Intelligenzforschung : Wird die Menschheit immer dümmer?

Ein US-Wissenschaftler widerspricht der gängigen Intelligenzforschung: Die Klugheit der Menschen nehme seit Jahrtausenden ab, sagt er. Doch seine Thesen sind gewagt.

Die durchschnittliche Intelligenz der Menschheit schwinde allmählich – das behauptet ein amerikanischer Forscher. Seine Begründung: Vor Tausenden Jahren, als die Menschen noch in kleinen Gruppen durch die Wildnis streiften, seien intellektuelle Fähigkeiten zum Überleben viel essenzieller gewesen als heute.

Als Begründung führt der Entwicklungsbiologe und Genetiker Gerald Crabtree genetische Analysen zur Evolution des Erbguts an. Seit die Menschheit Ackerbau betreibe und in größeren Gemeinschaften zusammenlebe, sei die Intelligenz des Einzelnen weniger entscheidend, schreibt der Forscher von der kalifornischen Stanford-Universität im Wissenschaftsmagazin Trends in Genetics . Eine Studie hat er dazu nicht gemacht. Seine Ansichten sind als Kommentar erschienen, indem er Studien zu genetischen Analysen des menschlichen Erbgutes interpretiert.

Es sind also keine Forschungsergebnisse, sondern Ansichten, die Crabtree formuliert. Und die stechen in ein Wespennest. Denn die Frage, was Intelligenz überhaupt ist, ob, und wenn ja wie sie gemessen werden kann und welche Rolle Vererbung und Bildung spielen – all das ist heftig umstritten. Zuletzt flammte die Intelligenz-Debatte wieder auf, als der ehemalige Berliner Finanzsenator und Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin krude Thesen zur Intelligenz verbreitete. Welche Gene bei der Intelligenz eine Rolle spielen und zu wie viel Prozent das Erbgut Einfluss hat – zu all diesen Fragen gibt es widersprüchliche Studien. Wie die Gene zusammenwirken, weiß man bis heute nur ansatzweise .

Der Stanford-Forscher Crabtree legt sich dagegen recht deutlich fest. Er schreibt, die menschliche Intelligenz hänge von rund 2.000 bis 5.000 Genen ab. Diese Erbanlagen für das Gehirn seien besonders anfällig für Mutationen. Neben des Intellekts hätten diese Gene auch Einfluss auf Emotionen.

Intelligenz soll fürs Überleben nicht mehr so wichtig sein

Crabtree vermutet, dass die Menschheit in den vergangenen 120 Generationen – ein Zeitraum von rund 3.000 Jahren – Schritt für Schritt an Intelligenz einbüßte. Crabtree ist überzeugt: Bekämen wir heutzutage Besuch von einem Bürger aus dem antiken Griechenland , so wäre der Zeitreisende uns intellektuell weit überlegen. Er wäre einfallsreicher und hätte ein besseres Gedächtnis.

Die These dahinter: Wer sein Gehirn früher nicht nutzte, konnte sich nicht ernähren oder vor wilden Tiere schützen. Nur die Klügsten überlebten. Dieser Selektionsdruck ließ die menschliche Intelligenz – zumindest im Durchschnitt – stetig steigen.

Nach der Entwicklung der Landwirtschaft lebten Menschen dagegen in größeren Gruppen zusammen, die auch schwächere Individuen unterstützten. Wichtiger als die Intelligenz war nun laut Crabtree für den Einzelnen die Eigenschaft, sich vor Krankheiten zu schützen, die in größeren Gruppen häufiger auftreten.

Crabtree widerspricht damit Studien, denen zufolge der durchschnittliche Intelligenzquotient seit Anfang des 20. Jahrhunderts von Generation zu Generation stieg. Dieses Phänomen wurde nach dem Intelligenzforscher James Robert Flynn als Flynn-Effekt bekannt.

