Zwei neue Raketen und ein halbes Raumschiff. Das sind die wesentlichen Ergebnisse des Milliardenpokers von Neapel . Dort hatten am Dienstag und Mittwoch Vertreter der 20 Mitgliedstaaten der europäischen Raumfahrtagentur Esa über die Schwerpunkte der nächsten Jahre diskutiert – und über deren Finanzierung. Rund zehn Milliarden Euro wurden am Konferenztisch symbolisch hin- und hergereicht.

Das Prinzip ist so einfach wie unerbittlich: Jedes Vorhaben, vom neuen Wettersatelliten bis zu speziellen Erdbeobachtungsmissionen, wird aufgerufen und die Delegationen der Esa-Länder sagen, mit wie viel Geld sie dieses unterstützen wollen. Reichen die Finanzen, geht es los, ansonsten eben nicht. Natürlich wurden vorher entsprechende Allianzen geschmiedet, in manchen Punkten wurde bis zuletzt gefeilscht.

Dahinter stecken handfeste industriepolitische Interessen, wie das Beispiel der Ariane-Rakete zeigt. Deutschland wollte, dass das aktuelle Modell zur Ariane-5 ME (Midlife Evolution) weiterentwickelt wird, die eine wiederzündbare Oberstufe erhält. Die Kompetenzen dafür liegen – wenig überraschend – vor allem bei deutschen Firmen, die dann auf millionenschwere Aufträge hoffen könnten. Frankreich favorisiert eine völlig neue Ariane-6 und möchte damit seinen Industrie- und Forschungskapazitäten für Feststofftriebwerke neuen Schub geben.

Am Ende gab es einen Kompromiss. "Wir werden die Ariane-5 ME weiterentwickeln und streben einen Erstflug für 2017 an", sagte Johann-Dietrich Wörner, Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ( DLR ). Doch auch die Ariane-6 werde weiterverfolgt. Sie soll kleiner sein als die bisherigen Trägerraketen und frühestens 2021 starten können. Dabei solle möglichst die wiederverwendbare neue Oberstufe der Ariane-5 ME auf die neue Trägerrakete aufgesteckt werden, sagte der Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung , Peter Hintze ( CDU ).

Die Esa beteiligt sich am Nasa-Raumschiff Orion

Für das gesamte Ariane-Paket werde Deutschland in den kommenden zwei Jahren mehr als 200 Millionen Euro aufbringen, sagte DLR-Chef Wörner. Langfristig kommt das Geld wieder zurück, denn die Esa vergibt die meisten Aufträge nicht nach dem Wettbewerbsprinzip in ihre Mitgliedsländer, sondern je nachdem, wie hoch die Beitragszahlungen sind. Und da führt Deutschland mit insgesamt mehr als 740 Millionen Euro (2011) vor Frankreich und Italien .

Zweiter großer Streitpunkt war die europäische Beteiligung an der Internationalen Raumstation ISS. Bis 2017 ist die "Eintrittskarte" bezahlt, unter anderem durch die fünf Versorgungsflüge mit dem unbemannten Raumfrachter ATV (Automated Transfer Vehicle) . Für die Zeit bis 2020 wären 450 Millionen Euro fällig geworden. Die US-Weltraumagentur Nasa hatte alternativ angeboten, dass die Esa ihren Anteil bargeldlos in Form von Technologieentwicklung begleicht: Europa soll die Technik aus dem ATV für ein Servicemodul des zukünftigen Nasa-Raumschiffs Orion MPCV (Multi Purpose Crew Vehicle) weiterentwickeln. Dieses Raumschiff soll 2021 erstmals bemannt fliegen. Als Ziele werden der Mond, ein erdnaher Asteroid und später der Mars gehandelt. Das Servicemodul hängt an der eigentlichen Astronautenkapsel und besorgt den Antrieb und die Steuerung der technischen Systeme.

Deutschland, maßgeblich an der Entwicklung des ATV beteiligt, war für den Orion-Deal. Bei der Kooperation mit der Nasa könnten die ATV-Fachleute, etwa bei Astrium in Bremen , eine führende Rolle spielen. Frankreich hingegen zeigte sich zunächst ablehnend, doch im Zuge der Ariane-Diskussionen einigte man sich auch hier. Demnach wird ein wichtiger Teil des neuen Nasa-Raumschiffs aus Europa kommen.

Insgesamt sei er mit dem Ausgang der Esa-Ministerratskonferenz zufrieden, sagte der DLR-Vorstandsvorsitzende Wörner. "Für die europäische Raumfahrt ist es auch in diesen Zeiten knapper Kassen gut gelaufen." Beispielsweise wurde der Weg freigemacht für die zweite Generation von Wettersatelliten der "Metop"-Reihe. Sie sollen von 2020 an Wettervorhersage und Klimaforschung verbessern. Auch das Wissenschaftsprogramm der Esa wird fortgeführt. In den nächsten zehn Jahren sollen sieben Missionen zur Erforschung des Weltraums und der Planeten starten.

Erschienen im Tagesspiegel