SatellitentechnikEin Tag ohne GPS wäre keine Katastrophe

Hätte der Sonnensturm vom letzten Wochenende unseren Alltag lahmlegen können? Auf einer Konferenz in Dublin haben Forscher die Szenarien eines GPS-Ausfalls diskutiert. von 

Menschen tippen panisch auf ihren Smartphones, laufen orientierungslos durch die Straßen. Die Geldautomaten streiken. Auf den Flughäfen warten Hunderte vergebens. Weil die Navigationsgeräte spinnen, entstehen Staus. Der Grund: Die Satellitennavigation GPS ist ausgefallen.

Wie wahrscheinlich ist so ein Szenario? Fast hätte es vergangene Woche zu einem Satellitenausfall kommen können, meint William Murtagh vom Vorhersagezentrum für Weltraumwetter der US-Behörde NOAA . Er hatte ein vergleichbares Szenario für einige Länder auf der Nordhalbkugel befürchtet. Grund dafür war ein Sonnensturm zwischen Sonne und Erde. Die elektromagnetische Strahlung, aus der solch ein Sturm besteht, hätte Satelliten in ihrer Messung beeinträchtigen, gar außer Gefecht setzen können.

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Doch zum Glück zog dieser Sonnensturm vorbei, ohne schwerere Schäden zu hinterlassen. Er sei zwar stärker als vorherige Stürme gewesen, "aber noch moderat genug, um die Satelliten nicht zu beeinflussen", sagte Murthag auf der Europäischen Wissenschaftskonferenz ESOF in Dublin .

Der Wissenschaftler geht jedoch davon aus, dass in den nächsten sechs Jahren ein größerer Sonnensturm mit möglichen fatalen Auswirkungen bevorsteht. Vergleichbar mit dem Sonnensturm von 1859, der bereits damals zu einem Ausfall der Telefonie in Nordamerika geführt hatte.

"Weltraumwetter kann uns heute weit mehr beeinträchtigen, als früher, da wir immer mehr von den modernen Techniken abhängig werden", sagte Stephan Lechner vom Institut für Schutz und Sicherheit des Bürgers (IPSC) der Europäischen Kommission.

GPS benötigen wir nicht nur für die Navigation auf der Straße, sondern auch um Flugzeuge zu orten, für unsere Mobilfunknetze, für Bankgeschäfte in der Börse und für die Logistik vieler Transportunternehmen.

Forscher halten den Ausfall für unwahrscheinlich

Wolf-Henning Rech von der Hochschule Pforzheim hält es allerdings für "sehr unwahrscheinlich, dass es zu einem technischen Ausfall des Systems kommt". Das sei eher ein Science-Fiction-Szenario à la Hollywood.

Auch der NOAA-Wissenschaftler Murtagh geht nicht von einem weltweiten Ausfall der Satellitennavigation aus. Einschränkungen von kleinen Teilen des GPS-Systems durch Strahlung aus dem All habe es allerdings schon häufiger gegeben: 2003 etwa ist bei einem Sonnensturm, der die nördliche Hemisphäre erreichte, ein Satellit verloren gegangen und einige weitere funktionierten nicht mehr. Dadurch fiel in Teilen Kanadas tatsächlich für einige Stunden das GPS aus.

Deutschland wäre von Störungen durch vergleichsweise schwache Sonnenstürme, wie jenem von 2003, vermutlich nicht betroffen. "Die Stürme stören das Magnetfeld der Erde von den Polen her, deshalb sind vor allem Staaten wie Kanada oder Skandinavien betroffen", sagt Lechner, der sich bei der EU-Kommission mit Sicherheitsfragen befasst.

Daher sei es nicht unüblich, dass Flugzeuge auf dem Weg über Grönland aufgrund "schlechter Wetterbedingungen" umgeleitet werden. Mit Wetter sei in diesem Fall allerdings nicht das irdische, sondern das Weltraumwetter gemeint. Ist dieses ungünstig, würden Flugzeuge zwar nicht abstürzen, da sie nicht nur mit GPS, sondern auch mit Radar gesteuert werden. Allerdings bestünde die Gefahr, dass über den Polen das GPS ausfällt und die Kommunikation mit den dortigen Flugzeugen damit nicht mehr möglich wäre.

