DemografieÜberraschende Trendwende in der Geburtenstatistik

In der entwickelten Welt bekommen Frauen später Kinder, aber nicht unbedingt weniger. Das sagen Demografen, die mit neuen Statistik-Methoden 37 Länder untersucht haben. von 

Baby Neugeborenes Säugling

Ein Neugeborenes in einer Geburtsklinik in Paris  |  © Joel Saget/AFP/Getty Images

"Kohortenfertilität" sagen Statistiker. Sie meinen damit die Zahl an Kindern, die tatsächlich von Frauen eines Jahrgangs geboren werden. Handfeste Zahlen dazu sind naturgemäß immer erst verfügbar, wenn feststeht, wie viele Kinder alle Frauen eines Jahrgangs am Ende ihres fruchtbaren Lebens haben. Statistiker gehen von einer Fertilität im Alter zwischen 15 und 49 Jahren aus. Sobald ein Jahrgang das 50. Lebensjahr erreicht, berechnen Demografie-Forscher den Durchschnittswert der Neugeborenen.

Aber wie berechnet man die zu erwartende Kinderzahl für eine vielleicht 18-, 24- oder 35-Jährige, die ja noch weitere Kinder bekommen kann? Forscher vom Max-Planck-Institut für Demografie in Rostock haben dazu neue Prognosen erstellt – und zwar für 37 entwickelte Länder, von denen viele für eine stetig sinkende Geburtenrate bekannt waren. Das Ergebnis der Statistiker: Die Kinderzahl pro Frau nimmt in 26 der untersuchten Länder entweder zu oder bleibt zumindest gleich. Ihre Vorhersage ist im Magazin Population and Development Review erschienen.

Anzeige

Derartige Prognosen sind schwierig. Der vielfach beobachtete Trend etwa, dass Frauen ihre Kinder in immer höherem Alter kriegen, muss berücksichtigt werden. Die Rostocker Arbeitsgruppe um Mikko Myrskylä und Joshua Goldstein hat nun eine neue Berechnungsmethode entwickelt, die neben einer Vorhersage auch Wahrscheinlichkeiten ermittelt, mit denen eine bestimmte Geburtenrate eintreten wird.

Von dem Verhalten einer Frau in einem bestimmten Lebensjahr lässt sich im wahren Leben ohnehin kaum auf das einer Gleichaltrigen schließen. Das gilt erst recht, wenn es ums Kinderkriegen geht. Denn das hängt von so vielen sozialen, medizinischen und kulturellen Faktoren ab, dass es mathematisch nur schwer vorherzusehen ist.

Das Statistische Bundesamt errechnet für Deutschland in der Regel die "zusammengefasste Geburtenziffer". Diese gibt die zu erwartende Kinderzahl an, indem die durchschnittlichen Geburtenraten pro Frau eines Jahrgangs für alle Frauen zwischen 15 und 49 addiert werden. Heraus kommt die "Periodenfertilität".

Das Modell hat aber eine Schwäche, denn es geht davon aus, dass Frauen desselben Alters sich von Jahrgang zu Jahrgang gleich verhalten. Das ist aber nicht der Fall. Gerade in westlichen Ländern wird das erste Kind einer Frau durchschnittlich von Jahr zu Jahr später geboren. Wer Statistiken mit der Periodenfertilität erstellt, dürfte die tatsächliche Zahl der Kinder pro Frau unterschätzen.

"So gab das Statistische Bundesamt für 2011 eine Periodenrate von 1,36 Kindern pro Frau an", schreiben die Max-Planck-Forscher in einer Erklärung zu ihren Vorhersagen. Sie selbst kommen nach der neuen Methode aber auf eine Zahl von 1,54 für ostdeutsche und 1,57 für westdeutsche Frauen, die im Jahr 2011 gerade 35 Jahre alt waren.

Was ist eine Kohorte?

Statistiker verstehen unter einer Kohorte eine Gruppe von Menschen, auf die zu einer bestimmten Zeit ein gemeinsames Merkmal zutrifft. Eine Geburtskohorte zum Beispiel umfasst alle Menschen eines Jahrgangs. Man könnte aber auch eine Kohorte aus allen Frauen bilden, die ab dem Alter von 30 Jahren ihr erstes Kind bekommen haben. Im Rahmen von Studien werden entweder Merkmale innerhalb einer Kohorte untersucht oder zwei Kohorten mit unterschiedlichen Merkmalen werden verglichen.

