Wetterextreme : Australien steckt im Klimawandel-Dilemma

Hochwasser, Starkregen, Dürre – in Australien häufen sich Wetterextreme. Während Klimaskeptiker wegschauen, passen sich erste Großstädte an.

"Queenslander", pfahlbauten-ähnliche Holzhäuser, auf Stelzen errichtet, erleben gerade eine Renaissance in Australien. Mit ihren halboffenen luftdurchlässigen Kellergeschossen sorgen sie an heißen Tagen für willkommene Kühle in den oberen Etagen. Der Wohnbereich bleibt auch bei Hochwasser trocken. Weil sich die australische Ostküste in Zukunft häufiger auf Überschwemmungen einstellen muss, wie Klimaforscher warnen, kommt der Baustil aus viktorianischen Zeiten nun wieder in Mode.

Caryn Anderson brauchte während der großen Flut vor zwei Jahren ein Kanu, um wenige Habseligkeiten aus ihrem alten Haus zu retten. Der Neubau, ein Queenslander, ist fast drei Meter höher. Tausende Einwohner Brisbanes haben es wie sie gemacht. In Rocklea zum Beispiel, etwa zehn Kilometer südlich der Innenstadt und auf einer Flussaue errichtet, steht heute fast ein ganzer Stadtteil auf Stelzen. Dort hätte "nie jemand bauen dürfen", sagt Darryl Low Choy, Umweltplaner der Griffith University. Aus dem Stegreif zählt Choy ein halbes Dutzend Hochwasserflächen Brisbanes auf, die für eine Besiedlung völlig ungeeignet seien. "Ganze Stadtteile sind auf trockengelegten Sümpfen errichtet worden. Bäche, die bei Hochwasser zu reißenden Strömen anschwellen, wurden schlicht überbaut." Solche Ausuferungsräume sollten seiner Ansicht nach künftig wieder von der Landwirtschaft genutzt und nicht bebaut werden. Unverzichtbares wie Krankenhäuser oder Kindergärten müssten auf Anhöhen errichtet werden, damit sich Schäden künftig in Grenzen halten.

Laut einer Studie des Klimarats der australischen Regierung ist auch in Zukunft mit häufigen Unwettern zu rechnen. Ein halbes Dutzend schwerer Überschwemmungen seit 2007 weist eine Wetterstatistik aus – das ist die gleiche Anzahl wie zuvor in 55 Jahren, zwischen 1952 und 2007. Der Geograph und Ökologe Nigel Tapper von der Monash University in Melbourne sagt, Australien sei heute einer Vielzahl von Extremwettern ausgeliefert. Neben dem La-Niña-Phänomen, das die ohnehin hohen Temperaturen im Südpazik noch weiter ansteigen lässt, habe dazu auch die globale Erwärmung beigetragen.

Während Australiens Klimaforscher wie auch ihre Kollegen in Europa und Nordamerika seit Jahren vor schwerwiegenden Folgen der globalen Klimaveränderungen warnen, wollen viele Australier derart schlechte Nachrichten nach wie vor weder hören noch glauben. Eine von der regierenden Australian Labor Party (ALP) Ende 2011 eingeführte Klimasteuer will Oppositionsführer Tony Abbott nach seinem wahrscheinlichen Sieg bei den diesjährigen Parlamentswahlen wieder abschaffen.

Versicherungen gegen Sturm- und Wasserschäden werden teuer

Versicherungsgesellschaften deuten hingegen an, Policen für Häuser, Grundstücke und Fahrzeuge in gefährdeten Lagen künftig nicht mehr anbieten zu wollen. "Und wenn doch, dann zum horrenden Preis", prognostiziert Tapper, der sich auf Klimafolgen für Wasser-, Energieversorgung und Verkehr spezialisiert hat. Outback-Gemeinden, die auf den Bau von Flussdeichen verzichten, droht der Insurance Council of Australia (ICA) mit der Kündigung bestehender Verträge. Andererseits lobt der Verband die Regierung, weil diese erstmals Geld für Projekte des Hochwasserschutzes bereitgestellt habe – eine Maßnahme, für die die australischen Versicherungen seit Jahren stritten.

Australien müsse "sich wandeln und umdenken", meint Tapper. Das gelte insbesondere für die Instandhaltung einer Infrastruktur, die aufgrund der schieren Größe des Kontinents ohnehin schwer zu unterhalten sei. Zyklon Oswald, der ausgerechnet am Nationalfeiertag große Wassermassen über der Ostküste abregnete, überflutete Städte, unterspülte Straßen und beschädigte gerade erst reparierte Brücken. Das bloße Ausbessern von Schäden an Straßen und Brücken, wie bislang praktiziert, erscheint angesichts sich häufender Unwetter als nicht mehr zeitgemäß. Einige Flutschäden von 2011 sind zudem bis heute nicht repariert, da sich Commonwealth, Länder und Gemeinden über Zuständigkeiten streiten.

Ron Dines, Bürgermeister der früheren Goldgräberstadt Gympie, deren Innenstadt in den vergangenen zwölf Monaten viermal überflutet worden ist, fordert ein "Betterment", Verbesserungen an vorhandener Infrastruktur. "Eine drei Meter hohe Brücke, die bei der letzten Flut unter Wasser stand, muss vier oder fünf Meter hoch sein, um künftigen Fluten standzuhalten", sagt Dines. Überflutete Straßen in sumpfigem Gelände benötigten Ummantelungen aus Gießbeton. 

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Kommentare

66 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Queenslander sind u.a. gegen Überschwemmungen konstruiert

Hallo Rafax,

es ist wahr, daß Queenslander keine Pfahlbauten sind.

Wahr ist, daß die Haupträume oben liegen. Eine Freundin von mir wohnt hier (weiter oben an der Küste, Nord-NSW) in so einem Haus, und bei Überschwemmung wird das Untergeschoß aufgegeben. Weshalb da auch nur ein Gästezimmer, Waschküche und Lagerraum sind.

Gruß aus Melbourne
Peter