Open AccessVerlage klagen gegen digitale Semesterapparate

Im Netz können Studenten auf wissenschaftliche Literatur zugreifen, sie kopieren und speichern. Verlage fürchten ums Geschäft und ziehen vor Gericht. von Fabian Soethof

Zusammenkopierte Reader stehen neben Quellenverzeichnissen, Essaysammlungen neben den wichtigsten Monografien. So kannten Generationen von Studierenden ihre "Semesterapparate", die sie in den Unibibliotheken fanden. Die wichtigsten Materialien für die Seminare waren darin auf einem Regal zusammengestellt, leicht konnten so Unterlagen kopiert werden. Inzwischen finden Studierende ihre Semesterapparate oft online: In digitalen Versionen sind die Materialien im Intranet der Hochschulen gespeichert. Eigentlich urheberrechtlich geschützte Artikel und elektronische Lehrmaterialien werden dort auszugsweise freigegeben.

Ein eigener "E-Learning-Paragraf" im Urheberrecht erlaubt das bisher. Er schützt auch Materialsammlungen für den Unterricht in Schulen oder in Einrichtungen der beruflichen Weiterbildung. Doch nun gehen die großen Wissenschaftsverlage dagegen vor. An den Hochschulen wird bereits befürchtet, digitale Semesterapparate könnten ganz vor dem Aus stehen. Sie werfen den Verlagen vor, sie wollten mit ihren Publikationen noch mehr Geld als ohnehin schon verdienen. Wegen ihrer Preispolitik stehen die Verlage bei den Unis seit langem in der Kritik.

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Zwar wurde der für die Semesterapparate entscheidende Paragraf 52a des Urheberrechts erst im November um zwei Jahre vom Bundestag verlängert. Danach dürfen "veröffentlichte kleine Teile eines Werkes, Werke geringen Umfangs sowie einzelne Beiträge aus Zeitungen oder Zeitschriften" für Unterricht und Forschung an Schulen und Hochschulen zugänglich gemacht werden – unter der Voraussetzung, dass nur ein kleiner Kreis darauf zugreifen kann. Doch der Paragraf ist unklar formuliert. Das nutzen die Verlage aus. Immer öfter treffen sie sich mit Hochschulen vor Gericht, um deren Nutzung von Texten möglichst weit einzuschränken.

Anzeigen erlaubt, ausdrucken und speichern nicht

Gestritten wird neben der Definition des "geringen Umfangs" und der "kleinen Teile eines Werkes" vor allem über die Definition der Zugänglichkeit. Es geht dabei vor allem um die Frage, ob der Dozent oder die Universität ein Ausdrucken oder Abspeichern der im Intranet eingestellten Texte erlauben darf. Nach einer Klage des Alfred-Kröner-Verlags gegen die Fernuni Hagen etwa geht das Oberlandesgericht Stuttgart in einem noch nicht rechtskräftigen Urteil davon aus, dass nur ein nacktes Anzeigen am Bildschirm erlaubt wird. Vervielfältigungen müssten Betreiber der Plattform – Dozent, Lehrer, Universität oder Bibliothek – dagegen unterbinden. Sie müssten also sicherstellen, dass nicht einmal kleinste Teile von Studierenden ausgedruckt oder anderswo gespeichert werden, wie auf einem USB-Stick. Damit wäre der Paragraf trotz Verlängerung praktisch unbrauchbar.

Für Arne Upmeier, Mitarbeiter der Bibliothek der TU Ilmenau und ehemaliger Vorsitzender der Rechtskommission im Deutschen Bibliotheksverband, ist diese Entwicklung "ein Armutszeugnis für den Wissenschaftsstandort Deutschland". Er sieht die Gefahr, dass verlagsfreundliche Gerichte den Paragrafen weiterhin so eng ausgelegen, dass der freie Fluss der Informationen blockiert wird. Als Feinde der Semesterapparate macht Upmeier aber nicht die Wissenschaftsverlage alleine aus, sondern vor allem die Verwertungsgesellschaft Wort.

Das Open-Access-Modell ist bedroht

Die VG Wort versteht sich als Zusammenschluss von Autoren und Verlagen, der Tantiemen aus Zweitnutzungsrechten einnimmt und weitergibt. Vor dem Oberlandesgericht München hat sie erwirkt, dass Betreiber von Semesterapparaten keine Pauschalabgaben mehr bezahlen dürfen. Sie müssen stattdessen jede einzelne Nutzung separat melden. Die Folge sei ein praxisferner Bürokratieaufwand, sagt Upmeier. Jeder Dozent müsse jeweils einzeln melden, welche Seiten er aus welchem Lehrbuch von welchem Autor für eine Veranstaltung verwendet – egal, ob diese 15 oder 500 Studierende besuchen.

