Giovanni Maio © privat

ZEIT ONLINE: Herr Maio, wieso wünschen sich Menschen Kinder?

Giovanni Maio: Der Kinderwunsch ist eine Grundempfindung, für die man nicht einfach rationale Gründe angeben kann. Man kann nicht so tun als wäre die Entscheidung für oder gegen Kinder vergleichbar mit einer Entscheidung für oder gegen Aktien. Es wäre sogar gefährlich, das Kinderkriegen begründen zu sollen, weil man damit suggerieren würde, es müsse sich irgendwie rechnen, Kinder zu bekommen. Wir sollten den Wunsch nach Kindern als Empfindung stehenlassen und nicht danach trachten, rationale Interessensgründe dafür zu konstruieren.

ZEIT ONLINE: Doch: Der Biologe würde von Evolution und Arterhaltung sprechen. Der Mediziner würde den Kinderwunsch auf die Wirkung von Hormonen zurückführen.

Maio: Und doch sind beide Erklärungsversuche reduktionistisch. Der Mensch ist weder alleiniges Resultat seiner Evolution, noch ist er Marionette seiner Hormone. Das, was der Mensch ist, lässt sich mit Naturwissenschaft allein nicht erklären. Schon während meines Medizinstudiums habe ich es als großes Defizit empfunden, dass Wissenschaftler den Menschen als Summe seiner biologischen Bestandteile betrachten und nicht als eine Ganzheit, die über das wissenschaftlich Beschreibbare hinausgeht.

ZEIT ONLINE: Die Medizin kann heute vielen Paaren ihren Kinderwunsch erfüllen. Hat sich dadurch unsere Art, über Kinder zu denken, verändert?

Maio: Ja, und leider nicht unbedingt ins Positive. Wir sehen Kinder nicht mehr als eine Gabe, über die man staunt und sich freut, sondern als Resultat eines Herstellungsprozesses. Gerade durch die technischen Verfahren der Reproduktionsmedizin wird suggeriert, wir könnten Kinder schlichtweg machen und sie nach unseren Vorlieben planen, bestellen und auch wieder abbestellen.

Der technische Zugang führt auf diese Weise ein asymmetrisches Herrschaftsdenken über das ungeborene Leben ein. Damit geht die Grundhaltung des Annehmen-Könnens und des Sich-Überraschen-Lassens verloren.

Stattdessen erklären wir die Kinder zu einem Projekt der Eltern, wir planen sie minutiös ein wie ein bestellbares Produkt, damit sie eine ganz bestimmte Funktion erfüllen: Sie sollen uns glücklich machen. Sicher ist das ein verständlicher Wunsch, aber wir dürfen nicht vergessen, dass Kinder erst einmal für sich da sind und nicht für uns. Kindern muss man Raum geben, damit sie zu sich finden, weil sie in sich wertvoll sind und keinem Zweck dienen müssen. Sie sind kein Instrument, sondern sie sind aus sich selbst gut und sinnvoll.

ZEIT ONLINE: Kinderlose Paare sollten sich also einfach mit ihrem Schicksal abfinden?

Sechs Millionen Deutsche sind ungewollt kinderlos. Wie gehen sie mit dieser Lebenskrise um? Alle Beiträge zum Thema finden Sie hier.

Maio: Überhaupt nicht. Mir geht es nicht um eine kategorische Ablehnung von Technik. Das wäre töricht und widersinnig. Ich kritisiere lediglich die mit der Technik oft mitschwingende Vision der absoluten Machbarkeit. Implizit vermitteln weite Teile der Reproduktionsmedizin die Botschaft: "Ihr wollt ein Kind? Kein Problem, wir machen es möglich!" Aber Kinder kann man nicht erzwingen.

Dieses Zelebrieren der Machbarkeit ist für die Paare gefährlich, weil sie sich auf diese Weise komplett versteifen auf die rein technische Lösung und dadurch in eine Abhängigkeit hineingeraten, aus der sie sich nur schwer befreien können. Das führt dazu, dass man manchmal eben Kinder um jeden Preis bekommen möchte und übersieht, dass die Reproduktionstechniken auch Probleme mit sich bringen.

Ära der Optimierung

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Maio: Es geht mir nicht um kategorische Verurteilungen, sondern um eine Sensibilisierung dafür, dass die Techniken nicht bagatellisiert werden dürfen. Zum Beispiel die Samenspende. Wir müssen bedenken, dass das Kind nur dann gut gedeihen kann, wenn die Paare vorbereitet werden auf die Herausforderungen, die die Samenspende für das Kind bedeutet. Es ist eine Herausforderung, damit zu leben, dass der eigene genetische Vater gespendet hat, ohne eine Beziehung haben zu wollen. Und es wird immer eine Herausforderung bleiben, wenn man sich vorstellt, dass die genetischen Eltern sich nie begegnet sind, sich gar nicht kannten. Diese Herausforderungen mögen durch entsprechende Unterstützung zu bewältigen sein, aber man darf nicht so tun, als wäre eine Samenspende eine Bagatelle für das Kind.

