Transplantationsbetrug"Das wird viele Menschen das Leben kosten"

Der Patientenbeauftragte der Regierung warnt wegen des Transplantationsbetrugs vor einem Sinken der Bereitschaft zur Organspende. Zugleich werden neue Details bekannt. von dpa

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung , Wolfgang Zöller, befürchtet, dass durch den Transplantationsbetrug an den Unikliniken in Regensburg und Göttingen viele Menschen lebenswichtige Spenderorgane nicht erhalten. "Was hier gemacht wurde, wird in Zukunft viele Menschen leider das Leben kosten", sagte der CSU-Politiker .

Er geht davon aus, dass durch den Betrug die Organspendebereitschaft in der Bevölkerung sinkt . Gerade jetzt, da man mit dem Transplantationsgesetz Vertrauen wecken wolle, werde der Betrug bekannt, beklagte Zöller. "Es wird garantiert Monate, wenn nicht Jahre dauern, um das Vertrauen in die Organspende wiederherzustellen." Die geschäftsführende Ärztin bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation, Ulrike Wirges , hatte bereits vergangene Woche befürchtet, dass wegen des Betruges ursprünglich Bereitwillige von Organspenden absehen.

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Der beurlaubte Chirurgie-Chef des Universitätsklinikums Regensburg und der Hauptverdächtige im Organspendebetrug waren nach Informationen der Süddeutschen Zeitung seit Jahren sehr vertraut. Die beiden Ärzte hatten sich demnach bereits Mitte der neunziger Jahre an der Medizinischen Hochschule Hannover kennengelernt. Als der Chefarzt in Regensburg den Lehrstuhl für Chirurgie übernahm, habe er den Oberarzt in seine Abteilung geholt. Beide seien von da an häufiger ins arabische Ausland geflogen, um dort zu transplantieren.

Ermittlungen wegen Bestechlichkeit

In Göttingen steht neben dem früheren Oberarzt ein weiterer leitender Arzt im Verdacht, in 23 Fällen Patientenakten manipuliert zu haben, um ausgewählten Patienten gegen Geld Spenderlebern zu verschaffen. Die Staatsanwaltschaften Braunschweig und Göttingen ermitteln wegen Bestechlichkeit beziehungsweise wegen des Anfangsverdachts auf Tötungsdelikte.

Organspende

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Grafik: Organspende
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Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.  |  © Simone Gödecke

Wenn geklärt ist, dass Organe entnommen werden dürfen, wird der hirntote Spender auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht. Das soll sicherstellen, dass der Empfänger eines Organs nicht gefährdet wird.

Die Daten des Spenders werden an die europäische Vermittlungsstelle Eurotransplant geschickt. Hier wird auf den Wartelisten nach passenden Empfängern gesucht.

Anschließend werden dem Verstorbenen die Organe entnommen, die er bereit war zu spenden. Der Leichnam wird dann für eine Aufbahrung vorbereitet und kann bestattet werden.

Die Organe werden gekühlt und verpackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Sie werden mit dem Krankenwagen transportiert oder in dringenden Fällen auch per Flugzeug ausgeflogen.

Spenden nach dem Tod

Wer in Deutschland nach dem Hirntod seine Organe spenden möchte, muss einer Entnahme ausdrücklich zustimmen. Seit dem 1. November 2012 gilt dazu ein neues Transplantationsgesetz: Jeder Krankenversicherte wird regelmäßig angeschrieben und gefragt, ob seine Organe im Todesfall verwendet werden dürfen.

Wie bisher gibt es einen Organspendeausweis. Darin steht, ob derjenige generell mit einer Organ- und Gewebespende einverstanden ist oder auch nicht. Die Bereitschaft lässt sich auch einschränken: Wer etwa nicht möchte, dass sein Herz entnommen wird, kann dies auf dem Ausweis vermerken.

Bisher wurden, wenn ein möglicher Spender zu Lebzeiten nichts verfügt hatte, nach seinem Tod die Angehörigen gefragt, ob sie einer Spende zustimmen. Auch in Zukunft werden Angehörige informiert, wenn ein potenzieller Spender verstirbt. Maßgeblich ist juristisch dann aber der zu Lebzeiten formulierte Wille des Verstorbenen.

