Politische EinstellungDer Mensch wählt nach seinen Genen
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Die richtige politische Entscheidung kann ein Evoultionsvorteil sein

Jonathan Haidt hat fünf moralische Fundamente ausgemacht, auf denen unsere Werturteile gründen: Fürsorge, Fairness, Loyalität, Autorität und Reinheit. Für jedes dieser Module sieht Haidt gute evolutionäre Gründe. So habe die Evolution Frauen und Männer begünstigt, die der Anblick eines leidenden Kindes berührt und zum Handeln animiert (Fürsorge).

Ein Gerechtigkeitsempfinden sei wichtig gewesen, um in einer kooperativen Gemeinschaft nicht über den Tisch gezogen zu werden (Fairness) und Ekel vor Körperflüssigkeiten oder bestimmten Tieren habe Menschen davor geschützt, sich mit einer Krankheit anzustecken (Reinheit). Für Haidt sind die fünf Kategorien so etwas wie die Primärfarben unserer Moral. Aus ihnen lassen sich die verschiedensten Charaktere mischen – und offenbar ist genau das bei Liberalen und Konservativen der Fall. Während Liberale ihre politischen Überzeugungen vor allem aus Fairness und Fürsorge ableiten, werten Konservative alle fünf Module etwa gleich stark.

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Liberale Wähler bevorzugen sanfte Hunde

Liberale und Konservative (im amerikanischen Sinne) wünschen sich sogar ihre Hunde entsprechend dieser moralischen Matrix, sagt Haidt. Liberale wollten Hunde, die sanft seien (Fürsorge) und ihrem Herrchen nicht unterwürfig, sondern als Freund gegenüberstehen (Fairness). Konservative hingegen wollen von ihren Hunden auch Treue (Loyalität) und Gehorsam (Autorität).

Viele Studien bestätigen inzwischen, dass Konservative und Liberale die Welt mit unterschiedlichen Augen sehen. So konnten Hatemi und McDermott zeigen, dass Liberale sich bei politischen Bildern stärker auf Gesichter konzentrieren, während Konservative die Teile des Bildes länger anschauten, die patriotische Symbole zeigten, oder Gegenstände, die Furcht einflößen. Bei Anhängern konservativer Positionen ist das Gehirn oftmals anders aufgebaut als bei liberalen Menschen, zeigen Versuche mit einem Hirnscanner.

Konservative Wähler sind leichter zu schocken

In einer anderen Studie zeigten Forscher Testpersonen Bilder einer Wunde mit Maden oder einer Spinne, die über ein ängstliches Gesicht krabbelt, und maßen ihre körperlichen Reaktionen, wie den elektrischen Widerstand der Haut, der sich bei Erregung verändert. Menschen, die unter anderem für die Todesstrafe und Schulgebete waren, aber gegen schärfere Waffengesetze oder die Homoehe, zeigten eine deutlich höhere Schockreaktion als Menschen mit liberalen Überzeugungen. "Konservative reagieren offenbar von Natur aus stärker auf negative oder bedrohliche Reize. Das ist der Hauptunterschied."

Und er zeigt sich auch im Gehirn. Ryota Kanai vom University College London hat 90 Studenten im Hirnscanner untersucht. Testpersonen, die sich als sehr konservativ bezeichneten, hatten im Schnitt eine größere Amygdala. Die mandelförmige Struktur ist daran beteiligt, Bedrohungen zu erfassen und auf sie zu reagieren. "Anhand der Bilder konnten wir mit einer Trefferquote von 70 Prozent vorhersahen, ob eine Testperson liberale oder konservative Überzeugungen hegte", sagt Kanai.

Ob die Unterschiede im Gehirn Ursache oder Wirkung der politischen Einstellung sind, kann so eine Studie nicht klären. Aber sie bestätigt die Sicht der Psychologen, dass Konservative und Liberale die Welt unterschiedlich wahrnehmen.

"Wenn wir erkennen, dass Menschen, mit denen wir politisch nicht übereinstimmen, die Welt anders wahrnehmen als wir und nicht einfach blöd sind, vielleicht können wir dann auch wieder freundlicher miteinander sprechen", sagt Hibbing.

Unsere politische Gesinnung lässt sich auch ändern

Ohnehin gelten die Ergebnisse nicht für alle Wähler. Hibbing schätzt, dass am rechten und linken Rand des politischen Spektrums jeweils etwa 20 Prozent der Bevölkerung eine so starke politische Prägung haben, dass ihre Meinung kaum zu ändern ist. "Aber in der Mitte gibt es viele Menschen mit sich widersprechenden Prädispositionen, die für die eine oder andere Seite gewonnen werden können."

