Open AccessForscher attackieren Verlage im Streit um freies Wissen

Billiger, besser, fairer: Für freien Zugriff auf Forschungsergebnisse sollen die Urheber zahlen. Mit eigenen Journalen wehren sich Forscher gegen Verlage. von Astrid Herbold

Die Mathematiker haben die Sache jetzt selbst in die Hand genommen. Auf der Homepage der Elite-Universität Cambridge verkündeten kürzlich 39 renommierte Wissenschaftler, dass sie zwei neue Zeitschriften gegründet haben: das Forum of Mathematics, Pi, und das Forum of Mathematics, Sigma. Pi und Sigma veröffentlichen einerseits nur Artikel, die hochkarätige Forscher vorher begutachtet haben. Andererseits, und das ist das Besondere, sind diese Open-Access-Journale kostenlos. Wissenschaftler, Studenten, Bibliotheken – alle dürfen auf die Artikel zugreifen.

In den ersten drei Jahren müssen sich nicht einmal die Autoren an den Unkosten beteiligen, das übernimmt die Cambridge University Press. Später werden Wissenschaftler, die ihre Aufsätze in Pi und Sigma veröffentlichen dürfen, Geld mitbringen müssen. Der Preis soll aber nur den realen Herstellungskosten entsprechen.

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Als goldener Weg ("Gold Open Access") wird dieses neue Publikationsmodell bezeichnet, bei dem nicht mehr die Leser, sondern die Urheber die Kosten tragen. 9.000 Open-Access-Journale gibt es mittlerweile weltweit, ständig kommen neue hinzu. Etliche davon – wie Pi und Sigma – arbeiten verlagsunabhängig. Ihre Botschaft an die Wissenschaftsverlage ist deutlich: Was ihr könnt, können wir auch! Sogar billiger, besser und fairer.

Jahrzehntelang konnten renditeorientierte Großverlage wie Springer, Elsevier und Wiley-Blackwell für Fachzeitschriftenabonnements viel Geld verlangen, obwohl die Wissenschaftler selbst keine Honorare bekamen. Das wollen die Neugründer anders machen. Deshalb schließen sich einzelne Wissenschaftler, Wissenschaftsorganisationen oder Fachverbände zusammen, gründen – wie die europäischen Geowissenschaftler – ein ganzes Bündel von Open-Access-Zeitschriften oder etablieren neue Titel wie PeerJ oder eLife. Das Ziel ist das gleiche: Forschung frei zugänglich zu machen.

Geschäftsmodell auch für Betrüger

Auch viele wissenschaftliche Traditionsverlage sind auf den goldenen Zug aufgesprungen: weil die Nachfrage groß ist und sich damit durchaus Geld verdienen lässt. Die Autoren zahlen dann bei Erscheinen eines Buchs oder eines Artikels einen bestimmten Betrag an den Verlag, damit der Text später frei im Internet verfügbar ist. Die Preise variieren stark, von knapp 100 bis zu mehreren tausend Dollar pro Text. In der wissenschaftlichen Community ist diese Form des Open Access deshalb nicht unumstritten. Denn ein Teil der Forschungsmittel muss für die Veröffentlichung abgezweigt werden.

Abgesehen davon hat das neue Geschäftsmodell bereits etliche Betrüger angelockt. "Fast täglich bekomme ich E-Mails von Journalen, von denen ich noch nie gehört habe", erzählt der Berliner Mathematikprofessor und Leiter des Konrad-Zuse-Zentrums Martin Grötschel. Manche erfinden klingende Titel, schmücken sich mit falschen Herausgeberlisten oder programmieren sogar schicke Webseiten. "Da ist ein neuer Geschäftszweig entstanden, mit dem sich Geld verdienen lässt", sagt Grötschel. "Der Open-Access-Gedanke wird dabei leider verwässert." Doch es gibt Gegenwehr: Der amerikanische Bibliothekar Jeffrey Beall listet auf seinem Blog "Scholarly Open Access" unseriöse Zeitschriften auf. 2012 sei deren Anzahl geradezu explodiert, sagte er kürzlich dem Magazin Nature.

Wer für die Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse nicht selbst zahlen will oder kann, dem bleibt der sogenannte "grüne Weg". Bei "Green Open Access" werden Artikel, die zunächst in klassischen Fachzeitschriften erschienen sind, von ihren Urhebern nach Ablauf einer Frist im Internet veröffentlicht. Die Wissenschaftler stellen ihre Texte dann auf ihre eigene Website oder laden sie auf zentrale Dokumentenserver, sogenannten Repositories, hoch. In Deutschland verfügen mittlerweile zahlreiche Institute und Bibliotheken über solche Datenbanken. Auch hier zahlt der Leser nichts.

