Frage: Herr Gasparini, warum haben Sie sich ausgerechnet die Seidenstraße für Ihre Forschungen zum menschlichen Geschmackssinn ausgesucht?

Paolo Gasparini: Die Seidenstraße war über Jahrhunderte eine Route, über die Menschen Güter, Ideen, Kulturen und Gene austauschten. Heute wird die Region, durch die sie führte, von einer Vielzahl ethnischer Gruppen charakterisiert, die oft in isolierten Gemeinschaften leben, aber von relativ gleichen Umweltbedingungen abhängen oder Essensvorlieben teilen. Darüber hinaus fasziniert uns – und viele andere – natürlich die reichhaltige Geschichte der Seidenstraße.

Frage: Größere Abschnitte der Seidenstraße führen durch eher gefährliches Gebiet. Wie haben Sie die Regionen und Bevölkerungsgruppen ausgesucht?

Gasparini: Wir haben Länder wie Irak , Afghanistan oder den Iran außen vor gelassen, weil es dort wegen der gegenwärtigen politischen Situation schwierig ist zu reisen. Die jeweiligen Dorfgemeinschaften haben wir zusammen mit der Organisation Terra Madre ausgewählt, wobei Faktoren wie Größe oder Ursprung der Bevölkerungsgruppen berücksichtigt wurden. Vor Ort haben wir dann den Geschmack der Leute getestet, sie nach ihren Essensvorlieben befragt, ihren Gesundheitszustand erfasst oder an Geruchsproben – etwa von Steaks – schnüffeln lassen. Insgesamt haben wir rund 1.100 Proben entlang einer großen Strecke der Seidenstraße mitgebracht.

Frage: Mussten Sie dennoch bisweilen mit widrigen Umständen kämpfen?

Gasparini: Größere Schwierigkeiten gab es eigentlich immer nur an den Grenzen, die wir stets auf dem Landweg überquert haben. Die meisten Zöllner konnten es sich nicht vorstellen, dass hier Ausländer während der heißen Sommermonate reisen wollen und dazu noch unzählige medizinische Instrumente, Teströhrchen und anderen Kram mit sich führen. Das Projekt selbst wurde von der Ethikkommission der Universität abgesegnet, und in Ländern, in denen es eigene Ethikkommissionen gab, baten wir vorher ebenfalls um Erlaubnis und suchten das Einverständnis der nationalen oder regionalen Behörden. Und alle Teilnehmer waren Freiwillige, die wir vorher umfassend informierten.

Frage: Warum unterscheiden sich die Geschmäcker der Menschen eigentlich – während die einen Schimmelkäse als Leckerbissen empfinden, ekelt es andere, die Ziegenhirn bevorzugen?

Gasparini: Das ist eine der Fragen, die wir beantworten möchten. In manchen Fällen hängt es wohl mit Mutationen in bestimmten Genen von Geschmacksrezeptoren zusammen. Dann ist es tatsächlich abhängig von der ureigenen biologischen Geschmackswahrnehmung. In vielen anderen Fällen spielen der Geruchssinn und die Verarbeitung im Hirn eine Rolle. Wir haben inzwischen eine erste Serie aus vier Genen identifiziert, die mit Nahrungsvorlieben in Zusammenhang stehen. Das ist ein viel versprechendes Ergebnis.

Erschienen auf spektrum.de © Screenshot ZEIT ONLINE

Frage: Wie beeinflussen unsere Gene unseren Geschmack?

Gasparini: Wir besitzen schätzungsweise 24 Geschmacksrezeptorgene für bitter, einige für süß und umami und noch ein paar andere für salzig und sauer. Varianten des Gens TAS2R38 zum Beispiel beeinflussen, wie wir Bitterstoffe wahrnehmen, und teilen die Menschen in drei Gruppen: Je nachdem schmecken Menschen Bitteres kaum beziehungsweise gar nicht, normal oder extrem stark – so genannte Super-Taster. Die prozentuale Verteilung dieser drei Gruppen in einer lokalen Bevölkerung ist spezifisch und unterscheidet sich von einem Land zum anderen. Entlang der Seidenstraße etwa treten deutliche Abweichungen auf, wie wir feststellen konnten: In Armenien und Tadschikistan gehören ein Drittel der Menschen zu den Super-Tastern, in Georgien und Aserbaidschan sind es dagegen nur halb so viele. Und das hat natürlich entsprechende Konsequenzen für die lokale Nahrungswahl oder auch die allgemeine Gesundheit.