Deutschland – Land der Denker? Von wegen, wir sind philosophieverdrossen, schreibt Leser S. Dehn. Wir sollten dem tiefgründigen Denken mehr Aufmerksamkeit schenken.
Regelmäßig wird Deutschland das Land der Dichter und Denker genannt. Wie sehr wir uns heute noch für das tiefgründige Denken, also die Philosophie, interessieren, lässt sich leicht in jeder Buchhandlung überprüfen. Nur ein geringer Bruchteil der Bücher, die über den Ladentisch gehen, sind philosophische Werke. Durchschnittliche Romane und Unterhaltungsbücher aller Art verkaufen sich hingegen prächtig. Die Zerstreuungsindustrie boomt, die Denkkultur leidet.
- Leserartikel auf ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE präsentiert regelmäßig ausgewählte Leserartikel, die unsere eigenen Inhalte um zusätzliche Meinungen, Erfahrungsberichte und Sichtweisen bereichern. Vor der Veröffentlichung nehmen wir mit den Autoren Kontakt auf und sprechen über den Text, anschließend wird der Leserartikel von uns redigiert und bebildert. Auch bei Leserartikeln, die unter Pseudonym veröffentlicht wurden, kennt die Redaktion Namen und Anschrift des Autors. Alle weiteren Informationen finden Sie in unseren Leserartikel-FAQ.
- Leserartikel schreiben
-
Welches Thema brennt Ihnen schon seit Längerem auf der Seele? Was freut, ärgert oder verwundert Sie? Welches Buch, welche Musik oder welchen Film würden Sie gerne einmal auf ZEIT ONLINE rezensieren? ZEIT ONLINE freut sich auf Ihren Leserartikel. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie alle wichtigen Hinweise, wie Sie beim Verfassen Ihres eigenen Artikels für ZEIT ONLINE vorgehen sollten.
- Der ZEIT-ONLINE-Wald
-
© BeneA / photocase.comAls symbolisches Dankeschön pflanzen wir für jeden Leserartikel, den wir veröffentlichen, einen Baum. Dabei arbeiten wir mit iplantatree.org zusammen. Zum Start des neuen Leserartikel-Projekts haben wir schon 1000 Bäume in Berlin Friedrichshagen gepflanzt und hoffen, dass daraus im Lauf der Jahre ein ganzer ZEIT-ONLINE-Wald wird. Mehr Informationen finden Sie in unseren Leserartikel-FAQ.
Dabei bewegt sich kein Mensch außerhalb der Philosophie. Jeder stellt sich Fragen über das Leben, geht von Annahmen aus, die seine Handlungen bestimmen. Täglich greifen die Menschen auf Wahrnehmungen und Beschreibungen zurück, die einzelne Philosophen vorangetrieben haben. Doch wie tiefsinnig ist diese Alltagsphilosophie? Schon Nietzsche wusste, dass für Menschen tiefgründiges Philosophieren zu jeder Zeit unzeitgemäß ist, sie wollen sich nicht mit zu vielen Gedanken belasten. Sie vergessen, dass erst das Denken sie vom Tier unterscheidet, ihr Menschsein bestimmt.
Die Philosophie ist die Basis jeder Wissenschaft. Heideggers provokanter Ausspruch, dass die Naturwissenschaft nicht denkt, trifft den Kern. Die Naturwissenschaft beschreibt Vorgänge: A bewegt sich nach B. Diskutiert sie Methodenfragen, sinniert sie über die Erfassungsmöglichkeiten ihres Gegenstandes oder interpretiert sie die Ergebnisse, greift sie – ob sie will oder nicht – auf die Philosophie zurück. Ohne Philosophie wäre die Naturwissenschaft ein gedankenleerer Beschreibungsapparat.
Doch selbst an Universitäten ist die Philosophie nicht zu Hause – dort wird ihre Geschichte gelehrt, nicht sie selbst. Philosophie benötigt keine Universitäten, sondern Menschen, die sich ernsthaft um das Denken bemühen. Nur wenige wagen diesen Schritt, denn die Resultate sind nicht immer erbaulich.