Er war es allerdings auch, der 2008 in einem Interview im ZEIT Wissen-Magazin zum wiederholten Male auf einen ganz wichtigen Streitpunkt in der Intelligenzforschung hinwies: Es sei dumm, "IQ-Tests mit dem zu verwechseln, was Menschen unter Intelligenz verstehen". Flynn sagte damals außerdem: "Mich langweilt der Begriff Intelligenz. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass unsere Gehirne denen unserer Vorfahren überlegen sind." Damit relativierte er ein Stück weit seine eigene Forschung. Die Steigerung der Intelligenz kann man außerdem auch durch bessere Bildung, statt durch genetische Mutationen erklären.

In Crabtrees Aufsatz wird nicht auf IQ-Teste und die Messbarkeit von Intelligenz eingegangen.

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Kommentare

99 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Verdummung

Popper drückte einmal aus, dass unser Allgemeinwissen stark gestiegen sei, das persönliche Wissen aber, das individuelle Wissen abnehme. Früher gab es so etwas wie Hobby-Chemiker, was keinesfalls eine Abwertung war, sondern Menschen, die sich als wissenschaftlich Forschende verstanden. Heute würde das belächelt. Nicht akademisch, nicht seriös und so weiter.

Das ist auch eine Folge des Spezialistentums. Zeit es abzuschaffen, umzudenken. Zeit wieder zurückzukehren zu wissenschaftlichen Werten.

Dann setzen Sie mal Universalgelehrte an aktuelle Probleme der Fachgebiete. Die Spezialisierung ist ja nicht dem Wunsch, sondern der Notwendigkeit geschuldet. Es ist einfach nicht möglich mit dem Fortschritt mit zu halten. Man kann nur einen groben Überblick über vieles haben und sich auf weniges konzentrieren und spezialisieren. Die Alternative ist sinnfreies Halbwissen in vielen Gebieten.

Es gibt z.B. nur sehr wenige Menschen, die die Beweise der Pointcare-Vermutung oder Fermats letztem Satz verstehen, wenige, die mit Quantenfeldtheorie detailiert operieren können usw. Es gibt einige Gebiete in die man sich schnell einlesen kann - für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften gilt das längst nicht mehr.

Wahrnehmen wollen oder nicht wahrnehmen wollen

Jetzt passen Sie mal auf. Von 'Universalgelehrten' war keine Rede.

"Die Spezialisierung ist ja nicht dem Wunsch, sondern der Notwendigkeit geschuldet. Es ist einfach nicht möglich mit dem Fortschritt mit zu halten. Man kann nur einen groben Überblick über vieles haben und sich auf weniges konzentrieren und spezialisieren. Die Alternative ist sinnfreies Halbwissen in vielen Gebieten."

Eine fahrlässigere Aneinanderreihung von Vorurteilen habe ich selten erlebt. Welchen Fortschritt genau meinen Sie? Denjenigen minimalen Fortschritt, unter dem sich die Irrtümer millionenfach, zum Teil kaum noch ausmerzbar vermehren? Es ist gerade das Spezialistentum, welches diesen Prozess vermehrt. Und Ihr Begriff 'Universalgelehrter' zeigt doch, was aus der Wissenschaft geworden ist. Alle wissenschaftlichen Disziplinen stehen natürlicherweise in gegenseitiger intellektueller Abhängigkeit, keine kann ohne die andere. Was aus Naturwissenschaft wird, wenn sie die Philosophie verachtet, haben wir nicht oft genug gesehen und sehen es immer noch. In der Vergangenheit haben wir es leibhaftig erleben müssen. Alles muss sich ändern: die Sprache, die Wertschätzung auch nicht-akademischer Gedankenstellungen, besonders aber der wissenschaftlichen Größe des Fehlermachens und Irrens (man denke an Penicillin oder an das Anfertigen einer Hausarbeit, deren erste thematische Überschrift selten noch am Ende stehen bleibt), die Betonung auf Pluralität, ja sogar Subjektivität und so weiter.

Zu den Naturwissnschaften

Es gibt einige Gebiete in die man sich schnell einlesen kann - für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften gilt das längst nicht mehr.
Öh, die Mathematik ist zeitlos, neue chemische Erkenntnisse gibt es aus Beobachtungen jenseits unseres Sonnensystems, die Physiker streiten seit hundert Jahren und im Bereich der Informatik gibt es theoretisch keine Neuerungen seit Turing und praktisch seit der Etablierung der obektorientierten Entwicklung.
Fehlt was?

