Mehr als sechs Millionen Deutsche hätten gerne Nachwuchs oder haben ihn sich einmal gewünscht. Noch einmal so viele hätten gerne ein zweites Kind, doch es klappt nicht. Fruchtbarkeitsstörungen sind keineswegs selten. 

Welche Ursache haben sie, sind Frauen und Männer gleichermaßen betroffen und wie können Kinderwunschzentren Paaren helfen? ZEIT ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen zu Kinderlosigkeit.

Warum bleibt der Kinderwunsch vieler Menschen unerfüllt?

Unfruchtbarkeit ist Frauensache? Falsch! Ein unerfüllter Babywunsch ist ebenso oft durch den Mann oder beide Partner bedingt, nämlich zu jeweils einem Drittel. Fruchtbarkeitsstörungen können genetisch, hormonell oder psychisch bedingt sein.

Sechs Millionen Deutsche sind ungewollt kinderlos. Wie gehen sie mit dieser Lebenskrise um? Alle Beiträge zum Thema finden Sie hier.

Doch eine zunehmende Zahl von Paaren bleibt kinderlos, weil sie ihren Kinderwunsch zu lange verschiebt. Die Chancen einer 35-Jährigen, gesunden Nachwuchs zu bekommen, stehen nur noch halb so gut wie für eine 25-Jährige. Männer bleiben zwar länger zeugungsfähig, doch ab 30 verschlechtert sich ihre Spermienqualität kontinuierlich. Bestimmte Krankheiten, Umwelteinflüsse und ein ungesunder Lebensstil können sich zudem negativ auf die Fruchtbarkeit auswirken. Als ungesund gelten zum Beispiel starkes Über- oder Untergewicht, einseitige Ernährung, übermäßiger Alkoholkonsum, extreme körperliche Belastung und Stress. Die Ursachen sind nicht immer eindeutig. Bei jedem zehnten Paar bleibt der Grund für den unerfüllten Babywunsch ungeklärt.

Welche körperlichen Ursachen kann Unfruchtbarkeit bei Frauen haben?

Ein Drittel aller Frauen mit Fruchtbarkeitsproblemen leidet an einer Hormonstörung oder einer Fehlfunktion der Eileiter. Wenn der Körper zu viele oder zu wenige Hormone produziert, reifen zum Beispiel nicht genügend Eizellen heran. Bei jeder fünften Betroffenen liegen Verwachsungen der Gebärmutter oder des Gebärmutterhalses vor. Die wenigsten dieser Ursachen sind angeboren. Meistens entstehen sie durch Krankheiten, Operationen oder eine ungesunde Lebensweise. Ab 30 Jahren nimmt das Risiko von Hormonstörungen und organischen Komplikationen stetig zu.

Welche körperlichen Ursachen kann Unfruchtbarkeit bei Männern haben?

Unfruchtbar ist nicht gleich impotent. Auch Erektionsstörungen sind selten die Ursache für einen unerfüllten Babywunsch. Bei den meisten zeugungsunfähigen Männern lassen die Spermien zu wünschen übrig. Produziert ein Mann zu wenige, missgebildete oder zu unbewegliche Spermien, können diese nur schwer oder gar nicht bis zur Eizelle vordringen. Die Samenflüssigkeit eines gesunden Mannes enthält mindestens 20 Millionen Spermien pro Milliliter. Sind weniger als ein Drittel normal geformt oder mehr als die Hälfte bewegungseingeschränkt, ist der Mann mit großer Wahrscheinlichkeit zeugungsunfähig. Schlechte Samenqualität ist meist hormonell bedingt. Manchmal geht sie auch auf eine Hodenverletzung, angeborene Fehlbildung, Krankheiten (zum Beispiel Mumps), Krampfadern, Medikamente, übermäßiges Rauchen und Trinken oder Umwelteinflüsse zurück.

Wie findet der Arzt heraus, ob man unfruchtbar ist?

Ein Arzt untersucht beide Partner. Dazu gehört auch ein Gespräch, in dem der Arzt unter anderem nach (früheren) Krankheiten, Operationen, Schwangerschaften und Abtreibungen fragt. Auch die Beziehung, das Sexualverhalten, Stress sowie Rauch- und Trinkgewohnheiten kommen zur Sprache. Ein Gynäkologe untersucht die Frau auf mögliche körperliche Ursachen. Ob ein Eisprung stattfindet, lässt sich anhand der Körpertemperatur oder eines Zyklusmonitoring feststellen. Bei Letzterem wird regelmäßig per Ultraschall untersucht und der Hormonspiegel geprüft.

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Beim Mann tastet ein Urologe die Geschlechtsorgane nach Fehlbildungen und Entzündungen ab. Körperbau und Behaarung des Mannes geben Aufschluss über eine mögliche Störung des Hormonhaushaltes. Außerdem gibt er eine Spermienprobe ab. Können die Ärzte bei keinem der beiden Partner körperliche Ursachen entdecken, folgen mitunter operative Untersuchungen, zum Beispiel eine Gebärmutterspiegelung oder dem Hoden wird eine Gewebeprobe entnommen.

Welche Rolle spielen Psyche und Stress?

Dauerstress in Privat- oder Berufsleben bringt den Hormonhaushalt durcheinander. Das kann den weiblichen Zyklus oder die Spermienqualität beeinträchtigen, auch bei jungen Menschen. Wissenschaftler schätzen, dass einer von 100 unerfüllten Kinderwünschen psychisch bedingt ist. Auch wenn Stress anfangs noch keine Rolle spielt, macht der Wunsch nach einem Baby das Leben der Betroffenen nicht leichter. Je länger es nicht klappt, desto mehr setzen Paare sich unter Druck. Aus Scham über das vermeintliche Versagen und um unbequeme Fragen zu vermeiden, ziehen Paare sich manchmal aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Nicht selten führt dies zu Beziehungskrisen. Um erst gar nicht so weit kommen zu lassen, empfiehlt es sich, frühzeitig psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt betroffenen Paaren außerdem, sich rechtzeitig Gedanken über ein Leben ohne Kind zu machen – "um den Erfolgsdruck abzuschwächen".

Was können Menschen vorsorglich tun?

Die schlechte Nachricht: Gegen die körperlichen Ursachen von Unfruchtbarkeit kann in der Regel keine Vorsorge getroffen werden. Die gute Nachricht: Wer gesund lebt, sich ausgewogen ernährt und es mit Alkohol und Zigaretten nicht übertreibt, kann das Risiko zumindest senken. Schon bei Kindern können regelmäßige Kinderarztbesuche, Schutzimpfungen und gesundheitliche Aufklärung das Risiko für spätere Unfruchtbarkeit verringern. Auch Erwachsene sollten Vorsorgeuntersuchungen nicht scheuen, denn viele Infektionen oder chronische Hormonstörungen (zum Beispiel Schilddrüsenerkrankungen) werden erst zum Problem, wenn sie verschleppt werden. Krebspatienten, denen eine Chemo- oder Strahlentherapie bevorsteht, sollten vorsorglich Samenzellen beziehungsweise Eizellen konservieren lassen. Auch sexuelle Aufklärung kann Enttäuschungen vorbeugen: Eine Studie zeigt, dass die Hälfte der Paare mit unerfülltem Kinderwunsch keinen Geschlechtsverkehr an den fruchtbaren Tagen gehabt hatte.

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Außerdem unterschätzen viele Paare, wie rasch die Fruchtbarkeit bei Frauen (und in geringerem Maß auch bei Männern) mit zunehmendem Alter abnimmt.