IntelligenzforschungWird die Menschheit immer dümmer?

Ein US-Wissenschaftler widerspricht der gängigen Intelligenzforschung: Die Klugheit der Menschen nehme seit Jahrtausenden ab, sagt er. Doch seine Thesen sind gewagt. von 

Die durchschnittliche Intelligenz der Menschheit schwinde allmählich – das behauptet ein amerikanischer Forscher. Seine Begründung: Vor Tausenden Jahren, als die Menschen noch in kleinen Gruppen durch die Wildnis streiften, seien intellektuelle Fähigkeiten zum Überleben viel essenzieller gewesen als heute.

Als Begründung führt der Entwicklungsbiologe und Genetiker Gerald Crabtree genetische Analysen zur Evolution des Erbguts an. Seit die Menschheit Ackerbau betreibe und in größeren Gemeinschaften zusammenlebe, sei die Intelligenz des Einzelnen weniger entscheidend, schreibt der Forscher von der kalifornischen Stanford-Universität im Wissenschaftsmagazin Trends in Genetics . Eine Studie hat er dazu nicht gemacht. Seine Ansichten sind als Kommentar erschienen, indem er Studien zu genetischen Analysen des menschlichen Erbgutes interpretiert.

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Es sind also keine Forschungsergebnisse, sondern Ansichten, die Crabtree formuliert. Und die stechen in ein Wespennest. Denn die Frage, was Intelligenz überhaupt ist, ob, und wenn ja wie sie gemessen werden kann und welche Rolle Vererbung und Bildung spielen – all das ist heftig umstritten. Zuletzt flammte die Intelligenz-Debatte wieder auf, als der ehemalige Berliner Finanzsenator und Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin krude Thesen zur Intelligenz verbreitete. Welche Gene bei der Intelligenz eine Rolle spielen und zu wie viel Prozent das Erbgut Einfluss hat – zu all diesen Fragen gibt es widersprüchliche Studien. Wie die Gene zusammenwirken, weiß man bis heute nur ansatzweise .

Der Stanford-Forscher Crabtree legt sich dagegen recht deutlich fest. Er schreibt, die menschliche Intelligenz hänge von rund 2.000 bis 5.000 Genen ab. Diese Erbanlagen für das Gehirn seien besonders anfällig für Mutationen. Neben des Intellekts hätten diese Gene auch Einfluss auf Emotionen.

Intelligenz soll fürs Überleben nicht mehr so wichtig sein

Crabtree vermutet, dass die Menschheit in den vergangenen 120 Generationen – ein Zeitraum von rund 3.000 Jahren – Schritt für Schritt an Intelligenz einbüßte. Crabtree ist überzeugt: Bekämen wir heutzutage Besuch von einem Bürger aus dem antiken Griechenland , so wäre der Zeitreisende uns intellektuell weit überlegen. Er wäre einfallsreicher und hätte ein besseres Gedächtnis.

Die These dahinter: Wer sein Gehirn früher nicht nutzte, konnte sich nicht ernähren oder vor wilden Tiere schützen. Nur die Klügsten überlebten. Dieser Selektionsdruck ließ die menschliche Intelligenz – zumindest im Durchschnitt – stetig steigen.

Nach der Entwicklung der Landwirtschaft lebten Menschen dagegen in größeren Gruppen zusammen, die auch schwächere Individuen unterstützten. Wichtiger als die Intelligenz war nun laut Crabtree für den Einzelnen die Eigenschaft, sich vor Krankheiten zu schützen, die in größeren Gruppen häufiger auftreten.

Crabtree widerspricht damit Studien, denen zufolge der durchschnittliche Intelligenzquotient seit Anfang des 20. Jahrhunderts von Generation zu Generation stieg. Dieses Phänomen wurde nach dem Intelligenzforscher James Robert Flynn als Flynn-Effekt bekannt.

Er war es allerdings auch, der 2008 in einem Interview im ZEIT Wissen-Magazin zum wiederholten Male auf einen ganz wichtigen Streitpunkt in der Intelligenzforschung hinwies: Es sei dumm, "IQ-Tests mit dem zu verwechseln, was Menschen unter Intelligenz verstehen". Flynn sagte damals außerdem: "Mich langweilt der Begriff Intelligenz. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass unsere Gehirne denen unserer Vorfahren überlegen sind." Damit relativierte er ein Stück weit seine eigene Forschung. Die Steigerung der Intelligenz kann man außerdem auch durch bessere Bildung, statt durch genetische Mutationen erklären.

In Crabtrees Aufsatz wird nicht auf IQ-Teste und die Messbarkeit von Intelligenz eingegangen.

