AbnehmenTrotz Sport krallt sich der Körper jede Kalorie

Sport macht nicht schlank: Wer in einer Woche 500 Gramm Gewicht loswerden will, muss 56 Kilometer laufen. Bewegung und Körpergewicht pflegen eine lockere Beziehung. von Hartmut Wewetzer

Wer regelmäßig Sport treibt, wird das Problem kennen. Da überwindet man sich, rackert sich im Fitnessstudio oder auf der Aschenbahn ab – und stellt beim nächsten Gang auf die Waage fest, dass alles scheinbar vergebens war. Dabei heißt es doch immer, dass man sich viel bewegen muss, wenn man abnehmen will. Eigentlich ist das eine Binsenweisheit. Aber dass man sich mit Fahrradfahren, Joggen und Gewichtestemmen die Pfunde wirklich abtrainieren kann, ist zweifelhaft.

Studien deuten darauf hin, dass Sport zwar beim Abspecken hilft, jedoch bei Weitem nicht genügt, um tatsächlich das Fett zu schmelzen. Das hat mehrere Gründe. Einer ist der erstaunlich sparsame Energieverbrauch des Körpers in Bewegung. Wer pro Woche 56 Kilometer zügig spazieren geht, nimmt in dieser Zeit gerade einmal 500 Gramm ab, bei 32 Kilometern sind es nach acht Monaten lediglich 3,5 Kilogramm. Diese Zahlen nennt die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention. "Gewicht abnehmen allein durch Sport und körperliche Aktivität ist zeitraubend und mühsam", sagt Herbert Löllgen, Präsident der Gesellschaft. "Wer abnehmen will, muss eine Diät halten, seine Kalorien drastisch reduzieren und zusätzlich regelmäßig sportlich aktiv sein."

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Vielleicht hilft es ja, Fett in Muskel zu verwandeln, denn Muskeln verbrauchen auch in Ruhe mehr Kalorien (eigentlich Kilokalorien). Aber der Unterschied ist gering, wie Forscher der New Yorker Columbia-Universität ermittelten. Ein knappes Pfund Muskelmasse verbrennt sechs Kalorien, die gleiche Menge Fett zwei. Wer durch hartes Training knapp fünf Kilogramm Fett durch Muskel ersetzt, kann also am Tag 40 Kalorien zusätzlich verspeisen – einen Teelöffel Butter.

Serie: Diät-Mythen
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Klicken Sie auf das Bild, um alle Artikel aus der Serie "Diät-Mythen" zu lesen.  |  © adina80xx/photocase.com

Den allergrößten Teil seiner Existenz verbrachte der Mensch als Jäger und Sammler, als ein Wesen, das rastlos die Savanne durchstreift. Der Bruch des modernen Menschen mit dieser Vergangenheit könnte größer kaum sein. Die Zivilisation hat aus dem Homo movens einen Homo sedens gemacht, ein sesshaftes Bürowesen, das seltene Momente der Bewegung im Fitnessstudio ausführlich plant, ja regelrecht zelebriert. Deshalb liegt es nahe, auch in der Trägheit des Jetztmenschen einen Grund für Übergewicht und Fettleibigkeit zu sehen. Aber diese naheliegende Annahme führt möglicherweise ebenso in die Irre wie der Glaube an Sport als Schlankmacher.

Mehr Nahrung und weniger Kalorienverbrauch?

In Tansania im südöstlichen Afrika lebt das kleine Jäger- und Sammler-Volk der Hadza. Sie verbringen einen großen Teil des Tages damit, auf der Suche nach essbaren Pflanzen und Wild umherzustreifen. Ein Leben wie in der Steinzeit, der ideale Gegenpart zum westlichen Sitzmenschen. Amerikanische Forscher machten die Probe aufs Exempel und stellten überrascht fest, dass die rastlosen Jäger und Sammler annähernd den gleichen Kalorienverbrauch haben wie Menschen in westlichen Industrienationen.

"Die Ergebnisse erhellen, wie kompliziert der Energiehaushalt ist", sagt Herman Pontzer vom Hunter College in New York, einer der beteiligten Wissenschaftler. "Er spiegelt nicht nur einfach die körperliche Aktivität wider, unser Stoffwechselumsatz reflektiert eher unsere gemeinsame evolutionäre Vergangenheit als unsere verschiedenen modernen Lebensstile." Die Zunahme der Fettsucht in den Industrienationen hat aus Sicht der Forscher demnach ihren Grund eher in der vermehrten Nahrungsaufnahme als in geringerem Kalorienverbrauch aufgrund der sitzenden Lebensweise.

