SpracherwerbKinder lernen nicht nur durch Nachplappern

Lange Zeit galt: Kleinkinder lernen das Sprechen durch Nachahmung. Eine neue Studie aber legt nahe, dass Kinder bereits Grammatikregeln erfassen.

Babys in einer Kita in Frankfurt an der Oder (Archivbild)

Babys in einer Kita in Frankfurt an der Oder (Archivbild)

Kinder lernen Sprache wesentlich kreativer als bisher vermutet: Beim Sprechen kombinieren Zweijährige Wörter frei – und nicht, indem sie einfach nur nachplappern, was sie gehört haben. Das schreiben US-Forscher im Wissenschaftsmagazin PNAS.

Heißt es "eine Katze" oder "die Katze"? Grammatikalisch ist beides korrekt, allerdings bevorzugen Menschen mitunter eine der Kombinationen. Dieses Prinzip machte sich der Sprachforscher Charles Yang von der University of Pennsylvania in Philadelphia zunutze: Er untersuchte, wie Kleinkinder Kombinationen von Artikel plus Substantiv verwenden.

Sein Ansatz ist dabei ein mathematischer. Yang analysierte neun Daten-Sammlungen von Zweijährigen, die gerade sprechen lernten. Diese verglich Yang mit einem Textkorpus von Sprachwissenschaftlern, dem Brown Corpus, der 500 Texte umfasst. Bei dieser Profi-Textsammlung wurde jedes vierte Substantiv mal von bestimmtem, mal von unbestimmtem Artikel begleitet. Der Vergleich zeigte, dass sich die Zweijährigen häufiger frei für einen Artikel entscheiden.

"Es klingt absurd, zu unterstellen, dass professionelle Schreiberlinge eine weniger systematische Grammatik nutzen als Zweijährige", schreibt der Linguist. Aber die Sprache der Kinder passe eher zum Profil einer grammatikalischen Regel, der zufolge einzelne Wörter unabhängig voneinander kombiniert werden können. Das heißt: Yangs Analysen legen nahe, dass die Kinder bei der Auswahl ihrer Wörter eher bereits Regeln befolgen, als genau das zu imitieren, was sie hören.

Zum Vergleich erstellte der Linguist auch ein Model dazul, wie die Kleinkinder Artikel und Substantive kombinieren würden, wenn sie nur die Wort-Paare ihrer Bezugspersonen nachplapperten. Dazu verwendete er 1,1 Millionen Bemerkungen, die Erwachsene in der Öffentlichkeit zu Kindern sagten. Das Modell ergab aber nicht so viele vielfältige Wort-Kombinationen, wie die Kinder tatsächlich verwendeten. Yang folgert: "Zweifelsohne spielt das Gedächtnis eine Rolle, wenn Kinder eine Sprache lernen. Wörter und Redewendungen sind die offensichtlichsten Beispiele. Aber die Ergebnisse zeigen, dass das Gedächtnis nicht die kombinatorische Kraft der Grammatik ersetzen kann."

Damit widerspricht der Forscher der gängigen Meinung, dass Kleinkinder Sprache in erster Linie durch Nachahmen lernen, so wie Primaten sich die Zeichensprache abschauen. Um dies zu untermauern, analysierte er Videos des Schimpansen Nim Chimpsky, der in den siebziger Jahren rund 125 Zeichen der Gebärdensprache lernte. Der Affe verwendete weniger Zwei-Zeichen-Kombinationen, als statistisch möglich war: "Nims Zeichen waren eher nur nachgeahmt, als dass sie einer echten Grammatik folgten", betont Yang.

 
Leser-Kommentare
    • Rabe72
    • 01.04.2013 um 22:38 Uhr

    ..Herrn Yangs Methode habe ich nicht so recht kapiert, Allerdings bin ich dennoch der gleichen Überzeugung, und zwar aus einer Beobachtung heraus, die sicher schon viele gemacht haben: Kinder, die sprechen lernen, wenden ziemlich bald grammatische Regeln an, z.B: Aus Verben wie Machen - gemacht, haben - gehabt, leiten Kinder unbewusst die Regel zur Bildung des Partizips ab und wenden sie bei anderen Wörtern falsch aber logisch an: Fahren - gefahrt, schwimmen - geschwimmt etc. Bei Pluralbildungen ist Ähnliches zu beobachten. Wäre diese sicherlich zahlreich nachgewiesene Beobachtung wissenschaftlich nicht genügend tragfähig zum Beleg für die im Artikel beschriebene These? Wenn nein, warum nicht und weshalb ist Yangs Methode besser? Wenn doch, warum ist die These dann nicht schon längst anerkannt?

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    Vielleicht, weil das von Ihnen Beschriebene nicht auf Zweijährige, sondern auf ältere Kinder zutrifft? Dann, wenn sie schon so sprechen können, dass es nicht mehr nach Nachplappern klingt. Sodass man sich fragt, wie sie es so weit gebracht haben.

    Mir erklärt der Artikel allerdings auch zu wenig. Als würde nur eine Pressemitteilung nachegplappert ;)

    Vielleicht, weil das von Ihnen Beschriebene nicht auf Zweijährige, sondern auf ältere Kinder zutrifft? Dann, wenn sie schon so sprechen können, dass es nicht mehr nach Nachplappern klingt. Sodass man sich fragt, wie sie es so weit gebracht haben.

