Teilchenkollision, die der CMS-Detektor am Kernforschungszentrum Cern aufgenommen hat. In einem riesigen Datenwust fanden Physiker Hinweise auf ein neues Teilchen. © Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Wenn sich Physik und Popkultur begegnen, handelt es sich meistens um ein Missverständnis. Wie im Falle von Peter Higgs, einem mittlerweile 83-jährigen Rentner, der vor 48 Jahren einen guten Einfall hatte. Die Idee sollte eine Schlüsselrolle in dem mikroskopischen Modell einnehmen, mit dem Physiker seit einem halben Jahrhundert das Universum beschreiben. Obwohl er an der eigentlichen Ausarbeitung keinen Anteil mehr hatte, wird die Pionierarbeit dem Schotten – sowie zwei seiner Kollegen, die parallel denselben Mechanismus entwickelten – vermutlich den Nobelpreis sichern.

Zum Popstar taugt indes weder Peter Higgs , noch das nach ihm benannte Teilchen. Als Higgs, dem Menschen, heute auf der großen Verkündung am Kernforschungszentrum Cern das Mikrofon hingehalten wurde, bedankte er sich schüchtern bei den Tausenden Physikern und Technikern, die den weltgrößten Teilchenbeschleunigern zu einem Erfolg gemacht haben. Mehr hatte er nicht zu sagen.

Noch blasser kam das neu entdeckte Teilchen daher: Ein winziger Hubbel in einem Punktediagramm, inmitten Dutzender Folien voller kryptischer Zahlen und griechischer Buchstaben.

Es bedurfte der Übersetzungsarbeit von Cern-Direktor Rolf-Dieter Heuer, um das darin enthaltene Ergebnis zu erklären: Für Laien gelte das Higgs-Teilchen als gefunden, sagte Heuer nach den wissenschaftlichen Vorträgen. Für Physiker ist die Sache allerdings etwas komplizierter. Nach den strengen Regeln der Teilchenphysik fehlt noch eine Haaresbreite, damit man von einer Entdeckung sprechen kann. Die nötige Signifikanz von fünf Sigma kann bisher nur der Atlas-Detektor vermelden, einer von zwei Messsystemen. Das CMS-Experiment, dessen Ergebnisse bereits in den vergangenen Tagen publik wurden , scheitert hingegen knapp an der Hürde.

Hinzu kommt, dass eine Frage bisher unbeantwortet ist: Handelt es sich bei dem Fund tatsächlich um das Higgs-Teilchen? Um sie zu beantworten, müssen noch weitere Messungen und Analysen durchgeführt werden, die nur mit sehr viel Glück Monate, sehr viel wahrscheinlicher aber Jahre dauern werden. Rätselhaft ist etwa, wieso noch kein Überschuss an sogenannten W-Bosonen aus den Teilchenkollisionen in dem unterirdischen Kreisbeschleuniger hervorging. Ohne ihn werden Zweifel bestehen bleiben, ob man es nicht mit etwas ganz anderem als dem Higgs zu tun hat. Auch muss in mühsamer Arbeit der Spin (eine Art Eigendrehimpuls) des Teilchens vermessen werden, genauso wie die bevorzugte Richtung, in die die Zerfallsprodukte schießen.