VerhandlungenDer Poker um Europas Zukunft im All ist entschieden

Der Zehn-Milliarden-Euro-Deal steht: Die Mitgliedsländer der europäischen Raumfahrtagentur Esa wollen die Ariane-Rakete weiterentwickeln und bei der Nasa einsteigen. von Ralf Nestler

Eine Ariane-5-Rakete startet im Juli 2012 vom europäischen Weltraumbahnhof in Kourou in Französisch-Guayana.

Eine Ariane-5-Rakete startet im Juli 2012 vom europäischen Weltraumbahnhof in Kourou in Französisch-Guayana.  |  © Jerome Valette/AFP/Getty Images

Zwei neue Raketen und ein halbes Raumschiff. Das sind die wesentlichen Ergebnisse des Milliardenpokers von Neapel . Dort hatten am Dienstag und Mittwoch Vertreter der 20 Mitgliedstaaten der europäischen Raumfahrtagentur Esa über die Schwerpunkte der nächsten Jahre diskutiert – und über deren Finanzierung. Rund zehn Milliarden Euro wurden am Konferenztisch symbolisch hin- und hergereicht.

Das Prinzip ist so einfach wie unerbittlich: Jedes Vorhaben, vom neuen Wettersatelliten bis zu speziellen Erdbeobachtungsmissionen, wird aufgerufen und die Delegationen der Esa-Länder sagen, mit wie viel Geld sie dieses unterstützen wollen. Reichen die Finanzen, geht es los, ansonsten eben nicht. Natürlich wurden vorher entsprechende Allianzen geschmiedet, in manchen Punkten wurde bis zuletzt gefeilscht.

Dahinter stecken handfeste industriepolitische Interessen, wie das Beispiel der Ariane-Rakete zeigt. Deutschland wollte, dass das aktuelle Modell zur Ariane-5 ME (Midlife Evolution) weiterentwickelt wird, die eine wiederzündbare Oberstufe erhält. Die Kompetenzen dafür liegen – wenig überraschend – vor allem bei deutschen Firmen, die dann auf millionenschwere Aufträge hoffen könnten. Frankreich favorisiert eine völlig neue Ariane-6 und möchte damit seinen Industrie- und Forschungskapazitäten für Feststofftriebwerke neuen Schub geben.

Anzeige

Am Ende gab es einen Kompromiss. "Wir werden die Ariane-5 ME weiterentwickeln und streben einen Erstflug für 2017 an", sagte Johann-Dietrich Wörner, Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ( DLR ). Doch auch die Ariane-6 werde weiterverfolgt. Sie soll kleiner sein als die bisherigen Trägerraketen und frühestens 2021 starten können. Dabei solle möglichst die wiederverwendbare neue Oberstufe der Ariane-5 ME auf die neue Trägerrakete aufgesteckt werden, sagte der Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung , Peter Hintze ( CDU ).

Die Esa beteiligt sich am Nasa-Raumschiff Orion

Für das gesamte Ariane-Paket werde Deutschland in den kommenden zwei Jahren mehr als 200 Millionen Euro aufbringen, sagte DLR-Chef Wörner. Langfristig kommt das Geld wieder zurück, denn die Esa vergibt die meisten Aufträge nicht nach dem Wettbewerbsprinzip in ihre Mitgliedsländer, sondern je nachdem, wie hoch die Beitragszahlungen sind. Und da führt Deutschland mit insgesamt mehr als 740 Millionen Euro (2011) vor Frankreich und Italien .

Zweiter großer Streitpunkt war die europäische Beteiligung an der Internationalen Raumstation ISS. Bis 2017 ist die "Eintrittskarte" bezahlt, unter anderem durch die fünf Versorgungsflüge mit dem unbemannten Raumfrachter ATV (Automated Transfer Vehicle) . Für die Zeit bis 2020 wären 450 Millionen Euro fällig geworden. Die US-Weltraumagentur Nasa hatte alternativ angeboten, dass die Esa ihren Anteil bargeldlos in Form von Technologieentwicklung begleicht: Europa soll die Technik aus dem ATV für ein Servicemodul des zukünftigen Nasa-Raumschiffs Orion MPCV (Multi Purpose Crew Vehicle) weiterentwickeln. Dieses Raumschiff soll 2021 erstmals bemannt fliegen. Als Ziele werden der Mond, ein erdnaher Asteroid und später der Mars gehandelt. Das Servicemodul hängt an der eigentlichen Astronautenkapsel und besorgt den Antrieb und die Steuerung der technischen Systeme.

Deutschland, maßgeblich an der Entwicklung des ATV beteiligt, war für den Orion-Deal. Bei der Kooperation mit der Nasa könnten die ATV-Fachleute, etwa bei Astrium in Bremen , eine führende Rolle spielen. Frankreich hingegen zeigte sich zunächst ablehnend, doch im Zuge der Ariane-Diskussionen einigte man sich auch hier. Demnach wird ein wichtiger Teil des neuen Nasa-Raumschiffs aus Europa kommen.

Insgesamt sei er mit dem Ausgang der Esa-Ministerratskonferenz zufrieden, sagte der DLR-Vorstandsvorsitzende Wörner. "Für die europäische Raumfahrt ist es auch in diesen Zeiten knapper Kassen gut gelaufen." Beispielsweise wurde der Weg freigemacht für die zweite Generation von Wettersatelliten der "Metop"-Reihe. Sie sollen von 2020 an Wettervorhersage und Klimaforschung verbessern. Auch das Wissenschaftsprogramm der Esa wird fortgeführt. In den nächsten zehn Jahren sollen sieben Missionen zur Erforschung des Weltraums und der Planeten starten.

