringerte Anzahl an Fahrstreifen sein.
3. Störungen im Verkehsfluss selbst

Gegenmaßnahmen

"Kennt man die Ursachen des Staus, lassen sich daraus zugleich Ansatzpunkte für die Verkehrsoptimierung ableiten", sagt Treiber.

Demnach ist es sinnvoll, antizyklisches Fahrverhalten zu fördern oder das Verkehrsmittel zu wechseln. Weitere Instrumente, um Staus zu vermeiden, sind gleitende Arbeitszeiten, verschiedene Anfangszeiten für Schulferien oder die Einführung einer zeitabhängigen City-Maut. "Ziel ist es, den Verkehsfluss räumlich, zeitlich und in seiner inneren Struktur so weit wie möglich zu homogenisieren", sagt Treiber. Dabei können auch technische Maßnahmen helfen, wie etwa variable Tempolimits.

Ein französisches Forscherteam fand sogar heraus, dass Ameisenstraßen effizienter werden, je voller sie sind – auf den Autobahnen der Menschen kaum vorstellbar. Der Vorteil der Insekten: Sie bewegen sich nicht in Blechkisten isoliert voneinander fort, sondern sie kommunizieren über Berührungen und vor allem über chemische Signale. Mithilfe von Pheromonen markieren sie nicht nur den besten Weg zu einer Futterquelle, sondern tauschen sich auch über deren Größe aus. Dazu "sprechen" sie sogar mit den Ameisen, die im Gegenverkehr unterwegs sind.

Dieses Prinzip wollen Stauforscher sich für den Straßenverkehr abgucken, indem sie bislang teilnahmslose Fahrzeuge miteinander vernetzen. So soll zukünftig ein entgegenkommendes Auto dem eigenen Auto "erzählen" können, dass man geradewegs auf einen Stau zufährt. Das Echtzeit-Frühwarnsystem könnte Autofahrer animieren, vorausschauender zu fahren, um eine Stauwelle zu vermeiden.

Aber würden Fahrer auch auf die Botschaften hören, die ihnen ihr Auto sendet? Schon jetzt gibt es Navigationssysteme, die Staus in ihre Routenplanung einbeziehen – trotzdem kommt es noch immer zu Engpässen auf den Straßen.

Leserkommentare
  1. klappt nicht. Die Tierchen bewegen sich mit ziemlich gleicher Geschwindigkeit und halten zu den Nachbarn einen kleinen, aber ausreichenden Abstand, sodaß kleine Geschwindigkeitsänderungen nicht zum stopp, und somit zum Stau führen.
    Das haben die in ihrer Entwicklung gelernt.
    Der homo mobiles schafft das in seinem Auto nicht.
    Etwas Luft (Bewegungsspielraum)zum Vordermann zu lassen, wird als Platzverschwendung empfunden, die es sofot zu beseitigen gilt.
    Vollbremsung. Stau.

    6 Leserempfehlungen
  2. ... sind immer die *anderen* Autos.

    Wie sollte ich einen Stau verursachen? Mein Auto ist doch nur eins!

    5 Leserempfehlungen
    • 15thMD
    • 20. Juni 2012 12:39 Uhr

    "Zu schnell über die Autobahn rasen, sich beim Spurwechsel in eine zu enge Lücke drängeln – all das sind Faktoren, die den nachfolgenden Verkehr stören."

    Ich muss sagen, mir erschließt es sich nicht so ganz, warum schnelles fahren den nachfolgenden Verkehr stört. Meinetwegen stört schnelles fahren den Verkehr davor, weil man, wenn man mit 120 fährt vielleicht mal genauer nach hinten sehen muss, bevor man auf die linke Spur wechselt, aber was hat das mit dem nachfolgenden Verkehr zu tun?

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    Wer zu schnell fährt, trifft auf langsamere Autos vor ihm, muss deutlich abbremsen und kann genau dadurch einen Stau auslösen, wenn nämlich die nachfolgenden Autos dann auch abbremsen müssen.

    Langsamere Fahrzeuge vor Ihnen machen Platz, damit sie überholen können und wechseln deshalb auf die mittlere Spur. Das Einfädeln stört bei dichtem Verkehr den Fluss.

    ... man ja nicht konstant schnell fährt. Würden alle konstant 200 km/h fahren, wäre das kein Problem. Wenn aber nur ich 200 km/h fahre, muss ich immer wieder vor langsameren Autos abbremsen. Die Autos hinter mir, die ich gerade überholt habe, müssen dann auch abbremsen. So entsteht genau das, was im Video zu sehen ist.

