Das Giftkommando der Feuerwehr von Washington untersucht eine unbekannte Flüssigkeit in einem Umschlag (Archivbild) © Alex Wong/Getty Images

Ein Attentäter, ein ahnungsloses Opfer und ein Regenschirm mit vergifteter Spitze – was an einem Septembertag 1978 auf der Waterloo-Brücke in London passierte, ist Stoff für Agententhriller. Im Vorbeigehen piekst ein Geheimdienst-Agent den bulgarischen Schriftsteller und Dissidenten Georgi Markow mit der Schirmspitze in den Oberschenkel. Vier Tage später ist Markow tot. Die Wunderwaffe: Rizin.

Jetzt, gut dreißig Jahre später, entgeht US-Senator Roger Wicker in Washington einem Rizin-Anschlag. Ein Unbekannter hatte ihm einen Brief mit einer körnigen weißen Substanz ins Kapitol geschickt. Der Umschlag ohne Absender wurde in der Poststelle abgefangen. Der Stoff der Attentäter? Wieder Rizin. Nun ermittelt das FBI. Ein ähnlicher Brief an Präsident Barack Obama steht ebenfalls unter Giftverdacht.

Das Gift des Rizinusstrauchs, auch Wunderbaum genannt, ist beliebt bei Attentätern, Terroristen und Agenten. Es zählt zu den toxischsten Eiweißen, die die Natur hervorgebracht hat. Bereits 70 Mikrogramm sind tödlich. Ein Körnchen Salz wiegt in etwa genauso viel. Wer es aufnimmt, stirbt langsam und qualvoll. Innerhalb von zwölf Stunden wird dem Vergifteten unwohl. Durchfall, Erbrechen und Unterleibsschmerzen können folgen. Am Ende lähmt das Gift den ganzen Körper, die Atmung, das Herz und die Organe versagen. Rizin ist damit eine durchaus effektive biologische Waffe, die den Kalten Krieg überdauert hat.

Gewinnen lässt es sich recht leicht, aus den Pressrückständen des Rizinusöls, das selbst als Abführmittel verwendet wird und nicht giftig ist. Es stammt aus den Samen der Rhizinusstaude. In der Natur schützt sich die Pflanze damit vor Insekten und anderen Fressfeinden. Ricinus communis wird vor allem in Indien, Brasilien und China angebaut. In Europa findet man den Wunderbaum auch als Zierpflanze.

In den USA, wo jetzt der Senator dem Giftanschlag entging, gab es schon ähnliche Anschläge. 2004 fanden Mitarbeiter in der Poststelle des US-Senats sowie des Weißen Hauses Rizin. Im Jahr zuvor landete im Verkehrsministerium Post ohne Absender mit dem giftigen Inhalt. Seit 2001 wird die Post aller Kongressabgeordneter kontrolliert. Damals starben fünf Menschen an dem Milzbranderreger Anthrax – verschickt in Briefen, adressiert an die Opfer.

Wiederholt experimentierten auch Terroristen mit dem Stoff und sogar Staaten. Im Golfkrieg Anfang der neunziger Jahre stießen UN-Inspektoren im Irak auf einige Liter konzentrierte Rizinlösung, die wohl in Artilleriegeschosse gefüllt werden sollte. 1991 nahmen Polizisten in Minnesota Mitglieder einer rechtsradikalen Gruppe fest, die einen Anschlag mit dem Pflanzengift auf einen US-Marschall und einen Sheriff geplant hatten. Sie wurden unter dem Biological Weapons Anti-Terrorism Act von 1989 verurteilt. Selbst die Terrororganisation Al-Kaida hat sich mit Rizin beschäftigt. 2003 beunruhigte Ermittler in London ein Giftfund.

Ein Gegengift gibt es nicht

Gegen Rizin gibt es weder Medikamente noch eine Therapie. Nur sofortiges Erbrechen hat Vergifteten in seltenen Fällen noch das Leben gerettet. Die Substanz wird daher auch in der Liste 1 der Chemiewaffenkonvention der Vereinten Nationen geführt, sie steht als gefährlicher Stoff auch im Biowaffenabkommen.

Samenkerne des Rizinusstrauchs ("Ricinnus communis"). Sie enthalten bis zu zwei Prozent des giftigen Eiweißes Rizin.

Allerdings ist das Gift recht instabil. Wärme, UV-Strahlung sowie saure und basische Bedingungen machen es rasch unwirksam. Daher ist es als Giftgas kaum einsetzbar, schreibt das Schweizer Bundesamt für Bevölkerungsschutz in einem Factsheet. Für den militärischen Einsatz ist Rizin damit ungeeignet. Gezielte Anschläge mit Rizin macht das nicht minder gefährlich. "Als Terrormittel für punktuelle Einsätze via Lebensmittel wird Rizin wegen der leichten Verfügbarkeit (...) ein nicht unwesentliches Risiko zugeschrieben", heißt es im Informationsblatt der Schweizer.

Deshalb testen Forscher bereits einige Gegengifte und Antikörper gegen das Eiweiß, das Zellen blitzschnell absterben lässt. Bereits 2004 berichteten US-Forscher vom Walter-Reed-Militärforschungsinstitut von ersten Erfolgen einer Impfung, getestet an Mäusen. Tiere, die Rizin eingeatmet hatten und danach einen Impfstoff bekamen, überlebten die Vergiftung. Basis für die flüssige Vakzine war ein zuvor isoliertes harmloses Rizinmolekül. Doch all das ist noch in der Entwicklung. Bis dahin bleibt jedes Tröpfchen des Giftes aus dem Wunderbaum im Blut ein Todesurteil.