Ahnung fehlt...

Die Mathematik hat mehrere der Hilbertschen Probleme gelöst und einen ersten erfreulichen Kratzer haben auch schon die Milleniumprobleme.

Die Physik arbeitet u.A. mit dem LHC (entgegen langläufiger Meinung nicht nur für das Higgs-Boson gebaut) an den Fakten um die Physik zu erweitern - sonst wird es z.B. mit der dunklen Energie schwierig.

Die Informatik bringt in atemberaubender Geschwindigkeit Anwendungen hervor während z.B. in Kryptologie und Quantenrechnen auch die Theorie nach wie vor produktiv ist.

Und das sind nur ein paar Stichworte. Nehmen Sie sich einfach mal ein gutes Buch zur Hand. Für Mathematik z.B. The Princeton Companion to Mathematics. Wenn Sie die Inhalte in die einzelnen Gebiete hinei nachvollzogen haben, dann können Sie sich über die Abgeschlossenheit der Mathematik äußern - unterwegs werden Sie der kompetenteste Mathematiker aller Zeiten. Kein Mensch kenn sich nämlich mehr mit 'Der Mathematik' aus, sondern alle Mathematiker sind Spezialisten ... oder ahnungslos.

Nur was hat das mit dem Artikel zu tun?

Denn es geht im Artikel um das genetische Potential der Intelligenz. In http://www.zeit.de/zeit-w... heißt es: "Es gibt eine vererbbare Komponente. Der genetische Unterschied in der Gehirnphysiologie trägt vielleicht etwa 25 Prozent zu den IQ-Unterschieden bei. ... [Es ist] dumm ... IQ-Tests mit dem zu verwechseln, was Menschen unter Intelligenz verstehen. ... Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass unsere Gehirne denen unserer Vorfahren überlegen sind."

Denn Intelligenz ist nicht Wissen, und Wissen ist nicht Weisheit.

So würde unser Vorfahr von vor 3000 Jahren sehr vieles nicht wissen, und ebenso würde er in einem heutigem Intelligenztest miserabel abschneiden. Nichtsdestotrotz wäre sein genetisches Potential laut diesem Artikel höher.

So schrieb ich schon bevor es durch Thilo S. nicht mehr PC war, dass das in einem Zeit-Artikel zur Geburtenrate postulierte Prinzip, auf Dauer nicht gut sei, dass man die Leute mit Hartz 4 die Kinder bekommen lässt, damit sich die Professorenfrau auf die Karriere konzentrieren kann.

Nun kommt der Flynn-Effekt zum Stillstand, und die letzten Jahre sank die gemessene Intelligenz sogar wieder. Ein von Ihnen angesprochener Aspekt jedoch entspricht dem was Flynn sagt: "ich habe eine Vorliebe für Menschen, deren Horizont weiter reicht als bis zu den Grenzen ihrer sozialen Gruppe...Kritische Intelligenz ist die Fähigkeit, die Gegebenheiten zu hinterfragen. Um das zu lernen, braucht es eine wirklich gute Ausbildung, die k"

Mal was anderes.

Spontan würde ich den Einwand bringen, daß die Tatsache, daß man die Intelligenz (wie auch immer definiert) nicht nutzen muß, um zu überleben, nicht bedeutet, daß es keinen evolutionären Vorteil bringt, sie zu nutzen.

Ferner könnte man feststellen, daß die rationalen Erfordernisse an den Menschen heutzutage deutlich weiter gestreut sind, als beim prähistorischen Menschen. Ob das nun mehr Intelligenz bedeutet, ist aber Definitionssache.

