Überteuerte Fachzeitschriften : "Verlässliche Daten sind lebenswichtig"

Fachzeitschriften stehen in der Kritik, zu teuer zu sein. Im Interview sagt die Elsevier-Vizepräsidentin Angelika Lex, warum sie die Preise dennoch für angemessen hält.

Frage: Frau Lex, Elsevier ist einer der renommiertesten wissenschaftlichen Verlage der Welt. Aber als der britische Mathematiker Timothy Gowers letztes Jahr zu einem Totalboykott Ihrer 2.500 Zeitschriften aufrief, schlossen sich tausende Wissenschaftler an. Warum stehen Sie derart in der Kritik?

Angelika Lex: Das hat sicher damit zu tun, dass wir in der Vergangenheit zu wenig mit der wissenschaftlichen Community kommuniziert haben. Seit dem Boykottaufruf haben wir viele persönliche Gespräche geführt und Veranstaltungen organisiert, um besser zu verstehen, woher die Kritik kommt. Und um den Mehrwert von wissenschaftlichen Verlagen wie Elsevier zu erklären. Denn viele Vorwürfe basieren auf Missverständnissen.

Frage: Die Vorwürfe lauten: Die Preise für Ihre Fachzeitschriften, die vor allem von Universitäten abonniert werden, seien massiv überteuert. Teilweise müssen die Bibliotheken pro Jahr und Titel fünfstellige Beträge zahlen.

Angelika Lex

hat 1987 als Lektoratsleiterin bei Elsevier angefangen. Seit 2011 ist die studierte Biologin Vizepräsidentin von Elsevier Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Lex: Natürlich haben wir große Zeitschriften, die viel kosten. Aber wenn man die Preissetzung pro Artikel vergleicht, dann befindet sich Elsevier im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Verlagen weltweit im unteren Viertel. In der Mathematik, aus der die meiste Kritik kam, haben wir die Preise einiger Journale gesenkt und den Preis außerdem mittlerweile auf 11 Dollar pro Artikel justiert.

Frage: Warum sind wissenschaftliche Zeitschriften überhaupt so teuer? Die Autoren erhalten kein Honorar, die Wissenschaftler, die die Qualitätskontrolle, die sogenannte "Peer Review" übernehmen, ebenfalls nicht.

Lex: Wir bekommen bei Elsevier sehr viel mehr Einsendungen, als Artikel gedruckt werden, insgesamt sind es rund eine Million Einreichungen jährlich. Davon publizieren wir rund 350.000 Artikel. Zeitschriften wie Cell oder The Lancet haben Ablehnungsraten von 95 bis 96 Prozent. Dieser ganze Prozess der Qualitätsprüfung muss organisiert und gemanagt werden, damit eine hochqualitative Publikation schnell und effizient publiziert werden kann. Außerdem investieren wir viel Geld in innovative digitale Neuentwicklungen.

Frage: Elsevier und andere wissenschaftliche Fachverlage haben aber auch jahrzehntelang hohe Renditen eingefahren – auch indem sie die Preise für Zeitschriften in die Höhe getrieben haben. War das eine Blase, die irgendwann platzen musste?

Lex: Es gab vor allem in den siebziger bis neunziger Jahren enorme Preissteigerungen. Elsevier hat sich aber Anfang 2000 ganz bewusst von diesen Preissteigerungen verabschiedet. Andere Verlage haben seit 2000 deutlich höhere Preissteigerungen als Elsevier vorgenommen.

Frage: Sie sprachen von innovativen Neuentwicklungen. Meinen Sie damit wissenschaftliche Datenbanken?

Lex: Das sind zum einen Datenbanken, aber auch generell die Digitalisierung von Informationen. Online-Publikationen ermöglichen neue Formate, zum Beispiel die Verknüpfung von Forschungsliteratur mit Primärdaten. Wenn Sie einen Artikel lesen, dann können Sie mit einem Klick direkt auf die Primärdaten zurückgreifen. Wir arbeiten in enger Partnerschaft mit Institutionen, die ebenfalls Datenbanken betreiben und verlinken uns untereinander. Unser Ziel ist es, Wissenschaftler zu unterstützen, dass sie schneller und effektiver forschen können.