ZEIT ONLINE: Ist das wirklich ein Problem? Häufig bauen Spenderkinder eine innige und liebevolle Beziehung zu ihrem Ziehvater auf.

Maio: Natürlich. Sie sind Wunschkinder, aber man muss sie psychologisch gut begleiten, weil die genetische Herkunft zur eigenen Identität so sehr dazugehört, dass mit den Kindern frühzeitig über ihre Entstehungsweise gesprochen werden muss. Und was für die Samenspende gilt, gilt umso mehr für die Eizellspende und erst recht für die Leihmutterschaft. Denn durch diese Techniken kommen Kinder auf die Welt, die dann plötzlich mehrere Mütter haben, von denen sie abstammen.

Ich finde, dass mit den Paaren schon vor der Anwendung von Technik über all diese Implikationen gesprochen werden muss. Schon zu diesem Zeitpunkt darf die Technik nicht als die einzige Lösung angeboten werden, sondern es müssen von vornherein ernsthafte Alternativen vermittelt werden.

ZEIT ONLINE: Sie meinen die Adoption?

Maio: Ja, sicher auch die Adoption. In jedem Fall muss von Anfang an deutlich werden, dass das Ziel der Reproduktionsmedizin nicht allein die technische Anwendung ist, sondern dass sie die Aufgabe hat, dem Paar zu helfen, das Leiden an der Kinderlosigkeit zu lindern. Den Paaren muss vermittelt werden, dass wenn die Technik nicht klappt oder mit zu vielen Herausforderungen verbunden ist, immer noch die Möglichkeit besteht, das Leiden an der Kinderlosigkeit mit entsprechender Unterstützung zu bewältigen.

Die Medizin darf nicht nur Machbarkeit preisen, sondern sie muss auch helfen, den Paaren zu ermöglichen, Frieden mit der Kinderlosigkeit zu finden. Wenn alles andere nicht glückt, können sie es am Ende als Teil ihrer Biographie annehmen.

ZEIT ONLINE: Diese Argumentation ist gefährlich. Wenn wir sie zu Ende denken, müssten wir konsequenterweise auch Krankheiten hinnehmen.

Maio: Nein, dieser Vergleich ist nicht stichhaltig. Denn ich sage ja nicht, dass man sich nicht zur Wehr setzen darf. Mir geht es nur darum, dass Hilfe nicht einfach mit technischer Anwendung gleichgesetzt wird. Man kann Menschen mit psychologischer Beratung auch dabei unterstützen, Frieden mit der Kinderlosigkeit zu schließen, bevor sie sich allein auf die Technik versteifen. Zumal die Erfolgsquoten der technischen Lösung immer noch sehr gering sind.

Die Reproduktionsmedizin ist ein gutes Beispiel, wie die Technik zunächst als Befreiung des Menschen gedacht war und sie jetzt immer mehr so eine Macht gewinnt, dass am Ende nicht mehr der Mensch die Technik beherrscht, sondern die Technik den Menschen.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Maio: Die Reproduktionsmedizin eröffnet theoretisch jedem Paar die Chance, Kinder zu bekommen. Das heißt aber gleichzeitig auch: Wer kein Kind bekommt, hat etwas falsch gemacht. Paare müssen sich plötzlich rechtfertigen, wenn sie ungewollt kinderlos bleiben. Ihre Bekannten fragen dann: "Warum habt ihr es nicht mal medizinisch versucht? Mit der künstlichen Befruchtung?"

Den Paaren wird auf diese Weise immer mehr vermittelt, dass sie eigentlich ja selbst Schuld sind, wenn sie keine Kinder haben, weil es ja die Technik gibt. Hinzu kommt, dass wir in einer Ära der Optimierung leben. Heute darf es nicht sein, dass etwas einfach so gelassen wird wie es ist. Heute muss immer alles optimiert werden. Erst wir selbst, dann die Partnerschaft und am Ende das Kind.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, der Kinderwunsch sei zu komplex, um ihn verstehen zu können. Ist es dann nicht auch schwierig, ihn mit psychologischer Beratung zu therapieren?

Maio: Diese Therapie muss die Paare vor einer Haltung der Obsession bewahren und sie dafür aufschließen, dass sie viele Ressourcen haben, um die Kinderlosigkeit zu bewältigen. Je mehr es gelingt, den Paaren eine größere innere Ruhe und Stärke mitzugeben, desto mehr haben sie eine Chance, alternative Lebenskonzepte zu verfolgen. Und nicht selten kündigt sich bei entsprechender neuer Gelassenheit der Eltern dann doch noch ein eigenes Kind an – ganz ohne Technik.