Tierversuche"Heilsversprechen dürfen den Tierschutz nicht unterlaufen"
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Suchen Forscher ernsthaft nach Alternativen?

ZEIT ONLINE: Bislang sind die meisten Alternativen – wie etwa Zellkulturen oder künstlich gezüchtete Organe – noch nicht so ausgereift, als dass sie Labortiere ersetzen könnten.

Kurth: Ich sehe da nicht genug Engagement unter Forschern und in der Politik. Es müssen mehr Fördergelder bereit gestellt werden. Außerdem sollte die Forschung nach Alternativen stärker gewürdigt werden, denn auch Wissenschaftler sind für öffentliches Ansehen empfänglich. Wer sich in der Forschung einen Namen machen möchte, versucht, seine Ergebnisse in renommierten Fachzeitschriften zu publizieren. Ich habe den Eindruck, dass sich in Nature und Science wenige Studien zu alternativen Versuchsmethoden finden.

ZEIT ONLINE: Vereinzelt findet man schon auch in angesehenen Fachmagazinen Artikel über Alternativmethoden. Welche Maßnahmen sollte die Politik ergreifen, um diesen Forschungszweig stärker zu fördern?

Kurth: Zum Beispiel müssen entsprechende Haushaltsmittel im Forschungsministerium dringend aufgestockt werden. Auch könnte das Bundesforschungsministerium Preise für diese Forschung ausschreiben. Da muss man fantasievoller werden.

Warum ein neues Tierschutzgesetz?

Im November 2010 beschloss der Europäische Gerichtshof eine neue europaweite Versuchstier-Richtlinie, die bis Ende 2012 in nationale Rechtsprechung überführt werden sollte. In Deutschland nutzten Tierschützer und die Grünen diese Gelegenheit, um hierzulande ein strengeres Tierschutzgesetz durchzusetzen. Sie forderten nicht nur Einschränkungen von Tierversuchen, sondern auch Verbote von landwirtschaftlichen Praktiken, bei denen Tiere leiden.

Was hat sich geändert?

Das Gesetz enthält vor allem Änderungen für die Landwirtschaft. Zum Beispiel dürfen Bauern  ihre Ferkel nur noch bis zum Jahr 2019 ohne Betäubung kastrieren lassen. Brandzeichen bei Pferden bleiben – entgegen der Forderungen von Tierschützern – weiter erlaubt.

Mit der Einführung der EU-Richtlinie zu Versuchstieren in die nationale Rechtsprechung ändert sich in Deutschland kaum etwas. Denn schon das alte Gesetz galt im europaweiten Vergleich bereits als eines der strengsten. Die Novellierung sieht unter anderem ein Verbot von Experimenten mit Menschenaffen vor. Es verpflichtet Forscher außerdem, die Ergebnisse von Versuchen zu veröffentlichen, wenn diese an Affen durchgeführt wurden oder besonders belastend für die Tiere waren. So sollen unnötige Doppelversuche vermieden werden. Zudem müssen die Forscher nach Abschluss der Versuche rückblickend bewerten, ob diese sich als sinnvoll erwiesen haben.

ZEIT ONLINE: Ihre Partei hatte verlangt, dass künftig alle Versuche an Tieren veröffentlicht werden. Laut dem neuen Gesetz gilt dies jetzt nur für besonders schmerzhafte Experimente und Versuche mit Affen. Warum halten Sie es für wichtig, jeden Versuch bekannt zu machen?

Kurth: Weil man so vermeiden könnte, dass unnötige Versuche mehrfach in verschiedenen Forschungseinrichtungen durchgeführt werden. Die Zahl der Versuchstiere ist zu hoch: Im Jahr 2000 wurden etwa 1,8 Millionen Tiere "verbraucht", 2011 waren es schon 2,9 Millionen – das ist inakzeptabel.

ZEIT ONLINE: Das Gesetz muss nur noch durch den Bundesrat. Schon jetzt scheint es so gut wie beschlossen. Was werden die Grünen nun tun?

Kurth: Aus dem Bundesrat gab es 53 Änderungsanträge zu dem Gesetzesentwurf. Die schwarz-gelbe Koalition hat davon allerdings nur drei berücksichtigt. Deshalb wird jetzt – hauptsächlich von den Grün-mitregierten Ländern forciert – die Einberufung des Vermittlungsausschusses mit 19 begründeten Anträgen gefordert. Klar ist auch, dass wir das gesamte Tierschutzgesetz im Fall einer Regierungsbeteiligung auf den Prüfstand stellen werden.