    Mir erklärt der Artikel allerdings auch zu wenig. Als würde nur eine Pressemitteilung nachegplappert ;)

  1. Vielleicht, weil das von Ihnen Beschriebene nicht auf Zweijährige, sondern auf ältere Kinder zutrifft? Dann, wenn sie schon so sprechen können, dass es nicht mehr nach Nachplappern klingt. Sodass man sich fragt, wie sie es so weit gebracht haben.

    Mir erklärt der Artikel allerdings auch zu wenig. Als würde nur eine Pressemitteilung nachegplappert ;)

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    Antwort auf "Ganz ehrlich..."
  2. Wenn man den Spracherwerb deutscher Kleinkinder beobachtet, kann man zwanglos erfahren, dass sie nicht bloß nachplappern, sondern z.B. sich bemühen, mit den Artikeln klar zukommen, und zwar auch dann, wenn sie nicht ständig verbessert werden. Die sensationelle Entdeckung des amerikanischen Linguisten ist: Kinder sind intelligent und wollen sich schon im frühen Kleinkindalter in der sprachlichen Kommunikation zurechtfinden. Mit dem Nachplappern geht das nicht. Das ist der Unterschied zwischen Kindern und Papageien.

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    • GT
    • 02.04.2013 um 6:17 Uhr

    die ihre Kinder (als Persönlichkeiten) respektiert, hat es gemerkt, dass die Kinder intelligent sind. Ob das mit der Sprache jetzt mit 2 anfängt bin ich nicht 100% sicher - mein Sohn hat mit 2 ganz wenige Wörter benutzt. Ich erinnere mich, dass er zwischen 2 und 2 1/2 sich sehr viel Mühe gegeben hat, verständlich für die andere sich auszudrücken.

    • GT
    • 02.04.2013 um 6:17 Uhr

    die ihre Kinder (als Persönlichkeiten) respektiert, hat es gemerkt, dass die Kinder intelligent sind. Ob das mit der Sprache jetzt mit 2 anfängt bin ich nicht 100% sicher - mein Sohn hat mit 2 ganz wenige Wörter benutzt. Ich erinnere mich, dass er zwischen 2 und 2 1/2 sich sehr viel Mühe gegeben hat, verständlich für die andere sich auszudrücken.

  3. Sind aller Wahrscheinlichkeit antrainiert und nicht durch Nachahmung gelernt.

    via ZEIT ONLINE plus App

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  4. die Standarderklärung der Linguistik, dass Sprechenlernen bloßes Nachahmen ist? Das ist schnöder Behaviorismus, ich dachte der wäre seit einem halben Jahrhundert abgeräumt. Liest niemand mehr "Aspekte der Syntaxtheorie"? Ich sehe nicht, wie diese neuen Erkenntnisse über Chomsky hinausgehen.

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    die ZEIT-Schreiber nur Chimpsky und haben von Chomsky noch nie etwas gehört (geschweige denn gelesen).

    Es gibt mehr in der Sprachwissenschaft als die (verältete) Theorien von Chomsky. Die Annahmen von Chomsky (und Pinker etc.) zum Thema Spracherwerb gelten heute (in Cognitive Linguistics) als bedenklich. Wer glaubt denn noch an eine "Universal Grammar" und ein "innate Language Acquisition Devise"?

    die ZEIT-Schreiber nur Chimpsky und haben von Chomsky noch nie etwas gehört (geschweige denn gelesen).

    Es gibt mehr in der Sprachwissenschaft als die (verältete) Theorien von Chomsky. Die Annahmen von Chomsky (und Pinker etc.) zum Thema Spracherwerb gelten heute (in Cognitive Linguistics) als bedenklich. Wer glaubt denn noch an eine "Universal Grammar" und ein "innate Language Acquisition Devise"?

  5. Da hat es doch schon vor langer Zeit einmal ein Buch gegeben - natuerlich ist der Autor nicht der Einzige oder Erste, aber das Buch hat damals, in grauer Vorzeit, viel Aufregung verursacht und ein Wissenschaftsredakteur solle so was doch eigentlich schnell im Internt finden, wenn er schon ueber Sprache schreibt...

    http://pinker.wjh.harvard...

    Natuerlich schreibt Pinker ueber Chomskys Ideen (auch).

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    • GT
    • 02.04.2013 um 6:17 Uhr

    die ihre Kinder (als Persönlichkeiten) respektiert, hat es gemerkt, dass die Kinder intelligent sind. Ob das mit der Sprache jetzt mit 2 anfängt bin ich nicht 100% sicher - mein Sohn hat mit 2 ganz wenige Wörter benutzt. Ich erinnere mich, dass er zwischen 2 und 2 1/2 sich sehr viel Mühe gegeben hat, verständlich für die andere sich auszudrücken.

    Antwort auf "Ein sehr alter Hut"
  6. die ZEIT-Schreiber nur Chimpsky und haben von Chomsky noch nie etwas gehört (geschweige denn gelesen).

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    Antwort auf "Ist es tatsächlich"

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