In Österreich und Belgien gilt eine Widerspruchslösung: Hier zählt jeder von Geburt an als Organspender. Wer gegen eine Entnahme von Gewebe und Organen ist, muss dies ausdrücklich erklären. Allerdings wird auch in diesen Ländern immer auch mit den Angehörigen gesprochen und geklärt, ob Einwände gegen die Spende bestehen.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) hat die wichtigsten Fragen und Antworten zur Neuregelung der Organspende zusammengefasst.

Spenden im Leben

Das seit 1997 geltende Transplantationsgesetz regelt auch Organspenden während des Lebens. Auch nach der Reform von 2012 gilt: Wer zeitlebens etwa eine Niere spenden will, muss volljährig sein und über alle Risiken aufgeklärt werden. Ein Organ kann nur Verwandten, Ehegatten, Lebenspartnern oder engen Freunden gespendet werden. Jeder Lebenspender hat aber heute einen Anspruch gegen die Krankenkasse des Organempfängers auf Krankenbehandlung, Vor- und Nachsorge, Rehabilitation sowie Krankengeld.

Organe dürfen nur in den deutschlandweit gut 40 Transplantationszentren übertragen werden. Wer als Empfänger infrage kommt, ist auf einer Warteliste vermerkt. Bei jedem Organ wird geprüft, wer es am dringendsten benötigt und bei wem die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung am größten erscheinen. Dabei ist es unabhängig, ob eine Person arm oder reich, berühmt oder der Öffentlichkeit unbekannt ist. Nach den jüngsten Skandalen wurden die Kontrollen verschärft.

Das Gewebegesetz ergänzt das Transplantationsgesetz und regelt unter anderem die Entnahme von Knochen, Knorpeln, Augenhornhäuten und Herzklappen.

Der Handel mit Organen ist nach dem Gesetz verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Abgeschwächte Strafen gelten für den Verkauf und Erwerb von Produkten, die aus Gewebe und Organen hergestellt worden sind.

Geprüft wird, ob die Bevorzugung bestimmter Patienten bei Organtransplantationen den Tod anderer Menschen bedingt haben könnte, die nicht zum Zuge kamen. Die bayerische Justiz prüft, ob es auch am Uniklinikum Regensburg Manipulationen von Krankendaten im Zusammenhang mit Lebertransplantationen gegeben hat.

Mehr Transparenz

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr schließt angesichts des Betruges weitergehende Gesetzesänderungen nicht aus. "Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass Lücken im Gesetz die Manipulationen in Regensburg und Göttingen erleichtert oder begünstigt haben, müssen wir handeln", sagte der FDP-Politiker .

Bahr sagte, die neue Rechtslage garantiere bereits mehr Transparenz. Dadurch sei es jetzt möglich, die Überwachungsmaßnahmen durch mehr Kontrollen zu schärfen und Rechtsverstöße einzelner Ärzte zu verfolgen. Nachholbedarf sieht der Minister bei der Transparenz. Auch die Deutsche Stiftung Organtransplantation müsse sich einer kritischen Selbstüberprüfung unterziehen, sagte er.

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Leserkommentare
  1. meinerseits: Die Politik bräuchte sich nicht so echauffieren - mit den Gesundheitsreformen haben sie in den letzten Jahren einer Atmosphäre der Zweiklassenmedizin Vorschub geleistet, das Gesundheitswesen desozialisiert und entsolidarisiert. Was Wunder, dass Ärzte dem nachgeben und sich dem uneingeschränkt anpassen.
    Mich wundert es nicht, auch wenn ich es verurteile, das Handeln der Ärzte.
    Die Reaktionen der Politik aber empfinde ich hier als scheinheilig. - Müssen Politiker und deren Kinder eigentlich auch immer so lange in Wartezimmern hocken?