Auch die anderen von der Satellitennavigation betroffenen Bereiche haben Sicherheitssysteme, die anspringen, sobald das GPS ausfällt. Einzig die Telekommunikation könnte zeitweise ausfallen, sagte Lechner, da es zu Problemen mit der zeitlichen Synchronisation der beiden Gesprächspartner kommen könne. Schienenfahrzeuge funktionieren auch ohne GPS, schwierig ist einzig die exakte Ortung der Züge.

Die Auswirkungen eines GPS-Ausfalls wären also vor allem im privaten Bereich spürbar: beim Telefonieren und bei der Nutzung von Navigationsgeräten. "Überleben würden wir einen GPS-Ausfall für einen Tag ohne Probleme, nur unkomfortabler könnte es werden", sagt Lechner. Es ließen sich kaum Katastrophenszenarien aus einem alleinigen GPS-Ausfall entwickeln.

Chaotisch werden könnte es höchstens im Winter, wenn Schneepflüge, die ohne Sicht, rein auf GPS-basierten Daten, komplett schneebedeckte Straßen räumen müssen. In der Landwirtschaft gibt es außerdem Roboter, die mithilfe von GPS-Navigation arbeiten. Sie könnten ausfallen – eine große Katastrophe wäre das allerdings nicht.

Wahrscheinlicher wäre Sabotage

Ein Sabotageversuch oder das bewusste Verfälschen eines GPS-Signals durch die Amerikaner ist nach Ansicht des Pforzheimer Hochfrequenztechnikers Rech wahrscheinlicher, als ein Totalausfall infolge eines Sonnensturms. Immerhin haben die USA aktuell die Vormachtstellung über das Satellitennavigationssystem. Bis das europäische Pendant Galileo betriebsbereit ist, wird es wohl noch Jahre dauern. Die USA könnten beispielsweise bewusst über Teilen eines Kontinents – nicht über einzelnen Ländern – die Signale blockieren, etwa im Kriegsfall.

Sabotage wäre nicht nur den Amerikanern vorbehalten: Ein Störsender an einem Flugzeug oder einem Höhenballon würde reichen, um das GPS regional innerhalb eines Bereichs weniger Quadratkilometer abzuschalten.

Schenkt man den Wissenschaftlern Glauben, dann ist Deutschland derzeit nur gering bedroht, längere Zeit ohne GPS auskommen zu müssen.

Menschen, die verzweifelt nach einer alten Telefonzelle suchen oder verwirrt über einer Landkarte aus Papier grübeln – auch dieses Szenario bleibt wohl weitgehend alten Hollywood-Filmen vorbehalten.
 

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Leserkommentare
  1. ...schreibt, aber ausgerechnet über einen evt. Ausfall des GPS?
    Wer glaubt bei einem GPS Ausfall "echte" Probleme zu haben, der hat ganz andere Sorgen.
    Der Rest von uns greift sich eine Landkarte und verwendet gute alte Low-Tech kombiniert mit gesundem Menschenverstand und einem Paar Augen.

    Ich hoffe doch sehr, dass da noch was wesentlich besseres über die ESOF kommt, liebe ZEIT...

    3 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Lieber Leser,

    warum ist es Ihnen so wichtig, dass ZEIT ONLINE ausdrücklich von der Esof berichtet? Oder meinen Sie die Redaktion der gedruckten ZEIT?

    ZEIT ONLINE hatte mehrere Autoren dort, aber das alte Problem dieser Veranstaltung – ähnlich wie die AAAS-Meetings in den USA – ist ja, dass nur wenig neue Forschung präsentiert wird. Mal gibt es wichtige Themen, mal nicht.

    Zur Berichterstattung reicht es für uns nicht, dass Esof ist. Ein Thema muss sehr relevant, neu und von gesellschaftlicher Bedeutung sein, dass wir es aufgreifen. Unsere Autoren haben auf der Esof geschaut und nichts Weiteres ausgemacht, worüber man dringend berichten müsste.

    Einen interessanten Artikel hat aber der Kollege Nestler noch beigesteuert – zur Erforschung von Aschepartikeln in der Atmosphäre:

    http://www.zeit.de/wissen...

    Herzliche Grüße.