Auch andere Untersuchungen belegen, dass Bewegung und Körpergewicht eine eher lockere Beziehung pflegen. Unter Leitung von Timothy Church von der Louisiana State Universität in Baton Rouge erforschten Wissenschaftler, wie sich unterschiedliche "Dosen" von Sport auf das Gewicht auswirken. An der Studie nahmen knapp 500 fettleibige Frauen teil, die in vier Gruppen eingeteilt wurden. Die erste machte gar keinen Sport, die zweite 72 Minuten pro Woche, die dritte 136 und die vierte 194.

Leserkommentare
  1. Jeden Tag ein Putenschnitzel oder ein paar Scheiben Wurst zu essen ist auch nicht gesund, da muss es nicht mal der fette Braten sein. Und gegen rotes Fleisch ist jede Menge einzuwenden. Sie könnten sich durchaus ganz ohne Fleisch völlig ausgewogen und noch gesünder (!) ernähren, und dann würde das Geld auch reichen, um täglich frisches Obst und Gemüse zu kaufen. Obst und Gemüse ist wirklich nicht teuer, vor allem, wenn man sich an die Saisonware hält – das Angebot ist doch mittlerweile groß genug, um sich dabei nicht zu langweilen.

    Antwort auf "Ernährungsregeln"
  2. Schön, dass sich endlich mal ein paar Redaktuere die Zeit genommen haben, den ganzen Unfug über angebliches Übergewicht mal zu hinterfragen. Wegen der Hautfarbe oder der sexuellen Orientierung darf heute (zu Recht natürlich!) niemand mehr diskriminiert werden, aber "die Übergewichtigen" dürfen straflos an den Pranger gestellt werden. Dabei ist inzwischen sogar bekannt, dass einer der besten Prädiktoren für Übergewicht die Anzahl bislang durchgeführter Diäten ist.

    Diäten machen dick:

    http://www.fem.com/beauty...
    http://www.echte-esser.de...
    http://www.focus.de/gesun...

    Die andauernde, schamlose und öffentliche Diskriminierung von "Dicken" bar jeder wissenschaftlichen Grundlage ("Dicke" leben sogar länge als sogenannte "Idealgewichtige") treibt die "Übergewichtigen lediglich in die Arme einer ausufernden Diät- und Abspeckmittelchindustrie. Hat sich schonmal wer gefragt, ob die beständige Propagierung des Abnehmwahns und die infolgedessen durchgeführten Crashdiäten nicht mehr Übergewicht erzeugt haben, als es Eiscreme, Schoki und Eisbein jemals vermochten?

  3. Sie haben ja wahrscheinlich recht. Ich meine aber mal gelesen zu haben, dass Sport zwar das Leben verlängert, leider aber nur um ungefähr die Zeit, die man mit dem Sporttreiben verbringt...

    Aber warum nicht einfach Sport machen, weil es Spaß macht?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ....weil es keinen Spass macht ! Sich ohne Not körperlich anzustrengen ist keine natürliche Sache !
    Sie haben sich wahrscheinlich selbst inspiriert, will sagen ihren Geist darauf hin trainiert, Spass am Sport zu haben. Ist auch nichts gegen zu sagen ! Auch Jogger und Marathonläufer sind wahrscheinlich durch den Ausstoss der körpereigenen Opiate, schwer suchtgefährdet;

    aber Sport ist ja gesund ;)!

    • Nero11
    • 26. November 2012 15:20 Uhr

    hauptsache Bewegung z.B. Sex oder Arbeiten bis ins hohe Alter hinein. Das macht den Zellen vor, man wäre junger als man ist. Denn Zellen zählen die Lebensajahre nicht mit, sie haben andere Indikatoren.

  4. "Da wäre alleine die Tatsache, dass die Menschen in den vergangenen 20 Jahren im Durchschnitt erheblich dicker geworden sind. Wenn Dick- oder Schlanksein etwas mit den Genen zu tun hätte, wären jetzt nicht mehr als 50 Prozent der Deutschen übergewichtig."

    Nur weil es überall behauptet wird, ist es noch lange keine Tatsache.

    Meines Wissens ist die Dramatisierung bei der Anazhl der Übergewichtigen vor allem auf die Definition von Übergewicht zurückzuführen, die ja bekanntlich bereits bei einem BMI von 25 beginnt. Abgesehen von der fraglichen Sinnhaftigkeit des BMI bei der Diagnose von Übergewicht sollte es sich inzwischen herumgesprochen haben, dass moderates Übergewicht keineswegs mit einer reduzierten Lebenserwartung einhergeht. Im Gegenteil leben die Personen mit einem BMI 25-30 sogar länger als die angeblichen Idealgewichtler mit 19-24, und eine statistisch bedeutsame Abnahme der Lebenserwartung findet man erst bei Personen mit einem BMI>40, also wirklich Fettleibigen. Moderat Übergewichtige haben nicht einmal ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko.

    http://www.aerzteblatt.de...

