WeltraumschrottForscher tüfteln an einer Müllabfuhr für den Orbit

Um die Erde kreist die größte Müllkippe der Menschheit. Defekte Satelliten und Schrott gefährden die Raumfahrt. Netze, Roboter und Ballons könnten bald Müll sammeln. von Meike Lorenzen und Thomas Trösch

Die Illustration zeigt die Verteilung von Weltraumschrott in den Erdumlaufbahnen.

Die Illustration zeigt die Verteilung von Weltraumschrott in den Erdumlaufbahnen.  |  © ESA

Nicht jede Müllabfuhr ist orange und stinkt nach Diesel. Um dem Schrott Herr zu werden, der in der Erdumlaufbahn millionenteure Satelliten gefährdet, braucht es andere Ideen. Schon kleinste Splitter können gigantische Schäden auslösen. Firmen in aller Welt tüfteln daher daran, die rasende Gefahr zu bekämpfen, sie wollen den Weltraumschrott mit Netzen einfangen, per Ballon entsorgen oder mit Wartungsrobotern auf ungefährliche Umlaufbahnen lenken.

Diese Ideen sind nur einige der Ansätze, die Experten aller Raumfahrtnationen ab heute auf einer viertägigen Konferenz in Darmstadt diskutieren. "Wir können uns nicht mehr zurücklehnen. Wir müssen nun aktiv eingreifen und aufräumen", sagt Heiner Klinkrad von der European Space Agency (Esa) in Darmstadt. Um das Problem der sogenannten Space Debris in den Griff zu bekommen, sei internationaler Austausch gefragt.

Anzeige

Ein halbes Jahrhundert Raumfahrt hat den erdnahen Weltraum zur größten Müllhalde der Menschheit gemacht. Seit dem Start vom Sputnik, dem ersten künstlichen Himmelskörper, am 4. Oktober 1957 haben die Raumfahrtnationen tausende Satelliten und Sonden sowie Unmengen von Abfall im All hinterlassen.

Jedes Mal, wenn eine Rakete in den Weltraum geschossen wird, gelangen abgebrannte Raketenstufen, Bolzen und andere Kleinteile in die Umlaufbahn. Auch wenn ein Satellit ausgedient hat, fliegt er weiter durch den Orbit. Die erdnahe Umgebung ist inzwischen voller Hightech-Schrott. Das Problem, über das die Wissenschaftler diskutieren, wird in der Forschung als Kessler-Effekt bezeichnet – und dieser steht für eine gefährliche Kettenreaktion. Der Weltraumschrott rast mit unfassbaren Geschwindigkeiten durch das All. Stoßen zwei Teile zusammen, ist der Aufprall so gigantisch, dass die beiden Elemente wieder zersplittern und somit neue Gefahrenquellen schaffen.

Erstmals entdeckte der amerikanische Nasa-Wissenschaftler Donald J. Kessler 1978 diese Dynamik im Asteroidengürtel mit kleinen Himmelskörpern, die immer wieder aufeinanderprallten. Er übertrug das Phänomen auf Weltraumschrott. In einem Aufsatz formulierte er seine Bedenken, dass der Effekt bereits in 30 Jahren eintreten könne. Und tatsächlich schauen die Forscher heute immer besorgter gen Himmel.

"Aktuell befinden sich etwa 30.000 Objekte in den Erdumlaufbahnen, die zehn Zentimeter oder größer sind – und davon sind nur 22.000 vom Boden aus zu sehen und 16.000 katalogisiert", sagt Heiner Klinkrad. Die Zahl der Objekte größer als ein Zentimeter geht in die Hunderttausende.

Ein-Zentimeter-Objekte haben die Energie einer Handgranate

"Wir haben große Teile unserer Infrastruktur ins All ausgelagert", sagt der ESA-Forscher. Kommunikationssatelliten versorgen uns mit Rundfunk, Fernsehen und Internet. Navigationssatelliten verbessern den Verkehr und die Logistik, Meteorologen greifen für ihre Wettervorhersagen auf Satellitenbilder zurück. Und gerade diese Satelliten befinden sich in der sogenannten geosynchronen Umlaufbahn.

