SamenspendeSpender Nummer 4.077

Britta Günther wollte nie darüber reden, dass sie ihre Kinder mithilfe einer Samenspende aus den USA bekommen hatte. Bis sie in ihnen Züge eines Fremden entdeckte. von 

Nummer 4.077 war der Richtige. Da war sich Britta Günther* sicher. Stundenlang hatte sie auf der Internetseite der amerikanischen Samenbank gesucht, in Hunderten Fragebögen, die Spender beantwortet hatten, bis sie es gefunden hat: das Ebenbild ihres Mannes. Zusammengefasst auf zwei Seiten, ausgefüllt in krakeliger Druckschrift.

Blaue Augen. Hellbraune Haare und mittelstarke Knochenstruktur. Blutgruppe: A Positiv.

Das war 1999. Zahlung per Kreditkarte. Britta Günther bestellte.

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Ein paar Wochen später kam das Paket. Ein Plastikcontainer in Orange, nicht größer als eine Reisetasche. Der Absender war die California Cryobank.

Sieben Glasröhrchen mit milchiger Flüssigkeit steckten darin, "Donor 4.077" hieß es auf dem Etikett. Sieben Chancen, schwanger zu werden, hatte sich Britta damals gesagt. Diesmal würde sie ihr Baby bekommen. Nach all den Jahren der gescheiterten Versuche: Temperaturmessungen,  Hormonspritzen, künstliche Befruchtungen. Nun würde es endlich klappen.

Ungewollt kinderlos

Wer Kinder will, hat kein Problem? Mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland haben keinen Nachwuchs, obwohl sie ihn sich wünschen. Doch darüber reden will fast niemand. Ungewollte Kinderlosigkeit ist ein so intimes Thema, das nur schwer öffentlich zu diskutieren ist.  

ZEIT ONLINE schildert in einer Themenwoche, wie Menschen mit Unfruchtbarkeit und ihren Folgen umgehen. Wie ist es zu erklären, dass das Problem größer wird? Welche medizinischen Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Und was müsste die Gesellschaft tun, um den Betroffenen zu helfen?

Die Themenwoche

Editorial: Schicksal ungewollt kinderlos

Infografik: Wenn das Wunschkind ausbleibt

FAQ: Was tun bei ungewollter Kinderlosigkeit?

Männer ohne Kinder: Schweißer, Autonarr, unfruchtbar

Kinderwunsch: Als wäre jemand gestorben

Künstliche Befruchtung: Zu arm zum Kinderkriegen

Ungewollt kinderlos: Für die Männer Vitamine, für die Frauen Yoga

Samenbank: Spender Nummer 4.077

Samenspende: "Ich bin froh, nicht mit diesem Mann verwandt zu sein"

Medizinethiker: "Kinder kann man nicht erzwingen"

Regenbogenfamilien: Vater, Vater, Mutter, Mutter, Kind, Kind

Ungewollt kinderlos: Ist halt so

Leserartikel

Haben Sie persönliche Erfahrungen mit dem Thema Kinderlosigkeit gemacht? Helfen Sie zum Beispiel als Arzt Paaren, ihren Kinderwunsch zu erfüllen? Dann würden wir uns freuen, wenn Sie davon in einem Leserartikel berichten, gerne auch anonym.

Bisher erschienene Leserartikel zur Themenwoche:

Ungewollt kinderlos: Aus Angst nicht mehr schwanger

Unfruchtbare Liebe: Traumfrau ohne Eierstöcke

Ungewollt kinderlos: Marathon bis zur Schwangerschaft

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Elektroingenieur. Lutheraner als Eltern und gut in Mathe. Sportlichkeit: Langlauf, Schwimmen, Volleyball, Fahrradfahren. Lieblingssport: Fußball.

Britta und ihr Mann fuhren in die Klinik. Eine Krankenschwester begleitete das Paar in ein schlichtes Behandlungszimmer mit zwei Plastikpritschen. Der Gynäkologe nahm eines der Glasröhrchen aus dem Container, zog den Samen in eine Spritze und steckte sie in einen dünnen Gummischlauch. Mit vorsichtigen, routinierten Handgriffen führte er das Endstück in Brittas Unterleib ein. Eine schmerzfreie Prozedur, nach zehn Minuten vorbei. "Wie ein Besuch beim Frauenarzt, absolut unspektakulär", sagt Britta. Sie ahnte damals nicht, dass sie noch Jahre später oft an diesen Tag zurückdenken würde.

