Lebende FossilienDer Quastenflosser verliert seinen Sex-Appeal

Lange galt der Quastenflosser als Brückentier zwischen Fisch und Landtier. Jetzt haben Forscher sein Genom entschlüsselt und stellen fest: Die uralte These stimmt nicht. von 

Model eines Quastenflossers ("Coelacanth")

Model eines Quastenflossers ("Coelacanth")  |  © Robert Michael/AFP/Getty Images

Im Dezember 1938 ging der Crew des Fischerboots Nerine vor der Ostküste Südafrikas ein seltsames Wesen ins Netz. Zweifellos ein Fisch mit länglichem Körper und stahlblauen Schuppen. Doch seine fleischigen, runden Flossen standen ihm vom Körper ab wie Beine. Als der Fischkundler James Smith aus Grahamstown das Tier sah, war er außer sich: "Ich hätte kaum erstaunter sein können, wenn mir auf der Straße ein Dinosaurier begegnet wäre." Das Tier war ein "Quastenflosser", eine Fischspezies, die als seit rund 70 Millionen Jahren ausgestorben galt.

Eine Sensation, befand Smith und widmete dem Fisch ein ganzes Buch. Wegen seiner beinartigen Flossen gab er ihm den Spitznamen "old four leg", alter Vierbeiner. Der Quastenflosser, so schrieb Smith, sei der Vorfahre des ersten Fisches, der an Land gekrabbelt sei. Der Fisch also, aus dem sich die ersten Vierbeiner entwickelten. Und so ging der Quastenflosser als "Brückentier" in die Lehrbücher ein. Nun müssen einige Biologiewälzer umgeschrieben werden.

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"Smith lag falsch", sagt der Evolutionsbiologe Axel Meyer von der Universität Konstanz. Er und rund 90 Forschergruppen verschiedener Universitäten haben erstmals das komplette Erbgut eines Quastenflossers aufgeschlüsselt. Sie verglichen es mit den Genen von Lungenfischen und 14 verschiedenen Landwirbeltieren, darunter zum Beispiel Elefanten, Hühner und Frösche. Das Resultat: Der westafrikanische Lungenfisch – ein "Doppelatmer", der sowohl Kiemen als auch Lungen hat – ist den Landwirbeltieren offenbar viel ähnlicher als der Quastenflosser, wie die Forscher im Magazin Nature berichten.

Lungenfische und Quastenflosser zählen zu den Fleischflossern. Im Gegensatz zu den hauchdünnen Strahlenflossen anderer Fische sind ihre massigen Brust- und Bauchflossen über Knochen mit der Skelettachse verbunden und werden von Muskeln getragen. Dank dieser Muskeln kann der Quastenflosser seine Flossen im "Kreuzgang" bewegen, dem charakteristischen Laufmuster der Landwirbeltiere. Unter Paläontologen, die sich vor allem für die Anatomie der Tiere interessierten, galt der Quastenflosser deshalb lange als bester Kandidat für das Bindeglied zwischen Fisch und Vierbeiner.

Nur ein Seitenast im Stammbaum der Landbewohner

Zweifel an dieser Theorie kamen vor allem von Evolutionsbiologen und Genetikern. Ihrer Ansicht nach reichen Gemeinsamkeiten im Knochenbau nicht aus, um Verwandtschaft zwischen zwei Arten zu belegen. "Dazu muss man erst beweisen, dass sie sich auch genetisch ähneln", sagt Meyer.

Deshalb machten er und seine Kollegen sich daran, das Quastenflosser-Genom im Detail zu entziffern. Sie isolierten Erbgut aus Gehirn-, Leber- und Muskelgewebe eines konservierten Quastenflossers, der schon seit Jahren in einem Museum in Südafrika ausgestellt war. Ein "frisches" Exemplar durften die Forscher nicht fangen, da die Tiere heute vom Aussterben bedroht sind. In jahrelanger Arbeit decodierten die Forscher jeden einzelnen Baustein des Erbgutes – insgesamt mehr als drei Milliarden Basen. Danach stand fest: Im Stammbaum der Wirbeltiere ist der Quastenflosser kein direkter Ahne der Landbewohner, sondern lediglich ein Seitenast.

"Das nimmt ihm zwar viel von seinem Sexappeal", sagt Meyer. "Trotzdem liefert uns sein Genom wertvolle Hinweise darauf, wie sich Fische genetisch verändern mussten, um an Land zu überleben."

Leserkommentare
  1. Er war so eine Art prahistorischer Held für mich.
    Ein behäbiger Revoluzzer, ein risikofreudiger Schrecken des wãssrigen Establishments, ein Überwinder elementarer Grenzen, eine schuppengewordene Inkarnation aus Mut und Kreuzgang.
    Und ein unvergleichlicher Überlebenskünstler in der schieren Unendlichkeit.