Leserkommentare
    • loboc
    • 06. Mai 2013 20:56 Uhr

    Was für die Wirtschaft die Rating-Agenturen sind, sind für die Naturwissenschaft die Verlage.
    Gott wie ich das hasse wenn ich bei der Recherche auf Wiley, Springer oder Elsevier lande! Als ob ich für ein PDF welches durch Steuergelder zustandegekommen ist, 40 Dollar zahle!

    3 Leserempfehlungen
  1. sind garantiert nicht meine Freunde. Aber wenn ich die Arbeit tue, dann will ich nicht auch noch für die Publikation bezahlen müssen - und nicht alle Wissenschafter haben prall gefüllte Forschungskonten!

    2 Leserempfehlungen
    • mick08
    • 06. Mai 2013 22:56 Uhr

    Es ist wirklich pervers (verdreht) was die Verlagsbranche da bisher machte und es ist daher nur zu begrüßen, dass sich Wissenschaftler im Interesse der Öffentlichkeit als auch ihrer wertvoller Arbeit wehren.

    Die Forschung wird meist vom Staat bezahlt und damit von den Steuerzahlern, die Ergebenisse werden in überteuerten Publikationen ohne Honorar (und häufig müssen die Autoren auch noch selbst für ihre Veröffentlichung zahlen) verkauft. Es gibt wissenschaftliche Studien, Doktorarbeiten die für 105 Pfund und mehr verkauft werden. Völlig krank und pervers das Ganze.

    Prof. Fröhlich hat es mal gut auf den Punk gebracht:
    "Die Journalbranche hat Gewinnraten wie der Waffen- und Drogenhandel"
    http://eprints.rclis.org/...

    Eine Leserempfehlung
  2. ... ist die im Artikel eher kurz erwaehnte Tatsache, dass die meisten veroeffentlichten Fachartikel nach Embargoperioden (in der Regel 1 Jahr) zum kostenlosen download angeboten werden könnten. Universitaeten, die ja ohnehin schon durch den ganzen Ranking-unsinn der allgemeinen Datensammelwut anheimgefallen sind, koennten ohne allzuviel Mehraufwand den upload in Zusammenarbeit mit den Bibliothekaren zyklisch garantieren. 'Green' open access waere somit recht einfach und ziemlich einschliesslich machbar.
    Zum 'Gold Access' Model noch die Anmerkung, dass das natuerlich die von den grossen Fachzeitschriftsverlagen forcierte Loesung ist. Neben all den anderen Einwänden gegen das gegenwaertig vorherrschende Geschaeftsmodel, wird dabei ausserdem geflissentlich unterschlagen, dass die Verlage sich die Fachgutachten fuer die einzelnen Artikel (Peer Review) in aller Regel unentgeltlich holen. Schoener laesst sich die Weihnachtsgans 'Öffentliche Hand" nicht ausnehmen.

    • itelon
    • 07. Mai 2013 7:07 Uhr

    Natuerlich ist die bisherige Praxis ein bisschen wie eine Lizenz zum Gelddrucken fuer die Verlage. Allerdings sehe ich in meinem Bereich kein einziges gutes Open Access Journal. Ich bekomme ueber meine Uni-Adresse eine grosse Menge an Einladungen, Reviews oder Artikel bei irgendwelchen Open Access-Dingern zu schreiben. Aber deren Qualitaet ist sowas von unterirdisch, dass es sich nicht lohnt. Zumindest gibt es durch etablierte Strukturen bei den grossen Verlagen einen gewissen Mindeststandard, wobei Open Access anscheinend derzeit als Business-Model verstanden wird, bei dem einfach soviele Papiere wie moeglich angenommen werden.

  3. Das Geschäftsmodell der Scientific Publishers wird oft zurecht kritisiert, zumal in Zeiten des Internets Alternativen reichlich vorhanden sind.

    Einige Wissenschaftler sehen die Zukunft wissenschaftlicher Publikation und Kommunikation ohnehin jenseits des Journalartikels, wie z.B. Jason Priem, der in der letzten März-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins 'Nature' alternative Wege wissenschaftlicher Publikation beschreibt (http://www.nature.com/nat...).

    Eine interessante neue Entwicklung sind Nanopublications, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse 'maschinenlesbar' publiziert werden (siehe z.B. http://blog.labfolder.net... oder http://nanopub.org/wordpr...). Diese Entwicklungen und neue Plattformen werden hoffentlich auch dazu beitragen, dass das bestehende System überwunden wird und steuerfinanzierte Forschung schneller und besser allgemein zugänglich wird.

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