GeografieSeekarten sind voller Geisterinseln

Viele Inseln, die Kartographen heute noch einzeichnen, versanken längst im Meer – oder es gab sie nie. Australische Forscher haben im Fall von Sandy Island nachgesehen. von Daniel Lingenhöhl

Riffe in Neukaledonien im Pazifik

Übergang zwischen Land und Meer: Im pazifischen Korallenmeer zwischen Neukaledonien und der Australischen Ostküste tummeln sich unzählige Sandbänke und Riffe.  |  © Marc le Chelard/AFP/Getty Images

Im November 2012 machte die Crew des Forschungsschiffes Southern Surveyor eine merkwürdige Entdeckung im östlichen Korallenmeer: Sie fanden nichts.

Das war deshalb eine Sensation, weil hier auf 19 Grad südlicher Breite und 158 oder 159 Grad östlicher Länge im Pazifik zwischen Neukaledonien und Australien eigentlich Sandy Island liegen sollte, eine 24 Kilometer lange und knapp fünf Kilometer breite Insel, eingezeichnet auf zahlreichen Seekarten und unter dem Namen Sable Island auch im Times Atlas of the World aufgeführt. Nur nicht auf Google Maps.

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Doch als Maria Seton von der University of Sydney und ihre Kollegen an besagter Stelle entlang schipperten – extra langsam und auf Sicht, um nicht vorgelagerte Felsen zu rammen oder an deren Küste auf Grund zu laufen – entdeckten sie nichts, was auch nur im Entferntesten Land vermuten ließ.

Sich brechende Wellen wären ein Hinweis auf überspülte Riffe oder flache Sandbänke gewesen. Doch nichts dergleichen war zu sehen. Die Instrumente an Bord des Forschungsschiffs zeigten konstant Meerestiefen von 1.400 Metern an. Und selbst im weiteren Umkreis der Position von Sandy Island war es nirgends flacher als 1.300 Meter.

Geradezu unheimlich war das. Waren die Messgeräte kaputt? Oder war das Eiland überflutet worden oder sogar kollabiert und in der Tiefe versunken?

Immerhin kennt man Sandy Island seit Jahrhunderten. Zum ersten Mal erwähnt wurde sie in einer Karte von 1908, die auf Daten aus dem Jahr 1876 beruht. Damals hatte die Besatzung des britischen Walfängers Velocity die Insel angeblich gesichtet und ihre Position mit S19°14'; E159°56’ angegeben. 

In Seekarten ging Vorsicht vor Genauigkeit

Die damaligen Kartografen vertrauten den Angaben der Seeleute allerdings nicht so recht, wie eine Randnotiz mahnt: "Vorsicht ist angebracht, wenn man zwischen den flachen Inseln des Pazifiks navigiert. Die Details wurden aus den Reisen verschiedenster Vermesser über lange Jahre hinweg zusammengetragen. Die relative Position vieler Gefahren könnte daher vielleicht nicht exakt wiedergegeben werden."

Um die Achtsamkeit der Seefahrer zu schärfen und vor möglichen Risiken zu warnen, wurden damals nämlich schon die leisesten Hinweise auf Inseln und Riffe in den Kartenwerken aufgenommen.

Aus gutem Grund, wie das Beispiel der Chesterfield-Inseln zeigt. Sie liegen westlich der für Sandy Island angegebenen Position und gelten als heimtückisches Archipel, das aus einem guten Dutzend flacher Koralleninseln, zahlreichen Riffen und Sandbänken besteht, die teilweise noch in Bewegung sind, weil Wind und Wellen Sand verdriften und neu ablagern. Wer hier durchsegelt, muss auf der Hut sein. Viele Seekarten – besonders aus Zeiten vor der Satellitenüberwachung der Erde – berücksichtigen dies. Sie nahmen auch Inseln auf, deren Nachweis vage war.

Erschienen auf spektrum.de

Erschienen auf spektrum.de  |  © Screenshot ZEIT ONLINE

Weltweit gab und gibt es Dutzende Phantominseln, die zum Teil illustre Namen wie Maria-Theresa-Riff, Nimrod-Gruppe oder Crocker Land tragen. Einige wurden einfach erfunden, weil ihre vermeintlichen Entdecker sich davon Ruhm und Besitztümer erhofften.