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    gewisse Zuwendungen an Mediziner straffrei. Die Empörung der Politik ist an Heuchelei kaum zu überbieten. Sie haben doch die Grundlagen geschaffen, damit ist zu solchen Dingen kommt. Das ist kein Einzelfall, das ist ,meiner Meinung nach, die Regel.

  2. gewisse Zuwendungen an Mediziner straffrei. Die Empörung der Politik ist an Heuchelei kaum zu überbieten. Sie haben doch die Grundlagen geschaffen, damit ist zu solchen Dingen kommt. Das ist kein Einzelfall, das ist ,meiner Meinung nach, die Regel.

    Antwort auf "Pauschalisierung"
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    bei mir hält sich die Empörung auf dieser Ebene auch in Grenzen. Denn der Fall zeigt eine logische Konsequenz auf von der Politik eingebrachtem Denken und Gesetzen, die mit Floskeln wie 'Leistungsträger' und 'Elite' kurz und prägnant zusammenzufassen sind.

    Dass das ganze trotzdem zu verurteilen ist, was die Ärzte da getan haben, steht außerhalb des politischen Diskurses über die 'gewollte' gesellschaftliche Atmosphäre.

    • WmdE
    • 06. August 2012 13:48 Uhr

    Bei den Politiker sieht es viel schlimmer aus. Deutsche Politiker können für Korruption nicht belangt werden!

    • HorFe
    • 07. August 2012 7:35 Uhr

    Hier wird der Verdacht geäußert , dass Ärzte Patientenakten manipuliert haben und Pat. gegen Geld ? bevorzugt behandelt haben.Das wäre kriminell , ethisch und ärztlich Verwerflich und gehört , wenn es sich bestätigen sollte sehr hart bestraft. Für solch ein unfassbares Handeln von Ärzten ist weder die Politik , noch die Presse sondern allein sdiese sog. Ärzte schuld. Es ist nicht nur ein gesundheitlicher Schaden , sondern schon jetzt ein unermeßlicher Schaden für die Tranzplanationsbedürfigen Menschen entsstanden.

  3. bei mir hält sich die Empörung auf dieser Ebene auch in Grenzen. Denn der Fall zeigt eine logische Konsequenz auf von der Politik eingebrachtem Denken und Gesetzen, die mit Floskeln wie 'Leistungsträger' und 'Elite' kurz und prägnant zusammenzufassen sind.

    Dass das ganze trotzdem zu verurteilen ist, was die Ärzte da getan haben, steht außerhalb des politischen Diskurses über die 'gewollte' gesellschaftliche Atmosphäre.

    Antwort auf "Zudem sind ja nun....."
  4. Welch ein Zynismus. Welche Menschen meinen Sie denn, die sterben müssen, Herr Zöllner?

    Die kranken Menschen, die sterben müssen weil sie eine unheilbare Krankheit haben? Oder die gesunden Menschen, die sterben müssen, damit ihre gesunden Organe in kranke Menschen gepflanzt werden können?

    Ich bitte um Antwort. Danke.

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    "Gesunde Menschen, die sterben müssen, damit ihre gesunden Organe in kranke Menschen gepflanzt werden können"

    Können Sie auch nur einen einzigen Fall anführen, in dem derartiges in Deutschland passiert ist? Nein?

    Dann verschonen Sie uns mit derartigen Ammenmärchen.

    woher kommen dann die Organe, die so dringend benötigt werden Herr Ruhlauf.

    Wie wahr, wie wahr! So werden (sind) menschliche Organe eine Ware, die nach dem Tod auf einem Gesundheitsmarkt möglichst anonym und einträglich gehandelt werden darf. Paßt also auf ob ihr Euch schon vorm Tod zur Ware erklärt (Spendeausweis). Weltweiter Organhandel ist nicht neu. Keiner weiß wieviele Menschen(organe) z.Zt. in den armen Ländern dieses Planeten für kranke "Reiche" ihr Leben lassen müssen. Das wäre doch mal ein Thema für die Medien (Zahlen). Die Lebendspende wo der Spender
    den Empfänger kennt (wie Herr Steinmeier) das ist die menschliche Alternative.