Ungewollt kinderlos
Sechs Millionen Deutsche sind ungewollt kinderlos. Wie gehen sie mit dieser Lebenskrise um? Alle Beiträge zum Thema finden Sie hier.

Sechs Millionen Deutsche sind ungewollt kinderlos. Wie gehen sie mit dieser Lebenskrise um? Alle Beiträge zum Thema finden Sie hier.  |  © Miriola Dzik/Photocase

"Ich hoffte, dass wir das Thema irgendwann einfach vergessen", sagt Britta. Die Samenspende sollte ein Geheimnis bleiben. 

Nachdenklich betrachtet sie das Foto vor ihr auf dem Esstisch. Ein kleiner Junge im Indianerkostüm: blond, helle Augen, ein schelmisches Lächeln. Es ist das einzige Bild vom Spender, das Britta besitzt. Ohne den Blick abzuwenden, schüttelt sie den Kopf. "Wie kann ich den Mann vergessen, der als Kind exakt so aussah wie meine Eva?"

Englisch als Muttersprache, fließend in Deutsch. Hat mal da gelebt. Mag Rucksacktouren in den Bergen, ist gerne am Strand. Hobbys: Computer und Origami.

Eva ist die Jüngere ihrer beiden Töchter, das zweite Röhrchen aus dem Container. Nach Evas Geburt vor neun Jahren waren Britta zum ersten Mal Zweifel an der Geheimniskrämerei gekommen. "Es war gespenstisch, im Gesicht meines Kindes die Züge eines Fremden zu erkennen", sagt Britta. Aus ihren Bedenken wurde Angst. Im Kopf hatte sie die Familientragödie schon zu Ende geschrieben: Die Mädchen werden es herausfinden. Durch einen dummen Zufall. Sie würden fragen: Mama, wer ist denn dieser Spender? Mama, können wir ihn treffen? Mama, warum hast Du uns belogen? Britta hätte keine Antwort.

So weit ließ sie es nicht kommen. Im Sommer 2004 beschloss sie, ihren Kindern die Wahrheit zu erzählen. Ihr Mann bot an, ihr dabei zu helfen. "Aber er war oft auf Geschäftsreise – und ich wollte es selbst machen, mit meinen eigenen Worten."

Leserkommentare
  1. hatte nach den ersten Zeilen schon fast erwartet eine spontane Begegnung zu finden, bei der die Ähnlichkeit überdeutlich wäre. Vielleicht wurden da aber doch zu viele Erwartungen geweckt. Wer würde auch schon einen Artikel über dieses Thema schreiben, bei dem am Ende keine Überaschung heraus käme?

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  2. sondern auch, ganz sicher,dessen Gene.
    So ist das nun mal und ich glaube nicht, dass die Obsession, Datenschnipsel zu sammeln, irgendwas gegen diese "Fremdheit" hilft. Im Zweifel steigert man sich da erst recht in was rein.
    Der Ansatz Klartext zu reden und die Sache so zu normalisieren scheint mir ganz richtig, mehr ist zunächst kaum steuerbar.

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  3. Selbst in Deutschland ist das rechtlich schwierig mit dem Namen.
    Es stehen das Grundrecht auf Wissen über die Abstammung gegen das Recht auf Anonymität des Spenders.
    Wenn dann noch Landesgrenzen überschritten werden, wird es glaub ich wirklich ziemlich schwer.

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  4. Fuer ihne muss es ungleich schwieriger sein, die Kinder zu lieben als fuer die Mutter. Was ist, wenn das oder die Kinder richtig problematisch werden?

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    • tobmat
    • 12. April 2013 11:19 Uhr

    Ich finde es auch befremdlich, das auf den juristischen Vater überhaupt nicht eingegangen wird.

    Bei den gazen geschilderten Problemen scheint es auch nur wenig um die Kinder und den Ehemann zu gehen sondern hauptsächlich um die Mutter.

