Hirnforschung Kreidequietschen macht uns Angst

Ob quietschende Kreide oder Fingernägel auf Styropor: Warum quälen solche Geräusche? Forscher haben entdeckt, dass sie Angstschreien ähneln und das Gehirn aktivieren.

Manche Geräusche sind einfach nicht zum Aushalten: das Quietschen von Kreide auf der Tafel beispielsweise oder das von einer Gabel auf dem Teller. Welchen Weg diese quälenden Reize vom Ohr durch das Gehirn nehmen, verfolgten nun Wissenschaftler um Sukhbinder Kumar von der Newcastle University. Wie das Team herausfand, kommt dabei besonders der Amygdala, dem klassischen Gehirnzentrum für negative Emotionen, eine tragende Rolle zu.

Die Hirnscans des Teams an 13 Freiwilligen ergaben, dass die mandelförmige Hirnregion in ihrer Aktivität nicht nur die emotionale Qualität des Geräuschs widerspiegelt, sondern auch dessen grundlegende akustische Eigenschaften. Dabei scheint sie in ein Netzwerk einbezogen zu sein, das Nervensignale zwischen ihr und dem auditorischen Kortex hin- und herschickt: Letzterer verarbeitet die wahrgenommenen Reize vor und überträgt das Resultat an die Amygdala. Diese erkennt daraufhin die typischen Merkmale eines unangenehmen Geräuschs und produziert die passende emotionale Bewertung – die sie dann wiederum dem Hörkortex zugänglich macht. Paradoxerweise erhöht sie so womöglich noch die Empfindlichkeit der Hörwahrnehmung.

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Auch auf welche Reizqualitäten das Emotionsareal besonders empfindlich reagiert, ergab das Experiment von Kumar und Kollegen. Die deutlichsten Reaktionen bei den Probanden erzielten die Wissenschaftler mit Geräuschen, die erstens nur wenig Modulation aufwiesen und zweitens in einem relativ hohen Frequenzbereich zwischen 2.000 und 5.000 Hertz lagen, in dem wir besonders gut hören.

Erschienen auf spektrum.de

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Warum wir auf diese Reize mit Gänsehaut und Abscheu reagieren, lässt sich allerdings immer noch nicht mit Sicherheit sagen. Vermutlich ähneln sie den Angst- und Notschreien unserer Artgenossen und werden daher vom Gehirn als "Gefahr im Verzug" interpretiert. Aus evolutionärer Sicht würde so nämlich nachvollziehbar, warum unser Gehirn eine derart starke Gefühlsreaktion produziert, wenn wir solche Hilfeschreie hören.

Bei der Amygdala handelt es sich um ein vergleichsweise ursprüngliches Hirnareal. Dass sie laut den Ergebnissen der aktuellen Studie offenbar einen eingebauten Merkmalsdetektor für Geräusche dieser Art mitbringt, untermauert schließlich die Annahme, dass es sich dabei um eine instinktive Reaktion handelt.

Erschienen auf spektrum.de

 
Leser-Kommentare
    • pappel
    • 18.10.2012 um 12:27 Uhr

    Ähnliches kann man bei Flugzeugen und Säuglingsgeschrei beobachten. Bei bestimmten Frequenzen reagiert das Gehirn einfach. Es ist nicht abzuschalten.
    Besonders bei der A320 Serie schön zu hören. Entsetzlicher Pfeifton den man nicht überhören kann. Ist zwar leicht abzuschalten (Stichwort: Wirbelgenerator A320), ist aber leider nicht gewollt (von Politik und Wirtschaft).
    Ist meiner Meinung nach ein schöner Ansatz der Lärmforschung. Wenn man Lärm nicht weg bekommt, sollte man ihn "angenehmer" klingen lassen.

    Eine Leser-Empfehlung
    • Mari o
    • 18.10.2012 um 13:07 Uhr

    Vor ein paar Jahren konnte ich Geigen und Cellogeschnarre geniessen.Je mehr Geqietsche und Geschnarre desto lieber.
    Seit ich auf einem Ohr sehr viel schlechter höre,nicht mehr.
    Gesunden Kinderohren macht das Kreidequietschen nicht viel
    aus.Nur uns Älteren geht alles auf die Nerven.