Kohortenfertilität

Die Kohortenfertilität misst im Gegensatz zur Periodenfertilität die Anzahl der tatsächlich geborenen Kinder pro Frau eines Geburtsjahrgangs. Dieses Maß ist weniger großen Schwankungen unterworfen als die Periodenfertilität. Sie kann jedoch erst rückwirkend bestimmt werden, wenn die reproduktive Phase eines Jahrgangs abgeschlossen ist.

Kohortensterblichkeit

Dieser Begriff berücksichtigt die Sterblichkeit eines bestimmten Geburtsjahrgangs bezogen auf den betrachteten Zeitraum. Anhand der Kohortensterblichkeit kann der Verlauf der Sterblichkeit innerhalb eines Jahrgangs nachvollzogen werden.

Quelle: Zentrum für Demografischen Wandel

 

"Mit den Frauen, die in den 1970er Jahren geboren wurden, kommt die Trendwende", sagte Joshua Goldstein. Die Tendenz für die darauf folgenden Jahrgänge sei steigend, jedenfalls mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent, wie die Demografen nach der neuen Analysemethode feststellten. Auch die durchschnittliche Kinderzahl aus allen für die Studie erfassten Ländern würde nach herkömmlichen Statistiken unterschätzt. Sie liege bei knapp zwei Kindern pro Frau. In den USA und Großbritannien steigt die Pro-Frau-Kinderzahl besonders. In Portugal und Taiwan etwa nimmt sie dagegen weiter ab.

Und was bedeutet das? In zumindest einem Punkt legen sich die Forscher fest: Die Menschen in Deutschland und vergleichbaren Staaten bekommen später Kinder – aber nicht unbedingt weniger. Statistiken, die das berücksichtigen, werden auch beim demografischen Wandel und in der Frage, wie schnell Industrie-Gesellschaften veralten, zu weniger dramatischen Prognosen kommen als bisherige Studien.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. 1. Fragen

    " bekommen später Kinder – aber nicht unbedingt weniger. "

    Brauchte man dafür eine Studie? Meine Eltern haben mich bekommen, als sie Anfang 20 waren. Ich habe meine Kinder "bekommen", als ich Ende 20 war. Diesen Trend kann ich in meinem gesamten Umfeld wahrnehmen.
    Aber warum ist das so? Sagt die Studie dazu auch etwas aus? Eine mögliche Erklärung meinerseits: Früher war man halt nicht so lange mit Schule und Ausbildung und Karriere beschäftigt. Da stand man schon mit Mitte 20 im Beruf.

    Und zur Teilaussage "-aber nicht unbedingt weniger."

    Wie sieht es denn nun konkret für Deutschland aus? Mehr oder weniger? Laut Ministerium für Familie, Senioren, FRAUEN und Jugend fällt die Geburtenrate in Deutschland.

    MfG

    Eine Leserempfehlung
  2. Nicht weniger, aber später ...

    Heisst das, man muss nur lange genug warten, dann werden auch pro Frau weitere Kinder geboren?? Mir erschliesst sich der Sinn der Studie nicht. Die Verschachtelung von diversen Größen senkt den Erkenntnisgewinn.

    Eine Leserempfehlung
  3. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% verwundert mich der Optimismus der "Forscher", zumal sie ja anstelle einer Kohortenziffer auch eine periodenbezogene Zahl, eben die der tatsächlichen Geburten, anführen könnten. Und hier sagt die Statistik wohl, dass die Zahl der Geburten von ehemals 1,3 Mio auf 660.000 gefallen ist. Und die "Trendwende" um 1970 lässt sich ja ebenfalls aus der Geburtenzahl herauslesen - allerdings auch die Wende der Trendwende. Seit etwa Mitte der 80er Jahre fällt die Geburtenzahl wieder. Mit einer Wahrscheinlichkeit von deutlich mehr als den verbleibenden 5% würde ich deshalb davon ausgehen, dass die "Forscher" nicht allein vom Erkenntnisinteresse geleitet wurden.