Zu ihnen gehören die begehrten "swing voters ", auf die Obama und Romney ihre Arbeit konzentrieren. Und dann gibt es noch die Nichtwähler. Der Forscher John Dawes hat die Daten eines Zwillingsregisters in Kalifornien mit den Wahldaten von Los Angeles verglichen. Auch hier zeigten sich starke Unterschiede zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Ob wir überhaupt wählen gehen, hänge zu 60 Prozent von unseren Genen ab, folgerte Dawes.

Studien in anderen Ländern haben Menschen untersucht, die an Demonstrationen teilnehmen oder an ihren Abgeordneten schreiben, und sind zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Mancher Mensch ist offenbar von Natur aus kein politisches Tier.

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Leserkommentare
  1. "Der Mensch entscheidet nicht frei über seine politische Vorliebe. Das Erbgut mischt mit, es beeinflusst die Persönlichkeit."

    Das ist so ungefähr auf einem Level mit "Wir haben keinen freien Willen, unser Gehirn entscheidet für uns". Es gibt mich nicht unabhängig von meinem Gehirn, ebensowenig wie es mich unabhängig von meinem Erbgut gibt. Es gibt nicht mich und dann zusätzlich noch das Gehirn, das Erbgut und was sonst noch alles in meine Entscheidungen reinpfuschen soll. Ich bin ich und wärs nicht, hätte ich kein Erbgut und kein Hirn.

    21 Leserempfehlungen
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    • Jalella
    • 06. November 2012 11:25 Uhr

    Denn er wirft das philosophische Problem auf, ob wir überhaupt einen freien Willen haben. Und wenn ja: Wer ist es dann, der den freien Willen hat, wenn es nicht z.B. das Gehirn ist. Danke! Bei den Genen haben die Menschen diese Problem nicht, weil man den Genen ohnehin keinen freien Willen zubilligt (natürlich zurecht), während das Gehrin ja im Verdacht steht, frei entscheiden zu können.

    • Jalella
    • 06. November 2012 11:25 Uhr

    Doppelpost. Die Redaktion/se

  2. Ob es nun die Gene sind oder die nachhaltige Beeinflussung durch die Herkunftsfamilie, es scheint tatsächlich so zu sein, dass sich das Wahlverhalten spätestens im höheren Lebensalter dem der Eltern angleicht, auch wenn aus Trotz oder Opposition gegen elterliche Bevormundung lange Zeit gewählt wurde. Bei mir stelle ich jedenfalls diese Tendenz fest fest.

    Eine Leserempfehlung
    • Gerry10
    • 05. November 2012 14:50 Uhr

    ...woher kommt dann der politische Extremismus? Auch aus den Genen? Ist Nationalsozialismus dann evt doch eine Krankheit bzw. eine Mutation?
    Und wie steht das mit linker Politik die es erst seit der industriellen Revolution gibt?
    Das Gene einen Einfluss auf die Persönlichkeit haben, ist logisch, aber auf die politische Einstellung, dass wage ich mal zu bezweifeln...

    3 Leserempfehlungen
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    • GDH
    • 05. November 2012 16:46 Uhr

    Sie schreiben:
    "Das Gene einen Einfluss auf die Persönlichkeit haben, ist logisch, aber auf die politische Einstellung, dass wage ich mal zu bezweifeln..."

    Daraus folgt dann aber logisch zwingend, dass Sie glauben, dass die Persönlichkeit keinen Einfluss auf die politische Einstellung hat (sonst würde aus dem ersten Halbsatz folgen, was Sie im zweiten bezweifeln).
    Meinen Sie das wirklich so?

    • Anna L.
    • 05. November 2012 14:50 Uhr

    Das erklärt so einiges. Zum Beispiel, warum der Michel trotz schlechter Erfahrungen mit den Einheitsparteien und heftigem Gemeckere immer wieder seine "Schlächter" wählt. Der Michel kann nix dafür, er wird durch seine Gene fremdgesteuert! ;-)

    6 Leserempfehlungen
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    jammern, maulen, nichts tun und auf die Gene schieben. Was
    ist nur von den stolzen Germanen übrig geblieben? die
    Intelligenz ist wohl die gleiche geblieben, Kraft und Stolz
    hat er sich abgewöhnen lassen, die Hörigkeit welche ihm im
    preusischen Reich eingepleut wurde, hat sich tief in seine
    Gene übertragen (;>))))); tolle Leistung der Wissenschaft!
    Wissen schafft Macht, manchmal bis zur Verblödung derer welche
    uns ihr Wissen unterjubeln möchten. Meine Selbstachtung,
    Selbst-Erkenntnis und Selbstbestimmung sind nicht meinen
    Genen zu verdanken, sondern meiner analytischen Logik und
    meiner Intelligenz.
    Und nun lieber Deutscher Michl, wie entscheidest DU DICH?