Der Ritter und Seefahrer João Vaz Corte-Real aus Portugal war so jemand: Er gab vor, die "Terra Nova do Bacalhau" (zu Deutsch: "Neues Land des Kabeljaus") entdeckt zu haben. Das Eiland fand Eingang in die Kartenwerke des 16. Jahrhunderts, verschwand später aber wieder daraus. Als Belohnung für seinen "Fund" erhielt Corte-Real Besitztitel für Ländereien auf einer Azoreninsel. Einen wahren Kern besaß die Geschichte aber vielleicht. Denn womöglich hatte der Seefahrer auf einer seiner Expeditionen ab 1473 bereits Neufundland erreicht – 20 Jahre vor Kolumbus' Entdeckung der Neuen Welt. Die atlantischen Gewässer vor Neufundland waren bis vor wenigen Jahren berühmt für ihren Reichtum an Kabeljau, der die Grundlage für Stockfisch bildet.

Erwiesenermaßen frei erfunden waren die Inseln Byers und Morrell. Letztere ist nach dem US-amerikanischen Kapitän und enttarnten Hochstapler Benjamin Morrell benannt, der tatsächlich 1825 seinen Fuß auf diese Inseln im Nordpazifik gesetzt haben will. Ihretwegen erhielt sogar die internationale Datumsgrenze eine Delle nach Westen, damit diese Flecken Land im Meer das gleiche Datum tragen konnten wie die südöstlich gelegenen Hawaii-Inseln. Erst 1910 wurde dieser Fehler nach Hinweisen von Seeleuten bemerkt, die Inseln vielfach von den Landkarten getilgt und die Datumsgrenze begradigt. Doch selbst noch in den 1970er Jahren brachte eine deutsche Firma Globen mit diesen Phantomen auf den Markt.

Natürliche Täuschungen

Manche Phantominseln entstanden dagegen aus Trugschlüssen, weil tiefliegende Wolken oder driftende Eisberge festes Land vorgaukelten. Wieder andere existierten tatsächlich, versanken aber im Meer. Das könnte auf die Inselgruppe Tuanaki im Südpazifik zutreffen, die zu den Cook-Inseln gehörten und südlich von Rarotonga gelegen haben sollen. 1842 verfasste ein Seefahrer einen Bericht über seinen sechstägigen Aufenthalt auf dem Archipel, das damals sogar besiedelt gewesen sein soll.

1844 war es dagegen verschwunden, als ein britisches Schiff danach suchte: Angeblich waren die Inseln ein Jahr zuvor als Folge eines heftigen Vulkanausbruchs untergegangen. Ein paar Überlebende hatten sich angeblich nach Rarotonga retten können. 20 Jahre später stieß ein amerikanischer Schoner in dieser Region auf zwei Felsen, die sich knapp unter der Wasseroberfläche befanden: die Haymet-Felsen. Doch auch sie entzogen sich späteren Nachforschungen, wenngleich zwei französische Schiffe in den 1870er Jahren hier noch Untiefen nachwiesen, die mindestens zehn Meter unter Wasser lagen.

Wie schnell der Auf- und Abstieg von Vulkaninseln gehen kann, zeigen zwei Fälle aus dem Tonga-Archipel und vor der Kanareninsel El Hierro, wo 2009 und 2011 Unterwasservulkane ausbrachen. Sie wuchsen in der Folge rasch in die Höhe, durchbrachen allerdings nicht als Festland die Wasseroberfläche, sondern blieben vom Meer bedeckt. In der Folge trugen Strömungen das lose Material rasch wieder ab, so dass hier die Landkarten nicht neu gezeichnet werden mussten. Für Seeleute in früheren Jahrhunderten bildeten solche Ereignisse womöglich reale Eilande ab, die sie in ihren Logbüchern verewigten. Von dort fanden die Inseln schließlich ihren Weg in die Seefahrtskarten.

Dass es Sandy Island nicht gibt, wusste man nach den Recherchen von Maria Seton eigentlich schon in den 1970er Jahren. 1974 wurde die Insel aus den offiziellen Wasserkarten des Französischen Hydrografischen Services und im Jahr 1985  auch aus australischen Verzeichnissen gelöscht, nachdem Tiefenmessungen die Existenz der Insel nicht bestätigt hatten. Weltweit löschten Hydrographen Sandy Island – nur in der in Amerika gepflegten Datenbank World Vector Shoreline Database bliebt sie stehen. Diese einfach zugängliche und kostenfreie globale Sammlung an Küstenlinien- und bathymetrischen Daten (die Bathymetrie vermisst die Gestalt des Meeresbodens) der US-Militärbehörde für Geographische Aufklärung (NGA) dient vielen Wissenschaftlern als Maßstab und Grundlage von Meereskarten. Und so tauchte Sandy Island immer wieder auf.

Viele Datensätze vermerkten zudem, dass sich das Land an der Position der Phantominsel mindestens ein bis zwei Meter über die Wasserlinie erheben müsse. Satellitenmessungen der Oberflächentemperatur des Meerwassers sparten Sandy Island aus, was viele Forscher ebenfalls als Beleg für festes Land werteten. "Offensichtlich lag hier eine Art Landfilter über den Daten, damit die Wissenschaftler leichter unterschiedliche Algorithmen für ihre Untersuchungen von Wasser und Land verwenden konnten", sagte Seton.

