Das Training erstreckte sich über ein halbes Jahr, danach wurde Bilanz gezogen. Es stellte sich heraus, dass die dicken Frauen in allen vier Gruppen Gewicht verloren hatten, selbst die in der Gruppe der Nichtsportler (offenbar, weil sie beim Ausfüllen der Studienunterlagen ins Grübeln gekommen waren). Die Teilnehmerinnen in den Sportgruppen hatten zwar stärker abgespeckt (Kein Sport: minus 0,9 Kilogramm, Sportgruppen: minus 1,4 bis 2,1 Kilogramm), aber das fiel statistisch kaum ins Gewicht. Der Unterschied zwischen Nichtsportlerinnen und den Frauen, die am härtesten trainierten, betrug im Mittel lediglich 600 Gramm, berichten Church und seine Kollegen im Fachblatt Plos One.

Physische Inaktivität ist anscheinend eher das Ergebnis von Fettsucht als deren Ursache
Terry Wilkin, Mediziner

Warum fiel der Gewichtsverlust so mager aus? Church hat eine Erklärung, die auch viele seiner Kollegen heranziehen: Kompensation. Wer eine Stunde gejoggt ist oder im Fitnessstudio geschwitzt hat, belohnt sich danach nicht selten mit Cola, Bier, Kuchen oder Pommes frites – man hat es sich ja verdient. Dabei werden die Energiespeicher wieder aufgefüllt. "Der Körper gibt keine Kalorie freiwillig her", sagt der Sportwissenschaftler Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln. Und anscheinend fordert er verlorene Kalorien sofort zurück.

Nach einer weit verbreiteten Annahme macht ein inaktiver Lebensstil fett. Doch es gibt Hinweise, dass andersherum ein Schuh daraus wird. Zuerst war das Fett, dann kam die Trägheit. In einer britischen Untersuchung aus dem Jahr 2010, in der 200 Grundschüler über einen Zeitraum von elf Jahren beobachtet wurden, stellte sich heraus, dass körperliche Betätigung keinen Effekt auf das Gewicht hatte, dass aber Gewichtszunahme zu weniger Bewegung führte.

"Physische Inaktivität ist anscheinend eher das Ergebnis von Fettsucht als deren Ursache", schreiben Terry Wilkin von der Peninsula Medical School und seine Kollegen im Fachblatt Archives of Disease in Childhood. "Diese Umkehrung von Ursache und Wirkung kann erklären, warum die Versuche, Fettsucht bei Kindern mit Bewegung zu kurieren, so selten erfolgreich sind."

Fettsucht liegt auch im Erbgut

Spätestens an dieser Stelle kommen die Gene ins Spiel. Ähnlich wie bei anderen individuellen Merkmalen, etwa Körpergröße oder Intelligenz, sind auch am Körpergewicht etliche Erbanlagen beteiligt. Sie bestimmen natürlich nicht bis aufs letzte Gramm, wie viel jemand auf die Waage bringt. Aber sie geben eine Tendenz vor, eine Bandbreite des Möglichen. Die genetisch vorgegebene Gewichtsspanne beträgt danach etwa 13 bis 14 Kilogramm. Auch der Körper zählt Kalorien. Und er zählt genau.

"Studien belegen, dass ein bestimmter Satz von gewichtsregulierenden Genen, die eine Person besitzt, bei Weitem der wichtigste Faktor ist, wenn es darum geht, wie viel diese Person wiegt", schrieb der Mediziner Jeffrey Friedman von der New Yorker Rockefeller-Universität im Magazin Newsweek. Friedman, der mit dem menschlichen Eiweiß Leptin ein mögliches Schlankheitshormon entdeckte, empörte sich in dem Beitrag über Kritiker von Regina Benjamin, der Leiterin des US-Gesundheitswesens. Diese hatten sich über Benjamins erhebliches Übergewicht mokiert.

Zusätzlich zu Gesundheitsschäden und Spott bekämen die Dicken noch den moralisierenden Vorwurf zu hören, sie frönten der Völlerei, beklagt der Forscher. "Fettsucht ist keine Frage persönlichen Versagens, sondern hauptsächlich ein Ergebnis der Erbanlagen", schreibt Friedman. "Wenn Sie dünn sind, bedanken Sie sich bei Ihren 'mageren' Genen und hören Sie auf, Dicke zu stigmatisieren." Vieles spricht dafür, dass verschiedene Stoffwechsel-Temperamente existieren. Für die Unglücklichen, deren "Gewichts-Thermostat" von Geburt an zu hoch eingestellt ist, bedeutet das, dass sie gegen ihre Biologie arbeiten müssen. Wenn sie ihr Soll-Gewicht zu sehr unterschreiten, wird der Körper alles tun, um wieder zuzulegen.