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Leserkommentare
    • Peterra
    • 13. November 2012 19:09 Uhr

    Ob die Argumentation des Mr. Crabtree ins Schwarze trifft, weiß ich nicht. Tendenziell hat er sicher Recht.

    Als ich vor 35 Jahren die Schule besuchte, gab es Lehrer, die geschichtliche Daten und Ereignisse aus dem Gedächtnis hervor brachten. Manche zitierten Gedichte oder Teile aus dramatischen Stücken. Die meisten wußten, wann Goethe lebte und welcher Geburtstag von Mozart sich gerade jährt.

    Heute wissen wir günstigstenfalls, wo wir nachzusehen haben: in 99% der Fälle auf Wikipedia.
    Worauf wir mit eigenem Hirnschmalz nicht kommen, beschreibt uns eine App und über die Höhe des Einkaufs beim Discounter bzw. ob wir genug Bares mit uns führen, um selbigen zu bezahlen, bekümmert uns längst nicht mehr – Dank Kundenkarte!

    Doktorarbeiten werden abgeschrieben, Bücher, die sich als Bestseller erwiesen haben, bis zum Erbrechen fortgesetzt und Filme aus den vorigen Jahrzehnten dutzendfach kopiert. Für erfolgreiche Geschichten erfindet man bestenfalls ein so genanntes „Prequel“ und wenn dieses noch immer Besucher anlockt, folgt sicher bald auch das „Sequel“.

    Manchmal frage ich mich, ob schon jede originelle Idee irgendwann mal aufgeschrieben und verfilmt wurde, jedes Bild schon einmal gemalt und jede mitreißende Melodie schon komponiert – aber das ist sicher nur ein Versuch, mich über die geistige und vor allem kreative Impotenz des 21. Jahrhunderts hinweg zu täuschen.

    Wir Deutschen werden immer dümmer, immer älter und immer rechtsradikaler. Gut, dass wir bald aussterben...

    13 Leserempfehlungen
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    • okmijn
    • 13. November 2012 19:15 Uhr

    Wissen hat mit Intelligenz wenig zu tun. Intelligenz ist im Wesentlichen operativ definiert als das was Intelligenztests messen. Wissen wird dort nicht abgefragt und ist auch kaum hilfreich.

    Was unabhängig von der operationalen Definition (menschliche) Intelligenz sein könnte, ist ziemlich unklar. Bei den Fragen nach Intelligenz und Bewusstsein gibt es auch wenig Fortschritt.

    • sioux
    • 13. November 2012 20:28 Uhr

    "Heute wissen wir günstigstenfalls, wo wir nachzusehen haben: in 99% der Fälle auf Wikipedia."
    Das ist aber kein Problem, sondern ein Gewinn. Niemals nicht habe ich persönlich im Leben Nennenswertes auswendig lernen können, jederzeit aber kann ich aus mir zugänglichen Informationen vermittels Denken problemlösende Dinge herleiten. Intelligenz ist nach meiner Ansicht nicht die Größe des persönlichen Hintergrundspeichers (Plattenplatz), sondern die Fähigkeit zur Logik in Verbindung damit, dass man wichtige Dinge speichert und ansonsten durch Vergessen die Platte putzt.

    Meine Mutter (Jahrgang 1912) sagte: "Du musst nicht alles wissen. Du musst nur wissen, wo es steht." Heute würde sie wahrscheinlich sagen: "Schau' doch bei Wikipedia nach."

    "Als ich vor 35 Jahren die Schule besuchte, gab es Lehrer, die geschichtliche Daten und Ereignisse aus dem Gedächtnis hervor brachten. Manche zitierten Gedichte oder Teile aus dramatischen Stücken. Die meisten wußten, wann Goethe lebte und welcher Geburtstag von Mozart sich gerade jährt."

    So etwas nennt man auswendig lernen.

    "Manchmal frage ich mich, ob schon jede originelle Idee irgendwann mal aufgeschrieben und verfilmt wurde, jedes Bild schon einmal gemalt und jede mitreißende Melodie schon komponiert – aber das ist sicher nur ein Versuch, mich über die geistige und vor allem kreative Impotenz des 21. Jahrhunderts hinweg zu täuschen."

    Leider kenne ich ihre örtliche Bücherei nicht, in meiner kann man sich (gerade auch in der SF) vor neuen Gedanken und Ideen kaum retten.

    Vielleicht leben sie aber auch in einer anderen Ereigniswelt. "Mainstream" oder Fertigkonserven oder so.

    Könnte auch folgendes erklären; "Wir Deutschen werden immer dümmer, immer älter und immer rechtsradikaler. Gut, dass wir bald aussterben..."

