Weltraumschrott : Forscher tüfteln an einer Müllabfuhr für den Orbit

Um die Erde kreist die größte Müllkippe der Menschheit. Defekte Satelliten und Schrott gefährden die Raumfahrt. Netze, Roboter und Ballons könnten bald Müll sammeln.
Die Illustration zeigt die Verteilung von Weltraumschrott in den Erdumlaufbahnen. © ESA

Nicht jede Müllabfuhr ist orange und stinkt nach Diesel. Um dem Schrott Herr zu werden, der in der Erdumlaufbahn millionenteure Satelliten gefährdet, braucht es andere Ideen. Schon kleinste Splitter können gigantische Schäden auslösen. Firmen in aller Welt tüfteln daher daran, die rasende Gefahr zu bekämpfen, sie wollen den Weltraumschrott mit Netzen einfangen, per Ballon entsorgen oder mit Wartungsrobotern auf ungefährliche Umlaufbahnen lenken.

Diese Ideen sind nur einige der Ansätze, die Experten aller Raumfahrtnationen ab heute auf einer viertägigen Konferenz in Darmstadt diskutieren. "Wir können uns nicht mehr zurücklehnen. Wir müssen nun aktiv eingreifen und aufräumen", sagt Heiner Klinkrad von der European Space Agency (Esa) in Darmstadt. Um das Problem der sogenannten Space Debris in den Griff zu bekommen, sei internationaler Austausch gefragt.

Ein halbes Jahrhundert Raumfahrt hat den erdnahen Weltraum zur größten Müllhalde der Menschheit gemacht. Seit dem Start vom Sputnik, dem ersten künstlichen Himmelskörper, am 4. Oktober 1957 haben die Raumfahrtnationen tausende Satelliten und Sonden sowie Unmengen von Abfall im All hinterlassen.

Jedes Mal, wenn eine Rakete in den Weltraum geschossen wird, gelangen abgebrannte Raketenstufen, Bolzen und andere Kleinteile in die Umlaufbahn. Auch wenn ein Satellit ausgedient hat, fliegt er weiter durch den Orbit. Die erdnahe Umgebung ist inzwischen voller Hightech-Schrott. Das Problem, über das die Wissenschaftler diskutieren, wird in der Forschung als Kessler-Effekt bezeichnet – und dieser steht für eine gefährliche Kettenreaktion. Der Weltraumschrott rast mit unfassbaren Geschwindigkeiten durch das All. Stoßen zwei Teile zusammen, ist der Aufprall so gigantisch, dass die beiden Elemente wieder zersplittern und somit neue Gefahrenquellen schaffen.

Erstmals entdeckte der amerikanische Nasa-Wissenschaftler Donald J. Kessler 1978 diese Dynamik im Asteroidengürtel mit kleinen Himmelskörpern, die immer wieder aufeinanderprallten. Er übertrug das Phänomen auf Weltraumschrott. In einem Aufsatz formulierte er seine Bedenken, dass der Effekt bereits in 30 Jahren eintreten könne. Und tatsächlich schauen die Forscher heute immer besorgter gen Himmel.

"Aktuell befinden sich etwa 30.000 Objekte in den Erdumlaufbahnen, die zehn Zentimeter oder größer sind – und davon sind nur 22.000 vom Boden aus zu sehen und 16.000 katalogisiert", sagt Heiner Klinkrad. Die Zahl der Objekte größer als ein Zentimeter geht in die Hunderttausende.

Ein-Zentimeter-Objekte haben die Energie einer Handgranate

"Wir haben große Teile unserer Infrastruktur ins All ausgelagert", sagt der ESA-Forscher. Kommunikationssatelliten versorgen uns mit Rundfunk, Fernsehen und Internet. Navigationssatelliten verbessern den Verkehr und die Logistik, Meteorologen greifen für ihre Wettervorhersagen auf Satellitenbilder zurück. Und gerade diese Satelliten befinden sich in der sogenannten geosynchronen Umlaufbahn.

Die umläuft die Erde genauso schnell, wie sich der Planet dreht. Ein geosynchroner Satellit befindet sich bei jedem Umlauf der Erde immer über dem gleichen Punkt auf der Oberfläche. Weil auf diese Weise eine konstante Erreichbarkeit garantiert wird, ist es auf dieser Bahn besonders voll, was das Risiko erhöht, von einem Trümmerteil getroffen zu werden. Und wird ein Satellit zerstört, betrifft dies sofort einen großen Teil der Menschheit. Von den entstehenden Kosten, die bis in die Billiarden Euro gehen können, ganz zu schweigen.

Ein Teil der Schrottteile entstand bei militärischen Tests sogenannter Antisatellitenwaffen. Diese sind darauf ausgerichtet gegnerische Satelliten oder andere Raumflugkörper durch Rammen, Beschuss oder Explosionen zu zerstören. In der Folge entstanden Zehntausende Einzelteile, die nur langsam verschwinden. Den letzten Test dieser Art führten die Chinesen am 11. Januar 2007 etwa 850 Kilometer über der Erdoberfläche durch. Allein an diesem Tag entstanden 2.944 erfasste Trümmerteile, die die Erde noch Jahrzehnte umkreisen werden.

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Was dachten Sie denn...

...wohin der ganze Schrott, den Weltraummissionen fabrizieren, verschwindet?

Auch immer ganz interessant die Antworten auf die Frage: ,,Was denken Sie, wie viele Satelliten derzeit die Erde umkreisen?" Na? Lösung: Mittlerweile sind es über 1000, Tendenz steigend. Hat natürlich zur Folge, dass a) immer mehr Schrott unseren Planeten umkreist und b) die erhöhte Satellitendichte Schäden wahrscheinlicher macht.

Aber warten Sie mal ab, ich prognostiziere, dass in ein paar Jahren, wenn sich der Atommüll weiter anhäuft und niemand ihn haben will, die Möglichkeiten einer Weltalldeponie ernsthaft diskutiert werden. Dann wirds lustig.