Verhaltensforschung : Psychologisch gesehen bleibt Obama Präsident

Sprache, tiefe Stimme, markantes Gesicht – nur der Name klingt weniger gut: Geht es nach psychologischen Faktoren bei der US-Präsidentenwahl, liegt Obama klar vor Romney.
New Yorker verfolgen in Brooklyn das erste TV-Duell zwischen US-Präsident Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney. © Spencer Platt/Getty Images

Eigentlich geht es für die US-Amerikaner am 6. November um das künftige Gesundheitssystem, um Steuer- und Energiepolitik, Schwulenehe und Abtreibungsrecht. Doch aus Parteiprogrammen und politischen Absichtserklärungen lassen sich keine Wahlprognosen ableiten. Die Präsidentschaftswahlen ähneln vielmehr einem Popularitätswettbewerb auf der Highschool. Denn wer die Wahl gewinnt, lässt sich laut Forschern oft anhand von Äußerlichkeiten vorhersagen: Gestalt, Physiognomie und Stimmlage, aber auch die Biografien der einzelnen Bewerber verraten viel über ihre Erfolgschancen.

"Der persönliche Eindruck beim Wähler kann die rationalen Informationen aus politischen Statements überlagern", erläutert Stanford Gregory, Soziologieprofessor an der Kent State University in Ohio. Deshalb könne ein einzelnes Merkmal wie die Stimme der Kandidaten bei einer großen Zahl von unentschlossenen Wählern letztlich den Ausschlag geben.

Seit den frühen 1980er Jahren erforscht Gregory die Rolle der Stimme in der Kommunikation. Seine Grundidee: Das Frequenzband unterhalb von 500 Hertz transportiert Informationen über den sozialen Status von Gesprächspartnern. Am Beispiel von 25 Gästen der US-Talkshow "Larry King Live" hatte der Soziologe schon Mitte der 1990er Jahre nachgewiesen, dass sich rangniedere Personen in ihrer Stimmführung an ranghöhere anpassen. Sie verändern ihre Intonation – also den Tonhöhenverlauf – derart, dass sie sich dem des Statushöheren angleicht. Larry King orientierte seine Sprechweise an der von Interviewpartner Präsident George W. Bush, dessen Vize Dan Quayle aber seine Stimme an der des prominenten Talkmasters. Das Phänomen beruht auf der unbewussten menschlichen Neigung, einen kommunikativen Einklang herzustellen, so die Theorie. Doch der Statusniedere habe dies offenbar viel nötiger, und deshalb spiegle sich in der einseitigen Anpassung die soziale Rangfolge der Gesprächspartner.

Gregory und sein Kollege Stephen Webster überprüften die Rolle der Stimmgewalt 2002 am Beispiel von 19 TV-Duellen der Präsidentschaftskandidaten. Würde sich aus den Sprechmustern der spätere Wahlsieger herauslesen lassen? Die Aufnahmen umfassten alle acht Wahlen seit 1960, in deren Vorfeld solche Debatten stattgefunden hatten. Es funktionierte: Derjenige, der seine Stimme weniger an seinen Widerpart anglich, gewann schließlich auch die meisten Wählerstimmen. Einen kausalen Zusammenhang schließt Gregory allerdings aus. Beweist ein Kandidat in einer Debatte stimmliche Dominanz, so zeige sich darin vermutlich das aus guten Umfrageergebnissen gespeiste Selbstvertrauen.

Auch den amtierenden Präsidenten nahm Gregory schon unter die Lupe. 2008 analysierte er mit einem Kollegen drei Debatten zwischen den beiden Rivalen, den damaligen Senatoren John McCain und Barack Obama. Doch keiner der beiden entpuppte sich als klarer Sieger oder Verlierer. Allerdings fiel den Forschern auf, dass McCain in den ersten beiden Dritteln, Obama jedoch jeweils im letzten Drittel seine Stimme weniger an den Widersacher anpasste. Am Ende der Debatte fühlte sich der spätere Präsident offenbar stets schon als Sieger.

Aus Gehirn und Geist 11/2012

"Das könnte erklären, warum die Zuschauer den Eindruck hatten, dass Obama in den Debatten besser war", so Gregory. Die Dauer der Dominanz wäre demnach weniger bedeutsam als der Zeitpunkt, zu dem sie auftritt. Gregory spekuliert sogar, dass Obama diese Strategie absichtlich verfolgt haben könnte – ähnlich Muhammad Ali, der seinen Gegner oft zunächst durch scheinbare Unterlegenheit in Sicherheit wiegte, um am Ende umso unerwarteter zuzuschlagen.

Tiefe Stimmlage vermittelt Stärke

Um die Dominanz einer Stimme zu ermitteln, brauchen Forscher aber nicht unbedingt komplizierte Vergleiche. Ein ganz einfaches Merkmal spielt eine ebenso große Rolle: ihre Tiefe. Denn eine Stimme im unteren Frequenzbereich erzeugt bei den Zuhörern einen vorteilhaften Eindruck, wie eine kürzlich veröffentlichte Versuchsreihe zeigte. Ein Team um den Psychologen David R. Feinberg, Assistant Professor an der McMaster University im kanadischen Hamilton, manipulierte dazu Tonaufnahmen ehemaliger US-Präsidenten und spielte seinen studentischen Probanden jeweils eine tiefere und eine höhere Version vor. Knapp 80 Prozent empfanden den Kandidaten mit der tieferen Stimme als dominanter, und die meisten hielten ihn auch für attraktiver, vertrauenswürdiger, intelligenter und ehrlicher.

Eine Verwicklung in einen politischen Skandal erachteten sie für wahrscheinlicher, wenn es sich um Sprecher mit hoher Stimme handelte. Wie erwartet wollten mehr als zwei Drittel den Mann mit der tieferen Stimme wählen, egal ob die Zuhörer männlichen oder weiblichen Geschlechts waren und worüber sich der Sprecher gerade äußerte. Eine Zusatzinformation war hierbei aber von besonderer Bedeutung: Befand sich das Land zum Zeitpunkt des Wahlentscheids gerade im Krieg? Denn nur in Friedenszeiten begünstigte der Eindruck von charakterlicher Integrität, beispielsweise Ehrlichkeit, die Wahlentscheidung. Im Kriegsfall wählten die Probanden den Sprecher, dem sie mehr Dominanz zusprachen.

Schuld daran ist wohl unser evolutionäres Erbe. Denn tatsächlich lässt sich aus der Tiefe einer männlichen Stimme auf die Stärke des zugehörigen Oberkörpers schließen, berichteten Evolutionsforscher um Aaron Sell von der University of California in Santa Barbara. Kein Wunder also, dass sich eine Vorliebe für tiefe Stimmen durchgesetzt hat und dass gerade im Fall einer äußeren Bedrohung andere Kriterien in den Hintergrund treten.

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Schoene Forschung

Und wenn der Ausgang der Wahl erstmal mit 100% Genauigkeit vorausgesagt werden kann, brauchen wir nicht mehr zu Wahl gehen! Die Ergebnisse koennten eventuell schon Wochen vorher verkuendet werden. D.h. wir koennten uns vielleicht auch den Wahlkampf sparen. Wie klasse ist denn das?

Naja, ganz klar ist mir der Sinn solcher Forschung nicht. Muss er wohl auch nicht sein.