    Und jetzt?

    Nichts anderes als ein aus der Mode gekommener Steampunk Karpfen? Sowas wie eine Durchschnitts-Schildkröte auf Flossenbasis? Mit Genen, deren Zweck nichtmal klar ist?
    So schauts wohl aus. Wissenschaft kann so unromantisch sein.

    Dieser Fisch hat Federn gelassen.

    via ZEIT ONLINE plus App

    11 Leserempfehlungen
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    Ich muss widersprechen. Gerade diese Geschichten, Forschungen und Entdeckungen sind es, die für mich, als Biologen, den ganzen Reiz der Wissenschaft ausmachen.

    Als ich in den achtziger Jahren zum ersten Mal von Latimeria hörte und las, war das sicher auch einer der Gründe für mich Biologie zu studieren.

    Es ist wahr, dass die Naturwissenschaften oft unromantisch und dröge daher kommen. Das liegt aber nicht an ihr selbst, Wissenschaft an sich ist hochspannend, sondern an denen, die sie vermitteln. Nicht jeder hat Talent dazu. Dennoch schätze ich sie, sie ist der direkte Zugang des Menschen, seine Neugier über seine Herkunft zu befriedigen. Sie stellt sich immer wieder selbst in Frage und muss sich immer wieder neu beweisen (abgesehen von Fälschern und Täuschern, aber diese Leute sehe ich nicht als Wissenschaftler an).

    Der Quastenflosser hat für mich nichts von seinem Reiz verloren, im Gegenteil, eine neue Facette ist hinzugekommen.

  2. Genau, das drückt es schön aus. Ach, gute alte Latimeria!

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    Redaktion

    Liebe(r) Zeitenhieb,

    treffend ja, aber dann doch nicht ganz richtig. Wir haben es im Text korrigiert.

  3. Jetzt so ein Schock.

    Aber dadurch bin ich klug geworden:

    Ich überlege es mir genau, ob ich jetzt schon den westafrikanischen Lungenfisch zu meinen Vorfahren rechne. Könnten sich ja wieder einige Wissenschaftler getäuscht haben.

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  4. "Der Quastenflosser hat ein Gen, das in Säugetieren für die Bildung des Mutterkuchens zuständig ist", sagt Alföldi. "Aber Fische haben nicht einmal eine Gebärmutter."

    Das sollte Frau Alföldi nochmal nachlesen. Es gibt eine ganze Reihe von Fischen, die eine Plazenta ausbilden, diverse Hai-Arten gehören z.B. dazu.

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    Haie sind allerdings Knorpelfische. Knochenfische (wozu auch die Quastenflosser zählen) legen grundsätzlich Eier.

  5. dass Gene sich verändern ist ja nichts Neues. Neu mag sein, dass sich die Funktion einiger Genabschnitte im jeweiligen Organismus geändert hat.

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    Redaktion

    Liebe(r) Galgenstein,

    wir haben den letzten Satz nun präzisiert. Vielen Dank für Ihren Hinweis.

  6. Liebe Zeit-Online Redaktion,

    wissenschaftliche Originalartikel sind im Volltext leider nicht immer für jedermann einsehbar. In dem obigen Artikel wurde ein pdf bei der Zeitschrift Nature verlinkt, dass sich hinter einer Paywall verbirgt bzw. nur mit dem entsprechenden Zugang abrufbar ist. Besser ist daher immer der Link zum Abstract, ich vermute, das oben der folgende Artikel gemeint ist:

    http://www.nature.com/nat...

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    Sorry, es liegt wohl nicht daran, dass es keinen Zugriff auf den Volltext gäbe, der Nature-Artikel ist frei zugänglich.
    Der Link zum pdf, der hier im Text ist, funktioniert trotzdem nicht.

    Redaktion

    Liebe(r) CriticalRealism,

    Wir haben den Link nun im Text ausgetauscht. Als regelmäßiger Leser wissen Sie sicher, dass wir stets auf die Abstracts wissenschaftlicher Paper verlinken. In diesem Fall hat sich ein Fehler eingeschlichen. Danke für den Hinweis.

  7. Sorry, es liegt wohl nicht daran, dass es keinen Zugriff auf den Volltext gäbe, der Nature-Artikel ist frei zugänglich.
    Der Link zum pdf, der hier im Text ist, funktioniert trotzdem nicht.

  8. Lydia Klöckner macht hübsche, interessante und lesbare Beiträge. Danke! Leser aj

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