Wird ein gewohnter Handlungsablauf gestört, bleibt der Mensch stehen und fragt sich, was vor sich geht. Er beginnt zu denken. Die großen Denker haben diese Störungen gesucht und erwirkt. Der Philosoph ist ein potenzieller Störenfried. Nur selten wird ihm Gehör geschenkt, meist wird er ignoriert oder an den Rand gedrängt. Wer hat heute noch den Mut, sich in seinem gewohnten Denken stören zu lassen? Wer wagt es noch Mensch zu sein?







Ich bin davon überzeugt, dass tiefgründige Denker zu allen Zeiten eine Ausnahmeerscheinung waren.
Die meisten Menschen (wie ich sie sehe, mich selbst eingeschlossen) sind damit zufrieden, das Denken anzuwenden, um sich in dieser komplexen Welt zurechtzufinden.
Kenntnisse in den Naturwissenschaften sind dazu ausserordentlich nützlich. (Dasselbe gilt allerdings z.B. auch für juristische Kenntnisse, wenn es darum geht sozial zu interagieren. etc.)
Fragen nach dem Warum und wie es auch noch sein könnte, haben in einer solchen Welt keine integrative Wirkung, so dass der Aufruf, sich mehr mit dem tiefen Denken zu befassen, ungehört bleiben wird.
Einfacher scheint mir der Ansatz, aufbauend auf dem alten Sinnspruch:
"Nimm die Menschen, wie sie sind. Es gibt keine anderen."
sich selbst klar zu machen, dass daraus nicht folgt, dass sich der Einzelne anpassen muss.
"Die Naturwissenschaft beschreibt Vorgänge: A bewegt sich nach B. Diskutiert sie Methodenfragen, sinniert sie über die Erfassungsmöglichkeiten ihres Gegenstandes oder interpretiert sie die Ergebnisse, greift sie – ob sie will oder nicht – auf die Philosophie zurück. Ohne Philosophie wäre die Naturwissenschaft ein gedankenleerer Beschreibungsapparat."
Dieser Aufassung, der ich auch mal gefolgt bin, die aber falsch ist, ist seit dem Aufkommen der Ökologie erst recht nicht mehr zu halten. Das ist gut. Die Pilosophie ergibt sich auch gerade aus den Phänomenen, aus den Paradoxien realen Empfindungen und chemischen Vorgängen. Die naturwissenschaft dient hier der vorteilhaften Präzision.
Aber seit Philosophie scheinbar nur dazu dient, das richtige Leben einzuhauchen und zu beraten und die Ergebnisse verfochten werden, als hinge das Leben der ganzen Welt davon ab, könnte einem die Lust daran gründlich vergehen, dem öffentlichen Diskurs zu folgen.
Ganz abgesehen, dass, mit Verlaub, der ganze Artikel sehr "deutsch" ist in seiner Gegenüberstellung. Es gibt genug Menschen die "sind", nur nicht Ggenstand der Philosophie und wenn, werden sie werden nicht gehört, wenn es nicht die "Richtigen" sind.
Ihre Sicht ist sicher nicht ganz unzutreffend. Und doch: mit Blick auf die Geschichte zeigt sich, daß auch bereits im 19. Jahrhundert ähnliche, oft wütende Artikel und Texte bezüglich der Unterhaltungsfixierung und Bildungs- und Denkunlust der Gesellschaft verfasst wurden. Es ist kein Problem unserer heutigen Zeit, es war schon immer so.
Modernere Philosophen versuchen dieses Dilemma durch Hinwendung an Naturwissenschaften bzw. eine gewisse interdisziplinaere Herangehensweise (Universalforscher) zu loesen. Oft einhergehend mit einer Vorstellung eines Mediators.
