Erbgut-Daten"Das Genom ist ein Dschungel voll seltsamer Kreaturen"
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"Man muss nicht alles verstehen, um Fortschritte für die Medizin zu erreichen"

ZEIT ONLINE: Als Fazit – wir kannten bislang über 20.000 Gene für Proteine. Nun fügen Sie Millionen von Schaltstellen hinzu, die in vielfältigen Kombinationen die Biologie einer Zelle steuern. All das kann auch noch von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein. Und da wollen Sie uns glauben machen, der Mensch werde das irgendwann verstehen?

Birney: Wir werden das ganze 21. Jahrhundert brauchen. Die gute Nachricht ist: Man muss nicht alles verstanden haben, um Fortschritte für die Medizin zu erreichen. Zum Beispiel stecken viele Schalter in Stellen im Erbgut, die mit den großen Volkskrankheiten assoziiert sind. Viele dieser Leiden – Diabetes, Darmentzündungen und ähnliche Erkrankungen werden wohl durch Fehler in den Schaltern verursacht. Bei 400 Krankheiten vermuten wir solche Schaltereffekte.

ZEIT ONLINE: Bei vielen hochgradig genetisch bedingten Krankheiten – etwa Schizophrenie oder Autismus – bleibt ein Teil der Fälle stets unerklärt, weil man in den Eiweiß-kodierenden Genen keinen Fehler findet, der die Krankheit auslöst. Könnten Schalterdefekte die Ursache sein?

Birney: In manchen Fälle wird das so sein. Es gibt  bekannte Beispiele: Polydaktylie, wo betroffene Menschen sechs Finger haben, entsteht durch Mutationen in den Regulationsstellen für das Gen namens Sonic hedgehog , manche sind Millionen Basen von diesem Gen entfernt. Das dürfte auch bei Schizophrenie oder Autismus vorkommen. Ein Defekt im Schalter kann so fatal sein wie ein Defekt im Gen selbst.

ZEIT ONLINE: Das Encode-Projekt ist unglaublich komplex. Wie leitet man die Zusammenarbeit von 442 Forschern, in sechs Ländern, auf drei Kontinenten? Unter denen gibt es doch sicherlich mindestens einige große Egos?

Birney: Allerdings. Wissenschaftler sind Menschen. Encode ist ein riesiges Forschungskonsortium, dass von acht Hauptlaboren aus gesteuert wird. Die sind aber wiederum als Konsortium von Einzellabors organisiert. 26 Forschungsleiter koordinieren jeweils ein bestimmtes Gebiet. Es gibt da immer Leute mit starken Meinungen. Die braucht man aber auch – es ist ja nicht immer offensichtlich, wie man wissenschaftliche Fragen am besten angeht. Da fühlt man sich mittendrin schon mal sehr müde, aber am Ende bringt es eine Menge.

ZEIT ONLINE: Gab es keine Streits aus rein persönlichen Gründen – Eifersüchteleien, Eitelkeit?

Birney: Na, also bei Forschern gibt es keine ganz klare Grenze zwischen Auseinandersetzungen aus rein persönlichen oder wissenschaftlichen Gründen. Es gab zwar keine Prügeleien, auch nicht im übertragenen Sinn. Aber es gab schon Kollegen, die nicht besonders gut miteinander auskamen, und wenn die dann etwas wissenschaftlich ausdiskutieren sollen, ist das nicht ganz einfach.

ZEIT ONLINE: Und nun – was kommt als nächstes?

Birney: Encode wird weitere fünf Jahre gefördert. Aber ich schwöre Ihnen: In der nächsten Phase des Projekts werde ich nicht wieder die Flöhe hüten. Ich habe genug.

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Leserkommentare
  1. Es ist immer wieder schön zu sehen, dass wir doch zu mehr instande sind als uns gegenseitig auszulöschen.
    Es zeigt uns wo unsere Zukunft liegt, alles was schwer ist kann man nur noch zusammen schaffen.
    Immer weiter so!

  2. ... auf all die Veröffentlichungen, die da noch kommen! Es ist schon überaus faszinierend, nach und nach herauszufinden, wie alles zusammenhängt.

    • _dany
    • 06. September 2012 12:09 Uhr

    ... ist nun:
    um wie viel % weicht das Schimpansen-Erbgut nun vom menschlichen Erbgut ab?
    Und wie wahrscheinlich ist es, dass diese Änderungen durch Zufall geschehen sind?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Zufall" in diesem Zusammenhang?

  3. "Zufall" in diesem Zusammenhang?

    • sparc
    • 06. September 2012 21:59 Uhr

    Auf seinem blog schreibt Herr Birney: "A conservative estimate of our expected coverage of exons + specific DNA:protein contacts gives us 18%, easily further justified (given our sampling) to 20%" und "We use the bigger number because it brings home the impact of this work to a much wider audience. But we are in fact using an accurate, well-defined figure when we say that 80% of the genome has specific biological activity." Dabei wurde "funktional" wenig strickt definiert, z.B. wird die Bindung eines Faktors an ein DNA-Fragment als Hinweis auf Funktionalität gewertet. Ob dabei die neben den spezifischen Bindungseigenschaften jedem DNA-bindenden Protein grundsätzlich innewohnende unspezifischen Bindungseigenschaften hinreichend berücksichtigt wurden, bleibt unklar. Die "dark matter transcripts" wurden von anderen Arbeitsgruppen als methodenbedingte Artefakte kritisiert und experimentell zumindest deutlich in Frage gestellt. Daneben spricht gegen Funktionen der Mehrheit von Junk-DNAs die Tatsache, dass ein Säugetier nicht mehr als 30.000 Gene (funktionale DNA-Abschnitte) aufweisen kann, weil sich sonst schädliche Muationen in einem Maße in der Population anreichern würden, dass ein Überleben der Spezies nicht möglich wäre. Dies ist seit den 70er Jahren bekanntes Wissen, das aber leider im Zuge des Humangenomprojektes verloren ging. ENCODE bietet sicherlich interessante Daten, aber zumindest die Schlüsse bezüglich Junk-DNA erscheinen fragwürdig.

    • sparc
    • 06. September 2012 22:06 Uhr

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Genom | Autismus | DNA | Erbgut | Müll | Schizophrenie
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