  3. Anders kann ich mir es nicht erklären der einzige Liberale in einer erzkonservativen Familie zu sein ;)

    6 Leserempfehlungen
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    .
    Da fiele mir aber auf den Schlag statt der Adoption noch ein anderer, viel verbreiteterer Weg ein zum genetisch-neuronalen Upgrade fort vom erzkonservativen ...

    Dass bestimmte politische Halsstarrigkeiten genetisch bedingt sein müssen weil's einfach keine rationale Erklärung dafür gibt leuchtet aber durchaus ein.

    >>Ich bin anscheinend adoptiert!

    Anders kann ich mir es nicht erklären der einzige Liberale in einer erzkonservativen Familie zu sein ;)<<

    Und das hätten Sie nie herausgefunden ohne diese genialen Genetiker ;-)

    Mir geht's ähnlich: geboren und aufgewachsen im Ruhrpott, politisch also quasi traditionell SPD-mäßig geprägt. Aber mein älterer Bruder wählt doch tatsächlich konservativ - unglaublicher Skandal!
    Und meine jüngste Cousine erst - die ist doch tatsächlich nicht Fan des BVB, sondern von diesem anderen Fußballverein, den es da gerüchteweise noch geben soll.
    Auch da muß also irgendwas gewaltig schiefgelaufen sein :D

    Natürlich beeinflußen Gene in einem gewissen Maß die Entwicklung der Persönlichkeit, das ist ja irgendwo logisch.

    Aber das der Mensch und vor allem seine politische Meinung wohl eher von seiner Umgebung geprägt und seinen Lebenserfahrungen geprägt wird, sollten doch auch diese Genetiker inzwischen mal mitbekommen haben?
    Wenn man in armseligen Verhältnissen aufwächst, wird man wohl niemals Wähler der Partei 'Lobbyismus für Reiche'.

    Schließlich gibt es kein Gen für das Schicksal.

  4. Ich bin - und das sage ich tatsächlich als Naturwissenschaftlerin - mehr als nur die Summe meiner Gene.

    Meine politische Meinung habe ich mir in tausenden von Diskussionen gebildet. Oh und ja, wenn jemand wirklich überzeugende Argumente hatte, habe ich mich auch überzeugen lassen. Eine politische Einstellung ist in meinen Augen eher ein Reifeprozess - und eben nicht angeboren, sondern muss erarbeitet werden.

    Die entscheidende Frage ist doch die: Diskutiere ich nur, um meine eigene Meinung durchzusetzen oder bin ich in der Lage, meinem Gegenüber zuzuhören und bereit, über seine Ansichten wenigstens einmal nachzudenken.

    6 Leserempfehlungen
  5. hat Herr Kupferschmidt leider nicht erwähnt, weshalb er hier nachgetragen sei -> http://www.sueddeutsche.d...

    7 Leserempfehlungen
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    • Trypsin
    • 06. November 2012 11:03 Uhr

    #7
    Der Beitrag hat mich gerade sehr glücklich gemacht!!! :-)

    Mein Ex-Kollege ist extrem erzkonservativ und ich hab seine verbohrten Ansichten nie verstanden. Aber der Artikel in der Sueddeutschen erklärt es ja teilweise, wieso das so ist.

  6. Die Erkenntnis, dass unser Erbgut unsere Einstellungen beeinflusst ist in etwa so revolutionär, wie die Erkenntnis, dass unser Gehirn unsere Einstellungen beeinflusst.
    Unser Erbgut organisiert die individuelle Entwicklung der Strukturen und Funktionen unseres Gehirns! Und da jeder Mensch über ein einzigartiges Erbgut verfügt (außer eineiigen Zwillingen) verfügt auch jeder über ein einzigartiges Gehirn.
    Viel spannender ist die weiterführende Frage, über welchen Mechanismus unser Erbgut/unser Gehirn unsere Einstellungen beeinflusst. War im ersten Teil des Artikels noch über Dopamin-Rezeptoren zu lesen, dessen individuelle Verteilung im Gehirn liberale Einstellungen beeinflusst (wahrscheinlich über das bevorzugte Ausleben individueller Lust/individueller Ziele) zieht Herr Haidt später fünf moralische Fundamente aus dem Hut, die (ebenfalls) einen evolutionären Hintergrund haben sollen: Fürsorge, Fairness, Loyalität, Autorität. Gerade diese vermittelnden Mechanismen (Grundbedürfnisse/implizite Motive) sind jedoch wissenschaftlich viel zu wenig untersucht, um hier fundierte Aussagen machen zu können. Aus diesem Grund ist jede Interpretation an dieser Stelle äußerst unsicher und anfällig für subjektive (politische?) Interessen.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Einstellung | Erbgut | Gehirn | Genetik | Regierungssprecher | Studie
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