Das waere im Grunde ganz vernuenftig, wird aber sofort schlecht, wenn der Philosoph selbst das menscheln und moralisieren anfaengt. Auch das hat mit Denken nichts zu tun, hat mit Erkenntnissen nichts zu tun. Es hat generell nichts mit Neutralitaet zu tun, die ein echter Philosoph haben sollte - denn sonst kann er ja nicht denken, da er gar nicht ergebnissoffen ist.
Ein moderner Philosoph muss grundsaetzlich also eine naturwissenschaftliche Herangehensweise haben, ansonsten aber generisch genug sein um aufzubereiten, zu vermitteln, aufzuklaeren. Genau das sollte jeder Mensch ohnehin immer mehr anstreben (emanzipiete Individuuen), weshalb es schon richtig ist, dass Menschen an sich denken sollen, dazu ermutigt, das ganze strukturell (auch an Schulen) etabliert, wozu uebrigens auch eine Debattenkultur wie im angloamerikanischen Raum sinnvoll waere - aus anderen Perspektiven heraus argumentieren koennen. Rollenspiele.
"Hauptberufliche" Philosophen wuerde dann der Professionalisierungsgrad unterscheiden, da sie ja mehr Zeit haben sich generisch mit der Verknuepfung von allem zu widmen, aufzuklaeren usw...
Das koennen und tun die meisten, die heute Philosophie studieren nicht. Bestenfalls plappern sie keinen metaphysischen Unsinn nach.
"Es hat generell nichts mit Neutralitaet zu tun, die ein echter Philosoph haben sollte - denn sonst kann er ja nicht denken, da er gar nicht ergebnissoffen ist.
Ein moderner Philosoph muss grundsaetzlich also eine naturwissenschaftliche Herangehensweise haben"
Hier widersprechen Sie sich in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen. Die naturwissenschaftliche Herangehensweise ist keinesfalls ergebnisoffen.
Es wird immer eine Theorie verfolgt und dann versucht, diese nachzuweisen. Die Theorie steht allerdings vorher schon fest und wird nicht erst "zufällig" gefunden.
Philosophie ist die Wissenschaft der Wissenschaft und nicht eine Wissenschaft neben anderen.
"Es hat generell nichts mit Neutralitaet zu tun, die ein echter Philosoph haben sollte - denn sonst kann er ja nicht denken, da er gar nicht ergebnissoffen ist.
Ein moderner Philosoph muss grundsaetzlich also eine naturwissenschaftliche Herangehensweise haben"
Hier widersprechen Sie sich in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen. Die naturwissenschaftliche Herangehensweise ist keinesfalls ergebnisoffen.
Es wird immer eine Theorie verfolgt und dann versucht, diese nachzuweisen. Die Theorie steht allerdings vorher schon fest und wird nicht erst "zufällig" gefunden.
Philosophie ist die Wissenschaft der Wissenschaft und nicht eine Wissenschaft neben anderen.
"Es hat generell nichts mit Neutralitaet zu tun, die ein echter Philosoph haben sollte - denn sonst kann er ja nicht denken, da er gar nicht ergebnissoffen ist.
Ein moderner Philosoph muss grundsaetzlich also eine naturwissenschaftliche Herangehensweise haben"
Hier widersprechen Sie sich in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen. Die naturwissenschaftliche Herangehensweise ist keinesfalls ergebnisoffen.
Es wird immer eine Theorie verfolgt und dann versucht, diese nachzuweisen. Die Theorie steht allerdings vorher schon fest und wird nicht erst "zufällig" gefunden.
Philosophie ist die Wissenschaft der Wissenschaft und nicht eine Wissenschaft neben anderen.
Ersteinmal finde ich die bisherigen Kommentare sehr interessant. Die ersten drei haben noch ein paar wichtige Ergänzungen vorgenommen.
Ich habe den Artikel etwas anders geschrieben, als er hier veröffentlicht wurde. Mein Ausgangsansatz war etwas schärfer und bezog sich in der Tat nicht nur auf Deutschland, sondern auf alle Zeit. Davon ist nur noch das Nietzsche Zitat drin (bzgl. unzeitgemäß), was ja anzeigt, dass Philosophie in jeder Menschenzeit keine Heimstätte hat.