    Ob es sinnvoll ist, eine Personengruppe kraft des gesprochenen Wortes ohne jede medizinische Grundlage als übergewichtig zu bezeichnen und fortlaufend öffentlich zu diskriminieren, könnte auch endlich mal Gegenstand einer öffentlichen Debatte sein.

  5. ....weil es keinen Spass macht ! Sich ohne Not körperlich anzustrengen ist keine natürliche Sache !
    Sie haben sich wahrscheinlich selbst inspiriert, will sagen ihren Geist darauf hin trainiert, Spass am Sport zu haben. Ist auch nichts gegen zu sagen ! Auch Jogger und Marathonläufer sind wahrscheinlich durch den Ausstoss der körpereigenen Opiate, schwer suchtgefährdet;

    aber Sport ist ja gesund ;)!

    Antwort auf "Wenns Spaß macht"
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    • outis
    • 26. November 2012 14:37 Uhr

    hat mit Spaß wirklich nur wenig zu tun. Die dabei an einem vorbeihechelnden, gehetzt wirkenden Menschen sehen jedenfalls nicht so aus. Ist doch meistens nichts als Frondienst am Selbst, den einem das gesellschaftliche "Überich" als Pflicht auferlegt.
    Aber es lohnt sich: man ist gesünder und lebt länger. Die gewonnene Lebenszeit verbringt man allerdings Pulsfrequenz messend auf Hamsterrädern. Wirklich erschreckend zu wie viel diätetischer Selbstkasteiung mancher hier bereit ist.

    • webwiz
    • 26. November 2012 13:10 Uhr

    die, die den Durchschnitt des öffentlichen Gesundheitsindex vehement nach unten reißen und jedem Normalschlanken mit seinem Starrsinn und seiner Völlerei auf der Tasche liegen. Und das tue ich aus reiner Boshaftigkeit! So! Das musste mal raus!
    Seitdem ich aus meinem Jugendalter heraus war, stieg die Waage Stück für Stück nach oben. Ich habe von meinen Eltern und Großeltern 'Übergewichtsgene' geerbt und kämpfe seit dem Steigen der Waage dagegen an. Es ist einfach zu sagen: Geh' joggen! wenn die Fußgelenke das nicht mitmachen. Ebenfalls einfach zu sagen 'Dann fahr Rad!', wenn der Rücken und der Kreislauf das nicht mitmacht. Ihr Schlanken habt ja gut reden! Vor allem, wenn man einen Sport gefunden hat, den man ausführen kann und sich im Endeffekt nichts an der Misere ändert. Gesundes Essen, ausgewogene Ernährung, Bewegung etc... alles Kampfbegriffe, die ich herunterbeten kann und auch für mich umsetze. Ohne Ergebnis! Und dann kommen diese Besserwisser mit dem letzten Totschlagargument: 'Da fehlt der Wille!'
    Klasse! In diesem Artikel werden einige Dinge zurechtgerückt und Leute wie ich bekommen wieder etwas Selbstvertrauen, weil sie ja vielleicht doch nicht alles selbst schuld sind. Aber die Sport- und Gesundheitstherapeuten sitzen schon in den Startlöchern und kontern mit den Stereotypen, um uns Übergewichtigen wieder in die Depression zu schicken wo wir hingehören, nicht wahr?

    Eine Leserempfehlung
  6. und zum Ausgleich mit dem Auto ins Fitnessstudio.

    Wer einen Arbeitsweg unter 20 km hat und das haben die meisten, könnte auch zu Fuß gehen oder das Rad benutzen. Plötzlich ist der Alltag nicht mehr ungesund, man fühlt sich viel wohler, ist seltener krank und kann sich Zeit und Aufwand fürs Fitness sparen.

    Warum kommen so wenige auf diese naheliegende Idee?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Mit dem Auto ins Fitnessstudio und dorthin mit Fahrstuhl/Rolltreppe gelangen.

    Ist kein Witz.

    20 km ist allerdings schon ganz schön weit, um das täglich zu Fuß zu bewältigen... prinzipiell gebe ich Ihnen natürlich recht. Gerade für Bürohengste ist es ein angenehmer Ausgleich und spart obendrein Geld.

  7. Mit dem Auto ins Fitnessstudio und dorthin mit Fahrstuhl/Rolltreppe gelangen.

    Ist kein Witz.

    20 km ist allerdings schon ganz schön weit, um das täglich zu Fuß zu bewältigen... prinzipiell gebe ich Ihnen natürlich recht. Gerade für Bürohengste ist es ein angenehmer Ausgleich und spart obendrein Geld.

    Antwort auf "Ungesunder Alltag"

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