Es gab auch wissenschaftliche Kritik an Hibbings’ Studie. So wurde behauptet, eineiige Zwillinge würden von ihrem Umfeld anders behandelt als zweieiige und das verfälsche das Ergebnis. Genetiker hingegen überraschte das Ergebnis kaum. Schließlich zeigen ihre Untersuchungen seit 40 Jahren, dass die Gene die Persönlichkeit eines Menschen prägen.

Tatsächlich sind inzwischen zahlreiche Studien in Australien, Dänemark , Schweden und anderen Ländern zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Zuletzt erschien im September eine Analyse von Pete Hatemi und Rose McDermott in Nature Reviews Genetics . Darin haben sie alle Zwillingsstudien, die in den Jahren 1974 bis 2012 veröffentlicht wurden, zusammengefasst. Für die meisten politischen Themen fanden die Forscher einen großen genetischen Anteil.

Politisches Engagement schauen wir uns von den Eltern ab

Eine Ausnahme bildet interessanterweise die Parteizugehörigkeit. Sie wurde vor allem in den USA untersucht – und ob jemand Demokrat oder Republikaner wird, hängt offenbar in erster Linie davon ab, ob seine Eltern Demokraten oder Republikaner waren. "Parteizugehörigkeit ist vor allem sozial bestimmt", sagt Hibbing. Das Phänomen sei auch aus Religionen bekannt: Die meisten Menschen seien in der Kirche, der ihre Eltern angehörten, ihre religiösen Überzeugungen jedoch unterschieden sich häufig stark von denen der Eltern.

Ohnehin behauptet kein Forscher, dass es ein Gen für Konservatismus oder Sozialdemokratie gibt. Vermutlich haben Hunderte oder Tausende Gene einen Einfluss auf unsere politischen Überzeugungen. Und diese Gene geben dem Individuum lediglich eine Prädisposition mit, sie beeinflusst ein wenig, wie der Mensch die Welt sieht, wie er auf sie reagiert. Der Rest passiert ganz von allein.

Liberal oder Konservativ? - abhängig vom Rezeptorenmix im Gehirn

So sind zum Beispiel Menschen, die eine bestimmte Variante des Dopaminrezeptors D4 tragen und viele Freunde haben, liberaler als der Durchschnitt. Menschen, die diese Genvariante tragen, das ist aus anderen Untersuchungen bekannt, suchen häufiger nach neuen Erfahrungen. Zusammen mit einem großen sozialen Umfeld könnte das dazu führen, dass sie mehr verschiedene Erfahrungen machen, was wiederum dazu führen könnte, dass sie liberale Überzeugungen entwickeln. Andere Studien haben andere Botenstoffe im Gehirn wie NMDA, Serotonin oder Glutamat mit liberalen oder konservativen Überzeugungen verknüpft.

Der Neurowissenschaftler Gary Marcus hat vorgeschlagen, das Gehirn wie ein Buch zu sehen, dessen erster Entwurf während der Entwicklung des Embryos geschrieben werde. Kein Kapitel sei bei der Geburt fertig geschrieben, aber es bestehe auch keines, ob Sprache oder Moral, aus leeren Seiten.

In der Tat können bestimmte einschneidende Erfahrungen, wie eine Scheidung oder der Verlust des Jobs, die genetischen Prädispositionen überschreiben. Die meisten Erlebnisse ändern die politische Überzeugung aber nicht langfristig. Wie Lottogewinner, die nach einer kurzen Zeit des Glücks wieder zu ihrem üblichen Zufriedenheitslevel zurückkehren, scheint es auch eine robuste politische Prägung zu geben, zu der Menschen meist Zuflucht nehmen.

Politik und Evulotion hängen eng zusammen

Aber warum sollten Gene, die sich über Jahrmillionen verändert haben, um den Menschen an seine Umwelt anzupassen, überhaupt einen Einfluss auf politische Überzeugungen haben? Schließlich hat die Evolution unser Erbgut geformt, um das Überleben von unseren Jäger-Sammler-Vorfahren zu erhöhen. Und die hatten mit anderen Problemen zu kämpfen als Steuern und Wahlen. Was hat die Biologie mit der Ideologie zu tun?

Sehr viel, sagen Psychologen. Bei vielen politischen Fragen unserer Zeit geht es um dieselben Themen, mit denen sich schon unsere Vorfahren beschäftigen mussten: Fortpflanzung, Verteidigung, Kooperation, Überleben. So berührt Einwanderungspolitik die uralte Frage, wen wir als Teil unserer Gruppe akzeptieren, soziale Sicherungssysteme werfen die Frage auf, wie Ressourcen am besten aufgeteilt werden, und Außenpolitik beschäftigt sich maßgeblich mit dem Schutz der eigenen Gruppe gegen andere Gruppen.