    Wie's gemeint ist, ist doch wohl offenkundig. Durch die nun einsetzende Verunsicherung werden die Menschen ihre Bereitschaft, Organe zu spenden, zurückschrauben. Und so fehlen rettende Organe, werden verbrannt und beerdigt, statt anderen zu helfen, die nun zusätzlich sterben.

    Was wollen Sie alsomit Ihren Einlassungen erreichen? Menschen zusätzlich von der Spende abbringen? Ihre eigene fehlende Bereitschaft begründen?

    Das ganze Geschehen in Göttingen / Regensburg ist eine Sauerei. Wieder einmal wurden Menschen durch Egoismus und Raffgier getrieben. Völlig gerechtfertigt, dies anzuprangern.

    Ich habe seit 20 Jahren einen Spenderausweis, war mit diesem mehrfach im Krankenhaus, habe dabei einmal bewusstlos auf dem Acker gelegen und wurde rettungsdienstlich versorgt und keiner hat mir den Rest gegeben, um mich ausschlachten zu können - obwohl der Ausweis bei der Personalaufnahme 'gefunden' wurde.

    Also verkünden Sie hier keine Horrorszenarien.
    Missbrauch wird es immer geben, wo egoistische, skrupellose Menschen agieren. Leider agieren solche überall, aber sollen wir deshalb alle unsere Menschlichkeit verweigern?

  5. Aerzte haben in unserer Gesellschaft zu viel Ansehen, zu viel Geld, zu viel Einfluss und zu viel Macht.

    Dem steht der psychologische Druck eines irrationalen Perfektheitsanspruch gegenueber.

    Beides gemeinsam korrumpiert gleichermassen.

    Ich waere dafuer, das gesundheitswesen in Deutschland wirtschaftlich zurueckzufahren.

    Leben und Sterben sollte nicht in Aerztehand liegen, sondern vorrangig den moralischen Entscheidungen der Patienten unterliegen.

    Und ebenso sollte unsere Gesellschaft davon weg kommen, im real existierenden Gesundheitsdienstleister eine romantisch verklaerte moderne Priesterschaft zu vermuten.

  6. wäre an dieser Stelle angebracht! Ich habe einen Organspenderausweis und werde ihn (vorerst) auch behalten. Aber das Wesen einer Spende ist schließlich ein Geschenk, und angesichts dieses Geschenks sollten Ärzte wirklich aufhören, sich aufzuführen, als wären sie die einzigen, die im Rahmen einer Organspende wichtig sind.
    Wobei man sagen muss: Die meisten Ärzte sind weiße Schafe, die Organspenden zu schätzen wissen und sich auch gegenüber Spendern, Angehörigen und Empfängern entsprechend verhalten. Und die schwarzen Schafe fallen eben auf... Und das ist gut so!!

  7. Wenn sich herausstellen sollte, dass Politik und Justiz nicht in der Lage sind, die Ärzteschaft auf den Grundsatz des unbedingten Rechtsgehorsams zu verpflichten, ist die Bevölkerung die letzte Instanz, die rechtswidriges Tun durch Ablehnung von Organspenden wenigstens eindämmen kann. Schwerkranke Patienten, die nun vergebens auf Behandlung hoffen, sind zu bedauern, müssen aber verstehen, dass die Verhinderung rechtswidrigen Handelns anderen Anliegen vorangeht.

  8. nun von mir ein klares "nein".
    Ich habe nun in meinem Organspendeausweis vermerkt, dass ich nicht spenden möchte.
    Früher war ich der Meinung, damit einem kranken Menschen zu helfen, egal wer oder was er ist.
    Schon lange habe ich meine Ansicht revidiert. [...]
    Ich bewundere diejenigen, die sich, egal in welcher Form, für andere einsetzen, sich selbst dabei aufreiben, für mich sind diese Zeiten endgültig vorbei.

    Teil entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/lv

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Bundesregierung | Daniel Bahr | Arzt | Betrug | Bundesgesundheitsminister | Ermittlung
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