ZEIT ONLINE: Die Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) stellt heute in Berlin eine Überblicksstudie zur Anpassung an den Klimawandel vor. Wer sie liest, bekommt den Eindruck, das Problem sei für Deutschland nicht besonders drängend . Gesellschaft und Wirtschaft hätten zunächst kaum etwas zu fürchten, die negativen Auswirkungen der Erderwärmung seien "beherrschbar". Stimmt das?

Hans von Storch: Vermutlich wird man viele nötige Anpassungsmaßnahmen nebenbei erledigen können – aber es gibt schon einige Themen, die eine echte Herausforderung darstellen.

ZEIT ONLINE: Was hat denn Deutschland vom Klimawandel zu erwarten ?

von Storch: Zunächst einmal wird es wärmer.

ZEIT ONLINE: Das klingt nicht gerade besorgniserregend.

von Storch: Der Spaziergänger im Wald oder der Urlauber an der Nordsee mag sich freuen. Aber für den Wald können höhere Temperaturen problematisch werden. Für unsere Küsten wird der Anstieg der Meeresspiegel ein gravierendes Problem – noch nicht in zwanzig Jahren, aber sicherlich zum Ende des Jahrhunderts. Für Norddeutschland ist zum Beispiel damit zu rechnen, dass die Sommer trockener und die Winter feuchter werden, dass wir stärkere Regengüsse bekommen, wofür die Kanalisation vieler Städte erst noch ausgelegt werden muss.

ZEIT ONLINE: Die Forschung warnt auch vor mehr Hitzewellen, während derer sich Städte extrem aufheizen. Das könnte auch gesundheitlich viele Menschen belasten …

Von Storch: … andererseits fallen ja beispielsweise in Marseille die Leute nicht um wie die Fliegen, weil es zu heiß ist. Irgendwie überleben die das ja auch! Insofern kann Hamburg mit steigenden Temperaturen durchaus klarkommen – wenn es entsprechend gemanagt wird.

ZEIT ONLINE: Weiß die Wissenschaft schon genug über den Klimawandel, um konkrete Anpassungsmaßnahmen vorschlagen zu können?

von Storch: Natürlich ist die Klimaforschung noch nicht am Ende, aber weitgehend unstrittig ist: Die erhöhte Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre führt zu einer Erwärmung. Steigt die Konzentration sehr stark, steigen auch die Temperaturen sehr stark. Diese Erwärmung wird einhergehen mit einer Veränderung des Meeresspiegels. Und so weiter. Wenn wir aber fragen, um wie viele Zentimeter der Meeresspiegel steigen wird oder wie große Teile der Antarktis oder Grönlands abschmelzen könnten – dafür müssen Wissenschaftler noch eine Weile forschen.

ZEIT ONLINE: Aber wie soll man die richtigen Deiche bauen, wenn noch niemand weiß, wie hoch das Meer steigt?

von Storch: Man kann vorsorgen, und zwar auf zweierlei Weise: Erstens durch das allgemeine Prinzip, sich künftige Möglichkeiten nicht zu versperren. In Schleswig-Holstein oder Hamburg zum Beispiel werden Küstenschutzanlagen bereits so gebaut, dass man sie später noch erhöhen oder verbreitern kann. Zweitens muss man schon heute eine öffentliche Diskussion darüber führen, welche Probleme der Klimawandel bringen  und wie der Mensch darauf reagieren könnte.

ZEIT ONLINE: Sie haben anfangs an der Acatech-Studie mitgearbeitet – sind dann aber mit drei anderen Klimaforschern unter Protest ausgestiegen. Warum?

von Storch: Ein fundamentaler Dissens zwischen uns und den Aussagen des Papiers besteht in der Einschätzung der Belastbarkeit der Ergebnisse der physikalischen Klimaforschung. Hier sind die wesentlichen Fragen weitgehend beantwortet, dies gilt insbesondere für die Perspektiven der weiteren Emission von Treibhausgasen. Bei mir kam hinzu, dass der Entstehungsprozess des Textes nicht nachvollziehbar war. Ich habe immer wieder Texte zugeliefert, die dann verändert wurden – wobei nicht klar war, wer da warum was ändert. Ein wirkliches Gespräch mit Leuten, die vielleicht andere Meinungen haben, gab es nicht.