Rettungskräfte heben einen verletzten syrischen Soldaten auf eine Trage. © George Ourfalian / Reuters

ZEIT ONLINE: Die USA haben nach eigenen Angaben Hinweise dafür, dass Syriens Diktator Baschar al-Assad chemische Waffen gegen die Aufständischen eingesetzt hat. Die Rede ist vom Nervengift Sarin. Es soll physiologische Beweise geben, vermutlich Blutproben von Opfern eines Angriffs Ende März nahe Aleppo. Wie valide sind solche Belege?

Ralf Trapp: Blutproben können zumindest Hinweise auf den Einsatz von C-Waffen geben. Kampfstoffe wie Sarin interagieren im Körper mit dem Enzym Acetylcholinesterase. Misst man eine verringerte Aktivität dieses Enzyms, kann das auf Nervengifte hindeuten. Allerdings senken auch einfache Pestizide die Aktivität. Wichtiger sind Nachweise von Abbauprodukten etwa von Sarin. Die lassen sich auch noch Tage später im Blut nachweisen. Wird man hier fündig, ist es eigentlich ausgeschlossen, dass die Moleküle von natürlichen Vergiftungen stammen können. Mitunter lässt sich genau ermitteln, welcher Kampfstoff verwendet worden ist.

ZEIT ONLINE: Reichen Blutproben allein aus, um einen Chemiewaffeneinsatz zu belegen?

Trapp: Nein. Man muss genau wissen, woher die Blutproben kommen, von wem sie stammen, wer sie genommen hat und ob sie nicht verändert worden sind. Letztlich kann dies nur eine  Expertengruppe am Ort eindeutig herausfinden. Blutproben sind nur ein Glied in einer langen Beweiskette.  

ZEIT ONLINE: Für wie wahrscheinlich halten Sie denn einen C-Waffeneinsatz in Syrien?

Trapp: Die bisherigen Belege reichen nicht aus, um einen zu beweisen. Die viel größere Frage ist auch, warum ein Sarinangriff nicht aufgefallen ist, wenn es ihn gegeben hat. Grundsätzlich hinterlässt er viele Vergiftete und Tote. Die kann man nicht so einfach verstecken. Militärisch ergibt es kaum einen Sinn, warum die syrische Armee solche Kampfstoffe verwenden sollte. Chemiewaffen mischen sich nicht mit einem Bürgerkrieg. In Syrien wird in bewohnten Gebieten gekämpft. Wer hier Sarin einsetzt, trifft mit Sicherheit auch die Zivilbevölkerung. Zudem ist man von Wind und Wetter abhängig, weil sich die Giftwolke bewegt. In Ortschaften kann die Armee nicht ausschließen, auch eigene eroberte Stellungen zu treffen. Chemiewaffen sind Flächenwaffen.

ZEIT ONLINE: Was sagen Sie zu Berichten, Fotos und Videos von Menschen, die angeblich in Syrien Opfer eines Giftanschlags geworden sind? Es gibt Aussagen über Opfer mit verengten Pupillen und Schaum vor dem Mund – Hinweise für eine Vergiftung mit einem Nervengas.

Trapp: Das ist kein Beweismaterial. Was in diesen Fällen gegen einen Angriff mit Sarin spricht ist, dass sich Menschen ungeschützt um die Opfer kümmern. Man muss davon ausgehen, dass sie sich selbst vergiften und die entsprechenden Symptome zeigen. Das scheint nicht der Fall zu sein. Wo Saringas freigesetzt wird, fallen nicht nur ein paar Leute um, sondern auch die, die um sie herum standen. Die Fotos, Videos und Berichte, die ich gesehen habe, zeigen das nicht.