Frage: Das klingt gut. Aber umgekehrt betreiben viele Verlage politische Lobbyarbeit, um digitale Zugänge immer weiter zu beschränken. Ein Beispiel sind die digitalen Semesterapparate, die einige Verlage den Universitäten untersagen möchten. Mit freiem Flow des Wissens hat das nicht viel zu tun.

Lex: Das muss man differenzierter sehen. Auf der einen Seite betreibt Elsevier, wie die meisten anderen wissenschaftlichen Verlage auch, eine sehr liberale Veröffentlichungspolitik bei Zeitschriftenartikeln. Wissenschaftler dürfen ihre bei Elsevier erschienenen Artikel mit anderen teilen, sie verschicken, die Autorenversion auf ihre Webseite oder auf die Webseite ihrer Universität stellen. Anders sieht das bei Exzerpten aus Büchern aus – und um die geht es ja bei den Semesterapparaten.

Frage: Die Digitalisierung der Bibliotheken schreitet voran, aber Studierende werden dazu gezwungen, sich umständlich Papierkopien zu besorgen? Das wird doch irgendwann absurd.

Lex: Wir hängen zurzeit zwischen einer Printwelt und einer digitalen Welt. Die digitale Welt bietet unheimlich viele Möglichkeiten. Die Frage ist nur, wie wir das komplexe Ökosystem der Wissenschaft so weiterentwickeln können, dass es allen Vorteile bietet. Dazu gehört natürlich auch der Student, der an seiner Universität so effizient wie möglich arbeiten will. Deshalb ist es wichtig, dass sich alle Beteiligten an einem Tisch setzen.

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Kommentare

37 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

wissenschaftliche Praxis

@arasterone:

Und dann produzieren wir noch mehr Schein-Doktoren, die sich dann in der Politik wiederfinden und dort mit ihrer achsogroßen Kompetenz alles richtig machen, nicht wahr? Besten Dank auch!

Die Wissenschaft braucht Menschen mit eigenen Ideen, die die Welt wirklich voranbringen wollen, keine überbezahlten Kopierer.

"Und im Grunde kennt sich jeder im Fach und eine Hand wäscht die andere. "

Und genau das ist das Problem: Vetternwirtschaft, wohin man schaut, die dazu führt, dass es nicht mehr um Qualität geht, sondern um Macht (und Quantität). An dieser Stelle wäre ein Umdenken schon lange überfällig.

Wie wäre es, wenn einfach wieder weniger publiziert würde, dann gibt es nicht mehr so viel zu "organisieren" für Leute wie Frau Lex und Wissenschaftler können in Ruhe der Wissenschaft nachgehen, anstatt Artikel zu formatieren und zu reviewen.

Eher unterbezahlt

"Die Wissenschaft braucht Menschen mit eigenen Ideen, die die Welt wirklich voranbringen wollen, keine überbezahlten Kopierer."

Nein das stimmt so nun wirklich nicht. Die Gehälter im öffentlichem Dienst sind seit 1993 inflationsbereinigt ungefähr Gleich geblieben. IG Metall hat im Vergleich dazu, ich glaub, ca. 55% Lohnzuwachs seit 1993. Industriedurchschnitt auch weit zweistellig.

Die Gehälter an den Unis sind vergleichsweise so niedrig, hinzu kommen die befristeten Verträge. Und kaum berufliche Perspektiven. Die Forschung wird fast vollständig von Doktoranden betrieben. Wer "es geschafft hat" arbeitet in der Industrie.

Doktoranden sind Berufsanfänger. Das muss man ja erst mal verstehen, dass diese ganzen Veröffentlichungen von Anfängern geschrieben sind. Als Profi im Job schreibt man keine Veröffentlichung darüber, ob sich Delfine mit der Schwanzflosse fortbewegen oder nicht.

Gute Arbeit mit Ergebnissen wird patentiert. Also für das was bei Elsevier landet, sind die Preise einfach zu hoch.