Würde dieses ebenfalls noch nicht rechtskräftige Urteil Schule machen, müssten Bereitstellungen mit den Rechteinhabern, ob Verlage oder Personen, in jedem Einzelfall verhandelt werden. Ganze Semesterapparate wären so bedroht – und somit auch ein Open-Access-Modell, von dem bisher Schulen, Studenten, publizierende Wissenschaftler und die akademische Lehre und Forschung in ganz Deutschland profitierten. Noch steht ein abschließendes Urteil des Bundesgerichtshofes aus. Bis dahin aber, spekulieren Kritiker, könnte das Gesetz so unbrauchbar ausgelegt werden, dass eine Nutzung von digitalen Semesterapparaten nicht mehr lohnt.

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Leserkommentare
  1. Die Verlage haben nur noch nicht kapiert, dass es ein auf Sicht völlig sinnloser Versuch ist, zu versuchen die bisher akzeptierte Praxis zu kippen.
    Gerade unter Studenten / in einer wissenschaftlichen community wird das mit Sicherheit nicht zu mehr Absatz führen, sondern ein verstärktes Ausweichen in den Bereich der nicht von Verlagen erfasst wird, zur Folge haben.
    Irgendwann lösen dann internetbasierte Plattform die Verlag ab und der Urheber bestimmt direkt, wie mit seinem Werk und seinen Rechten verfahren werden darf. Das dürfte zwar auch nicht völlig umsonst werden, aber insgesamt zu besseren Lösungen führen.
    Und dann ist der Verlags-Zug aber gründlich abgefahren.
    Ist zwar traurig, aber wenn dann auch noch Verlage mit leicht ersetzbarem Angebot wie der genannte Kröner Verlag ihre Position so verkennen, dann verdienen sie es nicht besser.

  2. 26. wie in

    Ich stelle mir vor, ein solches Verhalten, wie es die Verlage an den Tag legen, würde von staatlicher Seite ausgehen - ein Vergleich mit Verhältnissen in der ehemaligen DDR wäre dann nicht fremd. Ich erinnere mich auch an den Versuch seitens der Verlagswelt auf Schulservern Kontrollprogramme zu installieren um mögliche Verstösse ausfindig zu machen. Wie kann es sein, dass ein solches, der Stasi nicht unähnliches Verhalten, in unserer als so frei definierten westlichen Welt hingenommen wird?
    Ich bin überzeugt, dass nachdem liberale Kräfte staatliche Bildungseinrichtungen (Hauptschule) zugunsten privater Bildungsoffensiven zugrunde gerichtet haben, nun auch das vermeintliche marktversagen der Verlagswelt als Begründung dient, Bildung nur noch denen zu ermöglichen, die sie sich leisten können. Armes Deutschland.

  3. ... gibt es aber doch in beiden Fällen das gleiche Problem: Die Rechteverwerter bekommen meist einen unverhältnismäßig hohen Anteil vom Kuchen. Dass die Wissenschaftsverlage sich mit besonderer Unverschämtheit auf Kosten der Allgemeinheit bedienen, heißt nicht, dass bei der GEMA alles in Ordnung ist. Es gibt genug hart arbeitende Musiker, Schriftsteller und Journalisten, die von ihren Verdiensten kaum leben können - während die ohnehin Erfolgreichen das Geld geradezu hinterhergeworfen bekommen und noch einen Rattenschwanz von Spekulanten nähren. Das kann doch wohl nicht der Sinn der Sache sein!
    Ein vernünftiges Urheberrecht sollte, finde ich, dass erst einmal alle regelmäßig geistig Arbeitenden von ihrer Arbeit leben können. Wenn das gewährleistet ist, kann man die Belohnungen verteilen und danach insgesamt bessere Bezahlung fordern.
    So, wie es jetzt ist, haben eben gerade viele Jugendliche den Eindruck, dass sie von gierigen Konzernen für die Werke von übersättigten oder seit jahrzehnten verstorbenen Stars geschröpft werden sollen. Dass man da nicht mitmachen will, ist doch auch verständlich, oder? - Wenn klar wäre, dass der Spieleprogrammierer von nebenan, der bissige Journalist um die Ecke oder der Klassenkamerad, der eine Band aufgemacht hat davon wirklich profitiert, wären die Leute, denke ich, eher bereit zu zahlen!

    Antwort auf "Eben nicht."
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    "Dass die Wissenschaftsverlage sich mit besonderer Unverschämtheit auf Kosten der Allgemeinheit bedienen, heißt nicht, dass bei der GEMA alles in Ordnung ist."

    Haben Sie meinen Beitrag gelesen?

  4. ...wahrlich ein Armutszeugnis, dass die Gier der Verleger scheinbar befriedigt wird und über dem Primat des Fortschritts steht. Der Fortschritt wird durch kapitalistische Grundprinzipien gebremst. Der durchs Netz neugewonnene bloße Geschwindigkeitszuwachs wird umgekehrt und beschränkt uns Wissenschaftler und Studenten!
    Gut, dass ich bald fertig studiert habe.

    • friesk
    • 04. Januar 2013 11:50 Uhr

    Wir können uns diese übertriebene Ausbildungssucht in Deutschland sowieso nicht mehr leisten. Wozu auch?

