Samenspende : "Ich bin froh, nicht mit diesem Mann verwandt zu sein"

Mit 17 erfuhr Paulina, dass sie aus einer Samenspende entstanden ist. Zum Glück, sagt sie heute. Denn die Gene ihres sozialen Vaters möchte sie nicht in sich tragen.

Ich war 17, als ich erfuhr, dass ich nicht von meinem Vater bin. Es war nach einem Streit zwischen meinen Eltern. Sie haben sich zu der Zeit ständig gestritten. Mein Vater hatte sich seit Wochen Tag und Nacht in seinem Zimmer verschanzt und nur getrunken. Als die Sache mit der Samenspende herauskam, saßen wir gerade beim Abendessen. Meine Mutter sagte zu ihm, dass er ein Problem habe und süchtig sei. Davon wollte er natürlich nichts hören und wurde wütend. Am Ende hat er gewettert: "Wenn die beiden wüssten!".

Da hat meine Mutter Angst bekommen. Sie wollte nicht, dass wir es von ihm erfahren. Sie wollte unser Vertrauen behalten. Also hat sie meine kleine Schwester und mich beiseite genommen und es uns selbst erzählt. "Euer Vater ist nicht euer biologischer Vater", hat sie gesagt. "Ihr stammt von einem Samenspender."

Viele Spenderkinder sagen, sie hätten es als Vertrauensbruch empfunden. Das ist bei mir eigentlich nicht so. Ich war zwar enttäuscht, dass meine Mutter es uns so spät erzählt hat. Aber ich war vor allem erleichtert. Meine Mutter hat uns gesagt: Jetzt müssten wir wenigstens nicht mehr fürchten, seine Alkoholsucht geerbt zu haben. Und egal, ob diese Sorge berechtigt ist – im Grunde hatte sie Recht: Ich bin heilfroh, nicht mit diesem Mann verwandt zu sein. Oder würden Sie gern die Gene eines Alkoholikers in sich tragen?

Ich erinnere mich kaum noch an schöne Zeiten mit ihm. Klar, früher, als ich klein war, hat er oft mit uns gespielt. Aber wir waren uns nie ähnlich und hatten auch keine gemeinsamen Interessen. Der Alkohol hat ihn zu einem schwierigen Menschen gemacht und ich konnte die Streits zwischen ihm und meiner Mutter nie gut ertragen. Nachdem die Sache mit der Samenspende ans Licht gekommen war, ist die Lage zwischen den beiden eskaliert. Er ist ausgezogen. Danach habe ich den Kontakt zu ihm abgebrochen und die Vaterschaft gerichtlich angefochten. Ich wollte keine Bindung mehr – auch keine rechtliche.

Sechs Millionen Deutsche sind ungewollt kinderlos. Wie gehen sie mit dieser Lebenskrise um? Alle Beiträge zum Thema finden Sie hier.

Er war natürlich nicht begeistert und wollte unbedingt noch einmal mit mir darüber reden. Aber als er merkte, dass ich mich nicht umstimmen ließ, gab er auf. "Dann habe ich jetzt nur noch eine Tochter", hat er zu meiner Mutter gesagt. Trotzdem schickt er mir noch heute Geburtstags-SMS und Weihnachtskarten, die er mit "Dein Papa" unterschreibt. Ich habe darauf nie geantwortet. Das Kapitel ist für mich abgeschlossen.

Verwandte haben ähnliche Macken

Wären wir verwandt, hätte ich ihn nicht so entschieden aus meinem Leben verbannt. Ich hätte versucht, ihm zu helfen und mir mehr Mühe gegeben, unser Verhältnis zu verbessern. In einem Verwandten erkennt man sich selbst wieder – das ist eine ganz andere Nähe. Wenn meine Mutter und ich uns streiten würden, könnte ich den Kontakt zu ihr nicht einfach abbrechen. Wir sind uns so ähnlich und haben die gleichen Macken. So eine Bindung lässt man nicht einfach zerreißen. Verwandtschaft bedeutet für mich, für jemanden verantwortlich zu sein. Um Verwandte kümmert man sich, auch wenn man einen Konflikt mit ihnen hatte. Verwandte sind wichtig.

