Diese Computeraufnahme zeigt Teilchenkollisionen, die der CMS-Detektor am größten Ringbeschleuniger der Welt in Genf erkannt hat. © L. Taylor/T. McCauley/Cern

Seit Wochen rumort es in der Gerüchteküche: Steht die Entdeckung des Higgs-Boson unmittelbar bevor? Am Mittwoch werden auf einem live übertragenen Seminar am Genfer Kernforschungszentrum Cern neue Daten des Large Hadron Collider ( LHC ) präsentiert, die der weltgrößte Teilchenbeschleuniger zwischen April und Mitte Juni gesammelt hat. Schon Ende vergangenen Jahres hatte man dort Hinweise auf ein neues Elementarteilchen präsentiert , bei dem es sich um das nach dem schottischen Physiker Peter Higgs benannte Partikel handeln könnte. Damals war das Signal aber zu schwach, um von einer Entdeckung reden zu können.

In einer Presseerklärung, die ZEIT ONLINE vorliegt, schreiben Forscher nun, dass sich auch in den neuen Daten das verdächtige Signal finde. "Die Wahrscheinlichkeit, dass die beobachteten Signale eine Fehlmessung oder statistische Fluktuation sind, liegt bei 1:1.000.000", heißt es darin. Damit läge man haarscharf unter der Grenze von fünf Standardabweichungen, die für einen sauberen wissenschaftlichen Nachweis nötig sind. Vergangenen Dezember lag die Fehlerwahrscheinlichkeit noch bei vergleichsweise hohen 1:500. Somit trauen sich die Forscher, jetzt schon zu sagen: Das Signal entspreche der Hypothese, dass es sich um das Higgs-Teilchen handelt.

Die verklausulierte Formulierung soll ausdrücken: Auch wenn mittlerweile kaum noch ein Zweifel daran besteht, dass am LHC ein neues Teilchen gefunden wurde – noch kann man nicht sagen, ob es das Higgs ist. Wo die Forscher im Dezember erst die Hutspitze sahen, zeigt sich ihnen jetzt zwar der ganze Hut. Das verrät allerdings noch nicht, was sich darunter verbirgt. Erst wenn man weitere Eigenschaften des neuen Teilchens vermessen habe, könne man festlegen, dass es sich um das Higgs-Teilchen handelt, heißt es in dem Pressetext. Das dürfte, so sagen beteiligte Forscher, frühestens im Herbst der Fall sein.

Sollte sich der Verdacht der Forscher erhärten, fände eine Ära der modernen Teilchenphysik ihren krönenden Abschluss. Das Higgs-Teilchen ist das letzte Puzzlestück in dem mikroskopischen Modell, mit dem Physiker seit einem halben Jahrhundert die Welt beschreiben. Das sogenannte Standardmodell beinhaltet eine Zusammenstellung der elementaren Konstituenten des Kosmos sowie der Kräfte, die zwischen ihnen wirken. Seit den 1960er Jahren wurden die meisten seiner theoretischer Vorhersagen bestätigt, als letztes Teilchen kam 1995 das Top-Quark hinzu.

Das Higgs-Teilchen hat eine enorme Tragweite für das physikalische Weltbild. Doch sein Spitzname Gottesteilchen ist unter Physikern eher gefürchtet. Denn der Gottesbezug ist einem unbedachten Kompromiss zu verdanken. 1993 wollte der Nobelpreisträger Leon Ledermann seinem Buch über Teilchenphysik eigentlich den Titel The God Damn Particle geben. Sein Verleger strich das Damn und aus dem gottverdammten Teilchen wurde ein heiliges.

Nichtsdestotrotz wäre das Auftauchen des Higgs der Beweis dafür, dass jeder Fleck des Universums von einem unsichtbaren Energiefeld durchzogen wird – einer Art modernem Äther. Von ihm werden andere Elementarteilchen abgebremst und erhalten somit ihre Schwere. Als alleinige Erklärung für die Masse von Materie taugt das Higgs-Feld indes nicht. Der Löwenanteil des Gewichts des menschlichen Körpers stammt von den Bindungsenergien der Atomkerne. Das Higgs würde nur jenen Teil bereitstellen, den Physiker als Ruhemasse kennen. Das sind nur wenige Prozent des Gewichts eines Menschen.