EU-FördergeldEine Milliarde Euro für Wunderstoff Graphen und Hirnsimulator

Die Gewinner von Europas größtem Forschungswettbewerb aller Zeiten sind vorab bekannt geworden. Die EU unterstützt zwei Großprojekte, deren Nutzen umstritten ist. von Jana Schlütter, und Ralf Nestler

Offiziell werden sie erst am Montagmorgen in Brüssel bekanntgegeben, doch die Gewinner des größten europäischen Wissenschaftswettbewerbs aller Zeiten stehen bereits fest: ein Projekt über das neue Material Graphen und eine Gruppe von Neurowissenschaftlern, die das menschliche Gehirn im Computer nachbauen wollen. Sie können nun auf jeweils bis zu eine Milliarde Euro von der EU hoffen. Forscher aus Deutschland sind an beiden Vorhaben beteiligt.

Die Future and Emerging Technologies Flagship Initiative der EU-Kommission soll es Wissenschaftlern ermöglichen, zwei besonders ambitionierte Forschungsziele langfristig zu verfolgen. Europäische Forscher waren aufgerufen, visionäre Projekte einzureichen. Unter den 30 Kandidaten waren auch unorthodoxe Vorhaben wie Matrix redone, das, inspiriert vom Science-Fiction-Film Matrix, eine virtuelle Realität schaffen wollte, in der Menschen neue Fähigkeiten wie Motorradfahren lernen können. Sechs Projekte, in denen es unter anderem um Roboter und Sensoren ging, waren 2011 in die letzte Runde gewählt worden. Diese Projekte erhielten jeweils 1,5 Millionen Euro, um einen längeren Forschungsplan auszuarbeiten, der im vergangenen Jahr eingereicht werden musste.

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Bereits vergangene Woche bestätigte ein Sprecher der EU-Kommission, dass nur noch vier Projekte im Rennen seien. Am Donnerstag bestätigten Mitarbeiter von zwei dieser Vorhaben, dass sie ebenfalls ausgeschieden sind. Somit bleiben nur noch die Projekte zu Graphen und dem menschlichen Gehirn.

Initiative

Mit ihrer »Flaggschiff-Initiative« will die EU-Kommission zwei visionäre Großprojekte in der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) voranbringen. 26 Forscherteams haben ihre Ideen eingereicht – zuletzt kämpften noch sechs Kandidaten um die die Endausscheidung. Die zwei Sieger unter den Flaggschiff-Finalisten erhalten ab 2013 eine jährliche Projektunterstützung in Höhe von 100 Millionen Euro. Diese Projekte haben sich beworben.

Sensoren

Intelligente, autonome Minisensoren sollen uns künftig wie Schutzengel im Alltag begleiten. Sie könnten zum Beispiel vor Naturkatastrophen warnen oder verschiedene Körperfunktionen messen und die Daten an Ärzte weiterleiten. Forscher unter Führung der ETH in Zürich und Lausanne wollen die Technik-Engel entwickeln.

Graphen

Es gilt als Wundermaterial des 21. Jahrhunderts: Graphen ist eine Schicht aus Kohlenstoff, die nur eine Atomlage dünn ist, dabei stärker als Diamant und hundertmal fester als Stahl – jedoch leicht und flexibel. Unter Koordination der schwedischen Chalmers University of Technology soll das ganze Potenzial des Wunderstoffs erforscht werden.

Futur-ICT

Von einem »Wissensbeschleuniger« träumen Forscher um Dirk Helbing von der ETH Zürich. Sie wollen einen »Living Earth Simulator« schaffen, eine weltumspannende Analyseplattform, die mit Echtzeitdaten gefüttert wird und globale Abhängigkeiten und Zusammenhänge aufzeigt. Damit sollen sich zum Beispiel Krisen in Politik, Umwelt und Gesellschaft besser vorhersagen lassen.

HBP

Wie simuliert man das menschliche Gehirn? Und wie bringt man Computern »menschliches« Denken bei? Solche Fragen will ein europaweites Forscherkonsortium im Human-Brain-Project (HBP) unter Leitung von Henry Markram beantworten.