Der evolutionäre Vorteil besteht darin,

möglichst viele fortpflanzungsfähige Nachkommen zu hinterlassen. In modernen Gesellschaften braucht es dafür tatsächlich nicht unbedingt viel individuelle Intelligenz - solange in der Gesellschaft noch genug andere ausreichend schlaue Idividuen vorhanden sind, die das Überleben dieses Nachwuchses gewährleisten können. Ist das nicht der Fall, müssen die einzelnen Individuen wieder intelligent genug für das Überleben des eigenen Nachwuchses sein.

Mangelhaft

"Bekämen wir heutzutage Besuch von einem Bürger aus dem antiken Griechenland, so wäre der Zeitreisende uns intellektuell weit überlegen. Er wäre einfallsreicher und hätte ein besseres Gedächtnis."

Wenn Crabtree sich rein auf den genetischen Aspekt konzentriert, fehlen ihm leider etliche Anhaltspunkte für eine solch steile These.

Tatsache ist, daß der Unterschied zwischen einer mündlichen und einer schriftlichen Kultur enorm ist. Es gibt hier in Punkto Intelligenz kein besser oder schlechter, aber ein fundamentales "anders".

Bereits Neil Postman stellte fest, daß das "Hauptmedium" einer Kultur die Intelligenz stark beeinflußt. Orale Kulturen überliefern ihr Wissen mündlich und haben darum per se ein besseres Langzeitgedächtnis, als Kulturen die ihr Wissen schriftlich überliefern und sich darum auf die Reflexion im einzelnen konzentrieren können. Daß orale Kulturen auf scheinbar kreativere Lösungen kommen, begründet sich damit, daß ihr Denken allgemein metaphorisch ist, während Schriftkulturen eher spezialisiert und präzise sind.

Es geht hierbei schlicht um das Phänomen der Neuroplastizität.

Präszisierung

Es natürlich richtig, daß die Griechen die Schrift besaßen.

Aber in der griechischen Antike war die Verbreitung von Schriftwissen und Lesefähigkeit sehr unterschiedlich je nach Epoche (es gab Epochen, in denen die Schriftkultur komplett verschwand). Trotz Schrift wurden Wissen und Erkenntnis zum Großteil mündlich verbreitet, indem man vor Publikum sprach, das Publikum involvierte. Es bestand ja immer noch die Hürde, daß man Papyri per Hand abschreiben mußte und Papyri außerdem kostbar waren.

Die Schriftkultur erlebte ihre Revolution mit der Erfindung des Buchdrucks. Von da an wurde Wissen zunehmend nicht mehr vorrangig mündlich, sondern vorrangig schriftlich überliefert.

In der gleichen Weise standen wir bei der Erfindung des Fernsehers an einem Wendepunkt, weil Wissen zunehmend durch bewegte Bilder verbreitet wurde. Die digitalen Medien stellen wiederum einen Wendepunkt dar.

All das hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir unseren Intellekt benutzen. Die Grundkonstante Intelligenz berührt es deswegen noch lange nicht. Einige Fertigkeiten sind mehr gefragt, andere treten dafür zurück. Und solange diese Flexibilität da ist, hat sich die Intelligenz selbst nicht vermindert.

Pfeil und Bogen...

...sowie das Rad müssen nicht in jeder Generation neu erfunden werden !
Auch die alten Griechen haben sich auf Errungenschaften der Altvorderen gestützt und so geht das weiter und weiter und weiter ! Was allerdings verloren geht, ist der konstruktive Pragmatismus, der noch zur Zeiten unserer Ur-Großeltern durchaus im Schwange war : War was kaputt, ging Opa in die Scheune oder in den Keller und hat solange gedoktert, bis es wieder funktionierte ! Das geht langsam aber sicher den Bach runter ! Aber ob das eine höhere Intelligenz bedeutet ?

@Subspace

Sie vereinfachen die historischen Tatsachen. Einen kompletten intellektuellen Umbruch oder 'Paradigmenwechsel' hat es so nie gegeben, genauso wenig wie der Absolutismus ein Absolutismus war. Der Buchdruck änderte nicht das Denken an sich. Gruppe 47 gab es auch im Zeitalter von Film und Fernsehen. Und Frankfurter Schule hat bis heute Nachwirkung.

