PsychologieWer trauert, darf auch lachen

Wer einen geliebten Menschen verliert, fühlt nicht nur Kummer. Lachen und Heiterkeit sind wichtige Mechanismen, um seelisch wieder stabil zu werden, sagen Trauerforscher. von Arnd Zickgraf

Ihre Mutter nahm sich das Leben, als sie 15 war. Ihr Freund starb vor sechs Jahren an einer schweren Krankheit. Todesfälle haben Eva Terhorsts Leben durchgerüttelt. Man könnte meinen, sie sei verbittert. Doch wer mit ihr spricht, lernt eine lebenslustige Frau kennen, die gerne lacht. "Ich bin ein Stehaufmännchen", sagt sie.

Terhorst hat die Trauer zum Teil ihres Berufs gemacht: Sie ist Trauerbegleiterin. Ihren Rat suchen verzweifelte Menschen, die den Partner verloren haben, nicht selten durch Suizid. Viele melden sich erst Wochen oder Monate nach dem Verlust. Dann, wenn sie schlaflos geworden sind, körperliche Schmerzen haben, keinen Sinn mehr im Leben sehen oder die Sehnsucht nach den Toten übermächtig geworden ist.

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Als die Menschen noch häufiger in größeren Familien lebten, nahmen wenige professionelle Begleitung in Anspruch. Heute ist das anders. Vielleicht, weil das moderne Leben wenig Zeit und Raum für die Auseinandersetzung mit dem Tod bereithält. Vielleicht auch, weil die Akzeptanz, sich bei seelischen Problemen helfen zu lassen, gewachsen ist. Für viele nimmt heute ein konfessionsunabhängiger Trauerbegleiter die Rolle ein, die früher meist kirchliche Seelsorger ausfüllten.

Terhorst organisiert Gruppentreffen, bei denen sich Hinterbliebene austauschen können. Diese Zusammenkünfte seien eine Erleichterung, sagt sie. "Emotional geht es da hoch und runter."

Kummer und Lachen – die zwei Gesichter der Trauer

Wechselbäder der Gefühle hätten Theoretiker der Trauer früher als krankhaft angesehen. Sigmund Freud, Verena Kast und John Bowlby gingen davon aus, dass Hinterbliebenen Spätfolgen wie Depressionen drohten, wenn sie ihre Trauer nicht verarbeiteten. Heiterkeit und Optimismus in der Trauer deutete John Bowlby etwa als "verräterische Zeichen" dafür, dass das psychische Gleichgewicht des Hinterbliebenen gestört ist.

Dem widerspricht die neuere Forschung: "Positive Gefühle können mehr als nur anzeigen, dass wir uns gut fühlen, und sie kommen in nahezu jeder Lebenslage vor, selbst in so schwierigen Situationen wie der Trauer", schreibt der Pionier der empirischen Trauerforschung, John Bonanno, in seinem 2012 erschienenen Buch Die andere Seite der Trauer. Die meisten Menschen besitzen ihm zufolge eine natürliche Fähigkeit, Verluste zu überwinden und nach dem Tod geliebter Menschen wieder aufzublühen.

Kummer und Lachen sind laut Bonanno spontane und natürliche Reaktionen auf einen Verlust. Seine Forschungen zeigen, dass die meisten Hinterbliebenen sogar lachen können, wenn sie über Verstorbene reden. Das echte Lächeln, das sogenannte Duchenne-Lächeln, ist ebenfalls unter Trauernden zu beobachten. In einer Studie an Witwen und Witwern stellte der Forscher fest, dass es sogar bei der psychischen Genesung hilft: Die Probanden seiner Studien, die während der ersten Monate nach dem Tod ihres Lebenspartners lachten, waren während der ersten beiden Jahre der Trauer psychisch gesünder als die anderen.

Der Grund: Lächeln und Lachen gewähren den Hinterbliebenen eine Pause von der Trauer. Zudem wecken die Betroffenen bei anderen Menschen weniger Frust, wenn sie lächelnd über ihren Verlust sprechen können. Das klingt makaber – doch es schafft eine Brücke, dort, wo Außenstehende mit der Not des Betroffenen überfordert sind. "Wenn eine Person leidet, erfüllt der Schmerz den ganzen Raum und greift auf uns über", sagt Bonanno. Lachen angesichts des Todes helfe, am gesellschaftlichen Leben weiter teilzunehmen, Freunde und Bekannte zu behalten, und psychisch und physisch stabil zu bleiben.

Trauer verläuft in Wellenbewegungen. Nur dann ist sie erträglich, heißt ein allgemeiner Grundsatz in der Trauerforschung. In den ersten Tagen und Wochen schlagen die Wellen des Schmerzes hoch und flachen im Laufe von Monaten ab. Trauernde richten ihr Augenmerk auf den Schmerz des Verlustes, seine Tragweite und Bedeutung und wenden sich dann wieder ihrem Lebensumfeld zu, den anderen Menschen, den Vorgängen in der Gegenwart. Vorübergehend hellt sich die Stimmung auf. Dann tauchen Hinterbliebene erneut ab und die Trauer setzt sich fort.

Kummer ist nur eine "kurzfristige Lösung"

Kürzlich hat eine Studentin Eva Terhorsts Hilfe gesucht, deren Vater überraschend gestorben war. "Nach der dritten und letzten Sitzung lagen wir am Boden vor Lachen" erzählt Terhorst. "Und als der Damm gebrochen war, kam die Trauer ins Fließen." Ein anderes Mal war sie mit einer Trauergruppe im Yorkschlösschen, einer Kneipe in Berlin-Kreuzberg. Erst hat sich die Gruppe ruhig unterhalten. "Später haben wir laut gelacht", sagt Terhorst. "Trauer ist vielschichtig und ungeheuer lebendig."

