Offiziell werden sie erst am Montagmorgen in Brüssel bekanntgegeben, doch die Gewinner des größten europäischen Wissenschaftswettbewerbs aller Zeiten stehen bereits fest: ein Projekt über das neue Material Graphen und eine Gruppe von Neurowissenschaftlern, die das menschliche Gehirn im Computer nachbauen wollen. Sie können nun auf jeweils bis zu eine Milliarde Euro von der EU hoffen. Forscher aus Deutschland sind an beiden Vorhaben beteiligt.

Die Future and Emerging Technologies Flagship Initiative der EU-Kommission soll es Wissenschaftlern ermöglichen, zwei besonders ambitionierte Forschungsziele langfristig zu verfolgen. Europäische Forscher waren aufgerufen, visionäre Projekte einzureichen. Unter den 30 Kandidaten waren auch unorthodoxe Vorhaben wie Matrix redone, das, inspiriert vom Science-Fiction-Film Matrix, eine virtuelle Realität schaffen wollte, in der Menschen neue Fähigkeiten wie Motorradfahren lernen können. Sechs Projekte, in denen es unter anderem um Roboter und Sensoren ging, waren 2011 in die letzte Runde gewählt worden. Diese Projekte erhielten jeweils 1,5 Millionen Euro, um einen längeren Forschungsplan auszuarbeiten, der im vergangenen Jahr eingereicht werden musste.

Bereits vergangene Woche bestätigte ein Sprecher der EU-Kommission, dass nur noch vier Projekte im Rennen seien. Am Donnerstag bestätigten Mitarbeiter von zwei dieser Vorhaben, dass sie ebenfalls ausgeschieden sind. Somit bleiben nur noch die Projekte zu Graphen und dem menschlichen Gehirn.

Die beiden Gewinner müssen nun einen Vertrag mit der EU aushandeln. Vorgesehen ist zunächst eine Startphase von zweieinhalb Jahren, in der die beiden Projekte zusammen insgesamt 108 Millionen Euro erhalten sollen. Da auch die beteiligten Uni- und Industriepartner Geld beisteuern müssen, bedeute das etwa 70 Millionen Euro je Vorhaben, erklärt Jari Kinaret von der Chalmers-Universität Göteborg, der das Graphen-Projekt koordiniert. Hinterher soll das Geld auf bis zu 100 Millionen Euro pro Jahr ansteigen. Wie viel es wirklich wird, ist aber noch unklar, da die Mitgliedsstaaten die Hälfte beisteuern sollen.

Manche Forscher kritisieren die Megaförderung. Ein normales Forschungsvorhaben werde mit etwa 300.000 Euro gefördert, sagt etwa Peter König, Neurowissenschaftler an der Universität Osnabrück. "Niemand hat mir bisher erklären können, warum es eine gute Idee ist, 3.000 gute Projekte durch ein einziges zu ersetzen." Doch Dirk Helbing, Leiter des gescheiterten FuturICT-Projekts, sagt, es sei gut, dass Europa den Mut zu der Initiative gehabt habe. "Wir freuen uns mit den Gewinnern."

Das zweite Gehirn

Mit dem Human Brain Project hat ein umstrittenes Vorhaben das Rennen gemacht. Die einen finden die Idee des charismatischen Neurophysiologen Henry Markram von der Schweizer École Polytechnique Fédérale de Lausanne visionär, die anderen vermessen. "Das Gehirn zu verstehen, ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts", sagt er. Jedes Jahr erschienen in der Neurowissenschaft 60.000 Studien, alle zu einem anderen Detail. Um das große Ganze zu sehen, müsse man alle bisher verfügbaren Informationen in ein Computermodell einspeisen und so das Gehirn simulieren.

Das klingt einfach. Doch Jeffrey Lichtman von der Harvard-Universität hat errechnet, dass allein das Konnektom – das Abbild aller Verbindungen zwischen Milliarden Nervenzellen – 100 Mal so viele Daten umfasst wie derzeit auf den Servern von Google gespeichert sind. Und Markram will mehr. Er interessiert sich für alles: für die Gene, die das Gehirn beeinflussen, für die Ionenkanäle in den Zellmembranen, für kleine Nervenzellnetzwerke und die Prozesse, die beim Erinnern und Entscheiden ablaufen.