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PhilosophieWarum ist Philosophieren so out?

Deutschland – Land der Denker? Von wegen, wir sind philosophieverdrossen, schreibt Leser S. Dehn. Wir sollten dem tiefgründigen Denken mehr Aufmerksamkeit schenken. von 

Regelmäßig wird Deutschland das Land der Dichter und Denker genannt. Wie sehr wir uns heute noch für das tiefgründige Denken, also die Philosophie, interessieren, lässt sich leicht in jeder Buchhandlung überprüfen. Nur ein geringer Bruchteil der Bücher, die über den Ladentisch gehen, sind philosophische Werke. Durchschnittliche Romane und Unterhaltungsbücher aller Art verkaufen sich hingegen prächtig. Die Zerstreuungsindustrie boomt, die Denkkultur leidet.

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Dabei bewegt sich kein Mensch außerhalb der Philosophie. Jeder stellt sich Fragen über das Leben, geht von Annahmen aus, die seine Handlungen bestimmen. Täglich greifen die Menschen auf Wahrnehmungen und Beschreibungen zurück, die einzelne Philosophen vorangetrieben haben. Doch wie tiefsinnig ist diese Alltagsphilosophie? Schon Nietzsche wusste, dass für Menschen tiefgründiges Philosophieren zu jeder Zeit unzeitgemäß ist, sie wollen sich nicht mit zu vielen Gedanken belasten. Sie vergessen, dass erst das Denken sie vom Tier unterscheidet, ihr Menschsein bestimmt.

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Die Philosophie ist die Basis jeder Wissenschaft. Heideggers provokanter Ausspruch, dass die Naturwissenschaft nicht denkt, trifft den Kern. Die Naturwissenschaft beschreibt Vorgänge: A bewegt sich nach B. Diskutiert sie Methodenfragen, sinniert sie über die Erfassungsmöglichkeiten ihres Gegenstandes oder interpretiert sie die Ergebnisse, greift sie – ob sie will oder nicht – auf die Philosophie zurück. Ohne Philosophie wäre die Naturwissenschaft ein gedankenleerer Beschreibungsapparat.

Doch selbst an Universitäten ist die Philosophie nicht zu Hause – dort wird ihre Geschichte gelehrt, nicht sie selbst. Philosophie benötigt keine Universitäten, sondern Menschen, die sich ernsthaft um das Denken bemühen. Nur wenige wagen diesen Schritt, denn die Resultate sind nicht immer erbaulich.

Wird ein gewohnter Handlungsablauf gestört, bleibt der Mensch stehen und fragt sich, was vor sich geht. Er beginnt zu denken. Die großen Denker haben diese Störungen gesucht und erwirkt. Der Philosoph ist ein potenzieller Störenfried. Nur selten wird ihm Gehör geschenkt, meist wird er ignoriert oder an den Rand gedrängt. Wer hat heute noch den Mut, sich in seinem gewohnten Denken stören zu lassen? Wer wagt es noch Mensch zu sein?

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Leserkommentare
  1. .. die problematik zuende'lösen', deren bewältigung die aufklärungsphilosophie vor einem vierteljahrtausend angeregt hat?
    der umstand, dass das moderne emanzipationsversprechen (entfaltung des einzelnen zum mündigen, handlungsautonomen individuum und seine freisetzung aus überkommenen polit. und materiellen zwängen) bislang nicht bzw. nur graduell eingelöst wurde, drückt sich heute im zerfall des intellektuellen weltbezugs in drei widerstreitende deutungsperspektiven aus:
    1. eine 'kritische', die an der idee eines zu vollendenden 'projekts der moderne' festhält.
    2. eine 'metakritische', die den geltungsanspruch des modernen 'vernunftglaubens' zurückweist (postmoderne)
    3. eine 'antikritische', die in der aktuellen verfassung der westl. gesellschaften das telos der aufklärung bereits verwirklicht bzw. die bestehenden verhältnisse als unhintergehbaren (quasi-natürlichen) handlungsrahmen ansieht ('objektivismus').
    letztere findet ihren niederschlag hauptsächlich in pragmatistischen und utilitarist. ideologien, in denen die philosoph. frage nach den erkenntnisvoraussetzungen als 'metaphysische' angelegenheit ausgesondert und das problem der autorisierung (natur)wissenschaftlicher erkenntnis in einem akt der quasi-religiösen selbstüberhebung den positiven wissenschaften selbst überantwortet wird. diese perspektive ist die heute vorherrschende.
    das naive erkenntnisprinzip, das ihr zugrunde liegt, äußert sich, wie Ihr beitrag zeigt, schon mal als unfreiwillige komik.

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  2. Adorno hat mich als Denker zwar nie sonderlich gereizt (was nicht heißt, dass man nicht auch von ihm lernen kann), doch ihre Interpretation unter welchen Bedingungen man die Wahrheit akzeptiert (oder nicht) gefällt mir. Denn tatsächlich wird bei vielen vorab festgelegt, wie die Wahhreit zu sein hat (beim einigen Komplex, beim anderen schlicht usw.). Wirkliche Forschung müsste sich auf das einlassen, was ihr begegnet. Sonst übersieht sie am Ende die "Wahrheit", weil sie nicht ins vorgefertigte Schema passt.

    Ein netter Denkanstoß. So wie allgemein die Diskussion einige interessante Kommentare hervorgebracht hat. Schön, dass sich viele die Mühe gemacht haben ihre Gedanken zu einzelnen Aspekten neiderzulegen, davon kann man immer profitieren. In Zustimmung wie in Ablehnung :-) Bei dem eben erwähnten Beitrag aber absolute Zustimmung meinerseits.

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    Antwort auf "Es tut mir weh,"
  3. Aber aber, wenn sie mich so nett einladen mich noch einmal kurz zu äußern. Sie müssen noch etwas an ihren Vergleichen basteln. Oder nein: Es ist nur ein schnell hingeschriebener Kommentar und der kann schonmal unstimmig sein, es sei verziehen.

    So ist es auch bei mir. Ich schreibe schnell einen Kommentar (auch meine Zeit ist knapp) und nicht an einem Aufsatz über die deutsche Sprache. Wenn sie das mit einem Buch vergleichen wollen, dass monatelang korrigiert wurde, durch mehrere Hände gegangen ist, dann nur zu. Ich hab hier auch nicht in meinen Kommentar versucht Aufsätze unterzubringen, sondern wie es ihn einem mündlichen Gespräch geschieht, ein paar kurze Anmerkungen vorgenommen.
    Mir sind übrigens Gedanken wichtiger, Sprachglanz ist zweitrangig. Also kaufen sie sich weiterhin den Duden und weiden sich daran, ich lese lieber Gedanken.
    Eigentlich haben sie ein schönes Beispiel geliefert. Ihnen sind durchlektorierte Texte wichtiger, hauptsache schön straff, der Inhalt ist nicht so wichtig, hauptsache es lässt sich schnell weglesen und ist nicht weiter störend.
    Ich hab bestimmt wieder ein paar Rechtschreibfehler produziert, nach ihrer Logik also 2:0 für Paid Content. Aber erfreulich, dass sie mein Kommentar als Informationsbeschaffung in Erwägung ziehen und nicht nur als einfachen Kommentar bewerten, sondern ihn gleich ins Verhältnis zu ganzen Büchern setzen. Das ehrt mich.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Wissenschaft | Buch | Geschichte | Naturwissenschaft | Philosophie | Roman
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