  5. sind erstmal nichts anderes, als ein One-night-stand mit einem Fremden, dessen Namen man auch nicht kennt.

    Ob man das gut finden kann, muss jede Frau und jeder Mann mit sich selbst ausmachen. Ich finde allerdings, dass die Kinder ein Recht haben, zu wissen, dass ein Elternteil oder manchmal ja auch beide Eltern nicht die biologischen Eltern sind.
    Der Name des Spenders ist das Eine, Krankheiten in der Spenderfamilie das Andere und was ist, wenn das Kind eine Knochenmark- oder Organspende braucht, die man ggf. als Lebendspender aus der Herkunftsfamilie geben kann? Aber man diese Familie niemals findet?

    Wenn man sich all das gut überlegt hat - dann wünsche ich allen Beteiligten alles Gute!

    Ich bin nach der 3. ICSI in der 27.SSW, allerdings mit "Eigenmaterial". Wie sich Kinderwunsch anfühlt, weiß ich also sehr gut.

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  6. Ein sehr guter Artikel, die Haltung des juristischen Vaters wäre natürlich interessant, aber vielleicht gerade durch diese Unwissenheit so gelungen.

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    • MrWho
    • 11. April 2013 12:48 Uhr

    "Vor ein paar Wochen zum Beispiel, als bei der mittlerweile 12 Jahre alten Julia eine Aufmerksamkeitsstörung diagnostiziert wurde. "Ich habe mich gefragt, ob sie das von mir oder vom Spender hat – aber in seinem Profil steht nichts davon", sagt sie und greift nach den beiden DIN A4-Seiten, die neben dem Kinderfoto liegen."

    Liebe Britta,

    im Zweifelsfall von keinem von Ihnen beiden. Die meisten Erkrankungen (hier sogar nur Störung, mit durchaus kritisch zu sehenden Krankheitswert) sind eben nicht, wie gerne suggeriert, genetisch determiniert. Und bei unbekanntem Vater fällt das nunmal erst recht unter den Zweifelsfall.

    Mit solch einer biologistischen Denke laden Sie sich nur unnötig Schuldgefühle auf, wegen einer angenommenen genetischen/biologischen Unzulänglichkeit, die Sie weitergegeben hätten, oder dass Sie den falschen Spender ausgewählt hätten. Lassen Sie das.

    Auch sollten Sie wissen, dass die Vorliebe für Tiere, für Essen usw. nicht vererbt wird und dieses Samenspenderprofil für Vergleiche (und eigentlich auch zur Auswahl) komplett untauglich ist. Wie Profile im Social Web kann es allenfalls dazu dienen, sich vorzustellen, wie jemand ist. Wenn Sie, wie geschrieben, eigentlich vermeiden wollen, dass jemand sich einen Menschen vorstellt, legen Sie das Dossier weg. Wenn der Spender nicht Teil Ihres Lebens sein soll, dann machen Sie ihn nicht zu einem solchen.

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  7. Mich stört ein wenig die Spurensuche nach dem "Fremden" in den Kindern. Als ob der Charakter oder Körperliches bei 'eigenen' Kindern völlig schlüssig genetisch zurückzuführen wäre. Unsere Kinder konfrontieren uns fast täglich in ihrer Entwicklung und ihrem Wachstum mit dem Unbekannten: Plattfüsse? Haben die Eltern nicht... Hochbegabt? Leider nein... Herzfehler? Niemand in den letzten Generationen... Riesiger großer Zeh? Zum Glück nein...

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    • tobmat
    • 12. April 2013 11:25 Uhr

    "Als ob der Charakter oder Körperliches bei 'eigenen' Kindern völlig schlüssig genetisch zurückzuführen wäre."

    Ob es "völlig schlüssig" ist oder nicht spielt keine Rolle. Die meisten körperlichen Merkmalsausprägungen aber auch viele charakterliche lassen sich auf die Genetik zurückführen.
    Wieviel Prozent dabei die Gene und wieviel die Umwelt ausmachen ist umstritten. Das die Gene einen wesentlichen Einfluss haben ist jedoch nicht umstritten.

    Das sich Eltern auf diese Suche begeben ist auch normal. Das machen sie auch wenn sie sich sicher sind das sie die biologischen Eltern sind.

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