EhrungChemie-Nobelpreis für zwei amerikanische Zellforscher

Robert Lefkowitz
 und Brian Kobilka
 haben erforscht, wie Körperzellen mit ihrer Umwelt kommunizieren. Ihre Arbeit hilft zu verstehen, wo Medikamente im Körper ansetzen. von 

Den diesjährigen Chemie-Nobelpreis teilen sich zwei amerikanische Wissenschaftler. Robert J. Lefkowitz und Brian K. Kobilka konnten zeigen, wie die Zellen des menschlichen Körpers miteinander und mit ihrer Umwelt kommunizieren. Das teilte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm mit . Die Erkenntnisse der beiden Mediziner helfen bis heute bei der Entwicklung von Medikamenten.

Der 69-jährige Lefkowitz forscht am Howard Hughes Medical Institute und am Duke University Medical Center im amerikanischen Durham. Der 56-jährige Kobilka lehrt molekulare und Zellphysiologie an der Medizinischen Fakultät der Stanford University in Kalifornien. Die Wissenschaftler werden gemeinsam dafür ausgezeichnet, dass sie G-Protein-gekoppelte Rezeptoren beschrieben haben. Das Wortungetüm beschreibt filigrane Strukturen an der Oberfläche von Körperzellen, die lebenswichtige Aufgaben erfüllen. Sie sorgen dafür, dass eine Zelle ihre Umgebung wahrnehmen und sich mit anderen Zellen austauschen kann.

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Im menschlichen Auge, der Nase und im Mund reagieren spezialisierte Zellen auf Licht, Gerüche und Geschmäcker. Im Inneren des Körpers müssen Zellen Signale von Hormonen wie Adrenalin und Serotonin aufnehmen. Diese Botenstoffe signalisieren dem Körper, ob wir aufgeregt sind, Angst empfinden oder müde werden. Doch wie genau gelangen diese Informationen zu den Abermilliarden von Körperzellen, aus denen der Mensch besteht?

Lefkowitz und Kobilka haben dies herausgefunden. Rezeptoren an der Oberfläche der Zellen leiten Signale etwa von Hormonen ins Innere weiter. Da die meisten Prozesse des Körpers sich auf diese Weise vollziehen, sind die Erkenntnisse der beiden Nobelpreisträger besonders für die Medizin von großer Bedeutung. Arzneimittel wie etwa Betablocker greifen bei Erkrankungen nämlich genau hier an. Sie blockieren die β-Adrenozeptoren der Zellen und hemmen so die Wirkung des Stresshormons Adrenalin. Damit senken sie etwa den Blutdruck und werden in Kliniken weltweit eingesetzt für Patienten mit Herzkrankheiten.

1968 entdeckte Robert Lefkowitz den β-Adrenozeptor mithilfe von radioaktivem Jod. Die Isotope heftete er an zahlreiche Hormone, um ihren Weg verfolgen zu können. In der Zellmembran offenbarte sich dann der Rezeptor. Damals war noch unbekannt, wie genau Körperzellen Signale von außen aufnehmen können. In den achtziger Jahren kam Brian Kobilka zu Lefkowitz' Forschungsteam dazu. Ihm gelang es schließlich, den Bauplan des β-Adrenozeptors im Erbgut aufzuspüren.

Beide Wissenschaftler entdeckten, dass der β-Adrenozeptor zu einer ganzen Familie von Rezeptoren gehört, die auf gleiche Weise funktionieren. So reagieren Körperzellen ganz ähnlich auf Hormone wie empfindliche Zellen im Auge auf Licht. Diese Rezeptor-Gruppe nennen Mediziner heute G-Protein-gekoppelt oder kurz GPCR. Bis zu 50 Prozent aller Medikamente greifen hier an, sagte Sven Lidin vom Nobelkomitee während der Bekanntgabe der Preisträger. Damit lieferten Lefkowitz und Kobilka die Grundlage, damit etwa passgenaue Arzneien mit weniger Nebenwirkungen entwickelt werden können.

Nobelpreise
Klicken Sie auf das Bild für Berichte rund um den Nobelpreis.