Warum aber kamen die Walfänger 1876 überhaupt auf die Idee, dass sich hier im Korallenmeer eine Insel befinden könnte? Gab es dort doch eine heute versunkene Vulkaninsel? Ausschließen können die Forscher das nicht. Im näheren Umkreis entdeckten sie zwar keine Hinweise auf geotektonische Aktivität. Dennoch könnte Vulkanismus eine Rolle gespielt haben, meint die australische Geowissenschaftlerin.

Denn vor etwas mehr als einem Jahrzehnt brach im Tofua-Bogen vor Tonga ein unterseeischer Feuerberg aus, bei dessen Eruption große Mengen an Bimsstein entstanden. Dieses Gestein ist sehr porös und leicht, weshalb es auf dem Wasser schwimmen kann. Innerhalb von einem Jahr nach dem Ausbruch driftete ein Bimssteinteppich an der Meeresoberfläche nach Westen Richtung Australien und passierte auf seinem Weg rund 20 Kilometer südlich das Exeiland Sandy Island.

Und im Juli 2012 brach der Vulkan Havre nördlich von Neuseeland aus. In der Folge schwamm ein riesiger, 463 Kilometer langer und bis zu 55 Kilometer breiter Bimssteinfloß auf dem Ozean, der sogar von Satelliten erfasst wurde: Er nahm die Fläche Belgiens ein. "Dies war das Bizarrste, was ich in 18 Jahren Seefahrt gesehen habe", äußerte Tim Oscar, der an Bord der neuseeländischen HMNZS Canterbury das Schauspiel beobachtet hatte. Gut möglich also, dass auch die Velocity der Walfänger einst auf eine schwimmende Insel traf.

Erschienen auf spektrum.de

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Leserkommentare
  1. Sehr schöner Artikel.

    2 Leserempfehlungen
  2. Auf der google Karte ist die Insel eine Stunde nach Veröffentlichung des Artikels in der Zeit ebenfalls verschwunden. War sie noch da, als der Artikel geschrieben wurde?!

    Eine Leserempfehlung
  3. https://maps.google.de/ma...

    Google Maps deutet ja immer noch an, das dort mal was war.
    Auf wikipedia steht, die Insel wurde schon im Dezember von Google Maps gelöscht.

    Woher die Information, es war nie auf Google vorhanden, bzw. wurde eine Stunde nach Veröffentlichung gelöscht?

  4. Äußerst interessanter Artikel. Als ich den Informationen zum Monowai-Ausbruch folgte, stellte sich aber heraus, dass die Bezeichnung "Bimssteinfloß" bei mir falsche Vorstellungen weckte. "Schwimmende Inseln" gibt es wohl in der Form nicht. Ich würde im Deutschen eher von einem Teppich sprechen: http://en.wikipedia.org/w...

    • MayB
    • 06. Mai 2013 23:50 Uhr
    6. ~~*~~

    Lesenswerter Bericht, Danke dafür.

    Was mich ein wenig stutzig macht ist die Tatsache, dass es mittlerweile ziemlich viele Fahrtensegler und/oder Weltumsegler gibt, die eigentlich schon längst das Nichtvorhandensein von gewissen - in offiziellen Karten eingezeichneten - Eilanden gemeldet haben müssten. Sie sind ja mittlerweile alle mit GPS unterwegs, also fallen Navigationsfehler praktisch aus.

    Oder gibt es einfach nur keine zentralmassgebliche Stelle, an die man sich wenden könnte?

    Eine Leserempfehlung
    • Mika B
    • 07. Mai 2013 8:19 Uhr

    Gibt es heutzutage nicht genügend Satelliten welche so etwas einfacher und genauer Feststellen können , selbst wenn eine frühere Insel heute 10m unter der Meeresoberfläche liegt?

  5. Kartographie- eine alte Handwerkskunst die uns unseren Erde erschloss und immer noch erschließt samt Seekarten, was einst per hand und mit Sternbiildern am Himmel berechnet wurde wird heute mit modernster Technik erschlossen und es zeigt welch immenes Fachwissen die Vorfahren dieser Kartographen hatte, denn viele dieser auf Papier und Leinwand gezeichneten sind heute noch exakt und preäzise.

    Der blaue Planet in der Kartographie genauso rätselhaft und fazinierend wie vom Orbit aus und große Kartographen schrieben Weltgeschichte und was wäre die "Armada" gewesen ohne Karten ....und alle anderen Seeschlachten in der Geschichte samt Entdecker unserer Kontinente und Länder....

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