Deshalb hoffe ich, den Spender eines Tages treffen zu können. Meine Mutter hatte erwähnt, dass sie die künstliche Befruchtung damals in der Charité in Berlin hatte machen lassen. Also schickte ich einen Brief dorthin, in dem ich nach seiner Identität und seinen Kontaktdaten fragte. Die Antwort war eine große Enttäuschung: Angeblich sind seine Daten nach der Zehn-Jahresfrist gelöscht worden. Jetzt weiß ich nicht, ob ich ihn überhaupt jemals finden werde.

Lydia Klöckner

Lydia Klöckner ist freie Autorin für das Ressort Wissen bei ZEIT ONLINE und das ZEIT Wissen-Magazin. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Ich stelle ihn mir als abenteuerlustigen Mann vor, einen weltgewandten Stadtmenschen, der ständig auf Reisen ist. Meine Mutter ist in einem Dorf groß geworden und wollte nie etwas anderes sehen. Mir wäre das viel zu langweilig. Ich will die Welt entdecken, deshalb bin ich nach dem Abitur in die Großstadt gezogen. Das kann ich nur von ihm haben. Außerdem hat er bestimmt meine Nase, denn die ist ganz anders geformt als die meiner Mutter.

Wenn ich ihn treffen könnte, würde ich ihn bitten, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen. Ich habe so viele Fragen. Was hat er nach der Schule gemacht? Was kann er gut? Hat er eine Familie? Wenn ja, wie sind seine Kinder und wie sehen sie aus? So etwas eben.

Wie viele Geschwister habe ich?

Vielleicht macht er sich gar keine Gedanken um die Kinder, die er gezeugt hat. Wie viele sind es wohl? Ich könnte theoretisch zehn oder zwanzig Geschwister haben. Wer weiß, wie oft er gespendet hat. Für ihn war es nur eine Masturbation. Das ist keine schöne Vorstellung.

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre bei einem Liebesakt entstanden. Meine Mutter hat seinen Samen gekauft und neun Monate später kam ich zur Welt. Da komme ich mir wie ein Produkt vor. Aber ich nehme es meiner Mutter nicht übel. Sie wollte eben eine Familie gründen. Und in Deutschland ist es sehr kompliziert, Kinder zu adoptieren. Letztlich muss ich ihr auch dankbar sein: Hätte sie sich gegen die Samenspende entschieden, wäre ich gar nicht auf der Welt.

Name von der Redaktion geändert

Verlagsangebot

Lesen Sie weiter.

Noch mehr faszinierende Wissenschaftsthemen jetzt im digitalen ZEIT WISSEN-Abo.

Hier sichern

Kommentare

94 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Jaja, die Gene

...sind anscheinend doch wichtiger als wir wahrhaben möchten.

In diesem Zusammenhang (und insbesondere bei Ihrem Kommentar) fällt mir ein interessanter Beitrag von dradio über einen Samenspender in den USA ein, der im Glauben, seinen Samen wissenschaftlichen Zwecken zur Verfügung zu stellen, mutmaßlich über 400 Kinder hinterlassen hat:
http://www.dradio.de/dkul...

Wer hat denn den Geschäftsvertrag geschlossen?

Sie schreiben "Jeder weitere Anspruch an den Spender ist im Grunde eine Frechheit, weil er nie Geschäftsgrundlage war". Ich frage mich: wer hat denn den Vertrag geschlossen? Ist es aus Sicht der Protagonistin auch eine "Frechheit" erfahren zu wollen, wer ihr Vater ist; ihn kennen und lieben zu wollen? Hat sie diese "Geschäftsgrundlage" unterschrieben? Samenspende ist ein Skandal!

Samenspende ist ein Skandal?

Geschäftsvertrag?????

Nehmen wir mal den Fall an:

Da ist ein Paar, versteht sich aktuell, hat Sex miteinander und sie bekommt das Kind.

Er vertschüsst sich. Läßt nichts mehr von sich hören.

Jahre, vielleicht Jahrzehnte später, trifft die Mutter diesen Kindesvater. Will ihrem Kind die Wurzeln nahe bringen.

Der klagt sie auf seine Privatsphäre, von mir aus wegen Stalking.

Sie beruft sich darauf, dass ihr Kind den Vater kennen lernen sollte und ein Recht darauf hätte, zu versuchen, ihn auch lieben zu lernen ...

Mal sehen, ob sie damit durch käme?

Ich glaub es nicht.

Menschen sind niemals Teil eines Geschäftsvertrages. Menschen kann man nicht kaufen.