    Mir würde es schon reichen würde ihr widerwärtiges rassistisches Weltbild, welche Völker nach Sterotypen einteilt und deren Aussterben begrüßt, aussterben. Wäre für den Planeten auch schon einiges gewonnen.

    Ihren Kommentar finde ich irgendwie unintelligent.

    In der Studie ist von der MENSCHHEIT die Rede, nicht von den Deutschen! Auf alle Fälle steht da nicht, daß speziell die Deutschen immer dümmer werden, während die Intelligenz anderer "Völker" stagniere.

    Außerdem: Die Menschheit in lebenswerte und lebensunwerte Völker einzuteilen, das hatten wir doch schon mal... So viel Vergangenheitsbewältigung regelmäßig und allerorten, und trotzdem können Ausrottungsfantasien bei manchen Deutschen anscheinend nicht aus der Welt geschafft werden. Traurig, traurig.

    Aber es gibt viele Menschen in diesem unseren Lande, die jeden Strohhalm ergreifen, um sich die eigene Kinderlosigket schönzureden.

    Oder Gegenfrage: Welche Völker halten Sie denn im Gegensatz zu den Deutschen für überlebenswert?

  1. Die Intelligenz bleibt gleich groß. Sie verteilt sich nur auf immer mehr Menschen!

    10 Leserempfehlungen
    • okmijn
    • 13. November 2012 19:20 Uhr

    Dann setzen Sie mal Universalgelehrte an aktuelle Probleme der Fachgebiete. Die Spezialisierung ist ja nicht dem Wunsch, sondern der Notwendigkeit geschuldet. Es ist einfach nicht möglich mit dem Fortschritt mit zu halten. Man kann nur einen groben Überblick über vieles haben und sich auf weniges konzentrieren und spezialisieren. Die Alternative ist sinnfreies Halbwissen in vielen Gebieten.

    Es gibt z.B. nur sehr wenige Menschen, die die Beweise der Pointcare-Vermutung oder Fermats letztem Satz verstehen, wenige, die mit Quantenfeldtheorie detailiert operieren können usw. Es gibt einige Gebiete in die man sich schnell einlesen kann - für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften gilt das längst nicht mehr.

    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Verdummung"
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    Jetzt passen Sie mal auf. Von 'Universalgelehrten' war keine Rede.

    "Die Spezialisierung ist ja nicht dem Wunsch, sondern der Notwendigkeit geschuldet. Es ist einfach nicht möglich mit dem Fortschritt mit zu halten. Man kann nur einen groben Überblick über vieles haben und sich auf weniges konzentrieren und spezialisieren. Die Alternative ist sinnfreies Halbwissen in vielen Gebieten."

    Eine fahrlässigere Aneinanderreihung von Vorurteilen habe ich selten erlebt. Welchen Fortschritt genau meinen Sie? Denjenigen minimalen Fortschritt, unter dem sich die Irrtümer millionenfach, zum Teil kaum noch ausmerzbar vermehren? Es ist gerade das Spezialistentum, welches diesen Prozess vermehrt. Und Ihr Begriff 'Universalgelehrter' zeigt doch, was aus der Wissenschaft geworden ist. Alle wissenschaftlichen Disziplinen stehen natürlicherweise in gegenseitiger intellektueller Abhängigkeit, keine kann ohne die andere. Was aus Naturwissenschaft wird, wenn sie die Philosophie verachtet, haben wir nicht oft genug gesehen und sehen es immer noch. In der Vergangenheit haben wir es leibhaftig erleben müssen. Alles muss sich ändern: die Sprache, die Wertschätzung auch nicht-akademischer Gedankenstellungen, besonders aber der wissenschaftlichen Größe des Fehlermachens und Irrens (man denke an Penicillin oder an das Anfertigen einer Hausarbeit, deren erste thematische Überschrift selten noch am Ende stehen bleibt), die Betonung auf Pluralität, ja sogar Subjektivität und so weiter.

    • sioux
    • 13. November 2012 20:52 Uhr

    Es gibt einige Gebiete in die man sich schnell einlesen kann - für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften gilt das längst nicht mehr.
    Öh, die Mathematik ist zeitlos, neue chemische Erkenntnisse gibt es aus Beobachtungen jenseits unseres Sonnensystems, die Physiker streiten seit hundert Jahren und im Bereich der Informatik gibt es theoretisch keine Neuerungen seit Turing und praktisch seit der Etablierung der obektorientierten Entwicklung.
    Fehlt was?

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, zz
  • Schlagworte Thilo Sarrazin | Erbgut | Gehirn | Generation | Intelligenzquotient | Studie
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