Klicken Sie auf das Bild für Berichte rund um den Nobelpreis.  |  © Berit Roald/AFP/Getty Images

Mit der Stiftung der Nobelpreise wollte der schwedische Forscher und Großindustrielle Alfred Nobel (1833-1896) einen Konflikt lösen, der sein Leben bestimmte: Der Erfinder des Dynamits konnte nicht verwinden, dass seine Entdeckung für den Krieg genutzt wurde.

Der engagierte Pazifist vermachte sein Vermögen schließlich einer Stiftung. Die Zinsen daraus sollten Preise für jene finanzieren, die "im vorhergehenden Jahr der Menschheit den größten Nutzen erwiesen haben".

Die Nobeljurys sind hingegen dazu übergegangen, Jahre, wenn nicht Jahrzehnte abzuwarten, um die Preise zu verleihen. Begründet wird dies damit, dass oft nicht so rasch klar ist, ob eine Leistung tatsächlich von derart großer Bedeutung ist, um sie mit einem Nobelpreis zu ehren.

Dotierung und Verleihung
Ihr Weg zur Medaille
Erfahren Sie mit einem Klick auf das Bild, was Sie tun müssen, um einen Nobelpreis zu gewinnen

Erfahren Sie mit einem Klick auf das Bild, was Sie tun müssen, um einen Nobelpreis zu gewinnen  |  © Sabine Hecher

Die Preise werden seit 1901 vergeben. Die Dotierung stieg von anfangs 150.800 schwedischen Kronen in den vergangenen Jahren auf 10 Millionen Kronen (rund 1 Million Euro). Ab 2012 reduziert sich die Summe allerdings um 20 Prozent, um auch künftig die Aufgaben der Stiftung finanzieren zu können. Damit ist der Preis nun mit 8 Millionen Kronen dotiert, umgerechnet rund 940.000 Euro.

Bis zu drei Menschen können sich einen wissenschaftlichen Preis teilen. Der Friedensnobelpreis wird auch an Organisationen verliehen.

Am Todestag Alfred Nobels, dem 10. Dezember, werden die Preise feierlich verliehen. Die Geehrten erhalten eine Urkunde und die goldene Medaille mit dem Konterfei des Stifters. Zusätzlich füllen sich die Konten der Ausgezeichneten mit dem Preisgeld, das versteuert werden muss. Gibt es mehrere Preisträger in einer Kategorie, wird es aufgeteilt.

Preisregen

Neben den eigentlichen Nobelpreisen wird seit 1969 eine Ehrung für Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel verliehen. Sie wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank gestiftet.

Seit 1980 vergibt die "Stiftung zur Auszeichnung richtiger Lebensführung" (Right Livelihood Award Foundation) die Right Livelihood Awards, die oft als Alternative Nobelpreise bezeichnet werden.

Die Preisträger für Physik und Chemie werden immer von der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften, die der Medizin vom Karolinska-Institut in Stockholm und die Literaturpreisträger von der Königlich-Schwedischen Akademie der Künste ausgewählt.

Die Friedenspreisträger bestimmt ein Ausschuss des norwegischen Parlaments in Oslo.

Bekanntgabe 2012

Traditionell werden jedes Jahr im Oktober zunächst die Geehrten in der Kategorie Medizin bekanntgegeben, gefolgt von Physik, Chemie, Literatur, Frieden und den Preisträgern der Auszeichnung der Schwedischen Reichsbank zu Ehren Alfred Nobels.

Die Termine 2012 im Überblick:

Montag, 08.10.2012, gegen 11:30 Uhr: Bekanntgabe der Medizinnobelpreisträger

Dienstag, 09.10.2012, gegen 11:45 Uhr: Bekanntgabe der Physiknobelpreisträger

Mittwoch, 10.10.2012, gegen 11:45 Uhr: Bekanntgabe der Chemienobelpreisträger

Donnerstag, 11.10.2012, gegen 13:00 Uhr: Bekanntgabe des Literaturnobelpreisträgers

Freitag, 12.10.2012, gegen 11:00 Uhr: Bekanntgabe der Friedensnobelpreisträger

Montag, 15.10.2012, gegen 13:00 Uhr: Bekanntgabe der Wirtschaftsnobelpreisträger

Die Nobelpreise gelten als höchste Auszeichnung für Wissenschaftler. Verliehen werden sie seit 1901. Die Ehrungen gehen auf das Testament des Großindustriellen und Wissenschaftlers Alfred Nobel zurück. Der Erfinder des Dynamits stiftete den Großteil seines Vermögens für die Auszeichnungen, die seinen Namen tragen. Er wollte damit die wichtigsten Entdeckungen, Erfindungen, Fortschritte, literarischen Werke und Friedensbemühungen einzelner Personen würdigen lassen.