    3 Leserempfehlungen
  4. Wenn die Frauen (auch die Männer?) später Kinder bekommen, so verlängert sich der Zyklus einer Generation. So habe ich in z.B. 100 Jahren nicht 5 (im Alter von 20 Jahren Kinder bekommen), sondern nur 3 (mit 33 Jahren) neue Familien. Dann werden wir ja dennoch weniger trotz gleicher Geburtenrate? Und auch wenn die Zahl von knapp zwei (= trotzdem nur 1 Kind) auf gut ein Kind sinkt, heißt das für mich, dass der Trend zur 1-Kind-Familie geht. Trotz vermeindlicher "Entwarnung" durch die Statistik müssen die Rahmenbedingungen für Familiengründungen durch Politik und WIrtschaft und Gesellschaft eklatant verbessert werden.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Die Redaktion/au

  5. 1997 Geburten 812173
    2011 Geburten 662712

    Wobei seit 2006 das Niveu ungefähr gleich geblieben ist.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    denn es ist wohl logisch, das eine kleiner werdende Anzahl Frauen weniger Kinder auf die Welt bringt. Um hier eine treffende Aussage zu finden muss man schon mehrere Faktoren miteinbeziehen.

    Wichtig dabei ist z.B. das 1997 noch die Geburtenstarken Jahrgänge im Gebärfähigen Alter waren (bis Jahrgang 1965 gingen die Geburtenstarken Jahrgänge) Danach kommt ein recht starker Einbruch, der nur einmal in den 70ern nach oben unterbrochen wurde, der aber dennoch eine ziemlich gleichbleibende Geburtenrate zeigt.

    Also ist es durchaus möglich (sogar äußerst wahrscheinlich) das sich die Quote trotz niedriger Zahlen überhaupt nicht verändert hat. Je nachdem wie hoch die Geburtenraten in der Vergangenheit war, könnte das sogar eine Steigerung der Quote bedeuten, obwohl ihre Zahlen etwas ganz anderes vermitteln.

    Deshalb sind "harte Zahlen" in der Statistik immer mit Vorsicht zu genießen.

  6. 6. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Die Redaktion/au

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "trotzdem zu wenig"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • msch
    • 22. März 2013 7:43 Uhr

    Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Die Redaktion/au

  7. Die Verfasser dieser Studie verschweigen die Tatsache, dass eine Erhöhung der "Kohortenfertilität" von 1.36 auf 1.57 eine in der Gesamtrechnung vernachlässigbare Zunahme der Geburten darstellt. Um den Bevölkerungsbestand halten zu können, müsste eine Frau bekanntlich durchschnittlich 2.2 Kinder gebären. Noch wichtiger ist aber die Tatsache, dass dank des 1964 einsetzenden Pillenknicks die Basis der im gebärfähigen Alter befindlichen Frauen bereits so schmal geworden ist, dass selbst eine völlig unrealistische Verdoppelung der durchschnittlichen Kinderzahl den Bevölkerungsschwund nicht aufhalten könnte. Dieses zu thematisieren wäre eigentlich Aufgabe der Autoren dieser Studie. Allerdings würden Sie damit zugeben, dass ihre neuen Erkenntnisse irrelevant sind und es nicht verdienen in der "Zeit" aufgegriffen zu werden.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    müsste eine Frau bekanntlich durchschnittlich 2.2 Kinder gebären."

    Nö. Wenn sie Zuwanderung haben, wie das in Deutschland bekanntlich der Fall ist, tun es auch weniger Kinder.

    Wobei noch zu fragen bliebe, ob der "Bevölkerungsbestand gehalten" werden muss, oder Deutschland nicht auch mit ein paar Millionen Menschen weniger auskommen könnte. Wenn ich mir Länder wie Indien ansehe (1,2 Milliarden, steigend), die direkt auf ihr Platzen zusteuern, glaube ich, dass wir im Vergleich eher die kleineren Probleme haben.

  8. müsste eine Frau bekanntlich durchschnittlich 2.2 Kinder gebären."

    Nö. Wenn sie Zuwanderung haben, wie das in Deutschland bekanntlich der Fall ist, tun es auch weniger Kinder.

    Wobei noch zu fragen bliebe, ob der "Bevölkerungsbestand gehalten" werden muss, oder Deutschland nicht auch mit ein paar Millionen Menschen weniger auskommen könnte. Wenn ich mir Länder wie Indien ansehe (1,2 Milliarden, steigend), die direkt auf ihr Platzen zusteuern, glaube ich, dass wir im Vergleich eher die kleineren Probleme haben.

    8 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Statistisches Bundesamt | Alter | Geburtenrate | Studie | Demografie | Großbritannien
Service