Nutzlose Medikamente : "Vieles auf dem Markt ist nicht sorgfältig geprüft"

Nicht einmal die Hälfte von dem, was Ärzte verschreiben oder zur Behandlung tun, hat eine nachgewiesene Wirksamkeit, sagt Gesundheitsexperte Jürgen Windeler.

Frage: Jeden Tag werden Millionen Menschen therapiert, operiert, nehmen Medikamente. Von wie vielen dieser Maßnahmen wissen wir mit Sicherheit, dass sie mehr nützen als sie schaden?

Jürgen Windeler: Es gibt Schätzungen wonach der Nutzen für 30 bis 60 Prozent der Maßnahmen einigermaßen gut belegt ist. Aber das hängt auch davon ab, wie man zählt. Wenn man sich alle verfügbaren Methoden anguckt, dann schätze ich, dass der Nutzen für weniger als die Hälfte belegt ist.

Frage: Wie kann es sein, dass so viele Dinge gemacht und bezahlt werden, die möglicherweise keinen Nutzen haben?

Windeler: Das Problem ist: Nur weil ein Arzt etwas gemacht hat und es dem Patienten hinterher besser geht, ist das noch kein Beweis, dass das Mittel oder die Methode gewirkt hat. Dafür braucht man eine systematische Nutzenprüfung. Aber außer bei Arzneimitteln gibt es das so gut wie gar nicht. Darum ist vieles auf dem Markt, das nicht sorgfältig geprüft ist.

Frage: Was ist denn der schlagende Beweis, dass etwas nützt?

Windeler: Die zentrale Forderung ist ein Vergleich einer Methode mit einer anderen. Um das fair zu gestalten, müssen die Patienten zufällig auf die beiden Methoden aufgeteilt werden und Arzt und Patient dürfen nicht wissen, welche Methode bei wem eingesetzt wird. Wichtig ist auch, dass man sich am Ende anschaut, was für den Patienten wirklich wichtig ist. Also nicht ob sich ein Laborwert verändert oder ob das Knie einen Millimeter weniger anschwillt, sondern ob Patienten länger leben oder weniger Schmerzen haben.

Frage: Es gibt doch aber auch Arzneimittel, die schon lange zugelassen sind, wie etwa HES, die solche Anforderungen nie erfüllen mussten.

Windeler: Das ist ein großes Problem. Eine systematische Prüfung von Arzneimitteln gibt es erst seit Ende der 70er Jahre. Was damals schon auf dem Markt war, ist danach zwar über 20 Jahre aufgearbeitet worden, aber nicht so, wie es heutigen Standards entsprechen würde. Deshalb sind viele Arzneimittel unterwegs, die heute wohl nicht mehr zugelassen würden.

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Kommentare

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Dringend was dran ändern

Es gibt Fälle, die sich einer sauberen Doppelblind-Untersuchung entziehen (z.B. weil sie zu selten sind oder weil eine Placebo-Behandlung unpraktikabel ist).
Wenn solche Vorraussetzungen vorliegen, kann eine Behandlung auch mit lediglich theoretischer Begründung als sinnvoll anerkannt werden.
Ansonsten sollten Krankenkassen schlicht keine Behandlungen ohne erwiesenen Nutzen (und der Standard ist dort eben der Doppelblind-Versuch) bezahlen müssen.