2011 erhielt der Israeli Daniel Shechtman den Nobelpreis für Chemie. Der Materialforscher entdeckte 1982 die Quasikristalle, molekulare Strukturen, deren Existenz viele Wissenschaftler bis dahin für unmöglich hielten. Mit Shechtman ehrte die Nobeljury einen Forscher, der gegen alle Widerstände auf seinen Ergebnissen beharrte . Sie stellten sich letztlich als richtig heraus und Shechtman revolutionierte das Verständnis von Feststoffen.

Bereits am Montag und Dienstag wurde bekannt, wer mit dem Medizinnobelpreis und der Auszeichnung für Physik in diesem Jahr geehrt wird.

Die Nobelstiftung berichtet auch auf Twitter und Facebook über die Preisträger.

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Leserkommentare
  1. nur auf die drängendsten Fragen weiß niemand die richtigen Antworten und die drückendsten Probleme kann niemand lösen.
    Was bricht sich denn da eigentlich immer noch wieder Bahn?
    Die menschliche Eitelkeit, die Machtgier?

    • Chali
    • 10. Oktober 2012 12:53 Uhr

    ... Ärzte, Chemiker ...

    Har Sarrazon doch Recht?

    • QW
    • 10. Oktober 2012 14:05 Uhr

    haben eine Bachelor in Chemie. Mal schauen ob die Medien die Preistäger pauschal als Chemiker bezeichnen, obwohl es wäre prinzipiell richtig......

    Antwort auf "Chemie?"
    • ManRai
    • 10. Oktober 2012 15:57 Uhr

    Biologie ist Chemie, chemisch definierte Reaktionen laufe hier ab, sehr komplex und noch sehr unverstanden, aber wir haben ja noch 100e Jahre Zeit dafuer. Es gibt ehrungswuerdige Chemiker aber die Rezeptoren sind es auch wert. Und zu dem Kommentar, die Proteinforschung ist extrem wichtig und lange nicht beachtet, diese Dinger sind nun einfach mal die Chemiker in der Zelle, im Leben. Sie machen neue Molekuele (synthetische Biologie als Beispiel), aendern andere Molekuele/Proteine "Pathways" durch gezielte Reaktionen, basteln Proteine zusammen, schneller und besser als wir es im Labor koennen, also wo ist der Unterschied zwischen Chemie und Biologie. Und Biologie ist laengst nicht mehr das Beschreiben von Pflanzen (was eh Botanik). G-protein-coupled-receptors sind extrem wichtig und der Preis ist richtig

    • birma
    • 10. Oktober 2012 17:35 Uhr

    Menschliche Zellen haben keine Zellwände, das ist pflanzlichen Zellen vorbehalten. Ansonsten hoffe ich, dass morgen meine 11.Klasse im Biokurs Cytologie die Rezeptoren spannend findet, egal ob Bio oder Chemie!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Liebe(r) birma,

    vielen Dank für den Hinweis. Natürlich war hier die Zellmembran gemeint. Ich habe es im Text geändert. Viel Erfolg im Biokurs!

    Herzlich, Sven Stockrahm

  2. Redaktion

    Liebe(r) birma,

    vielen Dank für den Hinweis. Natürlich war hier die Zellmembran gemeint. Ich habe es im Text geändert. Viel Erfolg im Biokurs!

    Herzlich, Sven Stockrahm

    Antwort auf "klitzekleine Korrektur"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, afp
  • Schlagworte Alfred Nobel | Auszeichnung | Avatar | Körper | Shell AG | Kalifornien
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