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Leserkommentare
  1. im Bundesrat, es liegt nun in eurer Hand das Gesetz zu verhindern.

    Ich bin gespannt !

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  2. Auch wenn es für Betroffene schmerzlich sein kann, ich finde man muss wirklich ernsthaft überlegen und infrage stellen, ob man mit den anderen Arten alles tun kann zu unserem Nutzen. Und Krankheiten sind ja nur ein Forschungsteil. Forschung an den anderen Arten für Kosmetika kann man meines Erachtens nicht begründen. Wie soll sich denn ein Argument dazu anhören?
    Vielleicht kann der Mensch den Anthropozentrismus nie ganz überwinden, aber er sollte zumindest aufhören die vielen Vertreter anderer Arten rein instrumentell zu betrachten. Dann wäre sicher im Vergleich zu heute viel gewonnen.

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    Warum finden sie den Anthropozentrismus schlecht? Wir sind die dominierende Lebensform auf diesem Planeten. Wollen sie mit Affen reden? Mit Ratten ins Kino? Haben sie befreundete Schildkröten? Ich bezweifle es.

    Warum sind wir verpflichtet das Wohl von unserer eigenen Spezies mit dem anderer gleichzusetzen? Haben sie schon einmal eine schwere Krankheit erlebt? Ein junger Freund von mir ist vor einigen Monaten nach jahrelanger Krankheit und Leiden endlich an seinem Hirntumor gestorben. Ich kannte die Familie vor die Erkrankung begann, ich konnte mir das Leid das seine Krankheit verursachte nicht ansatzweise vorstellen.

    Können sie einem todkranken Kind ins Gesicht sagen dass sie eine Chance auf Besserung/Heilung für das Leben von ein paar hundert Ratten aufgegeben haben?

    Ich erschaudere vor ihrer Gefühlskälte. Ich würde nie auch nur ein einziges Menschenleben für Tiere opfern.

    Was allerdings die Versuche der Kosmetikindustrie betrifft, bzw alle Tierversuche außerhalb der Grundlagenforschung und Medizin - sie sollten sofort und alternativlos verboten werden. Ich bin kein Tierquäler. Ich setze nur Prioritäten.

    @2: für Kosmetika sind Tierversuche bereits verboten.

    zum Artikel: also derzeit ist es in Deutschland so, dass für jeden Tierversuch ein Genehmigungsverfahren nötig ist, für den der Forscher detailliert aufzeigen muss, warum der Versuch nötig ist. Das ändert sich auch durch die EU-Richtlinie meines Wissens nicht. Und wie die Box auf Seite 2 bereits richtig feststellt haben wir hier in Deutschland schon mit das strengste TierSchG europaweit.
    Die Forschung steht Alternativmethoden keinesfalls im Weg, wie das im Interview angedeutet wird. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass Tierversuche extrem aufwändig und kostenintensiv sind.
    Den Vorschlag, Ergebnisse aus Tierversuchen veröffentlichen zu müssen halte ich generell für richtig, aber damit das einen Effekt hat müssen auch gute Voraussetzungen geschaffen werden. Es ist nun mal so, dass Paper mit uninteressanten Ergebnissen von den Journals abgelehnt werden. Die Wissenschaft hat ohnehin das Problem des Publikationsbias, der meiner Meinung nach langfristig durch eine zentrales Veröffentlichungsmedium (wie auch immer das aussieht) gelöst werden müsste.

    • zimra
    • 21. Januar 2013 15:03 Uhr

    verbessern würde, dabei sind die Interessen der Frau Aigner
    auf Seiten der Viehzüchter und der Pharmazie. Wann werden Ferkel endlich unter Narkose kastriert ?
    Eine neue Studie behauptete neulich doch glatt dass auch Krustentiere Schmerzen empfinden wenn man sie lebend ins heiße Wasser wirft. Das konnte vorher nur wissen wer kein Studium absolviert hatte.
    Eine wirklich außerordentliche wissenschaftliche Leistung.
    Sicher nominiert für den Nobelpreis.
    Für wie blöd wird der Wähler denn gehalten.
    Bei der nächsten Bundestagswahl werden wir endlich unsere
    Katastrophen Minister los. Ich hoffe dass Rot Grün in NRW ihren Hühnerschändern bald an den Kragen geht.

