Roboter-AnzügeDie Superkräfte lassen auf sich warten

Exoskelette sollen Soldaten zu Superhelden und Gelähmte zu Laufenden machen. Aber der menschliche Bewegungsapparat ist von Natur aus zu gut, um einfach kopiert zu werden. von 

Exoskelett Gehhilfe Roboter Ekso Bionics

Ein Querschnittgelähmter am Reha-Zentrum in New York erprobt die Gehhilfe Ekso.  |  © Mario Tama/Getty Images

Bärenstark sein, unverwundbar und bis ins hohe Alter topfit – wer hätte nicht gerne Superkräfte? Zugegeben, in einer Welt, in der wir längst Treppen hinauf fahren, Koffer hinter uns her rollen und uns die Einkäufe nach Hause liefern lassen, ist körperliche Kraft nicht überlebenswichtig. Trotzdem träumt auch der moderne Industriestaaten-Bewohner von einem Superkörper – und hat selbstverständlich eine Lösung: Technik.

Seit Jahrzehnten tüfteln Forscher an Exoskeletten, also Robotern, die mit dem Körper verschmelzen und natürliche Fähigkeiten verstärken. Schneller laufen, mehr tragen, höher springen, all das soll dank Hightech gelingen.

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Die US-Armee träumt schon davon, ihre Soldaten in Robotermontur in den Einsatz zu schicken. Mühelos würden Mensch-Maschinen-Kämpfer Lasten ins Gebirge schleppen und Gewaltmärsche durchhalten. Wie das aussehen soll, zeigt ein mit martialischer Musik unterlegtes Werbevideo der US-Firma Lockheed Martin, die einen hydraulischen Hightech-Anzug namens Hulc entwickelt. Die Abkürzung steht für Human Universal Load Carrier. Einfach ausgedrückt funktioniert das Konstrukt aus Metallverstrebungen, Elektromotoren und Hydraulik wie eine zweite Wirbelsäule. Über sie wird mithilfe weiterer Verstrebungen an den Beinen ein Großteil der Gewichtskraft direkt auf den Boden übertragen. Der Körper des Soldaten wird somit entlastet.

Im Mai 2012 berichtete das Magazin Wired, dass Hulc-Soldaten schon bald in Afghanistan kämpfen könnten. Doch so weit ist es noch nicht. Lockheed Martin erklärte auf Anfrage von ZEIT ONLINE: "Berichte, dass Hulc für Einsätze in Afghanistan vorbereitet wird, sind falsch." Vielmehr sei man weiterhin mit Testreihen am militärischen Forschungszentrum der US-Army in Natick (NSSC), Massachusetts, beschäftigt.

Ein anderer Prototyp für ein militärisches Exoskelett hatte bereits im Jahr 2010 Berühmtheit erlangt. Derr X-OS 2 des US-Rüstungsherstellers Raytheon schaffte es in die Top 50 des Time Magazine für die besten Erfindungen des Jahres. 

Hightech-Prothesen und Gehhilfen

Drei Modelle gibt es schon: ReWalk, Ekso und HAL. Sie sollen Gelähmten oder Menschen mit Muskelschwäche das Laufen ermöglichen. Bisher haben weltweit nur Einzelne die Chance auf so ein Gerät. In Greifswald zum Beispiel rüstet eine Klinik testweise erste deutsche Patienten mit der ReWalk-Gehhilfe aus, die der israelische Ingenieur Amit Goffer – selbst Rollstuhlfahrer – erfunden hat. Das Modell der US-Firma Ekso Bionics wurde hierzulande unter anderem an Kliniken in Aachen und Potsdam getestet.

Mediziner warnen vor zu hohen Erwartungen. Für lange Strecken taugen die Exoskelette nicht. Die Patienten müssen Kraft in den Armen haben und andere körperliche Voraussetzungen mitbringen, um die Balance im Elektro-Anzug zu halten. Dass Querschnittgelähmte damit normal gehen könnten, bleibt ein Traum.