    Die Menschen können bequem ohne Arbeit von Hartz4 leben, habe ich erst gestern Abend wieder am Unternehmerstammtisch gehört und meine Kollegen müssen es doch wissen.

    Diese eingebildeten, ausgebildeten Studenten sind sowieso nicht zu gebrauchen. Auf dem globalen Markt bekommen Unternehmen die passenderen Leute, da wird halt solange gesucht bis irgendwo der Spezialist als Linkshänder gefunden wird und man die Maus nicht mehr umräumen muß.

    So geht Zukunft, die VG Wort hat nur die Zeichen der Zeit begriffen und will helfen.

    • Plupps
    • 04. Januar 2013 12:23 Uhr

    Ich will mich nicht zum Urheber-Heiligen machen. Aber es kann ja für die Unis keine Ausnahme gemacht werden. Wenn ich legal ohne jede Probleme, die wissenschaftliche Literatur zu einem Thema per Klick 500 Studis zur Verfügung stellen kann, warum sollte es dann verboten sein, die NYT Bestellerliste als eBook allen Facebookfreunden zur Verfügung zu stellen. Oder alle Tophits etc.

    Kann man sicher so oder so sehen, aber grundsätzlich kann es für Studis keine Sonderregelung geben. Denn das das Bezahlen von Rechten die Sache teurer macht, ist immer so

    Und wieso es ein Dozent eine Abrechnung nicht machen kann, die man von jedem Gesangsverein verlangt, kann ich auch nicht verstehen

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    • friesk
    • 04. Januar 2013 12:32 Uhr

    gerade in Deutschland haben Verlage eine Sonderstellung, ich sage nur Buchpreisbindung.

    Wenn sie die Verlage gleich stellen wollen, bitte, aber dann nicht nur wenn es denen passt.

    Im Übrigen vergleichen sie bitte mal die Kosten für wissenschaftliche Literatur, die sind enorm obwohl manche dieser Werke ohne staatliche Subventionen (wenn z.B. ein gut bezahlter Professor etwas veröffentlicht was er während seiner Arbeit erstellt hat) erst gar Nicht erstellt werden können.

    • Plupps
    • 04. Januar 2013 14:56 Uhr

    Die Problematik ist mir schon klar - insbesondere wenn die Forschungsarbeit durch Steuermittel aufgebracht wird, der Ertrag aber privatisiert wird.
    Aber nochmal: Was bei einer Literatur-Lese-Gruppe stramm illegal ist, kann ja schlecht an der Uni normal sein, weil es halt Studenten sind.
    Wenn dann müsste man das ganze System kippen

    Oder den Reader anonymisiert auf eine Seiet stellen, die der Fair-Use-Gesetzgebung unterliegt

    • friesk
    • 04. Januar 2013 12:32 Uhr

    gerade in Deutschland haben Verlage eine Sonderstellung, ich sage nur Buchpreisbindung.

    Wenn sie die Verlage gleich stellen wollen, bitte, aber dann nicht nur wenn es denen passt.

    Im Übrigen vergleichen sie bitte mal die Kosten für wissenschaftliche Literatur, die sind enorm obwohl manche dieser Werke ohne staatliche Subventionen (wenn z.B. ein gut bezahlter Professor etwas veröffentlicht was er während seiner Arbeit erstellt hat) erst gar Nicht erstellt werden können.

    Eine Leserempfehlung
    • Plupps
    • 04. Januar 2013 14:56 Uhr
    32. Richtig

    Die Problematik ist mir schon klar - insbesondere wenn die Forschungsarbeit durch Steuermittel aufgebracht wird, der Ertrag aber privatisiert wird.
    Aber nochmal: Was bei einer Literatur-Lese-Gruppe stramm illegal ist, kann ja schlecht an der Uni normal sein, weil es halt Studenten sind.
    Wenn dann müsste man das ganze System kippen

    Oder den Reader anonymisiert auf eine Seiet stellen, die der Fair-Use-Gesetzgebung unterliegt

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    Sie haben es leider nicht richtig verstanden.

    Wenn sie in einer Literaturguppe Kopien aus einem Buch ihrer Wahl austeilen ist dies erstens nicht strafbar, geht aber ohnehin am Thema vorbei.
    Aber mit wissenschaftlicher Literatur ist es oftmals so, dass der Staat (an der Universität die Professoren) die Autoren und das Schreiben der Artikel bezahlt. Die Publikation "dürfen" dann die Verlage übernehmen, was mit vergleichsweise relativ wenigem Aufwand viel Angeld bringt. Will jetzt ein anderer Unimitarbeiter auf eben jene vom Staat finanzierte Arbeit zugreifen soll der Staat jetzt also wieder dafür zahlen?
    Das ganze führt zu sehr abstrusen Konstriktionen der Verlage: einer meiner Professoren, darf aus seinem eigenen Anatomieatlas keine Bilder der aktuellen Auflage in seinen Vorlesungen zeigen, sondern nur der 2. Aus seinem EIGENEN Buch!

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