Die umläuft die Erde genauso schnell, wie sich der Planet dreht. Ein geosynchroner Satellit befindet sich bei jedem Umlauf der Erde immer über dem gleichen Punkt auf der Oberfläche. Weil auf diese Weise eine konstante Erreichbarkeit garantiert wird, ist es auf dieser Bahn besonders voll, was das Risiko erhöht, von einem Trümmerteil getroffen zu werden. Und wird ein Satellit zerstört, betrifft dies sofort einen großen Teil der Menschheit. Von den entstehenden Kosten, die bis in die Billiarden Euro gehen können, ganz zu schweigen.

Ein Teil der Schrottteile entstand bei militärischen Tests sogenannter Antisatellitenwaffen. Diese sind darauf ausgerichtet gegnerische Satelliten oder andere Raumflugkörper durch Rammen, Beschuss oder Explosionen zu zerstören. In der Folge entstanden Zehntausende Einzelteile, die nur langsam verschwinden. Den letzten Test dieser Art führten die Chinesen am 11. Januar 2007 etwa 850 Kilometer über der Erdoberfläche durch. Allein an diesem Tag entstanden 2.944 erfasste Trümmerteile, die die Erde noch Jahrzehnte umkreisen werden.

Leserkommentare
  1. Es ist irgendwie sehr erschreckend, dass man von diesem Müllberg im All nicht viel mitbekommt.

    Daher ein großes Danke an die Zeit, dass sie sich die Mühe macht, den Leser über diese Gefahren informiert.

    2 Leserempfehlungen
  2. müsste man mal dringend aufräumen. Vielleicht wäre das sogar wichtiger - immerhin handelt es sich um unsere Lebensgrundlagen.

    Aber dort fehlen die kommerziellen Interessen.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...wohin der ganze Schrott, den Weltraummissionen fabrizieren, verschwindet?

    Auch immer ganz interessant die Antworten auf die Frage: ,,Was denken Sie, wie viele Satelliten derzeit die Erde umkreisen?" Na? Lösung: Mittlerweile sind es über 1000, Tendenz steigend. Hat natürlich zur Folge, dass a) immer mehr Schrott unseren Planeten umkreist und b) die erhöhte Satellitendichte Schäden wahrscheinlicher macht.

    Aber warten Sie mal ab, ich prognostiziere, dass in ein paar Jahren, wenn sich der Atommüll weiter anhäuft und niemand ihn haben will, die Möglichkeiten einer Weltalldeponie ernsthaft diskutiert werden. Dann wirds lustig.

    • PGMN
    • 22. April 2013 13:27 Uhr

    ... ich würde behaupten, dass es nicht unbedingt an Unterschieden im kommerziellen Interesse liegt. Auch für saubere Meere gibt es finanzielle Anreize. Ich denke, dass der ausschlaggebende Unterschied der entsprechende Aufwand ist. Man muss der Sache ins Auge sehen: Die Ozeane zu säubern wäre selbst gegenüber der Säuberung des Orbits ein gigantischer Aufwand (was nicht heißen soll, dass man es nicht tun sollte). Andererseits würde ich allerdings auch nicht sagen, dass das eine wichtiger ist als das Andere, denn zwar sind die Ozeane eine Lebensgrundlage, aber die Raumfahrt wird in Zukunft nur wichtiger werden. Ein "verkesslerter" Orbit würde den Raumflug, zusammen mit einigen Dienstleistungen, die für die moderne Menschheit gleichermaßen unersetzlich sind, für Jahrtausende unmöglich machen.

    Ich denke, man sollte nicht beide Probleme gegeneinander ausspielen, sondern versuchen, für beide gleichermaßen Lösungen zu finden.

    • Lyaran
    • 22. April 2013 12:48 Uhr

    Ein sinnvolles Vorgehen, ich befürchte aber das die Zusammenarbeit spätestens dann schwierig wird wenn es darum geht die Kosten zu übernehmen. Schließlich würden alle davon profitieren, auch wenn sie sich nicht an den Kosten beteiligen. Wie das läuft sieht man dann z.B. in der internationalen Umweltpolitik. Alle machen große Sprüche aber keiner will sich wirklich an den Kosten beteiligen. Bevor jetzt wieder die Skeptiker ankommen: Es geht nicht darum ob die Umweltpolitik sinnvoll ist, sondern darum Ziele auf die man sich geeinigt hat umzusetzen.

    Eine Leserempfehlung
  3. dass man dort nichts mehr stationieren kann, weil es eh zügig vom Müll zerschossen würde.
    Das ist also ein selbstregulierendes System im Rahmen menschlicher Dummheit.

