Aussterbende LöwenDer König der Tiere verliert sein Reich

Löwen, die Symboltiere aus Afrikas Savannen, sind zunehmend bedroht, weil sie Hirten das Vieh rauben. Einst lebten die Raubkatzen sogar in Europa. von Daniel Lingenhöhl

Südafrika Wilderei Afrika Löwe

Ein Löwe im Entabeni-Schutzgebiet in Südafrika  |  © Stephane de Sakutin/AFP/Getty Images

In der Antike lebten Löwen (Panthera leo) nicht nur in Afrika. Sie kamen in Griechenland und auf dem südlichen Balkan vor – bis ins südliche Serbien und in Bulgarien. Das belegen neben zahlreichen Heldengeschichten und Berichten zeitgenössischer Gelehrter wie Aristoteles auch Funde fossiler und subfossiler Knochen. Erst im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt starb die Großkatze in Europa aus: ausgerottet durch Trophäenjagd und die Bekämpfung des Fleischfressers, der den Herden der Hirten schweren Schaden zufügen konnte.

Seither haben Löwen immer mehr Lebensraum eingebüßt. In den letzten Jahrhunderten verschwanden sie fast vollständig aus Asien. Lediglich 400 Exemplare der asiatischen Unterart Panthera leo persica haben sich im indischen Gir-Wald gehalten. Auch der Norden Afrikas ist heute löwenfrei. Einst lebten dort die berühmten großen Berberlöwen, die im Kolosseum zu Rom gegen Gladiatoren kämpfen mussten. Sie kann man heute nur noch als genetisch vermischte Hybride in Zoos und Zirkussen bestaunen.

Anzeige

Auch in Afrika geht der Niedergang des "Königs der Tiere" weiter. Seit 1960 habe sich die Zahl der afrikanischen Löwen um zwei Drittel auf maximal 35.000 Exemplare verringert, zeigt eine Studie, die der deutsche Biologe Philipp Henschel für die Großkatzen-Schutzorganisation Panthera durchgeführt hat. Noch drastischer sind die Zahlen von LionAid: Die NGO schätzt den Bestand auf höchstens 15.000 Löwen in ganz Afrika. Dass ihre Zahl wieder zunimmt, halten Naturschützer für unwahrscheinlich. "Viele Löwen leben in kleinen, isolierten Populationen. Das macht ihr Überleben zweifelhaft", sagt Luke Dollar, Zoologe an der Duke University.

Besonders kritisch ist die Situation in Westafrika: Nur noch etwa 500 Löwen verteilen sich dort über acht getrennte Gebiete. Ohne Austausch verarmen sie genetisch, was sie anfälliger für Krankheiten oder fatale Verschiebungen im Geschlechterverhältnis macht. In den vergangenen 30 Jahren hat sich zudem die Zahl der Menschen, die in der Region leben, verdoppelt. Sie alle benötigen Nahrung und Land, was sowohl den Druck auf die Raubkatzen als auch auf deren Beute erhöht. Mit den westafrikanischen Löwen könnte eine Unterart aussterben, die neuesten Untersuchungen zufolge näher mit den asiatischen als mit den ostafrikanischen Vettern verwandt ist.

Karte Löwen Verbreitung Afrika Wilderei

"Wir haben nur zehn potenzielle Hochburgen ausfindig gemacht, wo der Löwe sehr gute Überlebenschancen hat – die meisten davon liegen in großen Nationalparks", erzählt der Zoologe Henschel. Nach Informationen von LionAid sieht es sogar noch düsterer aus, denn in nur fünf Teilgebieten – in den Ländern Tansania, Kenia, Südafrika, Botswana und Simbabwe – liegt die Zahl der Löwen bei mehr als 1.000 Tieren.

Auch Tiger, Leoparden und Geparden sind in Gefahr

Ähnlich schlecht steht es um andere Großkatzen: Höchstens noch 3.500 Tiger sollen durch Asiens Urwälder und Savannen streifen, verteilt auf mehrere Unterarten. Nur noch kleine Inseln ihres einstigen Lebensraums sind in Indien und Russland geblieben. Die in den Hochgebirgen Zentralasiens heimischen Schneeleoparden wurden auf 6.500 reduziert – ihr Fell und die Knochen sind auf dem Schwarzmarkt begehrt, Viehzüchter trachten ihnen nach dem Leben, weil sie auch Schafe und andere Haustiere erlegen.

Geparden bringen es immerhin noch auf 10.000 Individuen, doch sind sie praktisch aus ganz Asien verschwunden. Nur noch im Iran hält sich eine kleine Gruppe. Weil auch ihr Lebensraum in Afrika immer weiter zerstört wird und die wenigen übrigen Populationen genetisch verarmen, leiden auch sie häufiger an Krankheiten und ziehen weniger gesunden Nachwuchs auf.