Kummer ist dennoch ein wichtiger Überlebensmechanismus. Er ist aber nur als "kurzfristige Lösung" der Natur vorgesehen. Er verschafft den Trauernden eine "erzwungene Auszeit", indem er das biologische System drosselt. So kann sich der Trauernde zurückziehen, die Aufmerksamkeit nach innen wenden und sich an den Verlust gewöhnen. Das Mienenspiel der Trauer, etwa ein langes Gesicht, hat eine starke Signalwirkung auf die Umwelt. Es ist ein Mittel, um Sympathie, Verständnis und Hilfsbereitschaft bei anderen Menschen zu wecken.

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Leserkommentare
  1. Trauerarbeit gemischt mit Freude ist sicherlich ein guter zu empfehlender Weg.

    Häufig haben Hinterbliebende schwerer den Zugang zu der Situation wenn sie den oder die Verstorbene/n zum Beispiel bei plötzlichem Ableben nicht mehr vorher sehen und sprechen konnten.

  2. Ich bin davon überzeugt, dass man sich auf Trauerfälle auch *vor*bereiten kann.

    Der Verlust der Eltern z.B. ist kein unvorhersehbares Ereignis oder ein schweres Schicksal, sondern dass dieser Trauerfall (irgendwann) eintritt, ist sogar die Regel.
    Bei (Ehe-)Partnern liegt die Wahrscheinlichkeit den Partner durch Tod zu verlieren grob gesehen bei 50% (entweder ich oder du).

    Da kann man sich doch schon mal zeitig überlegen, was man, wenn der Fall eintritt, machen wird!

    Richtig schwierg wird es erst, wenn Menschen aus späteren Generationen (Kinder, Enkel, Neffen, Nichten) versterben.

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    Ich hoffe mal,dass Sie es nicht so kalt gemeint haben wie es klingt.In dem Beispiel ging es um eine 15jährige, deren Mutter Selbstmord begangen hat. Nichts, worauf man sich sonderlich vorbereitet...

    Dass Eltern früher sterben, liegt in der Natur der Sache, aber es kommt doch auch sehr darauf an, wann und unter welche Umständen das geschieht. Ist man 50 und die Mama stirbt mit 80 friedlich im Bett, ist das eine Sache.Wenn man noch nicht mal selbst erwachsen ist, wenn ein gesundes Elternteil mit Ende 40 durch einen Unfall stirbt etc., das sind doch keine Sachen, auf die man sich wirklich vorbereiten kann. Es sei denn, man denkt ständig an alles mögliche, was passieren kann. Ihr Kommentar klingt so, als solle man sich bitte nicht so haben mit der Trauer, hätte man ja vorher wissen können. Wissen, Sie, ich hab in jungen Jahren meinen Vater an Krebs verloren und wir wussten relativ früh, dass er sterben wird. Vorbereitungszeit war da genug.Aber glauben Sie im Ernst, dass das "Vorwissen" die Trauer um den Toten auch nur eine Sekunde erleichtert hat?

    Ich stimme ihnen allerdinsg vorbehaltlos zu, was den Tod von Nachgeborenen angeht.

  3. Ich fand es großartig, wie die Männer von Monty Python mit dem Tod von Graham Chapman umgegangen sind.
    So möchte ich auch beerdigt werden!

    http://de.wikipedia.org/w...

  4. Aus gutem Grund lachen kann wirklich nur derjenige, der weiss, dass der geliebte Mensch die Ewigkeit bei Gott verbringt. Anderenfalls würde ich es für zynisch halten zu lachen. Der andere Ort ist keinem Menschen zu wünschen. Offenbarung 1.18

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    bringt immerhin mich zum lachen.

    Besten Dank.

  5. bringt immerhin mich zum lachen.

    Besten Dank.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Lachen mit Grund"
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    • Jost.P.
    • 19. Januar 2013 20:22 Uhr

    1Kor 1,18

    • Jost.P.
    • 19. Januar 2013 20:22 Uhr

    1Kor 1,18

    Antwort auf "Ihr Kommentar"
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    wollte ich Sie um Entschuldigung bitten für meinen Kommmentar von vorhin.

    Wir leben ganz offensichtlich in sehr unterschiedlichen Welten, aber das ist ja kein Grund, Sie herabsetzend anzureden.

    Oder Sie mit dem Höllenfeuer zu bedrohen oder sowas ;-)

    schönen Abend

    • Jost.P.
    • 21. Januar 2013 18:44 Uhr

    Ich nehme die Entschuldigung an. Ganz unterschiedliche Welten sind es wohl nicht, wenn Sie sich zumindest auf das Höllenfeuer zu verstehen scheinen. Da kenne ich mich auch aus.

  6. wollte ich Sie um Entschuldigung bitten für meinen Kommmentar von vorhin.

    Wir leben ganz offensichtlich in sehr unterschiedlichen Welten, aber das ist ja kein Grund, Sie herabsetzend anzureden.

    Oder Sie mit dem Höllenfeuer zu bedrohen oder sowas ;-)

    schönen Abend

    Antwort auf "@ 6 Ihr Kommentar"

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  • Schlagworte Sigmund Freud | Depression | Forschung | Schmerz | Studie | Tod
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