Medizin

Die maßgeschneiderte Therapie ist das Ziel eines Projektes, das der Berliner Genomforscher Hans Lehrach koordiniert. Eine riesige Datenbank soll mit allen vorhandenen medizinischen Informationen gefüttert werden und für jeden Patienten eine individuelle Behandlung ermöglichen.

Roboter

Begleitroboter könnten uns künftig in allen Lebenslagen zur Seite stehen. Davon träumen Forscher an der italienischen Scuola Superiore Sant’Anna. Ihr Ziel: Technische Gefährten mit emotionalen und kognitiven Fähigkeiten ausstatten und sie so zum gefälligen Diener des Menschen machen.

Die beiden Gewinner müssen nun einen Vertrag mit der EU aushandeln. Vorgesehen ist zunächst eine Startphase von zweieinhalb Jahren, in der die beiden Projekte zusammen insgesamt 108 Millionen Euro erhalten sollen. Da auch die beteiligten Uni- und Industriepartner Geld beisteuern müssen, bedeute das etwa 70 Millionen Euro je Vorhaben, erklärt Jari Kinaret von der Chalmers-Universität Göteborg, der das Graphen-Projekt koordiniert. Hinterher soll das Geld auf bis zu 100 Millionen Euro pro Jahr ansteigen. Wie viel es wirklich wird, ist aber noch unklar, da die Mitgliedsstaaten die Hälfte beisteuern sollen.

Manche Forscher kritisieren die Megaförderung. Ein normales Forschungsvorhaben werde mit etwa 300.000 Euro gefördert, sagt etwa Peter König, Neurowissenschaftler an der Universität Osnabrück. "Niemand hat mir bisher erklären können, warum es eine gute Idee ist, 3.000 gute Projekte durch ein einziges zu ersetzen." Doch Dirk Helbing, Leiter des gescheiterten FuturICT-Projekts, sagt, es sei gut, dass Europa den Mut zu der Initiative gehabt habe. "Wir freuen uns mit den Gewinnern."

Das zweite Gehirn

Mit dem Human Brain Project hat ein umstrittenes Vorhaben das Rennen gemacht. Die einen finden die Idee des charismatischen Neurophysiologen Henry Markram von der Schweizer École Polytechnique Fédérale de Lausanne visionär, die anderen vermessen. "Das Gehirn zu verstehen, ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts", sagt er. Jedes Jahr erschienen in der Neurowissenschaft 60.000 Studien, alle zu einem anderen Detail. Um das große Ganze zu sehen, müsse man alle bisher verfügbaren Informationen in ein Computermodell einspeisen und so das Gehirn simulieren.

Das klingt einfach. Doch Jeffrey Lichtman von der Harvard-Universität hat errechnet, dass allein das Konnektom – das Abbild aller Verbindungen zwischen Milliarden Nervenzellen – 100 Mal so viele Daten umfasst wie derzeit auf den Servern von Google gespeichert sind. Und Markram will mehr. Er interessiert sich für alles: für die Gene, die das Gehirn beeinflussen, für die Ionenkanäle in den Zellmembranen, für kleine Nervenzellnetzwerke und die Prozesse, die beim Erinnern und Entscheiden ablaufen.

Leserkommentare
    • broesam
    • 25. Januar 2013 11:41 Uhr

    Das muss 10 HOCH 18 FLOPS heissen. Also ExaFLOPS, eine Milliarde mal 1 Milliarde FLOPS, 1 mit 18 Nullen.

    Kann man bloss hoffen, dass diese Projekte nicht selbst zu FLOPS werden. Die Rhetorik ihrer Protagonisten ist ja schon mal exzellent. Hoffentlich werden es die Ergebnisse auch. Die Gefahr bei diesen Riesenkonsortialgrants ist ja immer, das da auch sehr viel Geld in mittelmässige bis schlechte Forschung versickert. Aber eine stetige Förderung auch kleinerer und deshalb nicht weniger kreativer Gruppen ist halt lang nicht so spektakulär. Wer würd sich denn sonst trauen das ganze Hirn simulieren zu wollen. Bei eigentlich allen Förderagenturen und von allen Gutachtern die ich kenne würde man dafür ausgelacht. Andrerseits war das bezüglich der Mondlandung 1963 vielleicht auch so.