Selbst der Jaguar, der noch großflächig in Teilen Süd- und Zentralamerikas vorkommt, musste bereits 40 Prozent seines ursprünglichen Verbreitungsgebiets aufgeben; der Rest wird zunehmend zerstückelt. Da sie an der Spitze der Nahrungsnetze leben, kommen all diese Großkatzen von Natur aus schon selten vor, benötigen viel Raum und Wild und ängstigen Menschen, da sie eine potenziell tödlich Gefahr sein können. Für das Überleben dieser Arten eine fatale Kombination.

Leserkommentare
  1. Redaktion

    Liebe Leser,

    zu der hier begonnenen Debatte kann ich auch diese Artikel aus dem Ressort Wissen empfehlen:

    http://www.zeit.de/wissen...

    http://www.zeit.de/2013/0...

    http://www.zeit.de/wissen...

    Herzliche Grüße.

    • marxo
    • 22. Januar 2013 10:11 Uhr

    Weite Teile der ländlichen Regionen Afrikas veröden eher, weil ganze Dörfer in die Städte ziehen. Afrikas Bevölkerungsdichte ist verschwindend gering im Vergleich zu Europa. Lediglich in einigen Staaten wie Ghana oder Nigeria gibt es eine nennenswerte Bevölkerungsdichte. Andere Flächenstaaten haben lediglich ein paar Millionen Bewohner, die sich in Städten konzentrieren.

    Nein, daran stirbt keine Großkatze. An der Entwaldung der Elfenbeinküste war nicht ein Bevölkerungszuwachs schuld, sondern die kriminelle Entwaldung, gleiches gilt für Madagaskar. Die Orang Utans werden auch nicht für Kleinbauernland ausgerottet, sondern wegen deutscher Palmöl-Politik, die zum drastischsten Verlust an Brachflächen und Waldflächen seit langem führte. Und Nashörner sterben gewiss nicht, weil eine afrikanische Bäuerin ein paar acres Mais bestellt, sondern weil Chinesen das Horn haben wollen. In Ghana sind Wilderer und Besiedlung ein Problem - aber dort sind schon so gewaltige Flächen entwaldet worden für Kakao und Palmöl, dass der Rückgang etwa von Waldelefanten dort vorprogrammiert ist, unabhängig von Schutzmaßnahmen. Solange europäische Firmen Palmölplantagen in Sekundärwäldern und Regenwald anlegen, wird das die dringendste Ursache für Artenschwund bleiben.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • aehrenr
    • 22. Januar 2013 10:37 Uhr

    Ob Menschen in Städten oder auf dem Land leben. Ob sie viel besitzen oder wenig. Sie benötigen Ressourcen, insbesondere Nahrung.

    Diese Nahrung muss gejagt oder angebaut werden. Das ist das zentrale Problem.
    Um anderen Lebewesen ein Leben zu ermöglichen (und den Menschen ein lebenswertes) muss die Zahl der Menschen die geboren werden, dramatisch sinken. Daneben müssen wir alle Abfälle in einem vollkommen geschlossenen Zyklus wieder aufarbeiten.

    Sonst gibt es keine Rettung für die meisten Wildtiere und kurz danach für uns selber.

    Freilich muss gerade unsere Kultur Ressourcen schonen wo es geht. Doch dies kann nur eine Methode sein, "über den Berg zu kommen". Wächst die Menschheit dennoch weiter, wäre selbst eine wesentlich bescheidenere Menschheit als unsere Kultur es ist, sehr schnell am Ende.

    Ihre Argumentation ist unschlüssig. Der Nahrungsbedarf reduziert sich in einem Land ja nicht wenn ein Teil der Bevölkerung von der Fläche in die Metropolen ziehen.

    Ich kann für Afrika nicht beurteilen, ob Sie Recht haben, zumindest, was das Hauptproblem betrifft. Ich wohne in einem asiatischen Entwicklungsland, in dem es noch 4.000 wild lebende Elefanten gibt. Sie werden zusehends dezimiert und zwar aus dem Grund, der im Artikel genannt wird. Es mag zwar nicht so schön zu den marxistischen Vorstellungen passen, aber es ist tatsächlich das Hauptproblem, die anderen sind untergeordnet. Für Palmöl-Plantagen in Indonesien gebe ich Ihnen recht. Es ist nicht immer die einfache, simple Analyse, die Anspruch auf größtmögliche Wahrheit hat. Leider.

  2. Der Schutz, aber auch die Optimierung des Lebensraumes der Menschen ist im Interesse der Menschen. Tierrechte sind hierfür nicht notwendig. Sie vermischen hier zwei Dinge.