    • Atan
    • 20. Juni 2012 12:57 Uhr

    Sie denken instinktiv, dass Sie überwiegend allein auf der Autobahn wären.
    Sie wollen und können aber nicht als einziger schnell fahren, jedes schnelle Auto belegt durch die notwendigen größeren Abstände mehr Platz auf der Autobahn, die Auslastung durch wenige schnelle Fahrzeug entspricht der durch mehr langsamere.
    Zudem zwingen Sie Fahrzeuge zum Ausweichen, die wiederum in die Sicherheitsabstände der anderen einscheren, was diese wiederum durch Neuanpssung verlangsamt.
    (Wobei Sie aber möglicherweise annehmen, Sicherheitsabstand 5m bei Tempo 200 wäre auch okay. Das führt dann aber zu diesen langwierigen beidseitigen Autobahnsperrungen.)

    zitat:"Ich muss sagen, mir erschließt es sich nicht so ganz, warum schnelles fahren den nachfolgenden Verkehr stört. "
    --
    Zum einen wegen der Bremseffekte nach hinten bei großen Unterschieden in der Geschwindigkeit der Verkehrsteilnehmer.

    Der andere Grund (ganz profan): schnellere Autos brauchen mehr Platz um sich (Sicherheitsabstand) und Platz ist begrenzt.

    • 15thMD
    • 20. Juni 2012 21:51 Uhr

    Dass die folgenden Autos bremsen müssen, heißt ja, dass der GEschwindigkeitsunterschied nicht allzu groß ist (die überholten sind ja direkt hinter mir). Und die Autos, die ich gerade überholt habe müssten hinter dem langsameren Wagen auch ohne mich abbremsen, vorher hat sich eigentlich nur die Reihenfolge geändert.

    Ich denke, ob schnell fahren zu einem Stau führt, das hängt immer von der Verkehrssituation ab. Wenn man natürlich unnötig bei einer vollen AUtobahn überholt, dann führt es auch zu behinderungen für die, die dann auf der rechten Spur fahren (müssen) (funnytoads Beispiel), wenn aber viele AUtos eine Reihe von LKWs überholen, dann ist es eher problematisch dies mir 110 zu tun, als wenn man zügig mit 160 vorbei fährt, da man sonst eben diese schnell fahrenden Autos behindert, es kommt zu der typischen Situation, die man im Video sehen kann.

    Ich bin kein Stauwissenschaftler, aber das scheint mir Sinn zu ergeben.... ;)

    "Wobei Sie aber möglicherweise annehmen, Sicherheitsabstand 5m bei Tempo 200 wäre auch okay. Das führt dann aber zu diesen langwierigen beidseitigen Autobahnsperrungen."

    Unnötige Unterstellung. So etwas passiert vornehmlich (Ihnen), wenn man/Sie auf penetrante Art und Weise links vor sich hinträumt(-en). Das führt genauso zu Staus und nervt.

  3. ... man ja nicht konstant schnell fährt. Würden alle konstant 200 km/h fahren, wäre das kein Problem. Wenn aber nur ich 200 km/h fahre, muss ich immer wieder vor langsameren Autos abbremsen. Die Autos hinter mir, die ich gerade überholt habe, müssen dann auch abbremsen. So entsteht genau das, was im Video zu sehen ist.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Nachfolgender Verkehr."
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    wenn es ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen gäbe, an das sich alle Verkehrsteilnehmer hielten, würden wir nicht nur Staus reduzieren, sondern wesentlich zur Verminderung von CO2 beitragen und zusätzlich noch teuren Kraftstoff sparen.

    Außerdem würden Unfälle aufgrund von Raserei der Vergangenheit angehören. Jetzt werden zwar wieder alle "vernünftigen Schnellfahrer" aufstöhnen, denn die Unfallversursacher sind natürlich die Kleinwagenfahrer, die sich erlauben mit 130 km/h eine LKW zu überholen.

    Würde man aber nur mal die deutschen Autobahnen mit einem Supermarkt vergleichen, müsste man sich vorstellen, dass eine Person mit einem Einkaufswagen von hinten angerannt kommt und "Platz da" brüllt. Wer würde diesen Einkäufer für gesund halten?
    Umhüllt von Lack, Leder, Blech und Glas halten sich unsere Raser aber für die Träger aller Rechte schlechthin. Ein bemerkenswertes Phänomen.

    • Atan
    • 20. Juni 2012 12:57 Uhr

    Sie denken instinktiv, dass Sie überwiegend allein auf der Autobahn wären.
    Sie wollen und können aber nicht als einziger schnell fahren, jedes schnelle Auto belegt durch die notwendigen größeren Abstände mehr Platz auf der Autobahn, die Auslastung durch wenige schnelle Fahrzeug entspricht der durch mehr langsamere.
    Zudem zwingen Sie Fahrzeuge zum Ausweichen, die wiederum in die Sicherheitsabstände der anderen einscheren, was diese wiederum durch Neuanpssung verlangsamt.
    (Wobei Sie aber möglicherweise annehmen, Sicherheitsabstand 5m bei Tempo 200 wäre auch okay. Das führt dann aber zu diesen langwierigen beidseitigen Autobahnsperrungen.)

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    Antwort auf "Nachfolgender Verkehr."

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  • Schlagworte Ameise | Auto | Autobahn | Autofahrer | Fahrzeug | Navigationssystem
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