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    in Niedersachsen, und nicht nur Hühner. - Ich hoffe auch auf ein schärferes Tierschutzgesetz als mit der EU-Richtlinie vorgesehen ist. - Bessere Hühner-, Enten-, Gänse-, Puten-, Schweine-, Rinderhaltung hätte weniger Medikamente, vor allem Antibiotika, im Einsatz nötig und würde uns vor mutierten Krankheitserregern wesentlich besser schützen, als in zwanzig Jahren neue Medikamente durch schmerzhafte Tierversuche. - Welcher Mensch bildet sich ein, darüber entscheiden zu können, ob ein Tier Schmerzen hat? Die alte Weisheit "Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie Du den Schmerz" hat schon festgehalten, DASS es Schmerzen hat; da bedarf es keines OB. -

    • TDU
    • 21. Januar 2013 15:06 Uhr

    Wie im Klimaschutz zeigt sich, dass Werte wieder über Menschen eghen und nur die Tierschützer Rechtzt haben. Alle anderen sind unmoralisch und abweichende Ansicht wird nicht geduldet. Dazu dann wieder Staat Staat Staat als Credo.

    Im Kosmetikbereich bin ich gegen Tierversuche bei Krankheiten nicht. Und natürlich mit dem Ziel, dass die obsolet werden und unnötige Quälerei verhidnert wird. Aber wer auf sich hält, ist natürlich auch gegen Gentechnik. Also zeigt auch hier wieder die Moralkeule.

    Aber vielleicht ist die dogmatische Tierschützerei nur Kompensation. Kann man sich bei der zunehmenden Einschränkung des Menschen wenigstens da auf die Schulter klopfen.

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    Ich weiß nicht, wo Sie im Interview die Forderung nach einem Totalverbot von allen Tierversuchen herausgelesen haben.
    Ich habe gelesen: Einzelfallabwägung ... Offenlegung aller Versuche ... Förderung von Alternativmethoden.

  3. dass auch hier mal wieder ein wenig Gesetzformulierung outgesourced wurde.

    Macht man ja heute gerne so, weil die eigenen Mitarbeiter derart überlastet sind, Sie wissen schon...

    Und wenn das ganze dann als EU-Vorschrift herausgegeben wird, wagt eh kaum einer Einspruch einzulegen, EU ist ja was ganz was Großes.

    Vor Jahren hat allerdings der Hamburger CDU-Grande Jarzembowski bewiesen, dass in solchen Fällen doch was zu machen ist, als er nämlich mit dem von ihm favorisierten "Port Package" auf die Bühne kam, haben ihm die betroffenen Firmen selbiges um die Ohren gehauen.

    Gehen tut das also.
    Ich drücke den Versuchskaninchen die Daumen.

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  4. »Die Methoden der Forschung müssen zielgerichteter entwickelt werden.«

    Die Methoden der Forschung sind darauf ausgelegt, präzise, schnell und kostengünstig zu verlässlichen Ergebnissen zu führen.
    Das eigentlich Problem unser Forschung ist, dass die Pharmaindustrie weit mehr Geld für Marketing ausgeben, anstatt neue Produkte zu entwickeln.
    Das scheint für Undine Kurth aber zweitrangig zu sein.

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    • MrWho
    • 21. Januar 2013 15:16 Uhr

    Bezeichnend die Nicht-Antwort der Dame. Pure Empörung, ohne auf den ethischen Konflikt und die notwendige Abwägung einzugehen. Widerlich. Natürlich dürfen auch Tiere leiden, wenn dadurch Aussicht auf Linderung menschlichen Leids besteht. Und diese Partei habe ich mal gewählt. Nicht mehr mit solchen Dogmatikern.

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    • lispm
    • 23. Januar 2013 1:59 Uhr

    > Natürlich dürfen auch Tiere leiden, wenn dadurch Aussicht auf Linderung menschlichen Leids besteht.

    das ist einfach nur widerlich

  5. Ich weiß nicht, wo Sie im Interview die Forderung nach einem Totalverbot von allen Tierversuchen herausgelesen haben.
    Ich habe gelesen: Einzelfallabwägung ... Offenlegung aller Versuche ... Förderung von Alternativmethoden.

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    Antwort auf "Tierschützer"
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    Steht hier: "Dürfen wir Tieren für die Forschung überhaupt Leid zufügen? Ich finde, nein."

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