Tierversuche : "Heilsversprechen dürfen den Tierschutz nicht unterlaufen"

Dass Menschen leiden, ist keine Legitimation für Tierversuche, sagt Undine Kurth. Die Grünen-Sprecherin für Tierschutz empört sich über die neue EU-Richtlinie.

ZEIT ONLINE: Im Dezember hat der Bundestag ein neues Tierschutzgesetz beschlossen, das unter anderem eine neue EU-Richtlinie zu Tierversuchen in deutsche Rechtsprechung überführt. Die Bundesregierung lobt die Reform, Tierschützer sind empört – warum?

Undine Kurth: Die EU-Richtlinie ist eine verwässerte Version dessen, was wir ursprünglich gefordert hatten. Für uns war es eine Enttäuschung. Wir wollten zum Beispiel ein ausnahmsloses Verbot von Experimenten, bei denen Tiere lang anhaltenden, schwer belastenden Versuchen ausgesetzt werden. Das findet sich in der Richtlinie nicht mehr. Bedenklich ist auch, dass es für standardmäßig durchgeführte Tierversuche gar kein Genehmigungsverfahren mehr geben soll. Das hat mit Tierschutz nichts zu tun.

ZEIT ONLINE: Forscher quälen die Tiere nicht zum Spaß. Sie sagen, wichtige Experimente wären ohne die Tiere nicht möglich.

Kurth: Forscher werben ja oft mit Heilsversprechen für ihre Tierversuche. Aber diese Versprechen dürfen nicht den Tierschutz unterlaufen. Ob am Ende wirklich neue Therapiemethoden stehen oder nur sehr viel Tierleid verursacht wird, ist fraglich. Natürlich wünschen wir uns alle Medikamente und Therapien für das unheilbar kranke Kind oder die an Alzheimer erkrankte Großmutter. Aber auch hier müssen wir den Nutzen von Experimenten gegen die Kosten, also das Tierleid, abwägen. Dürfen wir Tieren für die Forschung überhaupt Leid zufügen? Ich finde, nein.

ZEIT ONLINE: ...und stellen damit den Tierschutz über das Wohl der unheilbar Kranken.

Kurth: Aus wie vielen dieser versprochenen Therapien wird denn tatsächlich etwas? Wir müssen beide Seiten ernst nehmen. Viele Versuche sind ganz offensichtlich nicht mit dem Tierschutz vereinbar. Für die Grundlagenforschung leiden viele Tiere schrecklich: Ratten werden stundenlang in Wasserbecken gehalten, nur damit man herausfindet, wann sie den Lebenswillen aufgeben. Affen werden durch Wasserentzug gezwungen, sich Experimenten zu unterwerfen. Freiwillig würden sie sich nicht fixieren lassen.

Undine Kurth

Undine Kurth ist seit 2005 Parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen.

ZEIT ONLINE: Genau das ist ja das Problem der Grundlagenforschung: Zu Erfolgen kommt es oft erst Jahrzehnte später. Haben Sie einen Vorschlag, wie man diesen Prozess beschleunigen könnte?

Kurth: Die Methoden der Forschung müssen zielgerichteter entwickelt werden. Mir geht es um Verhältnismäßigkeit. Vor jedem Versuch ist eine Schaden-Nutzen-Analyse durchzuführen – und zwar für jeden Tierversuch in jeder europäischen Forschungseinrichtung. Der ursprüngliche Richtlinienentwurf der Kommission sah auch eine verpflichtende ethische Überprüfung aller Tierversuche vor, der Paragraf wurde leider gestrichen. Die Begründung lautete, dass der bürokratische Aufwand zu hoch sei. Ich bitte Sie – was sind denn das für Argumente? Ausgerechnet bei diesem kontroversen Thema sollten Ethikkommissionen mitreden! Wir fordern auch eine gesetzliche Verpflichtung zur Förderung von Alternativmethoden. Davon steht im neuen Gesetz kein Wort.

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Kommentare

171 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Sicher

einfach ist es nicht. Aber bloß, weil man niemals alles richtig machen kann, bedeutet das, man kann aufhören es zu versuchen, die Lage zu verbessern?
Jede Epoche entwickelt ihre Aufgaben. Ich halte das Verhältnis zu den anderen Arten für einer unseren. Und ich möchte mir nicht Argumente suchen, mit denen ich mir mein Nichtstun erklären kann.
Vielen Dank aber für die Anregung.

näher beisammen...

Es ist schön zu sehen, dass wir von der Einstellung her gar nicht so weit auseinander sind. Sicher haben Sie auch mein erklärendes Posting gesehen.

Das das Spannungsfeld Tierschutz/Menschenschutz Abwägungen braucht, gerade wenn man sich nicht nur auf's Nichtstun zurückziehen möchte, macht für mich die Einnahme einer kategorischen Position (für/gegen Tierversuche) unmöglich.

Ein notwendiges Übel

@2: für Kosmetika sind Tierversuche bereits verboten.

zum Artikel: also derzeit ist es in Deutschland so, dass für jeden Tierversuch ein Genehmigungsverfahren nötig ist, für den der Forscher detailliert aufzeigen muss, warum der Versuch nötig ist. Das ändert sich auch durch die EU-Richtlinie meines Wissens nicht. Und wie die Box auf Seite 2 bereits richtig feststellt haben wir hier in Deutschland schon mit das strengste TierSchG europaweit.
Die Forschung steht Alternativmethoden keinesfalls im Weg, wie das im Interview angedeutet wird. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass Tierversuche extrem aufwändig und kostenintensiv sind.
Den Vorschlag, Ergebnisse aus Tierversuchen veröffentlichen zu müssen halte ich generell für richtig, aber damit das einen Effekt hat müssen auch gute Voraussetzungen geschaffen werden. Es ist nun mal so, dass Paper mit uninteressanten Ergebnissen von den Journals abgelehnt werden. Die Wissenschaft hat ohnehin das Problem des Publikationsbias, der meiner Meinung nach langfristig durch eine zentrales Veröffentlichungsmedium (wie auch immer das aussieht) gelöst werden müsste.