Viel Zeit für eine herzliche Begrüßung haben wir nicht, denn die Klinik am Rande des verwahrlosten Hafens ist bereits in diesen frühen Morgenstunden bis zum Bersten gefüllt. Es ist die einzige medizinische Versorgung, die den geschätzten 400.000 Slumbewohnern kostenlos zur Verfügung steht. Die Leute könnten auch zu einem Arzt in die Stadt fahren, aber dort wäre lediglich die Diagnose ihrer Erkrankung kostenlos.

Medikamente und Verbrauchsmaterialien müssten sie in den dürftig bestückten Apotheken oder dem wesentlich besser bestückten Schwarzmarkt erstehen – für harte einheimische Goudes oder noch härtere US-Dollars. Dafür fehlt ihnen schlichtweg das Geld. Hier in der Slumklinik gibt es Diagnose und Medikamente kostenlos.

Mord und Totschlag gehören zum Alltag

In den zwei Wochen unserer Arbeit in Nap Vanse behandeln die sechs Helfer des haitianisch-deutschen Teams Hunderte Kranke und Verletzte und führen sogar kleine, dringend notwendige Operationen durch, die für die Menschen dort sonst unerschwinglich geblieben wären.

Mit zwei Security-Guys, die wir generell aus Cité Soleil rekrutieren, geht unser Team auch direkt zu den Patienten in den Slum. Hier leben Menschen, die längst nicht mehr in der Lage sind, die Klinik aus eigener Kraft zu erreichen. Der beste Schutz in diesem Slum sind unsere Stethoskope samt Medizinerkleidung – und natürlich die Erklärungen der einheimischen Sicherheitsleute.

Hunderttausende sind an diesem hoffnungslosen Ort gefangen: ohne funktionierende Trink- und Waschwasserversorgung, Abwasserleitungen, Toiletten. Sie sind ständig von Hungersnot und Krankheiten bedroht. An diesem Ort gehören körperliche Aggression gegen Frauen und Mädchen, Auseinandersetzungen verfeindeter Gangs mit Pistolen, Messern und Macheten, Vergewaltigungen sowie Mord und Totschlag zum Alltag.

Routiniert und ruhig untersuchen und behandeln wir Verletzte und Kranke. Bis zum Ende unseres Einsatzes sind es ungefähr 800. Wir sind zwar jedes Mal aufs Neue froh, diesen schrecklichen Ort nach einigen Stunden wieder verlassen zu können. Aber immerhin: Wir haben alles getan, um den bedürftigen Menschen medizinisch zu helfen.