Ausgangstext als Youtube Audio:
Schopenhauer der Menschenfreund
http://www.youtube.com/wa...
Und der Text bereits verkürzt abgewandelt (Der Einstieg verweist, darauf, dass es nicht nur Deutschland betrifft)
Wer wagt es noch Mensch zu sein?
http://www.youtube.com/wa...
Wen es also interessiert, kann da nochmal reinhören, ansonsten einfach ignorieren und weiterklicken :-)
Schopenhauer eignet sich als Beispiel immer ganz gut. Er wird als Denker gegen den Strom bezeichnet, dabei folgt er ja geradezu den (Daseins-)Strom, schaut das Leben an, beschönigt nicht. Während man die Behauptung aufstellen könnte, dass eher die Mehrzahl der Menschen gegen den Strom leben.
Manchen mag der Inhalt vielleicht zu provokant oder scharf erscheinen, ich glaube bei Lichtenberg hieß es bereits, dass manche Aussagen einfach polemisch wirken, die es zwar nicht sind, aber dadurch, dass sie selten bedacht werden diesen Eindruck erwirken.
Warum ist Philosophieren so out?
Weil die akademische Philosophie relativ wenig Drittmittel für Forschungsarbeit bekommt. Das Personal und Engagement ist zwar da, aber niemand (abgesehen von einigen Förderungen der DFG u.a.) ist niemand in Deutschland da um seine Gelder in tiefgründiges Denken zu investieren.
Hört deswegen das Philosophieren auf? Nein!
Michael Thomasello (Max Planck Institut zur evolutionären Anthropologie Leipzig) zum Beispiel ist wohl zur Zeit der bekannteste Vertreter der nicht (akademischen) Philosophen, die gut philosophieren und dies in ihre Arbeit einfließen lassen. Und davon enorm profitieren - in jeglicher Hinsicht.
Ist Philosophie also vor allem Forschung? Nicht nur!
Ein weites Feld, in dem wir alle philosophieren, stellen Lebensumbrüche dar. Sobald wir uns im Leben neu orientieren (müssen)stellen wir uns Fragen über uns und unser Leben - Mit unseren Entscheidungen (welcher Art auch immer) geben wir unserem Leben selbst den Sinn, den wir uns erdenken. Sinnvollzug statt Sinnbegründung.
Generation Burnout dürfte dies bestätigen können - zumindest, diejenigen die wieder Entflammt sind.
Philosophie ist nicht nur trockene Wissenschaft, die sich um unsere Begriffswelt bemüht. Sie ist praktischer Lebensvollzug.
Ich finde den aufgeworfenen Punkt von CubeBox auch noch sehr erwähnenswert
"Philosophen, die menscheln oder moralisieren haber ohnehin nichts mit Denken zu tun."
Leider wird die Philosophie heutzutage auf Ethikphilosophie reduziert. Dabei haben die Philosophen, die die Philosophie berühmt gemacht haben, sich diesem Thema gegenüber eher kritisch geäußert (Mit Nietzsche und Schopenhauer ließ sich jedes moralbesoffenes Gerede sprengen, ob man das gut finden muss, wäre eine andere Frage) oder nur als kurzen Nebenaspekt.
Ethik können auch die Theologen ganz gut. Philosophie ist dann doch noch weit mehr.
Jemand sagte ich sei nie in einer Philosophie-Vorlesung gewesen. Oh doch, ich gehöre zu den betroffenen die einst Philosophie-Student waren :-)
Aber wie sehr die Universität eher Philologie betreibt statt Philosophie ist abermals keine neue Erkenntnis, und war ebenso den Denkern im 19. Jahrhundert bewusst.
Das schließt nicht aus, dass sich vereinzelte anregende Diskussionen an Universitäten finden lassen. Dies liegt aber nicht an der Universitäts-Struktur, sondern an den einzelnen Köpfen die diese Struktur gelegentlich aufheben.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren