WeltraumforschungRoboter soll Asteroiden fangen und zum Mond schießen

Die Pläne nahe der Erde auf Asteroiden-Jagd zu gehen, werden konkreter. Die Nasa erwägt, eine Sonde loszuschicken, die rasende Gesteinsbrocken mit einem Beutel einsackt. von 

Animation eines Asteroiden nahe der Erde

Animation eines Asteroiden nahe der Erde  |  © P. Carril/Esa

Asteroiden sind schwer zu bereisen, denn sie sausen durchs All. Trotzdem sollen ab 2025 Astronauten auf solchen Himmelskörpern landen. Soweit der Plan, den US-Präsident Barack Obama schon vor fast drei Jahren in einer Rede zur Zukunft der Raumfahrt verkündete.

Nun wird es ernst. Die Nasa brütet derzeit über einer aberwitzig klingenden Machbarkeitsstudie. Die US-Behörde muss entscheiden, ob sie das Projekt finanzieren soll, das ihr eine Gruppe Raumfahrtingenieure vorgelegt hat. Deren Ausgangsfrage lautete: Wie schnappt man sich einen Asteroiden, der mit mehreren Tausend Kilometern pro Stunde durchs All saust? Und ihre Antwort ist: mit einem Beutel.

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Die Experten schlagen eine Robotersonde vor. Sie soll als erstes Jagd auf einen etwa sieben Meter messenden, rund 500 Tonnen schweren Gesteinsbrocken machen, den Erdobservatorien zuvor ausgespäht haben.

Brocken hinterm Mond sind leichter zu erforschen

Die Idee: Die Sonde wird ins All geschossen und nimmt den kleinlastergroßen Fels ins Visier, um ihm kurzerhand einen Riesenbeutel überzustülpen (15 Meter im Durchmesser und zehn Meter lang). Ist der Stein im Sack, soll er in die Umlaufbahn des Mondes gebracht werden – denn dort könnten Astronauten ihn in Ruhe ansteuern und erforschen. Zur Erde lässt sich so ein Fels nämlich nur schwerlich transportieren, er würde wohl in der Atmosphäre wie ein trockener Keks zerbröseln.

So könnte das Abschleppen eines Asteroiden aussehen: Eine Sonde schluckt einen kleinen Brocken von etwa sieben Metern Durchmesser.

So könnte das Abschleppen eines Asteroiden aussehen: Eine Sonde schluckt einen kleinen Brocken von etwa sieben Metern Durchmesser.  |  © Rick Sternbach/Keck Institute for Space Studies

"Noch ist nichts entschieden", sagt Louis Friedman, einer der Leiter der Studie zur Asteroidenjagd, die am Keck-Institut für Weltraumforschung entstanden ist. "Unser Ziel ist es, 2017 oder 2018 mit der Mission zu starten", sagt der Ingenieur, der auch viele Jahre für die Nasa arbeitete. Gerade jetzt stünden die Zeichen dafür günstig. Die Technik für das Unterfangen, erstmals einen Himmelskörper aus seiner Bahn zu reißen, sei mittlerweile vorhanden.

Drei entscheidende Punkte sprächen für das Gelingen der Mission, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Machbarkeitsstudie: Erstens könne man heute eine ausreichende Zahl an kleineren erdnahen Asteroiden aufspüren und charakterisieren. Zweitens stünde man kurz davor, Solarantriebe zu entwickeln, die kräftig genug sind, einen eingesackten Asteroiden zu transportieren. Und drittens stimme der Zeitrahmen mit den Nasa-Plänen überein, demnächst Menschen auf einen Asteroiden zu schicken. Warum also nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen?

Himmelskörper: Asteroid

Asteroiden sind kleine Gesteinsobjekte, die sich auf einer Umlaufbahn um die Sonne bewegen. Ihr Name – astēr ("Stern") mit der Endung eides ("ähnlich") –  umschreibt, dass sie wie Sterne erscheinen, weil sie so klein wirken.

Zusammen mit den Meteoroiden und Kometen zählen die Asteroiden zu den Kleinkörpern des Sonnensystems. Kleinkörper umkreisen die Sonne, besitzen aber keine Kugelgestalt. Ihre Masse und Gravitation ist zu gering, um diese Form zu bilden.

Der Großteil der Asteroiden unseres Sonnensystems befindet sich im sogenannten Asteroidengürtel, einer Ansammlung von Asteroiden und Zwergplaneten zwischen den Planetenbahnen von Mars und Jupiter.

Meteoroid

Kleinkörper, die ein paar Millimeter bis hin zu mehreren Metern groß sind, werden als Meteoroiden bezeichnet. 

Sie sind zwar kleiner als Asteroiden, aber eine klare Unterscheidung – etwa über die chemische Zusammensetzung oder die Größe – gibt es nicht.

Sie können auf unterschiedlichen Wegen entstehen: Entweder löst sie die Gravitation von Planeten aus einem Asteroidengürtel oder der Sonnenwind schlägt sie aus Kometenkernen heraus. Außerdem können Meteoroiden durch den Zusammenprall von zwei Asteroiden beziehungsweise durch den Aufprall eines Asteroiden auf einem Planeten entstehen.

Meteor

Sobald sie in die Erdatmosphäre eindringen, nennt man Meteoroide Meteore oder im Volksmund Sternschnuppen.

Generell umfasst der Begriff alle Leucht- und Wettererscheinungen in der Erdatmosphäre. Die Meteorkunde befasst sich mit Meteoren; nicht zu verwechseln mit Meteorologie, die sich der Beobachtung und Beschreibung von Wetter und Klima widmet.

Meteore sind zudem all jene Meteoroiden, die in die Erdatmosphäre eindringen, aber nicht auf der Erde aufschlagen. Das Leuchten der Meteore entsteht durch die Aufladung der Luftteilchen, wenn der Meteoroid durch die Atmosphäre rast.

Meteorit

Wenn ein Meteoroid auf die Erde prallt – statt nur die Erdamosphäre zu durchqueren – wird er als Meteorit bezeichnet.

Meteoriten sind aus verschiedenen Mineralen zusammengesetzt und werden zu den Gesteinen gezählt.

Chondrite bilden die größte Klasse an Meteoriten und sind nach den kleinen Silikatkügelchen in ihrem Inneren, den Chondren, benannt. Außerdem bestehen sie aus den Mineralen Olivin, Pyroxen und Plagioklas.

Altersbestimmungen haben ergeben, dass sie bereits in der Frühzeit des Sonnensystems entstanden sind, vor 4,5 Milliarden Jahren. Damit sind sie die ältesten Steine des Sonnensystems. Weil ihre Zusammensetzung außerdem weitestgehend der des ursprünglichen solaren Nebels entspricht, werden sie auch undifferenzierte Meteoriten genannt.

Komet

Schweifsterne oder Kometen sind Kleinkörper in unserem Sonnensystem. Ihre Zusammensetzung unterscheidet sie von Asteroiden. Während die aus Gestein bestehen, sind Kometen zusätzlich aus gefrorenem Gasen und Wasser zusammengesetzt, weswegen sie auch "schmutzige Schneebälle" genannt werden.

Kometen sind zeitgleich mit dem übrigen Sonnensystem entstanden und umkreisen die Sonne in der Oortschen Wolke oder im Kuiper-Gürtel. Durch die Anziehungskraft vorbeiziehender Sterne oder großer Planeten werden vereinzelt Eis-Gesteins-Brocken aus ihrer eigentlichen Bahn gerissen und in das Innere des Planetensystems gelenkt.

Je näher der Eisbrocken dabei der Sonne kommt, geht das Eis vom gefrorenen Zustand direkt in den gasförmigen Zustand über, ohne sich zwischendurch zu verflüssigen. Dabei werden die zuvor im Eis gefangenen Partikel frei und bilden mit dem entstandenen Gas eine rund 100.000 Kilometer große Wolkeum den Brocken – die so genannte Koma. Durch den Sonnenwind wird die Wolke in die Länge gezogen, sodass ein Kometenschweif von bis zu 100 Millionen Kilometern Länge entsteht.

Planet

Planeten unterscheiden sich von Sternen dadurch, dass sie selbst kein Licht erzeugen, sondern nur das von anderen Sternen – wie etwa der Sonne – reflektieren. Wie Asteroiden auch umkreisen Planeten die Sonne und haben aufgrund ihrer höheren Masse aber die Gestalt einer Kugel ausgebildet.

Außerdem sind Planeten die einzigen Objekte auf ihrer Umlaufbahn, weil sie sie durch ihre Gravitation freigeräumt haben.

Stern

Sterne sind kugelige Gasriesen, die von sich aus Licht aussenden. In ihrem Inneren sind Temperatur und Druck hoch genug, dass über längere Zeit eine Kernfusion stattfinden kann. Dabei verschmelzen Wasserstoffatome zu Helium, wobei unheimlich viel Energie frei wird.

In einer sternklaren Nacht kann das menschliche Auge rund 5.500 Sterne erkennen. Sie haben unterschiedliche Größe, Temperatur, Leuchtkraft und Lebensdauer.

Was das kosten würde, ist noch ungewiss, allerdings sagt Friedman: "Die Robotermission läge wohl so bei 2,5 Milliarden Dollar." Dieser Teil des Projekts wäre damit ähnlich kostspielig wie die Mars-Science-Laboratory-Mission, die den Rover Curiosity vergangenen August auf den Mars gebracht hat.

Asteroiden als Sprungbrett für Fernreisen ins All

Der Raumfahrtexperte ist überzeugt, dass die Nasa von der Mission profitieren würde. Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen, etwa über die Rohstoffe, die im All schlummern, und den Aufbau von Asteroiden, sieht Friedman das größte Potenzial für künftige bemannte Raummissionen: "Das Projekt ist ein Sprungbrett für Missionen, die viel tiefer ins All vordringen können."

Sven Stockrahm
Sven Stockrahm

Sven Stockrahm ist Redakteur im Ressort Wissen bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Gemeint ist der Mars, den Obama 2010 als weiteres Ziel für den Menschen ausrief. Auf einem Asteroiden im Mondorbit ließen sich auch Astronauten trainieren. Und das Wissen darüber, wie man die Gesteinsbrocken aus der Bahn wirft, könnte helfen, sich gegen drohende Asteroiden-Einschläge auf der Erde zu wappnen.

Die Autoren der Asteroiden-Einfang-Studie sehen in dem international angedachten Projekt auch eine Chance, den Pioniergeist zu wecken, der seit Ende des Apollo-Mondprogramms im Kalten Krieg eingeschlafen ist. Einen abgeschleppten Asteroiden zu erforschen, könnte eine neue Begründung für globale Erfolge und Inspiration bieten, heißt es am Ende der Studie. "Erstmals würde die Menschheit damit beginnen, den Himmel zu verändern und für sich zu nutzen."

Etwa sechs bis zehn Jahre würde die Mission der Keck-Forscher schätzungsweise dauern. Das Team um Friedman geht davon aus, dass sich die Nasa Ende 2013 dazu äußern wird, ob sie die Beutel-Mission finanziert.

Für die Felsbrocken interessieren sich aber nicht nur staatliche Wissenschaftler. Die private Asteroiden-Bergbau-Firma Planetary Resources hatte zuletzt eine ähnliche Mission in Aussicht gestellt. Sie will den flinken Steinen wertvolle Rohstoffe wie Eisen, Nickel oder Platin abnehmen. Dabei wird das Unternehmen von  Hollywood-Regisseur James Cameron beraten und finanzkräftig etwa von Google-Mitgründer Larry Page unterstützt.

Es hängt nun also vom irdischen Geldbeutel ab, wer die kosmischen Brocken zuerst einsackt.

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Leserkommentare
    • janjshj
    • 08. Januar 2013 18:27 Uhr

    Finde ich ein interessantes Projekt und 2,5 Milliarden sind zwar echt viel Geld. Setzt man das allerdings in relationen zu zum Beispiel dem Geld das allein für das Militär ausgegeben wird ist das echt spottbillig. Lieber 50 Milliarden beim Militär sparen und das in Raumfahrt investieren

    7 Leserempfehlungen
  1. 3. Bravo!

    Es war ein schon langer Weg vom geozentrischen Weltbild zum heliozentrischen Weltbild. Dass Menschen aber eines Tages versuchen würden Asteroiden einzusacken, um somit Katastrophen auf der Erde zu verhindern, halte ich für eine noch größere Leistung, als die seinerzeitige Mondlandung. Und es wird irgendwann gelingen. Denn alles was sich der Mensch im technischen Sektor ausdenken kann, wird irgendwann einmal Realität werden. Der Zeitfaktor bleibt dabei außen vor.

    Die Jungs von der Nasa sind eben einsame Spitze. Sie zeigen überdeutlich zu was der menschliche Geist in der Lage ist. Bildung und nochmals Bildung ist daher das Fundament, um über den eigenen alltäglichen Tellerrand hinausblicken zu können. Giordano Bruno wäre heutzutage bestimmt auch ein begeisterter Astrophysiker.

    7 Leserempfehlungen
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    • R_IP
    • 08. Januar 2013 20:55 Uhr

    Fortschrittsnaive wie Sie sollten da einmal mehr ganz genau zuhören:

    http://www.youtube.com/wa...

    • nike11
    • 09. Januar 2013 11:44 Uhr

    Also mich erinnert das Vorhaben spontan an "Spaceballs" und die 'Weltallputze' :))
    Schafft jede Menge Jobs .. das muss man ja zugeben :)

    http://youtu.be/kL476yMzro0

  2. Wenn wir die Masse des Mondes verändern, werden dann nicht auch unsere Tage länger? Aber die Zeitachse ist ohnehin ebenfalls schon total krumm! ;-)

    Eine Leserempfehlung
    • R_IP
    • 08. Januar 2013 20:55 Uhr

    Fortschrittsnaive wie Sie sollten da einmal mehr ganz genau zuhören:

    http://www.youtube.com/wa...

    Antwort auf "Bravo!"
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    • PGMN
    • 08. Januar 2013 22:45 Uhr

    1. "Fortschrittsnaivität" ist der Ausdruck, mit dem Leute, die Ahnung von Wissenschaft haben, von denen bezeichnet werden, die sie nicht haben.

    2. Hören Sie sich den den Auszug auch noch einmal an. Vielleicht fällt Ihnen dann auf, dass er das, von dem ich einmal annehme, dass es Ihr Standpunkt ist, nicht unterstützt. Um genau zu sein, zeigt ein solcher völlig aus dem Kontext gerissener Fetzen absolut überhaupt Nichts.

    "Swing... and a miss.", würde der Engländer über Ihren Kommentar sagen.

    • PGMN
    • 08. Januar 2013 22:45 Uhr

    1. "Fortschrittsnaivität" ist der Ausdruck, mit dem Leute, die Ahnung von Wissenschaft haben, von denen bezeichnet werden, die sie nicht haben.

    2. Hören Sie sich den den Auszug auch noch einmal an. Vielleicht fällt Ihnen dann auf, dass er das, von dem ich einmal annehme, dass es Ihr Standpunkt ist, nicht unterstützt. Um genau zu sein, zeigt ein solcher völlig aus dem Kontext gerissener Fetzen absolut überhaupt Nichts.

    "Swing... and a miss.", würde der Engländer über Ihren Kommentar sagen.

    10 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Fortschrittsnaivität"
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    • R_IP
    • 08. Januar 2013 23:03 Uhr

    1. "Fortschrittsnaivität" ist eine ziemlich gelungene Bezeichnung für die obige Aussage. Oder doch nicht? Wenn ich mir den Satz:

    "Denn alles was sich der Mensch im technischen Sektor ausdenken kann, wird irgendwann einmal Realität werden"

    angucke, dann muss ich konstatieren, dass mir noch einiges Adäquateres dazu einfiele, was ich auf Grund der Nettiquette aber besser nicht ausformuliere. Stören Sie sich als jemand, der "Ahnung von Wissenschaft" hat(übrigens: Willkommen im Club!) etwa nicht an der Aussage? Wenn nicht, warum nicht? Bitte erklären Sie es mir, denn ich finde sie höchst befremdlich.

    2. Die Aufzeichnung mag aus dem Kontext gerissen sein, gibt aber Adornos eigene Ansichten - die ich, Sie ahnten richtig, teile - sehr konkret wieder. Wieso soll dieser meinen Standpunkt nicht unterstützen? Klären Sie mich bitte auf.

    • R_IP
    • 08. Januar 2013 23:03 Uhr

    1. "Fortschrittsnaivität" ist eine ziemlich gelungene Bezeichnung für die obige Aussage. Oder doch nicht? Wenn ich mir den Satz:

    "Denn alles was sich der Mensch im technischen Sektor ausdenken kann, wird irgendwann einmal Realität werden"

    angucke, dann muss ich konstatieren, dass mir noch einiges Adäquateres dazu einfiele, was ich auf Grund der Nettiquette aber besser nicht ausformuliere. Stören Sie sich als jemand, der "Ahnung von Wissenschaft" hat(übrigens: Willkommen im Club!) etwa nicht an der Aussage? Wenn nicht, warum nicht? Bitte erklären Sie es mir, denn ich finde sie höchst befremdlich.

    2. Die Aufzeichnung mag aus dem Kontext gerissen sein, gibt aber Adornos eigene Ansichten - die ich, Sie ahnten richtig, teile - sehr konkret wieder. Wieso soll dieser meinen Standpunkt nicht unterstützen? Klären Sie mich bitte auf.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Zwei Dinge:"
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    • PGMN
    • 08. Januar 2013 23:39 Uhr

    ... nun, ich gebe zu, dass ich mich mit Adorno nur auf der Basis von Zusammenfassungen beschäftigt habe, aber das Fragment, auf das Sie verlinkt haben, gibt, formal gar keinen Standpunkt wieder, da es, wohl seiner Unvollständigkeit geschuldet, schlicht schlecht argumentiert ist.

    Ich fasse das Fragment einmal so zusammen:
    1. Der technische Fortschritt ist unabhängig vom geistigen Fortschritt.
    2. Wir sollten aufpassen, dass wir, als Menschen, uns nicht technologisch schneller entwickeln, als geistig. Adorno nennt es "reif" genug.

    So, und an dieser Stelle fällt das Argument auf die Nase. Ich will nicht sagen, dass es falsch wäre, aber es ist schlicht unvollständig. Denn zu einem vollständigen Argument würde eine klare Definition dessen fehlen, was Adorno "Reife" nennt.

    Ohne diese Definition haben wir eine schlichte rote Ampel. Zwar wird uns gesagt, dass die Ampel irgendwann grün wird, aber nicht, wann. Und wenn wir uns die Ampel ansehen, dann stellen wir fest, dass der Techniker vergessen hat, die grüne Glühbirne einzubauen.

    Daher sage ich, dass das Fragment Ihren Standpunkt nicht stützt. Es stützt gar keinen.

    Und was den von Ihnen zitierten Satz angeht: Ich weiß nicht, was der Verfasser damit gemeint hat, könnte mir aber vorstellen, dass er rhetorisch gemeint war. Der darauf von Ihnen vorgebrachte Vorwurf dagegen enthalt eine ganze Menge pauschale Nebenbedeutungen, die, schlicht, etwas schlicht sind.

    In der Aufzeichnung geht es daraum, dass der (ich bezeichne das jetzt mal so) naturwissenschaftliche Fortschritt leider nicht zugleich einen geistigen Fortschritt der Menschheit nach sich zieht. Wie das zu der Aussage "Denn alles was sich der Mensch im technischen Sektor ausdenken kann, wird irgendwann einmal Realität werden" passen soll erschliesst sich auch mir nicht. Sagt diese doch eigentlich bloss: Was sich der Mensch an naturwissenschaflichen Fortschritt vorstellen kann, wird auch irgendwann umsetzbar. Darueber kann man jetzt streite, ob man diese Aussage so absolut machen kann, hat aber ueberhaupt nichts mit Adornos Aussage zu tun. Aber die "Fortschrittsnaivitaetskeule" wird ja hier gerne mal im Forum rausgeholt ...

    • PGMN
    • 08. Januar 2013 23:39 Uhr

    ... nun, ich gebe zu, dass ich mich mit Adorno nur auf der Basis von Zusammenfassungen beschäftigt habe, aber das Fragment, auf das Sie verlinkt haben, gibt, formal gar keinen Standpunkt wieder, da es, wohl seiner Unvollständigkeit geschuldet, schlicht schlecht argumentiert ist.

    Ich fasse das Fragment einmal so zusammen:
    1. Der technische Fortschritt ist unabhängig vom geistigen Fortschritt.
    2. Wir sollten aufpassen, dass wir, als Menschen, uns nicht technologisch schneller entwickeln, als geistig. Adorno nennt es "reif" genug.

    So, und an dieser Stelle fällt das Argument auf die Nase. Ich will nicht sagen, dass es falsch wäre, aber es ist schlicht unvollständig. Denn zu einem vollständigen Argument würde eine klare Definition dessen fehlen, was Adorno "Reife" nennt.

    Ohne diese Definition haben wir eine schlichte rote Ampel. Zwar wird uns gesagt, dass die Ampel irgendwann grün wird, aber nicht, wann. Und wenn wir uns die Ampel ansehen, dann stellen wir fest, dass der Techniker vergessen hat, die grüne Glühbirne einzubauen.

    Daher sage ich, dass das Fragment Ihren Standpunkt nicht stützt. Es stützt gar keinen.

    Und was den von Ihnen zitierten Satz angeht: Ich weiß nicht, was der Verfasser damit gemeint hat, könnte mir aber vorstellen, dass er rhetorisch gemeint war. Der darauf von Ihnen vorgebrachte Vorwurf dagegen enthalt eine ganze Menge pauschale Nebenbedeutungen, die, schlicht, etwas schlicht sind.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Lieber PGMN,"
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    Daher sage ich, dass das Fragment Ihren Standpunkt nicht stützt. Es stützt gar keinen.

    Ohne dass Adorno beispielhaft argumentiert hat, entnehme ich seinen Worten sehr präzise, dass er über die bislang fehlende Emanzipation von der inneren und äußeren Natur spricht und dies wachsende Risiken birgt.

    Denke, dass ist ein klarer Standpunkt.

    Allerdings vermute ich nur, dass die konsequente Fortführung der Dialektik Heidegger ein Moment skizzieren ließ, welches er "Das Ereignis" nannte.

    • R_IP
    • 09. Januar 2013 9:13 Uhr

    der kurze Ausschnitt gibt Adornos philosophische Position sehr genau wieder, so dass seine kurze Einlassung restlos an sein theoretisches Werk anknüpfen kann.