    2 Leserempfehlungen
  4. ...wohin der ganze Schrott, den Weltraummissionen fabrizieren, verschwindet?

    Auch immer ganz interessant die Antworten auf die Frage: ,,Was denken Sie, wie viele Satelliten derzeit die Erde umkreisen?" Na? Lösung: Mittlerweile sind es über 1000, Tendenz steigend. Hat natürlich zur Folge, dass a) immer mehr Schrott unseren Planeten umkreist und b) die erhöhte Satellitendichte Schäden wahrscheinlicher macht.

    Aber warten Sie mal ab, ich prognostiziere, dass in ein paar Jahren, wenn sich der Atommüll weiter anhäuft und niemand ihn haben will, die Möglichkeiten einer Weltalldeponie ernsthaft diskutiert werden. Dann wirds lustig.

    • PGMN
    • 22. April 2013 13:27 Uhr

    ... ich würde behaupten, dass es nicht unbedingt an Unterschieden im kommerziellen Interesse liegt. Auch für saubere Meere gibt es finanzielle Anreize. Ich denke, dass der ausschlaggebende Unterschied der entsprechende Aufwand ist. Man muss der Sache ins Auge sehen: Die Ozeane zu säubern wäre selbst gegenüber der Säuberung des Orbits ein gigantischer Aufwand (was nicht heißen soll, dass man es nicht tun sollte). Andererseits würde ich allerdings auch nicht sagen, dass das eine wichtiger ist als das Andere, denn zwar sind die Ozeane eine Lebensgrundlage, aber die Raumfahrt wird in Zukunft nur wichtiger werden. Ein "verkesslerter" Orbit würde den Raumflug, zusammen mit einigen Dienstleistungen, die für die moderne Menschheit gleichermaßen unersetzlich sind, für Jahrtausende unmöglich machen.

    Ich denke, man sollte nicht beide Probleme gegeneinander ausspielen, sondern versuchen, für beide gleichermaßen Lösungen zu finden.

    4 Leserempfehlungen
  5. >>Stoßen zwei Teile zusammen, ist der Aufprall so gigantisch, dass die beiden Elemente wieder zersplittern und somit neue Gefahrenquellen schaffen.<<

    Das erinnert fatal an den Plastikmüll in den Ozeanen, der erst durch das ständige Schreddern der Teile zu immer kleineren Bröckchen zur wachsenden Gefahr wird.

    Und die "Friedhofsbahn" oder das bloße Aufspüren mittels Laser erinnert ebenso fatal an die hilflose Ideologie vom atomaren "Endlager".

    Wir Menschen unterscheiden uns doch nach gängiger Auffassung vom Tier durch unsere Fähigkeit, die Folgen unseres Handels mittels Vorstellungskraft abschätzen zu können (Abstraktions- und Projektionsfähigkeit), aber anscheinend überschätzen wir uns da gehörig.

    Ich kann mir angesichts solcher Meldungen jedenfalls gut erklären, warum wir noch keinen Kontakt zu Außerirdischen herstellen konnten:

    Die wollen uns einfach nicht!

    Die halten uns lieber in Quarantäne, weil sie eine Rasse, die ihren eigenen Planeten gnadenlos ausbeutet, um letztlich nur einen Haufen Müll zu erzeugen bzw. den auch noch ins All zu blasen, für viel zu gefährlich halten, um sie auf die Sterne loszulassen.

    Ist vielleicht auch besser so.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • PGMN
    • 22. April 2013 13:31 Uhr

    ... die Außerirdischen wollen ihre Zeit einfach nicht mit besserwisserischen Hypokriten verschwenden.

    • PGMN
    • 22. April 2013 13:31 Uhr

    ... die Außerirdischen wollen ihre Zeit einfach nicht mit besserwisserischen Hypokriten verschwenden.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Quarantäne"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    >> Ich glaube die Außerirdischen wollen ihre Zeit einfach nicht mit besserwisserischen Hypokriten verschwenden.<<

    Deshalb lesen die Außerirdischen die Leserkommentare bei ZON mit Sicherheit nicht. Was auch besser ist, denn weder Ihr Zweckoptimismus, noch mein Zweckpessimismus machen die Menschheit attraktiver.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Weltraum | European Space Agency | ISS | Darmstadt
Service