  2. Genauso ist es .....

    > Menschen tippen panisch auf ihren Smartphones, laufen orientierungslos durch die Straßen. <

    Wenn wir schon soweit sind dann warten wir doch einfach nur bis Dezember ... dann geht die Welt sowieso unter .... sagt der Maya-Kalender ....

    Hauptsache die "Wissenschaftler" haben wieder ein Horror-Scenario.

    2 Leserempfehlungen
  3. " Immerhin haben die USA aktuell die Vormachtstellung über das Satellitennavigationssystem "

    GPS ist noch kein Allgemeingut wie die Sonne, der Weltraum oder das Meer.

    GPS wird immer noch vom US Millitär betrieben und finanziert.

    Nur weil es inzwischen frei zugänglich ist, ohne zu zahlen, ist es noch lange kein allgemeinens Grundrecht.

    2 Leserempfehlungen
  4. Er zählt nur wieder von Vorne (wenn ich das so richtig verstanden habe).
    Die Mayas hatten auch Ereignisse beschrieben die jeweils vor und nach diesem "Ende" ihres Kalenders stehen.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Aber ohne GPS würde sicherlich einiges aus dem Ruder laufen.
    Egal ob nun unser GPS mobile funktioniert oder nicht.

    Aber soviel heute GPS gesteuert läuft, würde es zu Ausfällen im Schiffsverkehr kommen, Fliegerei, Bauwesen.

    ... abgesehen davon:
    1000nde von Cachs würden ungefunden in Einsamkeit verbringen...

  5. Um die tatsächlichen Auswirkungen zu sehen und sich auf solche möglichen unvorhergesehenen Ausfälle vorzubereiten, sollte man GPS mal stundenweise abschalten. Nur weil vorgebliche Wissenschaftler irgendwas behaupten, heißt ja nicht, daß man sich im Ernstfall darauf verlassen kann. Im Artikel ist zB nicht erwähnt, daß große Umladeplätze wie der Hamburger Hafen mit GPS arbeiten, um die Container zu plazieren. Krankenwagen haben auch ein Navigationssystem, die Polizei und Feuerwehr vermutlich auch, ohne wären die dann möglicherweise entscheidende Minuten später am Unglücksort...

    Die Technik hat unseren Alltag schon soweit durchdrungen, daß sie teilweise gar nicht mehr wahrgenommen wird und dann kommen so ignorante Aussagen wie im Artikel. Vermutlich sind aber schon ein Großteil der Menschen mit einer simplen ungefähren Bestimmung der Himmelsrichtung in der freien Natur bereits überfordert.

  6. auch nicht per se besser! Selbst die "Genauigkeit" von Differntial-GPS wird zur Lachnummer, wenn eben falsche Positionsangaben ermittelt werden, weil der user schlicht die falschen Bezugspunkte nahm.

    Da sind auch zehntel Millimeter wenig hilfreich! Egal ob nun GPS, COSPAS oder sonstwas.

    MfG KM

  7. Mit einem "Ausfall der Telefonie" im Jahr 1859 hätte man gut leben können, denn die gab es ja noch gar nicht. Wahrscheinlich sind Telegraphen gemeint.

    2 Leserempfehlungen
  8. Redaktion

    Lieber Leser,

    warum ist es Ihnen so wichtig, dass ZEIT ONLINE ausdrücklich von der Esof berichtet? Oder meinen Sie die Redaktion der gedruckten ZEIT?

    ZEIT ONLINE hatte mehrere Autoren dort, aber das alte Problem dieser Veranstaltung – ähnlich wie die AAAS-Meetings in den USA – ist ja, dass nur wenig neue Forschung präsentiert wird. Mal gibt es wichtige Themen, mal nicht.

    Zur Berichterstattung reicht es für uns nicht, dass Esof ist. Ein Thema muss sehr relevant, neu und von gesellschaftlicher Bedeutung sein, dass wir es aufgreifen. Unsere Autoren haben auf der Esof geschaut und nichts Weiteres ausgemacht, worüber man dringend berichten müsste.

    Einen interessanten Artikel hat aber der Kollege Nestler noch beigesteuert – zur Erforschung von Aschepartikeln in der Atmosphäre:

    http://www.zeit.de/wissen...

    Herzliche Grüße.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Katastrophe | Flugzeug | GPS | Hollywood | Schienenfahrzeug | Smartphone
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