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  1. 2. Nun...

    Mit dem Graphen bin ich zuversichtlich. Man stelle sich nur eine CPU mit 1 THz Taktung vor ;)

    Das mit dem künstlichen Gehirn ist wohl doch etwas hochgegriffen. Man hat ja das natürliche Original vielleicht ansatzweise "begriffen", jedoch ist die Biologie so wohl nicht nachvollziehbar. Dawkins sagte mal, dass Lebewesen die kompliziertesten Maschinen des Universums sind. Und wie will man das denn mit einer schnöden von Neumann- oder wie auch immer gearteten künstlichen Architektur reproduzieren? Da fehlen wohl noch ein paar Millionen Jahre "Evolution", obwohl, diese bekanntlich ja nicht zielgerichtet ist. Man lese vielleicht auch dazu Roger Penrose...

    Trotzalledem ist diese Milliarde wohl gut angelegt, im Vergleich zu anderen EU-Geldmassengräbern ;)

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  2. Das heißt also, es steht jetzt schon fest, daß nie was größeres nachkommen wird. Das nenn' ich doch al eine Ansage.

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  3. Die beiden Projekte sind es wert stark gefördert zu werden, zumal die Eigenschaften von Graphen für eine ansatzweise Simulation des menschlichen Gehirns benötigt werden. Sollte es darüber hinaus in absehbarer Zeit möglich sein Graphen industriell und kostengünstig herzustellen, wird nahezu jede Branche davon profitieren. Investitionen in diese Projekte werden sich, natürlich unter strenger Kontrolle der Ergebnisse, auszahlen.
    Alleine die Weiterentwicklung von Speicher- und Übertragungstechnologien wird einen wesentlichen Beitrag zur zukünftigen Energieversorgung aus erneuerbaren Energien beitragen.

    2 Leserempfehlungen
    • Gerry10
    • 25. Januar 2013 12:27 Uhr

    ...aber auch nur annähernd das Gehirn zu verstehen, davon sind wir wirklich noch sehr, sehr weit entfernt - wenn es uns überhaupt eines Tages gelingen sollte.
    Von daher halte ich diese Förderung bestenfalls verfrüht, schlimmstenfalls für herausgeschmissenes Geld.

    Aber wie Forist Vasudeva bereits schrieb, es gibt in der EU in der Tat schlimmeres wofür Geld verschleudert wird.

    • janjshj
    • 25. Januar 2013 13:08 Uhr

    Da ist wohl ein Fehler im Text. Man wird deutlich mehr als 1.018 Rechenoperationen pro Sekunde benötigen um das Gehirn zu simulieren. Man nimmt an es wird ungefähr ein Exaflop benötigt

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    Redaktion

    Das war in der Tat ein Formatierungsfehler. Jetzt sollte es richtig sein mit einer hochgestellten 18. Danke für den Hinweis!

    • mwwbf
    • 25. Januar 2013 13:09 Uhr

    Von einer seriösen Seite erwarte ich dass beim öffnen eines Artikels nicht irgendein Video startet!

    Ich habe eben 4 Artikel im Hintergrund geöffnet und durfte nun suchen welcher denn dieses blöde Video drin hatte.
    ...musste ja sogar runterscrollen.

    Bitte bindet die Video/Audio inhalte so ein, dass sie nur lärm machen wenn man das auch wünscht.

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    • 29C3
    • 25. Januar 2013 14:05 Uhr

    k.K. ...

    • 2b
    • 25. Januar 2013 13:58 Uhr

    gehören die Forschenden an???

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Europäische Union | Google | Gehirn | Harvard University | Israel | USA
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