    • xNCx
    • 18.10.2012 um 13:23 Uhr

    Dass wir in den Frequenzbereichen, die Grundwellen der Schreie unserer Kleinkinder darstellen, besonders empflindlich und emotional eingefärbt sind, ist bekannt. In diesem Spektrum um die 4kHz liegt auch die größte Empflindlichkeit unseres Gehörnsinns. Interessant ist wohl der neuromedizinische Nachweis.

  1. An Schreie habe ich nicht gedacht. Mir tun diese Geräusche praktisch weh. Schmerz, nichts anderes als Schmerz.

  2. ... dass man jetzt wohl die dafür zuständige Schaltstelle im Gehirn gefunden hat.
    Betrachtet man die "Bodhrán" ( Trommel ) und eine tin whistle, hört man einem Dudelsack mit den Bordunpfeifen und der schrillen Spielpfeife, hört man sich die Querfflöten und die Basstrommeln an oder neuzeitlich den lungenerschütternden Dieselmotor eines Panzers und dessen schrilles Kettenquietschen an, so stellt man fest, dass das Prinzip schon seit langem bekannt ist. Das fängt schon beim Kreischen einer aufgeregten Affenhorde an.

  3. einige schon, aber nicht alle...
    Ich kenne genügend Menschen, denen die besagten Geräusche keinerlei Probleme bereiten.

    • yzzuf
    • 18.10.2012 um 21:42 Uhr

    Bei Ihrem Bericht, den Sie aus "Spektrum direkt" haben, fehlt die Liste der Geräusche die angenehm sind. Wenn Sie die komplette Liste durchlesen, werden Sie schnell merken, dass man 13 junge Studenten zur Prüfung genutzt hat. Denn bei den angenehmen Geräuschen steht der "Donner" an 3. Stelle. Fragen Sie mal Kriegskinder oder (Afghanistan-)Soldaten... Und bei den unangenehmen Geräuschen kommt "Kinderweinen". Da fragen Sie mal Mütter. Die werden Ihnen sagen - wenn ich höre, dass mein Kind weint weil es Schmerzen oder Kummer hat, dann bin ich betroffen. Wenn ich höre, dass mein Kind aus Trotz weint, muss ich mich zusammenreißen, damit ich nicht wütend werde.

    Kreidequietschen oder Metall an einer Flasche sind typische Studentengeräusche. Wenn Sie Erwachsene fragen, was ihren Ohren weh tut, dann kommen folgende Antworten: Laute, die auf Gewalt schließen lassen; lautes Streitgespräch; Donner!!; Knaller (weil sie an Schüsse erinnern); Sirenen usw. Als angenehme Laute nennen Ihnen die Erwachsenen: Wind der durch Blätter weht; Meeresrauschen; das leise Lachen eines geliebten Menschen usw.

    Und dass Geräusche auch Gefühle auslösen ist so alt wie die Menschheit. Und diese Untersuchung soll Wissenschaft sein?? Die Interpretation der Ergebnisse ist m.E. ebenso fragwürdig wie die Untersuchung selbst...

    • Martim
    • 18.10.2012 um 21:55 Uhr

    Die Studie ist leider weniger spannend als sie serviert wird. Tatsächlich kommt das Egebnis einer verstärkten Amygdala-Aktivation alles andere als überraschend. Dies lässt sich leicht daran vor Augen führen, dass das Fehlen der Aktivation dort, oder die Aktivation anderer Regionen, für ungläugiges Staunen (zumindest in den Fachkreisen) gesorgt hätte.

    Zweitens sind die Ergebnisse wenig informativ für die Erforschung des Informationsflusses im Gehirn. Ob die Amygdala durch das unangehme Geräusch aktiviert wird oder ob durch die Amygdala-Aktivation das Geräusch als unangenehm empfunden wird, all das wird (zumindest nach der Darstellung im Artikel, wie man fairerweise sagen muss) nicht beleuchtet. Dass Geräusche in bestimmten Frequenzbereichen als unangenehm empfunden werden, weiß man ja schon , wie bereits angemerkt, und dass nun die Amgdala-Aktivierung als"neurowissenschaftlicher" Beweis dafür herhalten muss, wäre die gefährlichste aller Schlussfolgerungen.

    Alles in allem etwas ärgerlich, damit bringt man die Neurowissenschaft zu Unrecht in Verruf.

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