Was es gibt, das ist geistige Lethargie. Und die rührt er von den stärker gewordenen Massenmedien her - wo sich Vereinfachung und Entkomplizierung an ein Millionenpublikum richten und fortpflanzen können. Das war im antiken Griechenland in einem solchen Ausmaß nicht der Fall, davon abgesehen, dass es immer so etwas wie Massenmedien gegeben hat.

Woher wissen Sie denn,

wie es im alten Griechenland war? Wenn ich Ihre Beiträge lese, muss ich schmnunzeln. Sie meinen offenbar, wenn man seine Meinung hinreichen aggressiv, so von oben herab, herauströtet, wird sie von selbst richtig (siehe: "Jetzt passen Sie mal auf."). Nebenbei bemerkt ist das ein Imperativ mit entsprechenden Forderungen an die Satzzeichen-Setzung.
Und nochmal zu Griechenland: Welcher Prozentsatz der Menschen konnte da lesen? Wer konnte rechnen, sagen wir mal, die vier Grundrechenarten? Wer kannte damals die Schriften der Philosophen? Die heute stärker werdenden Massenmedien verdummen die Leute nicht, wie sie behaupten. Einige von diesen Massenmedien bedienen lediglich den immer vorhandenen dummen Teil der Gesellschaft. Früher ist dieser Teil zum Marktplatz gezogen und hat johlend einer Hinrichtung beigewohnt, heute wohnt dieser Teil den weniger blutigen Hinrichtungen bei DSDS oder dieseem Pormi-Camp bei und amüsiert sich über den Schaden der Akteure dort. Aber es gibt ja wohl auch die, sagen wir einmal, Medien (ohne den Vorsatz "Massen"), der damals wie heute den kleineren Teil der Gesellschaft angesprochen hat. Und Ihrem "Welchen Fortschritt genau meinen Sie? Denjenigen minimalen Fortschritt, unter dem sich die Irrtümer millionenfach, zum Teil kaum noch ausmerzbar vermehren?" kann ich nur entgegnen: Auch früher waren 99% Irrtum und 1% Fortschritt. Nur haben wir heute das Gefühl, früher sei alles glatt gelaufen, weil uns in der Schule eine Erfolgsstory präsentiert wird.

@F.K.

- Na da können wir uns ja zurücklehnen. Regelt sich alles von selbst.

Wenn Sie sich wundern, dass ich eine Meinung, die offenbar wenig Anklang findet, und darum hier und da vielleicht um Anklang kämpfen muss, etwas 'lauter' (im Internetjargon mag man das ja durchaus so bezeichnen) zu vertreten scheine als andere (allerdings nicht in einer Weise, wie es jene tun, die nur auf die Zustimmung einer sich selbst Recht sprechenden Masse aus sind), wundert wiederum mich.

Meine Ansicht: was gemeinhin geglaubt wird, das äußert man meistens still und höflich. Die Dinge, die erkannt werden, verhalten sich oft etwas menschlicher. - Dass man das missverstehen kann, ist mir überdies bewusst.

Ihrem letzten Teil kann ich ja nun nicht wirklich widersprechen. Aber Sie wissen wohl auch, dass man Kritik nicht damit logisch ausschalten kann, zu behaupten, früher oder woanders wäre auch nicht alles gut gewesen. Es sind ja aber von mir aus die wenigen Guten, die nach Jahrhunderten und Jahrtausenden hier und da dann doch einen wirklichen nachhaltigen Fortschritt bewirkten. Welchen Schritt tun wir heute dafür?

Ich muss gestehen, mir nicht sicher zu sein. Aber die einzigen wirklichen Fortschritte sehe ich heute nur in der Medizin, vielleicht auch Chemie. Der Rest ist überwiegend theoretisch-paradigmatischer Natur.

Jedenfalls - allein kann ich meine Ansicht auf Dauer auch nicht frei von Irrtümern vertreten. Mein Gegenüber darf schon auch über seinen Tellerrand denken.