    Sie übersehen dabei aber einiges, deuten einiges falsch oder aber setzen die Akzente falsch:

    Der technische Fortschritt ist eben _nicht_ unabhängig vom geistigen/ zivilisatorischen Fortschritt zu verstehen. Ganz im Gegenteil: Dass was der Forist bambulie oben aufmacht, ist die - wie sie so oft erfolgt, weshalb Adorno sie kritisiert - einseitige Reduktion des Fortschrittsgedankens auf seine technische Dimension (= "partikularer Fortschritt"). In dieser sich in fataler Weise dünkenden Unabhängigkeit des technischen vom zivilisatorischen Fortschritt liegt nach Adorno die Verwerfung unserer Zeit begründet: Das Projekt der Moderne ist damit gestartet, dass "die Menschheit ihrer selbst mächtig [...,] dass die Menschheit mündig" werden sollte im Sinne der individuellen wie kollektiven Emanzipation durch Aufklärung. Dieses Projekt ist nach Adorno aber kolossal dadurch gescheitert, dass die Mittel zur instrumentellen Naturbeherrschung einseitig immer weiter raffiniert wurden, ohne darauf zu achten, ob sie das Los der Menschheit tatsächlich heben oder eben nicht. Die Umsetzung technischen Wissens in reale Produktion ist dabei zur (Fortschritts-) Ideologie verkommen, indem sie selbst wieder in "blinden Naturzwang" zurückfällt:

    • R_IP
    • 09. Januar 2013 9:14 Uhr

    bambulie oben schreibt, dass "alles was sich der Mensch im technischen Sektor ausdenken kann, wird irgendwann einmal Realität werden", ohne sich im geringsten damit zu beschäftigen, dass hier
    1. keine Notwendigkeit vorliegt. Es besteht außerhalb der profitorientierten und sicherheitstheoretischen Interessen Einzelner wie staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen keine Notwendigkeit dazu, jedes erdenkliche technische Projekt auch zu realisieren („dass der Fortschritt automatisch sich vollzieht“). Gerade der nie enden wollende Verweis auf die potenzielle Machbarkeit und die damit oft einhergehende moralische Legitimation verrät doch bereits die dahinter stehende Ideologie, die sich ganz nach dem merkelschen Credo als „alternativlos“ gebiert. Nichts jedoch ist „alternativlos“, so auch nicht die zwanghafte Verwertung technischen Wissens.

    • R_IP
    • 09. Januar 2013 9:15 Uhr

    2. der reale, unreduzierte Fortschrittsbegriff dabei auf der Strecke geblieben ist. Wenn Sie bei Marx, Freud und eben bei der kritischen Theorie reinschauen, dann werden Sie sehen, dass diese Theorieschulen davon ausgehen, dass sich der Mensch im Spätkapitalismus weitgehend anonymen Mächten („blinden, d.h. anonymen, nicht ihrer selbst bewussten Prozessen“) überantwortet hat (Stichwort: Entfremdung, identifizierendes Denken, verwaltete Welt usw.), die ihn in dem Zustand der Abhängigkeit und Unmündigkeit halten. Der aufklärerische Gedanke einer vollendwickelten Mündigkeit der Menschheit ist dahinter zurückgetreten („ohne sich selbst als Subjekte dabei sich recht zu konstituieren und ihrer selbst mächtig zu werden“), auch wegen eines gefährlichen Fortschrittsglaubens, demzufolge wir zwar hochtechnisierte Waffengattungen bauen, aber keine wirklich erstrebenswerten sozialen Verhältnisse schaffen können, die es uns gestatten, so zu leben, dass darin das Leben erst wirklich lebenswert gestaltet würde.

    „Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass der Fortschritt noch gar kein wirklicher ist, d.h. dass er in jeder Sekunde, gekoppelt ist, mit der Möglichkeit der totalen Katastrophe“

    • R_IP
    • 09. Januar 2013 9:21 Uhr

    Wie Sie sehen, fordert Adorno also keine "grüne Ampel". Auch ist er kein reaktionärer und konservativer Fortschrittsverweigerer, wie es ihm und anderen Leuten immer wieder unterstellt wird, wenn man sich kritisch mit den Folgen der instrumentellen Naturbeherrschung auseinandersetzt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | Mond | Nasa | Roboter | Rover | Asteroid
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