Es ist als ob eine Mücke zufällig an einem Filmscheinwerfer vorbeifliegt. Anschaulicher lässt sich jenes Ereignis, das am 6. Juni kurz nach Mitternacht bis kurz vor sieben Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit geschieht, kaum beschreiben. In dieser Zeit wird unser innerer Nachbarplanet Venus als kleiner schwarzer Fleck vor der vielfach größeren und helleren Sonnenscheibe vorbeiziehen. Astronomen bezeichnen dieses Ereignis als "Transit" oder "Durchgang".

Wissenschaftler auf der ganzen Welt richten derzeit all ihre modernen Beobachtungsinstrumente – einschließlich des Hubble -Weltraumteleskops – auf den zweiten Planeten unseres Sonnensystems, um das äußerst seltene Ereignis bis ins letzte Detail zu verfolgen.

Online kann jeder live daran teilhaben. Denn im Gegensatz zum Venustransit des Jahres 2004, der vormittags zu beobachten war, wird für die meisten Teile Europas diesmal die Sonne noch unter dem Horizont stehen, wenn die Venus mit ihrem vorderen Rand die Sonnenscheibe berührt.

Während der Transit vom westlichen Pazifik, Ostasien und Ostaustralien sowie von hohen nördlichen Breiten aus vollständig sichtbar ist, könne Menschen in Deutschland erst nach Sonnenaufgang dieses Schauspiel mit eigenen Augen sehen: Im Nordosten zuerst ( Berlin ab 04:46), im Südwesten zuletzt ( Stuttgart gegen 05:22 Uhr). Ganze Heere von Amateur- und Profiastronomen haben sich gar in die nördlichen Gegenden unseres Kontinents aufgemacht, um den Transit bestens verfolgen zu können. Dort herrscht zur Zeit die Mitternachtssonne, zum Beispiel in Island oder Spitzbergen. Von dieser Insel aus werden dann auch Forscher der europäischen Weltraumbehörde Esa das Schauspiel beobachten und live darüber bloggen . Die US-Weltraumbehörde beginnt ihren Livestream ab 23:45 Uhr deutscher Zeit.

Der Planet der Schönheit ist selbst die Hölle

Die Venus konnte sich immer schon der menschlichen Aufmerksamkeit gewiss sein: Als sogenannter Morgen- oder Abendstern leuchtet sie hell in der Dämmerung, ist mit ihrem milden Licht sogar in der Lage Schatten zu werfen. Nicht umsonst haben die alten Völker diesen Planeten auf den Namen der Göttin der Liebe und der Schönheit getauft. Durch zahlreiche Raumsondenmissionen wissen wir heute, dass der Planet selbst die Hölle ist: Eine ätzende Atmosphäre mit dichten Wolken umgibt ihn, und auf der Oberfläche herrschen Temperaturen an die 500 Grad Celsius, bei einem Druck wie in 900 Meter Meerestiefe.

Ein Vorübergang der Venus an der Sonne ist etwas ganz Besonderes und auch wiederum nicht. Denn im Grunde passiert nichts anderes als wenn der Mond sich vor die Sonnenscheibe schiebt und auf diese Weise eine totale Sonnenfinsternis erzeugt, weil er am Himmel genauso groß wie unser Zentralgestirn erscheint. Und da Venus aber auch Merkur zwischen Erde und Sonne ihre Bahn ziehen, passieren sie im Laufe ihrer Orbits den uns am nächsten stehenden Stern. Aber da sie viel weiter von der Erde entfernt stehen, bedecken sie ihn nur zu einem winzigen Teil. Ein Venus- oder Merkurtransit ist also eine Mini-Sonnenfinsternis.

Wo auf der Welt wird der Venus-Transit sichtbar sein? Klicken Sie auf das Bild für eine Grafik (in englischer Sprache).© M. Zeiler/Nasa

Der eigentliche Haken ist die Lage ihrer Umlaufbahnen: Sie neigen sich bei beiden Planeten geringfügig anders als jene der Erde und ihre Umlaufzeiten um die Sonne sind rascher. Dadurch sind ihre Transits sehr selten. Im Falle der Venus treten sie paarweise im Abstand von jeweils acht Jahren auf, dann allerdings über ein Jahrhundert lang nicht mehr. Der letzte Venustransit war im Juni 2004, der nächste wird erst wieder 2117 stattfinden.