    Antwort auf "Es ist schade,"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • aehrenr
    • 22. Januar 2013 10:59 Uhr

    ich hatte noch darauf hingewiesen, dass der Unterschied zwischen Menschen und Tieren sehr graduell ist.
    Und die Definition der Abgrenzung unserer Überlegenheit ist vollkommen willkürlich.
    Noch vor wenigen Jahrzehnten blickten wir auf Eingeborene, schwarze Menschen u.v.a. ebenso hochnäsig und verachtend herab, wie es viele Menschen heute auf Tiere tun.

    Bedenken Sie: Wir teilen jeden einzelnen Knochen, jeden einzelnen Muskel die feinsten Feinheiten im Bau unseres Nervensystems mit anderen höheren Wirbeltieren.

    Schauen Sie etwa auf die genetische Information, dann stellen Sie fest, dass ein Schimpansen-Mann einem Menschen-Mann genetisch wesentlich ähnlicher ist, als ein Menschen-Mann einer Menschen-Frau. Ich will sagen, die Unterschiede sind minimal !

    Es wird in der Verhaltensforschung immer klarer, dass sich auch das Bewusstsein höherer Lebewesen nur graduell von unserem unterscheidet. In der Evolution kommt nichts aus dem Nichts, es entwickelt sich langsam. Das gilt natürlich auch für so etwas komplexes wie das Bewusstsein !

    Wir Menschen haben nur einige fortgeschrittene Anpassungen um Gruppen von 30-100 Individuen zusammenzuhalten (ausgefeilte Sprache, Kultur, Religion, Gruppensymbole, Musik). Auch das sind wahrscheinlich nur graduelle Unterschiede. Für unsere Wahrnehmung mag das den einen großen Unterschied ausmachen absolut gesehen ist er, was das Bewusstsein anbelangt, sehr klein.

    • aehrenr
    • 22. Januar 2013 10:37 Uhr

    Ob Menschen in Städten oder auf dem Land leben. Ob sie viel besitzen oder wenig. Sie benötigen Ressourcen, insbesondere Nahrung.

    Diese Nahrung muss gejagt oder angebaut werden. Das ist das zentrale Problem.
    Um anderen Lebewesen ein Leben zu ermöglichen (und den Menschen ein lebenswertes) muss die Zahl der Menschen die geboren werden, dramatisch sinken. Daneben müssen wir alle Abfälle in einem vollkommen geschlossenen Zyklus wieder aufarbeiten.

    Sonst gibt es keine Rettung für die meisten Wildtiere und kurz danach für uns selber.

    Freilich muss gerade unsere Kultur Ressourcen schonen wo es geht. Doch dies kann nur eine Methode sein, "über den Berg zu kommen". Wächst die Menschheit dennoch weiter, wäre selbst eine wesentlich bescheidenere Menschheit als unsere Kultur es ist, sehr schnell am Ende.

    Eine Leserempfehlung
    • Marula
    • 22. Januar 2013 10:40 Uhr

    Hand aufs Herz - Wer möchte Löwen wieder in Europa als Wildtier einführen, um die Art zu retten? Es ist leicht, von hier aus zu fordern, dass sich die afrikanischen Bauern und Hirten damit abfinden sollen, wenn auch mal Menschen von Löwen getötet werden. Selbst möchte man aber nicht solche Gefahren auf sich nehmen. Zu Recht.

    Da helfen nur eingezäunte Nationalparks und Tourismus. Es ist ja kein Wunder, dass in den ost- und südafrikanischen Staaten, die am meisten vom Tourismus profitieren, auch am meisten Löwen leben.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • aehrenr
    • 22. Januar 2013 11:39 Uhr

    und in der Tat, mit denen sollten wir uns "abfinden", da sie für funktionierende Ökosysteme bei uns wichtig wären.
    Die Schauergeschichten, die über solche Raubtiere verbrietet werden sind im übrigen unsinnig.

  3. Das Wort Tier ist zweideutig.

    Es kann den Menschen exkludieren oder inkludieren. Man kann zur Verdeutlichung das Wort Vieh benutzen, hier denken dann aber wieder viele an Zuchtvieh und Nutzvieh und nicht an Wildvieh.

    Welche Bedeutung von Tier gemeint ist, muss der Leser aus dem Kontext ziehen. Es ist Teil der Fähigkeit "lesen" Wörter mit Doppelbedeutungen so auszulegen das der Satz einen Sinn ergibt. Ich spreche Ihnen die Fähigkeit nicht ab, in diesem konkreten Fall aber den Willen.

  4. Ihre Argumentation ist unschlüssig. Der Nahrungsbedarf reduziert sich in einem Land ja nicht wenn ein Teil der Bevölkerung von der Fläche in die Metropolen ziehen.

  5. "Menschen haben Entscheidungsfreiheit, sind intelligenter, weniger aggressiv und vor allem meist viel glücklicher als Tiere."

    Logisch, das würde wohl jede andere Tierart auch von sich behaupten...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Eine andere Sichtweise"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Botsuana | Loewe | Tansania | Afrika | Indien | Iran
Service