Erschienen im Tagesspiegel

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Als jemand, der in dieser Branche tätig ist, hatte ich ein wenig mitgefiebert. Besonders, da ich weiß, wie wichtig das ATV und die neue Oberstufe für die Ariane 5 ME für uns, aber auch für die Raumfahrt im Allgemeinen ist.

    Auf Grund der aktuellen Krise ist es natürlich für den Ottonormalverbraucher nur schwer nachvollziehbar, dass Europa solche Summen in die Raumfahrt investiert. Man sollte aber nie vergessen, wieviele Jobs an diesen Projekten hängen und wieviel die dort entwickelten Technologien unser Leben auf Dauer verbessern. Abgesehen von der, für mich, unglaublich spannenden Aufgabe, die unendlichen Weiten zu erkunden!

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Afa81
    • 22. November 2012 10:58 Uhr

    Also, wenn ich mir politische Entscheidungen so ansehe, finde ich 10 Mrd. aus 20 Staaten die für die nächsten 10 Jahre verplant werden, nicht viel.
    Wenn davon auch unsere Wetterprognosen usw. abhängen, muss man auch mal was investieren, wenn man in Punkto Raumfahrt nicht total von Russland und/oder den USA abhängig sein möchte.

    Somit scheint mir die Raumfahrt im Moment billiger als die zivile Luftfahrt (5 Mrd. Euro für den BER in Berlin).

  2. @ schwarz-weis: Die ESA hat _NICHTS_ mit der EU zu tun.

    Die ESA ist eine freiwillig gegründete, von der EU vollkommen unabhängige, Organisation. Nicht alle EU-Mitglieder sind ESA-Mitglieder. Und nicht alle ESA-Mitglieder sind EU-Mitglieder (so ist z.B. auch die Schweiz ESA-Mitglied).
    Bitte informieren Sie sich, bevor Sie derlei Anschuldigungen posten.

    Zum Rest: Sollen wir mit Forschung so lange warten, bis wir mit Straßenverkehrsregeln (?!) fertig sind, oder was? Und dann exportieren wir bald nur noch Weizen und Äpfel, wie Griechenland, denn bis dahin ist die HighTech-Industrie in Europa tot und alles KnowHow abgewandert. KnowHow muss erhalten und gepflegt werden, deswegen muss auch in Zeiten knapper Kassen langfristig gedacht werden. Und Satelliten werden immer gebraucht werden.

    6 Leserempfehlungen
    • PGMN
    • 21. November 2012 21:27 Uhr

    Ich hätte es zwar gerne gesehen, hätte man sich entschlossen, ein eigenes Raumschiff zu entwickeln und damit die Konstruktionsvorgaben der Ariane 5 auszunutzen, aber der erreichte war wohl der bestmögliche realistische Ausgang.

    Ein nennenswerter Technologietransfer wird zwar wohl kaum stattfinden, aber die Beteiligung am Orion-Programm bedeutet zumindest, dass Europa bei den zukünftigen Projekten, Mond, vielleicht auch Mars, sich nicht mit einem Stehplatz zufrieden geben muss.

    Auch der Weiterentwicklung der Ariane 5 und die Neuentwicklung der Ariane 6 sehe ich mit Freude entgegen, verspricht beides technologische Neuerung und weniger Abhängigkeit von russischer Technologie (trotzdem in der Hoffnung, dass unsere russischen Freunde ihre Zeit der Probleme bald überwinden).

    Da sich die amerikanische Raumfahrt in einer Phase der Abkühlung befindet und die chinesische noch im Aufbau ist, kann sich Europa endlich auf die Aufholjagd machen.

  3. 4. Prima

    Die technischen Entwicklungen und die Arbeit sind das Eine.
    Ich finde das Andere besonders Prima:
    Eine "Einigung".

  4. Interessant, ist auch das was im Artikel nicht vorkommt.

    Findet man hier:
    http://www.aargauerzeitun...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • DerDude
    • 22. November 2012 11:34 Uhr

    Da haben sich ja zwei gefunden ;-)

  5. endlich mal positive nachrichten in dieser richtung.
    ich hoffe nur das sie das wirklich durchziehen.
    & dann gehts endlich ab zum MARS!! wuhu :)
    dauert leider noch nen bisschen, aber dann :)
    schade das sich nicht alle weltraumbehörden miteinander verbünden und zusammenarbeiten, dann würde man noch viel mehr schaffen bestimmt. aber anderseits ist glaub ein bisschen konkurrenzdenken auch net schlecht.. für den anfang.

  6. Toll wer hier unkt ueberschaut garnicht wieviel Jobs, Wissen und Farschung da dran haengt. Super

    • Afa81
    • 22. November 2012 10:58 Uhr

    Also, wenn ich mir politische Entscheidungen so ansehe, finde ich 10 Mrd. aus 20 Staaten die für die nächsten 10 Jahre verplant werden, nicht viel.
    Wenn davon auch unsere Wetterprognosen usw. abhängen, muss man auch mal was investieren, wenn man in Punkto Raumfahrt nicht total von Russland und/oder den USA abhängig sein möchte.

    Somit scheint mir die Raumfahrt im Moment billiger als die zivile Luftfahrt (5 Mrd. Euro für den BER in Berlin).

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Bundesregierung | CDU | Nasa | Poker | Asteroid | Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt
Service