Die Antike

Viele Antworten auf den Kommentar berufen sich auf die griechische Schrift. Doch die gr./röm. Antike beginnt nicht mit der Schrift.
Die typische Antike beginnt ab 1200 v. CHr., die altgr. Schrift erst ab ca. 800 v. Chr.
Ein Bote von Herrscher zu Herrscher musste früher seine Nachrichten auswendig lernen und wortgenau wiedergeben. Eine Abweichung vom Ursprungstext hätte katastrophale Folgen haben können. Im schlimmsten Fall Krieg, im günstigsten nur den Kopf des Boten.

Antike Schriften

- 1200 v.u.Z war noch "Bronzezeit", also Vorantik

- die "altgriechische" Schrift gab's da schon (Mykenisch), und sogar viele andere mehr. Es gab da sogar auch schon viel ältere dokumentierte vorbronzezeitliche Epen (z.B. Gilgamesch, ägyptische Totenbücher etc.).

Zum Artikel: Vor 3000 Jahren war's genauso wie heute: Handel und Wandel, Liebe und Eifersucht, Mord und Totschlag. Alles schon dagewesen und dokumentiert. Nichts hat sich bis heute geändert, außer vielleicht, dass wir die Sklaverei ausgelagert haben auf Maschinen, was doch wirklich etwas moralischer und auch effektiver ist. Das "Streben nach Glück" (Geld) ist aber noch das Gleiche geblieben.

"Crabtree vermutet, dass die Menschheit in den vergangenen 120 Generationen – ein Zeitraum von rund 3.000 Jahren – Schritt für Schritt an Intelligenz einbüßte. "

Die These des Herrn Crabtree stimmt nicht! Basta!

Antike Schriftlichkeit

Die Antike beginnt m.E. mit der mykenischen (bedingt vielleicht mit der minoischen) Epoche. Die mykenische Epoche wurde von den Griechen nach dem dunklen Zeitalter als ihre Frühgeschichte betrachtet, sie ist nach ihnen das Zeitalter der Heroen und des trojanischen Krieges.
Die mykenische Schrift diente, soweit ich weiß, nur praktischen Verwaltungszwecken. Sie ging verloren und die literarische Schriftlichkeit begann mit Homers Epen.
Wenn ich mich recht erinnere, bewertete Platon die Schriftlichkeit negativ. Nichtsdestotrotz ermöglichte erst die Schriftlichkeit die Literatur, Gesetzgebung und Philosophie. Selbstverständlich lebte auch eine gewisse orale Kultur weiter, z.B. in der ars memoria für Rhetoren. Antike Literatur war auch in der Regel zum Vortrag bestimmt.
Dass die Menschen in den letzten 3000 Jahren dümmer geworden sind, bezweifle ich, sie sind spezialisierter geworden, früher war man in der Regel eher Generalist. Ein freier, männlicher, attischer Bürger wurde in der Demokratie durch Losentscheid zur Staatsverwaltung herangezogen. War er deswegen intelligenter? Der Staat war damals zweifellos weniger kompliziert als heute.
Ein Mensch entwickelt die Intelligenz, die von den Umständen erfordert wird und natürlich verschieben sich nach Kultur jeweils die Bereiche, in denen "Intelligenz" erfordert wird.

