Was ist Leben? Und wie viel gibt es davon? In diesen Fragen hat der Mensch seine Vorstellung immer wieder revidieren und Grenzen neu ziehen müssen. Als beispielsweise im späten 17. Jahrhundert das Mikroskop erfunden wurde, tat sich ein nie bekannter Reichtum kleinster Lebewesen auf, der Zeitgenossen zutiefst verstörte. Auch auf die ersten Dinosaurierknochenfunde reagierte man ungläubig.

Heute erforschen Biologen Organismen, die an so extremen Orten vorkommen, dass man dort alles vermutet hätte, nur kein Leben. "Extremophil" – grob übersetzt "Extreme liebend" – nennen Forscher etwa Mikroorganismen, die es an heißen Quellen am Tiefseegrund bei Wassertemperaturen von mehr als 100 Grad Celsius aushalten. Ähnliche Überlebenskünstler finden sich im Innern der Erde: In einer afrikanischen Goldmine, drei Kilometer unterhalb der Erdoberfläche, fernab der Sonne, hat man jüngst eine isolierte Bakterienkolonie gefunden, die sich von der natürlichen Radioaktivität von Mineralien ernährt

Schwer zu sagen also, wie viele Arten es auf diesem Planeten geben könnte. Etwa 1,8 Millionen Spezies wurden bis jetzt klassifiziert. Grobe Schätzungen rechnen mit bis zu 100 Millionen noch nicht entdeckten Arten. Allerdings gehen Zoologen bei solchen Überlegungen nur von dem aus, was wir heute als Leben kennen.

Unsere Vorstellung davon könnte sich allerdings ein weiteres Mal auf den Kopf stellen. Zumindest wenn es nach den Vertretern der Theorie der sogenannten Schattenbiosphäre geht. Sie argumentieren, dass das auf Ribonukleinsäure und Desoxyribonukleinsäure – RNA und DNA – beruhende Leben nicht das einzig Mögliche auf unserem Planeten sei. 

Neben dem bekannten Strang, der auf den Last Universal Common Ancestor zurückgeht, den hypothetischen gemeinsamen Ursprung des uns bekannten irdischen Lebens, könnte es ganz andere Stränge geben. Mit eigener Evolution, bestehend aus anderen Molekülen, einem vollkommen anderen Stoffwechsel.

Andere Form für das Gedächtnis des Lebens

Beispielsweise könnte die Schattenbiosphäre eben mit anderen als denselben 20 Aminosäuren auskommen, die nach Lehrmeinung der Biologie Bausteine allen Lebens sind. Für die Mikrobiologie müsste diese Schattenbiosphäre fast zwangsweise unbekannt bleiben, denn ihre Methoden orientieren sich an DNA- und RNA-Identifikation.

Das Hauptargument der Verfechter der Theorie ist schlicht: Warum nicht? Darwin zufolge – das schreibt er in einem Brief an einen Forscherkollegen – hat sich das Leben zufällig in einem "warmen, kleinen Teich" gebildet. Obwohl es durchaus sehr unterschiedliche Versionen hinsichtlich der Details dieses hypothetischen Anfangs gibt, blieb er im Großen und Ganzen die Lehrmeinung der modernen Biologie. Sollte dieser an sich zufällige Prozess wirklich nur einmal, und wenn mehrmals, auf exakt dieselbe Weise, vonstatten gegangen sein? Sind solche Einschränkungen wirklich vereinbar mit zufälligen Ereignissen?

Carol Cleland und Shelley D. Copley, die Begründerinnen der These von der Schattenbiosphäre, bestreiten das. Die Philosophin und die Molekularbiologin halten die Herausbildung der DNA-Struktur für so nicht notwendig. DNA sei zwar wegen ihrer Doppelhelix-Struktur besonders robust, aber eine Art Gedächtnis des Lebens hätten auch andere Moleküle bilden können. Ja, in Anbetracht der riesigen Mengen von Kleinstorganismen auf der in Relation doch großen Erde, hätte das sogar irgendwo, irgendwann geradezu notwendigerweise anders ablaufen müssen.

Diese Annahme wird von einem anderen Argument untermauert. Vor etwa vier Milliarden Jahren, als das Leben begann, war der Darwinsche "warme, kleine Teich" an sich kein guter und in seiner Form auch wahrscheinlich nicht der einzige Ort für die Herausbildung von Leben.