Trotz all dieser Einschränkungen: Beim Versuch, verlorene Fähigkeiten auszugleichen, ist die Forschung weiter, als beim Tuning des gesunden Körpers. Michael Goldfarb, Biomechaniker an der Vanderbilt University in Tennessee, erklärt das so: "Unsere Körpermotorik ist komplex und funktioniert eigentlich ganz gut. Das noch zu verbessern, ist mit den meist viermotorigen Systemen von heute schwer. Jemanden, der jedoch gelähmt ist, wieder zum Laufen zu bringen, ist wesentlich einfacher und das können wir heute schon."

Goldfarb forscht an einem Exoskelett, das die Arbeit der Beine unterstützt und in Kombination mit Krücken oder einem Gehwagen eingesetzt werden kann. Ihm geht es im Moment vor allem darum, das Gehen in komplizierten Situationen, etwa auf Treppen oder an Steigungen, zu optimieren. Goldfarbs Prototyp wiegt derzeit rund 12 Kilogramm, nachdem sein Tüftler-Team Batterie und Motoren des Roboters verkleinert hat. Das erhältliche ReWalk ist mit 18 Kilogramm im Vergleich dazu ein Schwergewicht.

Bis zu 100.000 Euro für ein Gerät

Bisher sind Exoskelette für einen flächendeckenden Einsatz zu teuer, zu schwer und zu wenig erprobt. Das ReWalk-System kostet beispielsweise 52.500 Euro für den Einzelnen. Für Klinken kommen sogar rund 100.000 Euro zusammen, da Hard- und Software für verschiedene Patienten verstellbar sein müssen. Andere Modelle sind ähnlich teuer, so dass erste Forschergruppen versuchen, mit neuen Prototypen unter die 10.000 Dollar-Marke zu kommen. Entscheidend wird außerdem sein, ob Versicherungen die Kosten übernehmen werden. "Ich glaube, dass die ersten Krankenkassen ReWalk bald in ihren Leistungskatalog übernehmen werden", sagt John Frijters, der bei ReWalk für den europäischen Markt zuständig ist. Er ist optimistisch, dass die teureren Modell sich durchsetzen werden.

Dazu müssten Studien den Vorteil der Roboter-Anzüge gegenüber anderen Gehilfen belegen. Zwar wurde im November 2012 eine Studie zu ReWalk veröffentlicht. Die Probandenzahl war mit zwölf Personen aber zu klein, um signifikante Aussagen zu treffen. Ein Vergleich mit Patienten, die eine herkömmliche Therapie durchliefen, fand nicht statt.

Exoskelett-Pioniere wie Frijters und Goldfarb sind sich daher einig, dass wesentlich größere und solidere Studien notwendig sind, um die Roboter zum Anziehen zu etablieren. "Ich hoffe, dass in zehn bis 15 Jahren Exoskelette zum Alltagsbild gehören und es dann ganz normal ist, dass Leute mit diesen Geräten durch die Städte laufen," sagt Goldfarb.

In seiner Vision steckt der Traum vieler gehbehinderter Menschen: eines Tages wieder laufen zu können. Der Wunsch nach Superkräften erscheint daneben vermessen.

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Leserkommentare
  1. auf seite 1 steht bzgl. lähmung, dass es ein traum bleibt ... auf der nächsten wird genau das gegenteil gesagt.

    alles in allem finde ich seite 1 so pessimistisch, dass ich auf seite zwei kaum noch lust habe.

    das ist doch alles extrem in entwicklung und gerade deshalb kann man sehr optimistisch sein!

    heute steuern komplettgelähmte einen roboterarm allein via gedanken und morgen werden gelähmte und beeinträchtigte problemlos mit exoskeletten durch die gegend laufen können!

    http://www.golem.de/news/...

    2 Leserempfehlungen
  2. Die Natur hat's einmal erfunden und dann opimiert: Das Sonnenlicht wird in Form von Kohlenwasserstoffen ( Kohlehydraten ) gespeichert, die haben den Vorteil der hohen Energiedichte. Mit meinem Ranzen an gespeicherten kann ich problemlos 3 Wochen mobil sein, wie schwer wäre ich, wollte ich diese Energiemenge aus Akkupacks beziehen? Deshalb gibt es in der Natur auch nur die Informationsverarbeitung auf (teil-)elektrischer Basis, ein paar wenige haben das bis zur Waffe entwickelt, aber kein Tier wird elektrisch angetrieben!

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Roboter | Afghanistan | Aachen | Greifswald | Massachusetts | Potsdam
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