Nein, kann man nicht,

Kritik damit logisch ausschalten, zu behaupten, früher oder woanders wäre auch nicht alles gut gewesen. Aber ich habe ja wohl zunächst einmal (polemischh) Íhre Behauptung angegriffen, irgendwo und irgendewann (in Griechenland und der Antike) sei alles besser gewesen. Und was Ihr "- Na da können wir uns ja zurücklehnen. Regelt sich alles von selbst." angeht, da bin ich jetzt wieder der Meinung, dass es in gewisser Weise stimmt. Unser Gehirn ist so angelegt, dass wir unsere Bedeutung sowohl als Individuen als auch als Gattung vollkommen überschätzen. Die in dem Artikel angesprochene Frage wird meiner Meinung nach nur deshalb so kontrovers diskutiert, weil sie auf unser Selbstbildnis abzielt (Es heißt, Intelligenz sei gerecht verteilt, weil sich keiner beschwert, zu wenig zu haben). Angenommen, ich, der F.K. bin dümmer als meine Vorfahren im Durchschnitt 1000 Generationen zurück. Ja und? Alle um mich herum sind es auch. Und die Gesellschaft als Ganzes hat eine entsprechende Gestalt. Ich muss heute bestimmte Fähigkeiten habe, die heute nachgefragt werden. Und wenn das eben dummes Rumlabern ist anstatt die Natur zu beobachten, um an Fressen zu kommen, dann muss ich eben das Rumlabern trainieren, weil das Fressen mir von Massen-Mastanlagen geliefert wird. Es steht jedem frei, in die Weiten Canadas oder den Urwald Brasiliens zu ziehen und dort seine Intelligenz zu schulen. Ich jedenfalls bleibe dann lieber dumm im obigen Sinne in einer intelligenz-feindlichen Umgebung.

@F.K.

Ich glaube, die antiken Griechen sind damals auch nicht in die Weiten Canadas oder den Urwald Brasilien gezogen.

Aber was die Griechen hatten: eine Kultur voller Götter und Legenden, Gleichnisse und Metaphern (es waren die Mythen, die die Wissenschaft ermöglichten). Lebendige philosophische Diskussionen (Spartas Gesetzgebung oder Athens Demokratie?) bis in die 'untersten' Schichten hinein (leider auch bis hin zu Stasis).

Dass früher alles besser war, habe ich nie behauptet. Wohl aber das: dass NIE irgendwann ALLES besser ist. Das behaupte ich durchaus. - Ganz besonders heute ist nicht alles besser. Und die Menschen sind nicht zwingend fortgeschrittener.

Was die Weiten Canadas angeht,

Bezog sich das auf den Zeit-Artikel, der behauptet, dass der Mensch durch das Entstehen der Gesellschaft an Intelligenz eingebüßt hat. Deshalb mein Hinweis darauf, dass jeder, der dies beklagt, frei ist, seine Intelligenz dort zu formen. Ihrem letzten Abschnitt stimme ich voll zu. Ich lese gerade den Sachenspiegel. Da wird genau das sichtbar. Wir haben vom Mittelater das Bild einer cahotischen, grausamen Zeit, in der nur das Gesetz des Stärkeren galt. Aber wenn ich dort z.B. das Buch über Landrecht lese, dann frage ich mich, was sich seit der Zeit im Recht geändert hat. Wenn man mal die unterschiedlichen materiellen Bedingungen, einige neu entstandene (oder untergegange) Eigentumsverhältnisee und die veränderte Herrschaftshierarchie berücksichtigt, dann denkt man, man liest im BGB. Gut, damals durften Frauen nicht ohne Vormund oder Vorsprecher (so eine Art Vorgänger der heutigen Rechtsnawälte) klagen (zweites Buch über Landrecht, Nr 69). Das spielt Ihnen natürlich in die Karten. Es muss nicht alles schlechter früher gewesen sein. Trotzdem, ich lebe heute ganz gern. Hab mir z.B vor geraumer Zeit ein Buch von vor 1900 besorgen können, gescannt als pdf-file. Wäre doch vor einem Jahrzehnt noch nicht möglich gewesen. Also kann ich mich doch nicht beklagen. Und dass die Idioten sich in Facebook produzieren und aller Welt mitteilen, dass sie jetzt mal auf's Clo müssen, schadet doch nichts. Früher saßen sie mit ihrem Bier in der Kneipe und habe auch dummes Zeug gequatscht.

Mykenisch ist nich altgriechisch

Die Schrift der Mykener: Linear A und B haben nichts mit altgriechischen Sprache gemeinsam. Auch die Mykener selbst haben mit den antiken Griechen nichts gemein.
Die mykenische Kultur dauert bis in die griechischen Dark Ages (12. Jhd.), wo die "Seevölker" im östlichen Mittelmeer alles plündern und brandschatzten.
Danach zog aus dem Norden das Volk der Dorer nach Griechenland ein, der Beginn der griech. Antike.