David LivingstoneDer viktorianische Missionar vom Sambesi

David Livingstone lebt im Gedächtnis der Briten als Prototyp des viktorianischen Zeitalters. Seine Reisen als erster Europäer im Süden Afrikas machten ihn weltberühmt. von 

Der Missionar und Afrikaforscher David Livingstone predigt Eingeborenen seinen Glauben.

Der Missionar und Afrikaforscher David Livingstone predigt Eingeborenen seinen Glauben.  |  © Hulton Archive/Getty Images

1871 scheint David Livingstone wie vom Erdboden verschwunden. Seit fünf Jahren haben sie daheim in Großbritannien nichts mehr von dem Afrikaforscher gehört. Die ganze Welt sorgt sich mittlerweile um den berühmten schottischen Entdecker. Es ist ein gefundenes Fressen für die Massenmedien. So schickt der New York Herald den hartgesottenen Journalisten Henry Morton Stanley in die Kongo-Region, um Livingstone aufzustöbern.

Der Schotte, am 19. März 1813 in Blantyre geboren, kennt Afrika wie kein anderer Europäer seiner Zeit. Eigentlich wollte der Arbeitersohn als Missionar nach Asien gehen, hat sich von der mühsamen Arbeit in der Textilindustrie ein Studium der Medizin und Theologie abgespart und ist der Londoner Missionsgesellschaft beigetreten. Doch als in China der erste Opiumkrieg ausbricht, geht Livingstone lieber nach Südafrika. 1841 kommt er dort an.

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1844 heiratet er Mary Moffat, die mit ihm auf den Missionsstationen lebt und sechs Kinder zur Welt bringt. Doch Livingstone bleibt nicht sesshaft. Er hat sich schon auf der Schiffsreise ans Kap vom Kapitän zeigen lassen, wie man navigiert: Der Missionar will in Regionen vordringen, in denen das Wort Gottes noch unbekannt ist. Livingstone reist nach Norden, mit kleinem Gepäck, wenigen Trägern und ohne Soldaten. So kann er die örtlichen Stämme von seiner Harmlosigkeit überzeugen und kommt unbeschadet nach Sesheke, wo er als erster Europäer am Ufer des Sambesi steht. Er sieht den Fluss als idealen Weg, um Handelswaren und das Evangelium ins "Herz der Finsternis" zu tragen, wie der Schriftsteller Joseph Conrad das Innere Afrikas einige Jahre später nennen wird.

Auch die einheimischen Kololo wollen den Fluss zum Handel nutzen, sie unterstützen Livingstone. 1853 bricht er aus ihrer Hauptstadt Linyanti im heutigen Namibia flussaufwärts auf. Immer wieder sind Stromschnellen im Weg, müssen die Kanus getragen werden. Für Handelsschiffe eignet sich der Fluss nicht, muss der Forscher enttäuscht einsehen.

Als Bestsellerautor und Nationalheld gefeiert

Als die Expedition im Mai 1854 über mehrere andere Flüsse Luanda am Atlantik erreicht, ist Livingstone erschöpft und abgemagert. Trotzdem will er keines der Schiffe besteigen, die ihn in die Heimat bringen könnten. Er befährt den Sambesi diesmal flussabwärts und gelangt als erster Europäer an jene Wasserfälle, die die Einheimischen Mosi-oa-Tunya nennen, "donnernden Rauch" – und die er zu Ehren seiner Königin Viktoriafälle nennt. Sie seien das Schönste, was er je gesehen habe, schreibt er in seine Tagebücher, "Szenen so lieblich, Engel müssen sie im Flug erblickt haben".

Livingstone gelangt an die Mündung des Sambesi in den Indischen Ozeans: Als erster Weißer hat er Afrika von Westen nach Osten durchquert. Zurück in England wird er als Nationalheld gefeiert, seine Bücher werden zu Bestsellern. Er verkörpert den Geist des viktorianischen Zeitalters. Als Arbeiter, der es zum Forscher gebracht hat. Und als Missionar, der das Christentum und die Zivilisation durch Handel verbreiten will.

Die Regierung schickt ihn zurück an den Sambesi. Er soll ihn kartieren, Handelsmöglichkeiten und Rohstoffe auskundschaften. Und er will sich gegen die Sklavenjagd einsetzen, die seinen christlichen Werten widerspricht. Mit einem kleinen Dampfer tuckert der Forscher den Fluss hinauf.

Die Expedition steht unter keinem guten Stern: Mary Livingstone stirbt an Malaria, auch mehrere andere Expeditionsteilnehmer überleben die Strapazen nicht. Andere scheiden im Zorn. Sie beschreiben Livingstone als schlechten Anführer, launisch und selbstgerecht. Livingstone will durchhalten: "Ich bin bereit, überall hinzugehen, wenn es nur vorwärts ist." Doch der Regierung ist die Ausbeute seiner Reise zu gering, sie ruft ihn nach London zurück.

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    • Schlagworte Malaria | Großbritannien | Namibia | Sambia | Afrika | New York
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