Als Deutscher, der 15 Jahre im Ausland gelebt hat und nun zurückgekehrt ist, habe ich einen Wandel in der deutschen Sprachlandschaft festgestellt. War es in meiner Kindheit vor 30 Jahren noch gang und gäbe neben perfektem Hochdeutsch als Muttersprache auch noch seinen regionalen Dialekt zu beherrschen, verfügen heute viele Deutsche nur noch über einen mit Anglizismen durchsetzten geringeren Sprachschatz. Dialekt wird als überflüssig, wenn nicht als negativ gesehen.

Dabei ist Dialekt weit mehr, als undeutlich zu reden oder andere Wörter zu verwenden. Er verhilft auch zu besserem Sprachgefühl. Während Menschen, die nur Hochdeutsch gelernt haben, bei jeder kleinen Variante passen müssen und nichts mehr verstehen, haben Menschen mit Dialekt ein größeres Sprachverständnis.

Es ist kein Zufall, dass Baden-Württemberg und Bayern in der Pisastudie immer die vordersten Plätze belegen. Nicht obwohl, sondern gerade weil dort noch der heimische Dialekt gepflegt wird.

Dialekt und Hochsprache haben viel gemeinsam. Kinder lernen spielend mit beiden zu jonglieren. Dadurch bekommen sie ein Verständnis für die Entwicklung von Sprache und ihren Varianten. Ein Beispiel ist, dass Bayern und Tiroler in der Schule meist keine Probleme damit haben, Oswald von Wolkensteins Mittelhochdeutsch zu verstehen.

Ein Dialekt verhilft aber nicht nur zu einem größeren Wortschatz im Deutschen, sondern erleichtert auch das Erlernen von Fremdsprachen. Nicht zufällig sprechen Menschen aus der Schweiz, Südtirol oder dem Elsass oft vier bis fünf Sprachen fließend.

Ich selbst habe Dänisch in einem Jahr fließend gelernt, weil ich das Glück hatte, während meines Studiums mit vielen Vorarlberger Kommilitonen zu studieren. Da in beiden Sprachen die 2. Lautverschiebung nicht mitgemacht wurde, ähneln sich das Alemannische und die dänische Sprache. Es heißt zum Beispiel Mus statt Maus oder Hus statt Haus. Ein kleiner Nebeneffekt: Ich verstehe nun auch Yared Dibaba, wenn er Plattdeutsch spricht.

Das bekräftigt meine These, dass Dialekt kein Hemmschuh ist, sondern der Ursprung von Sprachvielfalt.